Cat Stevens und das Ende der Kunst

Menschen meiner Generation haben meist sehr angenehme Erinnerungen an Cat Stevens. „Die sensibelsten Frauen“, wie Giovanni di Lorenzo in einem Interview mit dem Künstler gestand, legten meist eine seiner Platten auf, zündeten eine Kerze an, gossen ein Glas Wein ein … der Rest ist Geschichte, sweet, sweet memory bis … „Morning has broken“.

Dabei ist der einstige Superstar ein paradigmatisches Beispiel für die unheilige Verbindung von Kunst und Islam. Es lohnt, seiner Geschichte – übrigens nicht nur aus diesem Grund – ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

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„Pressestelle Bistum Dresden-Meißen informiert: Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Bücherfreunde, aufgepaßt! Das Ökumenische Informationszentrum in Dresden löst seine Fachbibliothek auf. Wer Interesse an Lektüre zu den Themen Gerechtigkeit, Frieden, Umwelt und Ökumene hat – für den stehen rund 10.000 Bücher als Lesestoff bereit. Bei einem Bücherbasar vom 8. bis 13. August können die Werke gegen eine kleine Spende gleich mitgenommen werden.“

Eine solche Nachricht läßt den Bücherfreund elektrisiert zurück. Als ich sie empfing, stand der nächste Dresden-Besuch schnell fest. Vor dem geistigen Auge trug ich kistenweise Werkausgaben, Raritäten, Werke großer Denker heraus. Vielleicht war sogar ein Heidegger dabei – sonst unsäglich teuer – oder ein seltener Blüher oder Buber oder einfach eine interessante Neuentdeckung. Und damit ja keiner die Schätze vor meiner Nase abgreift, sind wir auch noch überpünktlich vor Ort und warten im Vorraum, in dem sich circa 50 arabischsprechende Menschen – sie wollen zur Immigrationsberatung auf der gleichen Etage – lautstark unterhalten, auf die Öffnung des Tores.

Aber schon ein erster schneller Blick läßt das geübte Auge einer traurigen Realität ins Gesicht schauen. Der Durchgang macht das wahre Ausmaß geistiger Ödnis bald deutlich. Statt anspruchsvoller Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft liegt die endlose intellektuelle Brache grüner und sozialdemokratischer Propagandaliteratur der 70er bis 90er Jahre vor mir. Beträchtliche Reihen an soziologischen Studien zur Ausgrenzung, zum Feminismus, zum Genderdenken, zur Umwelt und zum Frieden. Dazwischen ein paar dunkelrote Spritzer DKP- und SED-verseuchter Einpeitscher. Robert Steigerwald und Kurt Hager statt Blumenberg und Benjamin. Amnesty International statt (wenigstens) Frankfurter Schule. Einsam friert ein schmales Sammelbändchen Karl Barth zwischen Horst-Eberhard Richter, Hans Küng und ostdeutscher Gandhi-Literatur. Das einzige substantielle theologische Werk, Drewermanns „Strukturen des Bösen“ habe ich leider schon längst. Kein Teilhard, kein Rahner, kein Guardini, kein Nell-Breuning, kein Niemöller, nichts. Verzweifelt blättere ich in einem Buch Wolfgang Fritz Haugs über Gorbatschow, wo es zumindest ein halbinteressantes Kapitel über Lenin gibt, kann mich aber vor Entsetzen auch dazu nicht durchringen.

Trotzdem verlasse ich den Ort der geistigen Leere mit einer neuen Erkenntnis. Nun weiß ich, wes Geistes Kind das „Ökumenische Informationszentrum“ des Bistums Dresden-Meißen seit Jahrzehnten ist und wie tief die Begrünung und Versozialdemokratisierung der Gesellschaft, auch der religiösen, in Zeit und Raum tatsächlich reicht.

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Drei auf einen Schlag

Besser kann man die Differenz der Welten nicht auf den Punkt bringen: „Forscher brauen Bier aus Urin“. So die Botschaft einer kleinen Zeitungsnotiz, die man früher überlesen hätte, bei der man heute sofort einhakt. Eine Zeile, die den Westen – man mag von ihm halten, was man will – positiv definiert, wie sie den islamischen Osten  negativ kennzeichnet.

img287Bier – Alkohol ist natürlich verboten im Islam, harām und unrein. In sehr seltenen Auslegungen wird das Verbot nur für Alkohol aus Trauben in Anspruch genommen. So hat ein Gelehrter der Al-Azhar Universität Kairo kürzlich das Brauen und den Genuß von Bier erlaubt, wenn es nicht zur Bewußtseinstrübung genutzt wird.

