Die Budapester Burg

Budapester Impressionen VIII

Auch die Burg gehört zum Basisprogramm eines jeden Budapest-Reisenden. Vom Szell-Kalmán-Ter nehme ich den Bus, der den Anstieg bequem in drei Minuten schafft und steige gleich an der ersten Station innerhalb der Mauern aus. Wie der Zufall es will, stehe ich fast direkt vor dem Militärmuseum, das schon von Anfang an auf meiner Liste stand. Also wird der Burgspaziergang nach hinten verschoben, wohl wissend, daß sich das Gelände am Sonntagmittag bald zu einem Ameisenhaufen verwandeln wird.

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Idiotie und Intriganz

Nicht die Politiker sind beschränkt, sondern die Beschränkten werden Politiker. (Günther Anders)

Ja, man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man liest, daß nun Ursula von der Leyen, die siebenfache Mutter und Verteidigungsministerin, als neue NATO-Generalsekretärin im Gespräch sei.

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Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: heute vor 20 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

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Orbán von hinten

In der deutschen Presse und Politik wird das Urteil des EuGH, Ungarn und die Slowakei zu in Brüssel festgelegten Migrantenkontingenten zu zwingen, bejubelt. Von vorn, sozusagen, aus dem konfrontativen Blickwinkel.

Nimmt man eine andere Position ein, dann freilich entstehen gänzlich diverse Ansichten.

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Post von Viktor Orbán

Ich habe einen Brief von Viktor Orbán bekommen. Nun gut, nicht ich persönlich, sondern der Inhaber des Hauses. „Állítsuk meg Brüsszelt!“ steht in großen Lettern darüber: „Stoppt Brüssel!“

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Kognitive Störung Rot-Rot-Grün

Der große geniale Mao – den übrigens zahlreiche linke Politiker beider Schattierungen einst anhimmelten – kam auf die Idee, die Rattenplage im Lande zu lösen. Auf jede tote Ratte lobte er einen festen Gewinn aus. Die Kampagne zeitigte bald Erfolg. Schnell erkannten die schlauen, aber armen Bauern Chinas die unverhoffte Geldquelle und begannen mit der Rattenzucht.

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Blick in die Zukunft V

Nun ist es also so weit. Zum vorerst letzten Mal werde ich Hussain sehen. Über fast ein Jahr trafen wir uns mehrmals die Woche. Anfangs zusammen mit anderen, aber da der Kreis der Teilnehmer immer kleiner wurde, blieben nur wir zwei übrig, gelegentlich von Khaled oder Salim gestört.

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Unsichtbar macht straffrei

Ein Artikel in der heutigen „Zeit“ weckt Erinnerungen.

Schlecht bezahlt in Schwarzarbeit

Es geht um Schwarzarbeit unter „Flüchtlingen“. Nun werde sie zu einem systemischen Problem, logisch und folgerichtig, denn viele der Männer haben Schulden und brauchen Geld, mehr als die bescheidene Rundumversorgung des deutschen Staates beschaffen kann. Und da der Arbeitsmarkt aus den bekannten vielfältigen Gründen nur sehr wenigen offen steht, strömen Teile der Menge in die Löcher und Ritzen des Systems.

Im Artikel ist von krimineller „Arbeitsvermittlungen“ meist ebenfalls migrantischer Mitarbeiter der Asylzentren o.ä. die Rede. Ich erinnere mich an eine Gesprächsrunde, bei der ein anderer Weg zur Sprache kam.

Der junge Mann hatte massive Geldsorgen. Es ging nicht nur um Altschulden in Syrien, sondern auch um vergleichsweise hohe Ausgaben hier im Lande. Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, wie er Freunde um Gaben bat. Kleine Euroscheine wechselten die Besitzer. Das sei so üblich, wurde mir berichtet, und die Ehre verlangte es, die Rückzahlung nicht zu vergessen. Fragte man nach, dann wurde schnell klar, daß es sich beim Empfänger um einen potentiellen „Vergesser“ handelte – kein Wunder, bei der unübersichtlichen Vielzahl der Darlehen. Offensichtlich fällt es Arabern trotzdem schwer, ein solches Ansinnen abzulehnen.

