Allahu Akbar – eine Klarstellung

Es scheint in der deutschen Presse und Öffentlichkeit ein Mißverständnis zu existieren, wenn es um die islamisch-arabische Phrase „Allahu Akbar“ geht. Zwischen ihr und dem Terror wird ein Kurzschluß herbeigeführt, der schlimme Folgen haben kann.

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Dank sei Allah!

Eine feine Seele bedrückt es, sich jemandem zum Dank verpflichtet zu wissen, eine grobe, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein. (Nietzsche)

Man kann sich auf Jahre mit islamkritischen Schriften eindecken und sich so sein Islambild formen. Aber ich empfehle, sich daneben auch an die islamischen Quellen, die proislamische Literatur zu wagen. Das ist nicht immer eine angenehme Lektüre – das sprachliche und intellektuelle Niveau ist mitunter erschreckend niedrig –, schließt aber das apriorische Haßargument aus und gestattet einen ungefilterten Blick in die Köpfe der jeweiligen Muslime.

Ein Zentralwerk – im Übrigen auf hohem Niveau –, das ich jedermann wärmstens ans Herz lege, ist das „Handbuch Islam“ von Ahmad A. Reidegeld. Es wird in der muslimischen community einhellig gelobt, es vertritt den Mainstream in seiner Vielfalt und es ist umfassend: es behandelt die „Glaubens- und Rechtslehre der Muslime“ auf 800 Seiten aus allen Gesichtspunkten. Man findet dort eine Perle nach der anderen. Manches Geheimnis läßt sich dadurch lüften. Vielleicht auch das der Dankbarkeit.

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Aus den Augen, aus dem Sinn

Nein, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Je öfter es passiert, umso weniger.

Da lernt man fremde Menschen kennen, besucht sie, lernt mit ihnen, versucht ihnen zu helfen, kommt sich schließlich menschlich näher, umarmt sich, küßt sich, baut eine Art Freundschaft auf – wer der andere Mensch im Grunde genommen ist, wird freilich aufgrund der vielen Differenzen auf ewig unbekannt bleiben –, ist auch traurig, wenn er geht … und dann, mit einem Mal: nichts. Nichts mehr. Kein Wort, kein Brief, keine Mail, kein Anruf, nichts. Verschwunden, woanders, vergessen?

Ich weiß es nicht. Schnell steigt das Wort „Undankbarkeit“ auf, aber ich vermute, das trifft es nicht. Keiner weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Mir scheint, es ist die Tradition und auch die Religion. Diese Menschen leben viel mehr im Hier und Jetzt. Sie planen kaum und sie schauen auch wenig zurück. Sie leben immer in der unmittelbaren Konfrontation mit der Gegenwart und überlassen alles andere ihrem Gott. Der sorgt für alles und falls nicht, dann hat er seine Gründe dafür. Muß man akzeptieren. Vielleicht ist das sogar die bessere Sichtweise.

Aber gewöhnen werde ich mich daran wohl nicht. Man kann sich nur wappnen.

Finis Eritreae

Mit einem Mal: keiner da. Wir schauen uns fragend an, ergehen uns in Sarkasmus: „Erwarte nur das Unerwartete“ oder „Es kommt immer anders als man denkt“ – das haben längst alle verinnerlicht, die in der Flüchtlingshilfe zu tun haben. Also dann bis nächste Woche.

Die Woche darauf die gleiche Leere. Kein Mensch nirgends. Der Pfarrer weiß von nichts, die Kollegin weiß von nichts, ich weiß von nichts, das syrische Ehepaar, die zum ersten Mal hier sind, weil sie gehört haben etc., weiß auch von nichts. Adlan, Abraham, Awet, Fiori, Senaid, die eritreischen Freunde sind plötzlich verschwunden, die ganze 25-köpfige eritreische Gruppe abwesend. Dabei hatten wir gerade erst Bücher gekauft, dabei wollte Hailat seine Ausweisungsgeschichte – weswegen ich einen halben Tag mit Anwalt und Ausländerbehörde telefoniert hatte – besprechen (er wird wohl nach Italien ausgewiesen werden), dabei wollte Fiori die Sache mit der Arbeitsstelle klären, die wir organisiert hatten … Alles Makulatur.