Urin – Während man vor ein paar Jahren in Deutschland den Urin als Heilmittel wiederentdeckte – Titel wie „Urin, ein ganz besonderer Saft“ oder „Lebenssaft Urin“ waren Bestseller, Hunderttausende versuchten sich daran, ihren eigenen Morgenurin zu trinken – gelten die Körperausscheidungen im Islam traditionell als unrein, najāsa. Laut Bukhari wählte Mohammed folgendes Beispiel, als er über die Peinigung der Sünder in den Gräbern befragt wurde: „Als der Prophet an zwei Gräbern vorbeiging, sagte er: ,sie werden gepeinigt! Aber sie werden nicht wegen schwerwiegender Verfehlungen gepeinigt.‘ Dann sagte er: ‚Doch, sicher! Der eine der beiden hat üble Nachrede (namiimah نميمة) verbreitet, während der andere sich von seinem Urin-Rest nicht gereinigt hat.‘“

Forscher – laut dem Arab Human Developement Report von 2002 exportierte die gesamte arabische Welt weniger Industrieprodukte als die Philippinen, lag die Zahl der angemeldeten Patente bei 2% deren von Südkorea, und die Zahl der ins Arabische übersetzten Bücher entsprach einem Fünftel der ins Griechische übersetzten (Pinker). In einem Jahr werden mehr Titel ins Spanische übertragen als in den letzten 1000 Jahren ins Arabische (Steyn). Das Trinity-College in Oxford hat drei Mal mehr Nobelpreisträger hervorgebracht als die gesamte arabische Welt (Dawkins). Der britische Historiker David Starkey faßte das so zusammen: „Nothing has been written in Arabic that matters for at least the last five centuries.”

Man kann es drehen und wenden wie man will und es mag viele Ursachen haben, aber die islamische Welt ist bis heute wesenhaft bildungs- und forschungsfeindlich, von punktuellen militärischen Interessen abgesehen. Der Großteil der geistigen Energie wird in Koran- und Schariaexegese investiert. Ein Interesse am internationalen Forschungsstand in Natur- und Geisteswissenschaften ist weitgehend absent.

PS: Das alles nur idealiter – realiter gibt es selbstverständlich auch in arabischen Ländern Kläranlagen, die menschliche Ausscheidungen zu frischem Trinkwasser recyceln.

ISIS verstehen II

Fortsetzung von: ISIS verstehen I

Die Geschichte einer finnischen Konvertitin – aufgrund des Insiderwissens wohl authentisch –, die ins Kalifat reist, wird nur an einer Stelle wirklich interessant, dort, wo sie vom Märtyrertod ihres Sohnes schreibt und dies als „blessing“ versteht. Von Trauer kein Wort. Sie nennt sich Umm Khalid al Finlandiyah, also Mutter des Khalid aus Finnland und ein schönes Bild zeigt zwei glückliche blonde spielende Kinder in Kaftan und Hijab – ob das der kleine Märtyrer war? Ansonsten ist es die übliche Geschichte der religiös Wurzellosen, die die einfache Lösung findet und nun Werbung für die Reise ins Kalifat macht.

© Dabiq - glückliche Kinder im Land des Islam

© Dabiq – glückliche Kinder im Land des Islam

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ISIS verstehen I

Was den einen der „Playboy“ ist den anderen das IS-Magazin „Dabiq“. Beide Zeitschriften haben einiges gemeinsam: Mit hoher ästhetischer Perfektion wird der Zeitgeist eines Milieus eingefangen und beide lieben Oben-Ohne-Bilder. Die einen ohne BH und die anderen ohne Kopf. Wie dem auch sei, beide Magazine lohnen die Lektüre. Zwar: kennt man eines, kennt man alle, aber eines sollte man eben kennen. Warum nicht Nummer 15 – die neue „Dabiq“ ist da!

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Glauben und Gottesbeweis

Man mißtraue allen Gläubigen, die durch Krise, Krankheit, Krieg zum Glauben finden. Sie mißbrauchen Gott und das Numinose als Psychotherapie und mißverstehen ihr kleines persönliches Unglück als ontologisches oder kosmologisches Ereignis. Es ist ihnen im Grunde genommen gleich, ob Katholizismus, Buddhismus, Islam oder New Age …, denn alles kann zum „Ausstieg“ dienen.

Man mißtraue allen Gläubigen, die in eine Religion hineingeboren wurden, denn sie hatten nie die Chance einer unabhängigen Entscheidung. Man erkennt sie an der prinzipiellen Affirmation: sie kennen den Zweifel nicht.