Jedenfalls kam er von einer Reise aus dem „Westen“ wieder und erzählte ganz ohne jegliches Schuldbewußtsein, daß er sich ein paar Euro dazuverdient habe. Ich fragte erstaunt nach dem Procedere. Der erfahrene Maurer hatte beim Hausbau geholfen. Wie das?

„Türkischmann auf Straße. Willst arbeiten? Zehn Euro.“ Zehn Euro die Stunde bot der Türke, um sein Einfamilienhaus zu renovieren und sprach dazu gezielt Asylanten auf der Straße an. Ich erläutere das Konzept „Schwarzarbeit“ und ernte erstaunte Blicke. „Illegal? Warum?“

Die Frage gibt mir die Gelegenheit zum wiederholten Male das Steuersystem zu erklären und die Arbeit von Zoll, Polizei und Bauaufsichtsbehörde. Ob es verstanden wurde, kann ich nicht sagen, daß es so nicht geht, wurde eingesehen und daß man seinen Aufenthalt riskiert oder zumindest verschlechtern kann, wohl auch. Es folgt das Versprechen, es nicht wieder zu tun.

Aber dann reibt er sich lachend die Hände – eine sehr typische arabische Geste – und sagt, daß die Behörden es gar nicht wissen konnten, denn der Türke sanierte sein Bad.

„Alles drin. Kann keiner sehen.“

Und unsichtbar macht straffrei.

„Kant ist tot!“ …

Mit diesen Worten begrüßte mich heute Morgen mein (imaginierter) Nachbar. „Kant? Kant ist unsterblich“, antworte ich. „Nicht der Kant, der kleine Kant, der Hermann …“

Um ehrlich zu sein, ich hätte gar nicht sagen können, daß der noch lebte. Vor ein paar Jahren war er mir kurzzeitig lebendig, als ich zwei seiner Bücher wieder las. Seither hatte ich ihn nicht mehr verfolgt, wenngleich die autobiographischen Sachen noch im Regal stehen.

Wer in der DDR sozialisiert wurde, hat immerhin den Vorteil, das Lebensgefühl der damaligen Zeit speichern zu können, in Form von Literatur. Heute ist sie meist verpönt und verkannt und der verkannteste unter den zahlreichen Autoren von Rang war Kant, verkannt von Kant, verkannt von ihm selbst.

Denn Hermann Kants Tragik bestand darin, sein eigenes Genie nicht richtig eingeschätzt zu haben. Er war der mit Abstand begabteste unter der jüngeren Generation der Ostliteraten, ein würdiger sprachlicher Erbe Arnold Zweigs. Wie dieser steckte er alle anderen erzählerisch in die Tasche und seine seinerzeit drei großen Romane – „Die Aula“, „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ – kennen an sprachlicher Finesse ohne inhaltliche Subversivität kein Gegenüber. Subtiler und subversiver waren vor allem die Frauen: Irmgard Morgner ist zuerst zu nennen, dann Brigitte Reimann und manchmal auch Christa Wolf.

Doch Kants Begnadung ging von Anfang an mit ihm durch. Bis in die 80er Jahre hinein konnte das kaum jemandem auffallen, denn die Bücher spiegelten noch immer Bereiche der realsozialistischen Realität wieder, aber spätestens seit Gorbatschow mußte ihre aufgesetzte siegessichere Ironie, der Zynismus des vermeintlichen historischen Siegers, der Hochmut der Macht sauer aufstoßen. War die „Aula“ noch ein Schenkelklopfer, so wurde das „Impressum“ schon zur Gratwanderung.

Ich will aber nicht Minister werden!“ gehört zu den genialsten Anfangssätzen der neueren deutschen Literatur – allein dieser Satz, dessen Echo im inneren Ohr des DDR-Lesers ewig nachhallte, legitimiert Kants zweiten Roman.