Der Pfarrer ermannt sich und ruft Abraham an. Der tummelt sich zufällig im nahegelegenen Einkaufszentrum herum und verspricht, zu kommen. Etwas verlegen erklärt er uns: Sie alle haben einen Brief bekommen mit der Aufforderung, an einem Sprachkurs teilzunehmen. Fünf Mal die Woche, die meisten am Vormittag. Unser Kurs beginnt 18 Uhr. Aber sie haben keine Lust mehr, oder keine Zeit. Auch nicht auf unser privates Treffen Montagabend. „Du hast doch gesagt, wir sollten jede Gelegenheit nutzen.“ Dabei lächelt er betreten.

Das hat mich getroffen, ich muß es gestehen. Ich glaubte, eine persönliche Beziehung aufgebaut zu haben und nun das. Erfreulich, sie endlich in organisierten Strukturen aufgefangen zu sehen, aber warum ruft kein einziger an? Alle haben meine Nummer. Warum gibt es kein Bedauern, keine Reaktion? Darf man Dank erwarten? Nein! Endlich ergreift der Stoiker in mir, der kurzeitig erschüttert war, wieder die Oberhand. „Also dann, viel Glück“ – und weiter geht’s.

Appendix: Wenige Tage später ein Anruf. Eine Frau klagt ihr Leid. Sie betreue Afghanen, schaffe das aber nicht, sei ja nicht ausgebildet … und sie habe gehört, bei mir sei ein Kurs ausgefallen … ob ich nicht … Afghanen, keinerlei Vorkenntnisse, kein Englisch, Kommunikation mit Hand und Fuß, Ziel: Alphabet lernen. Ich mache aus meiner Unlust keinen Hehl. Wenn schon, dann will ich mit den Leuten reden, will selber lernen, will Erfolge sehen. Letztlich lasse ich mich breitschlagen – okay ich mach’s. Bald darauf ruft sie erneut an. Aus den Afghanen wird nichts. Die wollen nicht mehr. Einer von ihnen wurde mitten in der Nacht von der Polizei, mit Blaulicht und Hunden, aus dem Haus getrommelt und abgeschoben. Nun wissen sie, was ihnen bevorsteht. Sie sind ganz niedergedrückt. Sehen keinen Sinn mehr …

Also schlage ich Hussain, dem jüngsten meiner Syrer, eine zusätzliche individuelle Doppelstunde vor: Diskussion, deutsche Geschichte und Kultur einerseits, Arabisch und Koran andererseits.

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Die Droge Glück

Vor ein paar Jahren, in einer eher dunklen Periode, erschütterte mich ein Slogan – abgedruckt auf einem Faltblatt eines Seniorenheimes: Helfen macht glücklich!

Helfen macht glücklich

Der Gedanke, so einfach wie genial, ließ mir keine Ruhe; am Tage darauf meldete ich mich im Altersheim und erhielt die Aufgabe, eine Beschäftigungsstunde zu leiten.

So traf ich mich zwei Mal die Woche mit alten Menschen, löste Kreuzworträtsel, spielte infantile Spiele, holte längst vergessene Erinnerungen hervor, hörte viel zu und erklärte die zu kompliziert gewordene Welt. Es dauerte lange, bis ich das Vertrauen eines Stammes von Menschen erobert hatte, aber dann flog mir die Liebe zu. Immer wieder hieß es auch Abschied zu nehmen – das Fehlen des einen oder der anderen wurde von den meisten schweigsam und scheinbar emotionslos hingenommen. Einmal fehlte ein vergleichsweise junger und bislang sehr interessierter Mann von 72 Jahren – man hatte ihm einen Fuß amputiert ohne daß er sich dessen wohl recht bewußt war. Danach verweigerte er jegliche Teilnahme und verhungerte quasi ein halbes Jahr später.

