Ästhetik des Schrecklichen

Das Scheußliche darf also niemals Selbstzweck sein; es darf nicht isoliert werden; es muß durch die Notwendigkeit herausgefordert sein, die Freiheit in ihrer Totalität zu schildern, und endlich muß es ebenso idealisiert werden wie alle Erscheinung überhaupt. Franz Rosenkranz: Ästhetik des Häßlichen

Gelb scheint die helle Abendsonne in die Gesichter der Männer. Golden läßt sie die Kuppel der Moschee erglühen. Einige schirmen sich mit erhobenen Händen die Augen vor dem gleißenden Licht der schon rötlichen Sonne ab.

@ Dabiq

@ Dabiq

Sie nehmen teil am Schauspiel des Abends. Gegeben wird kein Bühnenstück – alles an diesem Drama, an diesem Theater der Grausamkeit ist echt, kein Kunstblut fließt, keine Schauspieler mimen den Tod … wir sind Zeuge einer wahrhaftigen Enthauptung.

In allen Ausgaben der „Dabiq“, dem Glanzmagazin des IS, finden sich Bilder dieser Art: extreme Grausamkeit serviert auf  hochästhetischem Tablett. Mit den raffinierten technischen Mitteln der Moderne wird eine antiquierte Glaubens- und Lebeweise in unglaublicher Präsenz kredenzt – wie dem Herodes das Haupt Johannes des Täufers auf silberner Schale.

Der Mann kniet noch, der Körper aufrecht. Vier Ströme hellen Blutes schießen aus dem Stumpf des Halses hervor. Dicke Blutstropfen hängen in der Luft wie in Eis eingefroren.

BlutSenkrecht fällt der Kopf zur Erde und schlägt in diesem Moment gerade auf – Blutspritzer am Boden bezeugen den Augenblick. Gerade eben, vor Sekundenbruchteilen, lebte jener Mensch noch, litt Todesängste und es ist nahezu unvorstellbar, daß nicht noch ein Rest Bewußtsein in diesem Körper sein soll. Das Photo fängt das Mysterium des Todes ein. Der aufrechte, kniende Körper zeigt das Leben, das Aufbäumen, Standhalten gegen das finale Ende, der mit dem Kinn aufprallende Kopf – exakt im Winkel, noch in der natürlichen Stellung – weist den Tod. Es ist präzise dieser Moment des Übergangs, den alle Menschen fürchten.

KörperAber Kunst ist nicht nur das Bild, Kunst ist auch das Handwerk des Henkers. Ein sauberer Schnitt, mit einem Hieb. Stünde das Opfer, der Kopf, so könnte man sich vorstellen, säße noch immer auf den Schultern. Scharf wie eine Rasierklinge muß das Schwert gewesen sein, an dem fast kein Blut haftet. Ein Anatom könnte mit Leichtigkeit die offengelegten Körperteile erklären – dunkel und nicht weiß sticht die Wirbelsäule hervor. Der Schlag, präzise und kraftvoll, das Werk eines Meisters. Keine Guillotine hätte  eine bessere Arbeit leisten können. Nur lange Übung kann einen Menschen zu solcher Virtuosität führen. Und doch entlädt sich die Konzentration des Scharfrichters just in diesem Zeit-Punkt in einer diabolischen Fratze.

Henker

Mit dem Photo könnte man jeden Wettbewerb gewinnen!

Seine Botschaft ist so machtvoll wie subtil, komplex wie einfach. Erst der artistische Schnappschuß  enthüllt uns die Fülle, die den Live-Betrachtern weitgehend entwischen muß. Das Bild feiert eine lebendige Nekrophilie, eine tiefe Liebe zum Toten. Aber es feiert auch das Leben, das richtige Leben. Es sind die Männer in Schwarz, die darüber entscheiden, was falsch und richtig ist.

Den westlichen Betrachter soll es einerseits schockieren und die alte Botschaft der Unbesiegbarkeit übermitteln: die Botschaft des Scaevola, die Botschaft Tamerlans, die Botschaft der Assassini. Wer zu solchen Dingen fähig ist, mit dem lege man sich besser nicht an. Sie zeigt ihm auch, daß man mit den Waffen des Feindes, den Waffen der Kunst und Ästhetik zurückschlagen kann. Alles kommt dabei auf das richtige Timing an. Dann wird Krieg und Kampf zum erhabenen, zum inneren Erlebnis.

Die eigenen Reihen soll es abhärten und schulen. Das Bild lädt zu makabrer Meditation ein. Die eingefrorene magische und zur Ruhe gekommene Zeit enthält eine seltsame Gelassenheit.