Man mißtraue allen Gläubigen, die sich rational für einen Glauben entschieden haben, denn sie machen die Früchte ihres bescheidenen menschlichen Räsonierens, ihrer geistigen Unvollkommenheit zum Maßstab diviner Existenz.

Man mißtraue allen Gläubigen, die durch eine Offenbarung, durch das praktische Erleben Gottes, zum Glauben finden. Ihnen ist ein persönliches Erlebnis – vielleicht nichts anderes als die Erfahrung des Fürsten Myschkin – zum Schlußstein geworden.

Nur der Skeptiker kann ein wahrhaft Glaubender werden, denn der wahre Glaube muß sich ständig und immer wieder am Zweifel erweisen, er muß permanent errungen werden, sich selbst negieren und geht im Moment der absoluten Gewißheit – die der wirkliche Glaube ist – verloren.

Aber wie ist Glauben dann noch möglich, wer kann dann noch selig werden? Es bedarf des „Sprungs in den Glauben“, wie Kierkegaard es nannte, jenen paradoxen Akt, der Bejahung und Verneinung vereint und:

„Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme. Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: Wer kann denn selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach: Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“ (Markus 10.25ff.)

Ist damit das Christentum als kulturkonstitutiv abgetreten? Mitnichten. Wir müssen uns im christlichen Erbe verorten, nicht weil es wahrer oder besser ist als anderes, sondern weil es unseres ist.

Muslime sind die besseren Christen

Es hilft nichts, wir werden uns zunehmend mit dem Islam auseinandersetzen müssen – oder wir werden auseinandergesetzt werden. Daher wird es auf dieser Seite immer wieder einmal eine Lektüreauseinandersetzung oder Buchempfehlung geben. Es werden dabei die verschiedensten Ansätze berücksichtigt, denn eine bewußte Selbstbestätigung kann nur in die eigene Verknöcherung führen. Heute: „Jesus im Koran. Ein Schlüssel zum Dialog zwischen Christen und Muslimen“ von Martin Bauschke, einem Religionswissenschaftler und leitenden Mitarbeiter der von Hans Küng initiierten „Stiftung Weltethos“.

Man kann über dieses Buch kaum etwas Negatives sagen, das Schlechteste daran (an dieser Ausgabe: Hohe-Verlag) ist der miserable Druck. Inhaltlich ist es dreifach bedeutend:

Es informiert mit ausgesprochener Kennerschaft und manchmal philologischer Spitzfindigkeit das westliche und das muslimische Publikum über essentielle Inhalte des Korans, macht ihn in wesentlichen Komponenten bekannt (was, wie der Autor zeigt, selbst bei zahlreichen Fachleuten nicht vorauszusetzen sei).
Es versucht nötige Impulse für den zwischenreligiösen Dialog zu geben.
Es erhellt das innerchristliche und selbst das biblische Verständnis und muß als genuiner theologischer Beitrag auch des Christentums gelesen werden. Vermutlich gilt das außerdem – mit Abstrichen – für den islamischen theologischen Diskurs.

Bauschke wählte mit Jesus den offensichtlichen Knotenpunkt aller religiösen (Miß)Verständnisse, ein idealer Ansatz, um Differenzen aufzuzeigen und eventuell auch zu überwinden. Es kommen die jeweiligen Heiligen Schriften, die Apokryphen und Hadithe, aber auch Gelehrte und Exegeten aller Konfessionen, Zeitalter und Richtungen gleichberechtigt zu Wort, sofern sie etwas Substantielles beizusteuern haben. Und darauf kommt es vor allem an: auf die Differenz!

Allein die häufige Gleichstellung von Koran und Islam (den es wiederum im Singular ebenso wenig gibt wie das Christentum) ist schon Ursache für eine ganze Reihe von wechselseitigen Irrtümern. Aus christlicher Perspektive hat man zu realisieren, daß der Koran in Fragen der Geburt, der Botschaft, der Wundertaten, vor allem des Mensch/Gottseins, der Kreuzesfrage, dem Tode und der Auferstehung Jesu von der christlichen Tradition differiert. Nicht selten steht man dann vor der scheinbar paradoxen Situation, einzusehen, daß „der Koran … dem Selbstverständnis Jesu näher kommt als der theologische Überschwang der konstantinischen Staatskirche“ und allem, was sich daraus entwickelte. Damit erscheint der Koran oftmals „päpstlicher als der Papst“, werden die gläubigen Muslime zu den vermutlich besseren Christen. Der koranische Widerspruch richtet sich nicht gegen das „Christentum als solchem, wohl aber gegenüber Inhalten diverser christlicher Christologien und (Mariologien)“ – und dieses Argument läßt sich sicher ausweiten auf die ganze säkularisierte Gesellschaft und die Freiheit und Beliebigkeit des Glaubens in der westlichen Hemisphäre.