Trotz dieser bewegenden Geschichten schien der Slogan – Helfen macht glücklich! – sich zu bewahrheiten. Die Dankbarkeit in den Augen dieser Menschen, die eigentlich trotz perfekter Pflege, vollkommen entmündigt waren, sie aus dem tiefsitzenden Schlaf für ein, zwei Stunden zu erwecken, hatte etwas Erhebendes. Als ich die Aufgabe aufgrund innerer Stagnation und des Gefühls, ein Alibi geworden zu sein, aufgab, weinte – auch das eine Folge des Helfens – ein 93-Jähriger.

Und nun gibt es das wieder, dieses unheimliche Gefühl. Man hilft Menschen, mit denen man sich vielleicht nicht einmal unterhalten kann, ist mit anderen euphorisierten Helfern und vor allem Helferinnen zusammen und fühlt dieses Glück. Das Glück des Dankes, das sich gegenseitig hochschaukelnde Glück des Zusammengehörens, das Glück, etwas Relevantes zu tun, die satte Erschöpfung am Abend, das Ringen um  den Schlaf und mit den vielen unverarbeiteten Bildern. Es ist wie eine Droge, ein High nach dem anderen. Aber es laugt dich auch aus wie eine Droge. Nach einer gewissen Zeit fallen die Aufgeputschten, die nicht zu dosieren wissen, in sich zusammen und melden Burn out.

Man will es trotzdem, auch weil es einen für einen kurzen Moment die Gewißheit vergessen läßt – selbst wenn man das Richtige tut – vielleicht am Gesamtfalschen teilzuhaben.

Was für ein Tag!

Gehe etwas früher zu den Syrern – brauche die Revanche im Schach. Dann Khalid mit den schwarzen Steinen mächtig zusammengeschoben. Im Zimmer nebenan betet einer: niemand scheint es zu bemerken. Wir reden über Politik. Wahl in der Türkei: „We don’t know much about Turkey. – But it’s your neighbour!“ Erdogan ist nur ein Name ohne Füllung. Gleich Trennung von Kirche und Staat erläutert – „Verstanden?“; die Lippen sagen ja, die Augen sagen nein. Erkläre, anhand mißlungener Integration zahlreicher Gastarbeiter, warum Deutsche Probleme mit der Vorstellung vieler neuer fremder Menschen haben können. Wird sofort verstanden. Die Zahl von drei Millionen Türken löst Ungläubigkeit aus. Auch das Thema Umgang mit Frauen kommt zur Sprache. Es ist ein Problem, auch für diese jungen Männer, ohne Frauen zu sein. Keine Ahnung, was Mohammed zu solider Handarbeit sagt. Diese drei sind kultiviert und gebildet, aber Marokkaner und Tunesier, so wiederholen sie, „bad people, very bad people“ In der Stadt gab es zwei in der Presse angezeigte Vergewaltigungsfälle, einer von einem Marokkaner begangen, das war der Ausgangspunkt.

Nach dem Unterricht gleich zur neuen Erstaufnahmestelle, die gerade eröffnet wurde. Mehrere hundert Leute werden erwartet, niemand weiß wer, wann, wie viele. Wurde gestern angerufen, ob ich einen Eritreer kenne, der passabel Deutsch spreche. Wir einigen uns auf Yacob (fast alle Eritreer tragen biblische oder koranische Namen). Hussein, der mir während der Deutschlektion fast schon verliebt an den Lippen hängt, kommt mit und will als Übersetzer helfen. Polizei und Sicherheitskräfte am Eingang der falliten Fabrik. Diskussionen, um überhaupt hinein zu kommen. Ich frage einen security-Mitarbeiter auf Deutsch, wo man sich hinwenden könne – er nix verstehen. Ich frage auf Englisch, er nix verstehen, erklärt mir aber in selbiger Sprache, daß er Ungar sei und nur Ungarisch angesprochen werden möchte. Simpaticone, wie die Italiener sagen. Treffen Yacob – keine Eritreer unter den 300 Menschen dabei – sechs Busse voll, meist Familien. Vor der Tür eine Gruppe Männer laut und hektisch diskutierend. Ich lasse Hussein fragen, was los sei. „Wie weit ist es bis Stuttgart? – 400 km – So weit? Nein, Lauchhammer – Hm, 200 km, warum?“ Gesten, fliegende Arme, Geschrei. Sein Sohn sei in Lauchhammer, schreit einer, fünf Jahre alt. Ich beruhige – man wird das irgendwie lösen.