Dem Mitkämpfer suggeriert sie Überlegenheit. Wir sind die Todesengel, unser Gott gibt uns das Recht, über Sein oder Nichtsein zu entscheiden.

Anmerkung: Das Bild kann auf Seite 80 der „Dabiq“ Nr. 15 in Gänze angeschaut werden. Quelle: https://azelin.files.wordpress.com/2016/07/the-islamic-state-e2809cdacc84biq-magazine-1522.pdf
Warnung: Es ist in seiner expressiven Brutalität wahrscheinlich nicht für jedermann geeignet.

ISIS verstehen II

Fortsetzung von: ISIS verstehen I

Die Geschichte einer finnischen Konvertitin – aufgrund des Insiderwissens wohl authentisch –, die ins Kalifat reist, wird nur an einer Stelle wirklich interessant, dort, wo sie vom Märtyrertod ihres Sohnes schreibt und dies als „blessing“ versteht. Von Trauer kein Wort. Sie nennt sich Umm Khalid al Finlandiyah, also Mutter des Khalid aus Finnland und ein schönes Bild zeigt zwei glückliche blonde spielende Kinder in Kaftan und Hijab – ob das der kleine Märtyrer war? Ansonsten ist es die übliche Geschichte der religiös Wurzellosen, die die einfache Lösung findet und nun Werbung für die Reise ins Kalifat macht.

© Dabiq - glückliche Kinder im Land des Islam

© Dabiq – glückliche Kinder im Land des Islam

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ISIS verstehen I

Was den einen der „Playboy“ ist den anderen das IS-Magazin „Dabiq“. Beide Zeitschriften haben einiges gemeinsam: Mit hoher ästhetischer Perfektion wird der Zeitgeist eines Milieus eingefangen und beide lieben Oben-Ohne-Bilder. Die einen ohne BH und die anderen ohne Kopf. Wie dem auch sei, beide Magazine lohnen die Lektüre. Zwar: kennt man eines, kennt man alle, aber eines sollte man eben kennen. Warum nicht Nummer 15 – die neue „Dabiq“ ist da!

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Die Chance des „Haßpredigers“

Pierre Vogel hat sich verdient gemacht – er hat es auf die Todesliste des „Islamischen Staates“ geschafft. Die dürfte mittlerweile deutlich länger sein als die lange Schlange selbstmordbereiter Gürtelträger, so daß man hoffen darf, den Salafisten-Prediger noch eine Weile unter uns zu haben.

"The punishment for apostasy" © Dabiq

„The punishment for apostasy“ © Dabiq

En passant versorgte uns die Skandalnachricht mit der Information über die Existenz einer „Vogue“ der Islamisten, eines Glanzmagazins namens „Dabiq“. Dabiq ist eine Stadt in Syrien – dort soll nach islamischer Überlieferung der finale Kampf zwischen den Rechtgeleiteten und den Ungläubigen stattfinden, das islamische Armageddon.

Zwei Clicks von Google entfernt, kann man das Magazin als PDF herunterladen. Eine interessante, eine aufschlußreiche Lektüre – aufgrund des Bildmaterials FSK 18. Anhand des Artikels „Kill the imams of kufr in the west“ läßt sich die Denke der Endzeitkrieger plastisch darstellen.

Aber schon das Vorwort verrät das Betriebsgeheimnis. Es ist die Zweiwertigkeit, die strikte Teilung in Gut und Böse, in „ja, ja, nein, nein“, entweder-oder, ohne Zwischentöne, es ist das totale Sendungsbewußtsein, die verabsolutierte Prämisse Islam/Muslim. Das einmal verstanden, macht Sätze wie diesen ein klein bißchen weniger schockierend: “The death of a single Muslim, no matter his role in society, is more grave to the believer than the massacre of every kāfir on earth. – Der Tod eines Muslims, ganz gleich, welche Rolle er in der Gesellschaft einnimmt, ist für den Gläubigen schlimmer als das Massakrieren aller kāfir (Ungläubigen) auf der Welt.“ Kann man ruhig erst mal setzen lassen. …

Das ganze gepaart mit Endzeitvisionen und fertig ist der IS-Sauerteig: „Any disbeliever standing in the way of the Islamic State will be killed, without pity or remorse, until Muslims suffer no harm and governance is entirely for Allah.” Mehr ist es im Grunde nicht. Jeder Idiot kann das begreifen und auch, daß es dann gute Gründe gibt, auf der richtigen Seite zu stehen. „Unlike the slaves of Shaytān, who strike with all their mor­tal might yet fear their mortal fate, the slaves of ar-Rahmān are prepared to meet their Lord, hopeful of His acceptance. Those kuffār who presume their bombs and proxy soldiers will cause the Islamic State to stop should realize that the soldiers of the Khilāfah have surrendered themselves to Allah, the Cre­ator of all things and Master of the Universe. There is thus no possibility of their surrender to humans.”