Noch in der schlimmsten geifernden Haßtirade – so weit geht Bauschke freilich nicht – eines islamischen Fundamentalisten (ein Typus, den uns die westlichen Medien immer wieder genußvoll präsentieren und ihn damit hoffnungslos überrepräsentieren), steckt gewöhnlich etwas Anhörenswertes, Nachdenkenswertes, Wahres womöglich, eine ernsthafte Kritik am westlichen Lebens- und Glaubensstil, auf das zu lauschen lohnt; nicht um ihn, den Eiferer, zu widerlegen, sondern um ihn zu begreifen und im günstigsten Falle unsere Ansicht zu ändern, ihm Recht zu geben, wo er Recht hat.

Wenn heute die Forderung nach der „Verteidigung des Eigenen“ neue Relevanz erlangt, dann muß man sich zuvor über den Inhalt des „Eigenen“ einigen und die Frage nach dem „Was?“ des Verteidigungswerten stellen und genau an dieser Schnittstelle sind extremistische Außenwahrnehmungen mitunter schärfer als alle innere Verteidigungsscholastik.

„Der Muslim glaubt an Jesus, insofern dieser ihm im Koran mit der Autorität eines Gesandten Gottes entgegentritt“, insofern Jesus also theozentrisch gesehen wird. „Offenkundig ist es, wie auch die Muslime selber betonen, ein anderer Glaube an Jesus als der der meisten Christen“, und das heißt zwischen den Zeilen gelesen: ein adäquaterer Glaube im ureigenen Sinne Jesu. Daher vor allem der Lernbedarf auf christlicher Seite. Bauschke ist mit diesen Äußerungen dem Koran (und Islam) gegenüber bis ins Extrem empathiesüchtig und hier unterscheidet er sich nicht sehr von Küng („Der Islam“), an dessen Weltethos-Institut er arbeitet, bringt die Notwendigkeit der Offenheit aber wesentlich prägnanter auf den Punkt und ist bündiger als Küng. Daß er damit allerdings den gesamten christozentrischen Teil des Christentums außen vor läßt, alle Marienverehrer dieser Welt ausschließt etc., daß es vor allem in der Frage der Trinität (die der Islam zudem als Gott-Jesus-Maria versteht) keine Übereinkunft geben kann – sie ist ja selbst im Christentum wesenhaft unverstanden und unverständlich (vgl. Sloterdijk: Sphären I) – wird zwar erwähnt, aber eben nicht ernsthaft zu lösen versucht. Stattdessen wird auch dem Christentum durch die Blume empfohlen, sich seiner theozentrischen Tradition zu besinnen. Außerdem habe die christliche Theologie „das Jesusbild des Korans als einen Sonderfall … eines außerchristlichen Jesus-Zeugnisses zu akzeptieren“, das koranische Jesusbild als genuines Zeugnis zu legitimieren.

Die Gleichzeitigkeit dieser und anderer unüberwindbarer Zwistigkeiten wird letztlich „aufs Ende der Geschichte“ vertagt, wo „Gott selbst erklären wird …, inwiefern die menschlichen Bekenntnisse davon rechtes Verstehen oder auch ein Mißverstehen gewesen sein mögen“. Bleibt nur zu hoffen, daß Gott sich daran hält.

Kaum zu widersprechen aber ist, wenn Bauschke schließt: „Zu einem guten Dialog gehört es jedoch, solche gegensätzlichen Auffassungen stehen lassen zu können und darüber hinaus sie als Ausdruck des Glaubens – und nicht etwa des Unglaubens oder der Verstocktheit – des Dialogpartners akzeptieren zu lernen.“ Denn alles verstehen, ist alles verzeihen.

Bei allen objektiven Schwierigkeiten: ein mutiges, ein streitbares, ein kluges, aber auch ein sanftes, einfühlsames, verständnisvolles Buch, notwendiger denn je!

PS: „Muslime müssen das Neue Testament studieren, und Christen den Koran!“ – ich kenne viele Christen, die den Koran studieren (auch wenn sie ihn hinterher ablehnen), aber alle Muslime, die ich bisher auf das NT ansprach, haben das mit viel Gezeter abgelehnt: Wozu? Es gibt doch den Koran? Es hilft nichts: wir müssen auch begreifen, daß der Koran, der Islam und die meisten Islamismen wirksame Selbstimmunisierungen entwickelt haben. Das begründet letztlich ihre religiöse Stärke.

Literatur: Martin Bauschke: Jesus im Koran. Ein Schlüssel zum Dialog zwischen Christen und Muslimen. Köln 2001