Drinnen problemlose Anbindung. Eine junge Frau in DRK-Uniform spricht in ihr walky-talky. Ich bekomme einen Sticker an die Brust und einen Zettel in die Hand, darauf eine Nummer. Eine Familie von vier wird uns zugeteilt: Syrer, zwei kleine Kinder, kein Englisch. Auftrag: Betreuung bis zur Registrierung, dann zur Unterbringung führen. Wir – Hussein und ich – stellen uns in die lange Schlange, lassen die Familie sich setzen. Stehen zweieinhalb Stunden. Fragen den Mann vor uns. Der will gar nicht nach Deutschland, sondern nach Schweden, zu Bruder und Schwester. Heute Morgen noch Slowenien, dann Bus direkt hierher. Slowenien schlecht, Deutschland gut. Sprechen über Syrien, über Husseins Familie, über ISIS und den Islam, schließlich über den Koran. Er singt mir die Fatiha mit Inbrunst vor, inmitten der Menge. Bietet mir Koranstunden an. Ich frage ihn, ob er auch Bibelstunden haben möchte, aber er kann mit dem Wort „bible“ nichts anfangen. „The holy book of christianity – would you read it?“ Mohammed sei der letzte Prophet, antwortet er, alles andere sei verkehrt – ein moderner junger Student aus Idlib sagt das. Nehme mir vor, die Jungs beim nächsten Gang mit dem Neuen Testament auf Arabisch zu konfrontieren. Welchen Glauben ich habe, will er wissen. „The worst of all“, antworte ich. „Ich bin Kafir“ – er lacht. Nein, du bist Mensch, like me. Umarmt mich. Muß alle-Menschen-sind-Brüder-Euphorie tapfer niederkämpfen. „I’m an atheist“ – Begriff unbekannt, Handy-Translator muß ran. Wir sind noch immer Brüder. Weiter: ISIS behauptet, sie seien Muslime und er behaupte das auch – einer lügt. Dann zeigt er mir ein Video – alles inmitten vieler Menschen – welches beweisen soll, daß Mohammed selbst den Vorgang der menschlichen Zeugung mit Spermium und Eizelle usw. gewußt habe – Sure 23. Auch die Linie im Mond – welche Linie? Wird man wohl mal nachschlagen müssen.

Wir sind endlich dran. Die Familie wird einzeln photographiert, Daten aufgenommen – keine Ausweise, wurden in Syrien schon gestohlen, erklärt er mit einem verräterischen Lächeln –, bekommen Hygieneartikel, einen nagelneuen Schlafsack, Decken, einen Eßbeutel. Es ist 23 Uhr, wir stehen seit fast drei Stunden. Die Kinder nörgeln. Zwei Etagen hoch im ausgedienten Fabrikgebäude – einst ein Vorzeigebetrieb, letztes Jahr pleite, hunderte Leute verlieren ihren Job. Jetzt ist der Maschinensaal mit Preßplatten abgeteilt, darin Feldbetten. Ein Abteil für „meine“ Familie. Gegenüber laufen Gebete vom Handy, andere schlafen schon, Kinder rennen durch den Gang. Vier Menschen haben eine Bleibe für die Nacht und wohl für ein paar Wochen gefunden, sind für den Moment glücklich, aber erschöpft, bedanken sich, Hände zum Herz. In diesem Moment durchströmt mich ein starkes Glücksgefühl. Die Droge Glück.

Hussein bringe ich noch zum Nachtbus. Will ihn um diese Zeit nicht alleine durch die dunklen Vororte gehen wissen. Auch er voller Dankbarkeit. Ich soll ihn besuchen. Ich sei wie ein Vater zu ihm und er wolle mein Sohn sein. Lehne dankbar ab – let’s be friends.

Nachtrag: Heute Radiomeldung – zwei Drittel haben die Erstaufnahme unabgemeldet verlassen (also 200 von 300 Menschen), niemand weiß wohin.