Nun freilich gilt es zu definieren, was ein Ungläubiger ist und was nicht. Zentralbegriff in dieser Kausalkette ist die „Apostasie“, also das Verlassen oder Wechseln der Religion. Man nennt das „Ridda“ im Islam und der Abtrünnige ist ein „Murtad“ und ihn erwartet, laut Koran, „der Zorn Gottes“ und „eine gewaltige Strafe“ (16.106), „der Fluch Gottes und der Engel“ (3.86ff.), „Sie werden Insassen des Höllenfeuers sein und (ewig) darin weilen“ (2.217). Es gibt eine ganze Theologie darüber, was mit den Abtrünnigen zu geschehen hat; bis heute ist man sich flächendeckend – aber nicht einhellig – darüber einig, daß der Tod im Hier und Jetzt die beste Strafe sei und man kann sich dabei auf Hadithe und andere Quellen berufen. Das muß uns in diesem Kontext weniger beschäftigen, die Theologie des IS ist nämlich, wie gesagt, eineindeutig: Prämisse: „Contrary to popular misconception, riddah (apostasy) does not exclusively mean to go from calling oneself a Muslim to calling oneself a Jew, Christian, Hindu, Buddhist or otherwise. In reality, there are only two religions. There is the religion of Allah, which is Islam, and then the religion of anything else, which is kufr.” Konklusion: “So whatever is not Islam is not the religion according to Allah and it will never be accepted.”

Die einzige Differenz, die der namenlose IS-Theologe einführt, ist die zwischen „Heuchler“ und „Lügner“ (munāfiq) und  „Abtrünnigem“ (murtadd). „The person who calls himself a ‚Muslim‘ but unapologetically commits blatant kufr is not a munāfiq (hypocrite), as some mis­takenly claim. Rather, he is a murtadd (apostate). The difference between nifāq (hypocrisy) and riddah is that a munāfiq conceals his kufr and openly manifests Islam, quickly apologizing if ever his cover is blown. The murtadd, on the other hand, openly commits his kufr after ascribing to Islam.”

Besagter Artikel beginnt exakt mit diesem Statement: „Das Gesetz für eine Person, welche riddah (Apostasie) begeht, verlangt die Todesstrafe, es sei denn, er bereut, bevor er gefaßt wird.“ Das führt zu scheinbar absurden Situationen, zu einer uns heute fremden Logik, die freilich strukturell auch aus christlichen Kontexten – dem Luthertum etwa – vorzufinden sind: „It should then be no sur­prise that Amīrul-Mu’minīn (Führer der Gläubigen) Abū Bakr al-Baghdādī (hafidhahullāh – Allah beschütze ihn) declared that any of the apostates from the sahwāt or otherwise who repent to Allah and surrender themselves to the Islamic State will be guar­anteed amnesty, even if they had killed a million mu­jāhidīn. But those who are caught before they repent, then there is no amnesty for them and theirs shall be a painful – and fatal – punishment.” (sahwāt – bedeutet „erwachen“ und wird von Djihadisten abwertend für politische Gegner genutzt) – selbst eine Million getötete Mujaheddin sind vergeben und straffrei, sobald man bereut und sich dem Islam unterwirft.

Nun wird, typisch fundamentalistische textbasierte Ideologie, eine ganze Reihe an vom Propheten überlieferten Beispielen gegeben. Daß Mohammed in seiner Zeit Verräter und Apostaten töten ließ, mag zeitgeschichtlich erklärbar sein, der IS weidet sich jedoch an der oft als unislamisch bezeichneten Brutalität: „The news reached the Prophet, so he sent trackers to find them. After they were found, he ordered that their eyes be gouged out with iron nails, their hands and feet be cut off, and they be left atop the volcanic rock field begging for water, which they would not be given, until they died in that condition [al-Bukhārī and Muslim].” Usw., es folgen “other examples of Allah’s Messenger kill­ing apostates” und auch Abu Bakr und andere Kalifen standen dem nicht nach.

Wichtiger sind stets die Schlußfolgerungen, auch wenn es allmählich ermüdet: „so despite calling themselves ‚Muslims‘ and accepting most of the revelation from Allah to His Messenger, their blood became halāl and killing them became wājib (Pflicht, Notwendigkeit).“

Historisch allerdings, zum großen Bedauern der IS-Indoktrinateure, wurde die Sharia nach dem Untergang der großen Kalifate nicht mehr angewendet, denn „kufr crept into Muslim lands by way of Sūfī and Rāfidī (schiitische Lehre) infiltration“ und damit wurde die Strafe für Apostasie oft nicht mehr vollstreckt und erst dank des „Wiedererstarkens des Kalifats“ könne nun endlich wieder ordentlich Recht gesprochen werden. Interessant auch die Nennung der im Westen so gern bejubelten mystischen Sufi-Bewegung als Ursache und Feind.

Dann folgt eine letzte Argumentationsvolte, bevor man sich den „Murtaddin in the West“ widmet – der Rekurs auf die stolze Geschichte, die psychosoziale Ursache und die Einführung des eigentlichen transzendenten Gegners Shaitan, der Teufel: „Within decades, the im­poverished and malnourished few thousand herders, date palm farmers, and trading travelers – the greatest, most knowledgeable, and most pious generations of the Ummah – plowed through the Roman and Per­sian empires to become literal masters of lands and people from the Iberian Peninsula to the Himalayas. The driving force was not wealth; nor the establish­ment of personal or tribal power; it had nothing to do with the world that was to be conquered. Instead, it was the Ākhirah – the life yet lived – that pushed the Muslims to their limits in order to please their Lord, the Creator, the Master of the Universe; for the life of this world, even at the height of its splendor and pleasantries, will always be the believer’s prison.

While the Crusaders have been the most apparent adversary of the Muslims for the past thousand years, one must never forget the original enemy of Islam and its nation. Shaytān, through his cunning and experi­ence with kufr, has always tried to infiltrate the Um­mah.”

Schließlich beginnen die Mujaheddin-Denker den Theorie-Haufen zusammenzukehren, um ihr Feindbild aufzubauen: die Kreuzfahrer-Nationen haben sich mit Shaitan verbündet und fanden kein besseres Mittel, ihre Ziele zu erreichen, als die Umma mit Leugnern und Apostaten zu durchsetzen, um die wahren Muslime vom Glauben abzubringen, sie zu kuffar zu machen und das ist man schon, wenn man auch nur ein einziges Gebot Allahs mißachte. Diese Allianz zwischen Shaitan, Kreuzfahrern (westliche Länder) und Murtaddin schwäche in der Tat die Umma. Anstatt die riesige Migration von Muslimen in die Länder der „mushrik“ (falsche Gottesanbeter) zur Islamisierung, zum Djihad zu nutzen, haben sich viele Muslime verweichlicht, die Bequemlichkeiten des modernen Lebens angenommen und letztlich ihre Identität verändert und verloren. Deren Kinder nahmen dann die Irrlehren der Demokratie und des Liberalismus an und diese Irrlehren wiederum fanden eine neue Brutstätte bei „islamischen“ Gelehrten, die sie weiter verbreiten und damit großen Schaden anrichten. Eines ihrer verabscheuenswürdigen Mittel der Hirnwäsche sei z.B. ihre Eloquenz, ihre rhetorische Gabe, dabei hatte doch schon al-Bukhari gelehrt und einen Riegel vorgeschoben: „Verily from eloquence comes sorcery” – ein Widerspruch, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß Mohammed höchstselbst ein eloquenter Redner gewesen sein soll und der Koran als Gipfelpunkt auch der Rhetorik gilt.

Die Lösung für all diese Probleme liegt auf der Hand – die Überschrift des Artikels läßt keinen Zweifel.

Nun werden sie alle aufgezählt und ihre Untaten erwähnt: Hamza Yusuf z.B., der mit Juden und Christen zusammenarbeitete, wovor schon der Prophet gewarnt hatte, oder Suhaib Webb, Hisham Kabbani, Yasir Qadhi, Tawfique Chowdhury, Bilal Philips etc. Das sind nun alles keine Vorzeigedemokraten, weit entfernt. Darunter sind aus westlicher Sicht sehr bedenkliche Namen, sogenannte „Haßprediger“. Bilal Philips etwa wurde 2011 nach einem medienwirksamen Auftritt in Frankfurt und an der Seite Pierre Vogels des Landes verwiesen …

Apropos Pierre Vogel! Sein Name findet – entgegen des Eindrucks, den die Skandalmedien machen wollten – keine Erwähnung im Text. Nur ein Bild zeigt und erwähnt ihn. Vermutlich ist er eine zu kleine Nummer für den IS.

An seiner Stelle würde ich das als Chance begreifen.

"The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel" © Dabiq

„The apostates Bilal Philips and Pierre Vogel“ © Dabiq

Zum Thema: Schutz dem Vogel, Pierre

Schutz dem Vogel, Pierre

Haßprediger Pierre Vogel auf ISIS-Todesliste“ – solcherart, in vielerlei Varianten, lauteten die Schlagzeilen der Medienriesen. Wer sich auch nur ein wenig mit Islam und Islamismus in Deutschland beschäftigt, kommt an dem lustigen jungen Mann mit rotem Bart und weißem Kaftan nicht vorbei. Ein Lächeln hat er stets parat und mich zumindest bringen seine Videobotschaften auch immer wieder zum Lachen. Der komplexen Wahrheit näher dürfte der Slogan des BR kommen: „Sozialarbeiter, Salafist, Hetzer – Pierre Vogel gilt als gemäßigter salafistischer Prediger. Seine Anhängerschaft will er auf den Pfad der Tugend führen – ein gottgefälliges Leben ohne Drogen und Disko. Aber dabei bleibt es nicht immer. Vogel-Zöglinge militarisieren sich.“

Mir scheint, Vogel ist tatsächlich sanfter geworden. Je mehr er sich in seine bemerkenswert gelehrte arabisch-islamische Welt vergräbt, umso weniger scheint die alte Boxer-Mentalität hervor. Tatsächlich  aber hat er ein Problem: Manche seiner Schüler wollen mehr. Gerade erst machte der Fall der 15-jährigen Polizistenattentäterin aus Hannover die Runde. Eine Tat, die Vogel verurteilte, aber das „belastende“ Videomaterial, das ihn vor sechs Jahren stolz die junge übereifrige und lernwillige Safia S. präsentieren läßt, ist nun mal da. Vogel erntet nicht zum ersten Mal die bitteren Früchte der Radikalisierung. Wie ein Zauberlehrling, der das Wort vergessen hat, kann er die Geister, die er rief, nicht mehr bewältigen: sie stürzen rechts und links an ihm vorbei in die heilige Schlacht. Dem Staatsschutz ist er zu extrem, er steht unter Beobachtung.

Seit ein paar Tagen hat der Salafist ein zweites Problem. Einigen ist er nicht radikal genug. Nicht irgend jemand mäkelt da, sondern ein Gegner, den man nicht gern hat: der IS. In seiner letzten Ausgabe der Hochglanzzeitschrift „Dabiq“ wird er – so schreiben es die Medien – auf eine Todesliste von „abtrünnigen Imamen“ gesetzt. Kritische Äußerungen zu jüngsten Terrorattacken dürften eine Rolle gespielt haben.

Häme ist fehl am Platze: „Laßt die Toten ihre Toten begraben“ … Manch ein Leser mag in einem ersten Impuls gedacht haben: Sollen sie sich doch gegenseitig abschlachten. Das wäre fatal.

Tatsächlich sollte man weiterdenken. Angenommen, die Drohung wäre real, hätte Pierre Vogel dann nicht ein Anrecht auf Polizeischutz? Nicht nur auf Über-, sondern auch auf Bewachung? So wie ein Böhmermann etwa oder ein Abdel-Samad?

Er hätte nicht nur ein Recht darauf, es wäre auch die Pflicht des Rechtsstaates für ihn einzustehen. Die Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Ideologie kann nur besiegt werden, wenn man die Kette unterbricht.

Und manchmal, und manchmal, wenn auch selten, gibt es Wunder und Zeichen. So zum Beispiel geschehen mit Ahmed Akkari, einst leitender Imam in Aarhus und Hauptverantwortlicher für die Exzesse der Mohammed-Krise. Trotz des immensen Schadens, den auch sein Handeln angerichtet hatte, begegnete ihm die dänische Gesellschaft im Großen und im Kleinen weiterhin mit Offenheit und Toleranz. Und irgendwann – das wird später Thema eines Artikels sein – irgendwann mußte Akkari die Stärke der „Schwäche“ begreifen, irgendwann erweichte sich sein Herz und er bat um Vergebung, löste sich vom radikalen Islam, begann offen darüber zu reden und aufzuklären und wirkt seither auf der demokratischen Seite – freilich noch immer, wenn auch aus anderen Gründen, unter dem Schutz des Staates.

Aber selbst, wenn es solche Bekehrungen nicht geben sollte, so verpflichten uns unsere Werte dazu, innerhalb unserer Gesellschaft, auch und gerade unsere Feinde in angemessenem Umfang und gegen äußere Bedrohungen, zu schützen. Nur das kann die Überlegenheit des demokratischen Wertesets beweisen.

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