Doch leider hält er nicht, was das große Eingangswort verspricht. Daß Herrmann Kant ein Erzähler von Rang ist, bleibt unbestritten, gemessen an der eigenen Vorgabe, der „Aula“, die wie eine Bombe in die ostdeutsche Literatur einschlug und sie sowohl sprachlich als auch kompositorisch auf ein ganz neues Niveau hob, gemessen an diesem Anspruch muß „Das Impressum“ als not impressive gelten.

Denn Kant übertreibt es einerseits, die Fabulierkunst verliert sich zu häufig in Gerede um des Geredes willen, um nicht von Geschwätzigkeit zu sprechen, die exemplarischen ethischen und psychologischen Problemstellungen, mit denen der Leser konfrontiert wird und die ihn zur Diskussion, zur Stellungnahme zwingen sollten, sind selbst für den damaligen DDR-Alltag zu weit von der tatsächlichen Lebenswelt entfernt und im Übrigen sprachlich als auch historisch-philosophisch viel zu hoch angesetzt, um den Ottonormalbürger, den Arbeiter-und-Bauern, zu erreichen. Die Enkodierungsschwelle ist so hoch, daß man sich kaum vorstellen kann, wie ein Leser jüngerer bundesrepublikanischer Generation sie ohne ausgiebige Vorabstudien überwinden können sollte.

Zum andern unterbietet Kant sein eigenes Potential; so stellt sich eigentlich nie der Eindruck eines in sich geschlossenen Romans ein. Eher handelt es sich um eine Novellensammlung, in der autobiographische und realhistorische Situationen mit gleicher Personage wiedergegeben werden. Die individuelle Zeichnung mißlingt vielerorts: Wenn der Pförtner dieselbe elevierte Sprache spricht wie der russische General, der Katholik oder der Chefredakteur, dann verwischen sich höchst unzulässig die Konturen. Das alles stimmt auch vor der einstigen DDR-Realität schon nicht und eine Apologie des Ostens hatten andere Brachiallautoren der Bitterfelder Schule schon stimmiger vollbracht. Kant schreibt noch nicht mal einen mißlungenen Sozialistischen Realismus, sein Werk sollte als Sozialistischer Irrealismus gelten. Selbst der grandiose Eingangssatz bleibt Ornament, weil sich seine angedeutete Klammerfunktion als optische Täuschung entpuppt; weder als Widerstandsgeste noch als  Leitfaden behält er Bedeutung. …

Wie man hört, hat Kant, der auch hohe politische Ämter eingenommen hatte, es nie für nötig erachtet, sich Asche aufs Haupt zu streuen: das ehrt ihn.

Nun ist er also tot und wenn in drei, vier Jahrzehnten die letzten Überlebenden des Goldenen Zeitalters des realexistierenden Sozialismus verschwunden und die alten Literaturgeschichten in Bibliothekskellern vergilbt sein werden, dann wird kein Hahn mehr nach Kant krähen und die kommende halbasiatische Gesellschaft, sollte sie je auf eines seiner Bücher stoßen, wird ratlos davor stehen und sich wundern, auf was für seltsame Dinge Menschen kommen konnten und welch seltsame Sprachen sie sprechen können.

Die Gelder sind da

Seit neun Monaten ist Hussain nun im Land und wartet noch immer geduldig auf seine Aufenthaltserlaubnis. Er ist tatsächlich aus Syrien geflohen. Andere, die sichere Existenzen in der Türkei aufgegeben haben, um hier ein besseres Leben zu führen, sind bereits seit Monaten legal, bekommen den Hartz IV-Satz, haben freie Wohnungs- und Ortswahl, können theoretisch arbeiten – praktisch wäre nur Hussain dazu in der Lage, alle anderen stolpern über die Sprachhürde.

Von allen unterscheidet sich Hussain durch seine Geschichte, seinen immensen Lernwillen, seine Geduld und Anspruchslosigkeit.

Es kommt ein Brief aus Chemnitz. Er habe sich der Ausländerbehörde vorzustellen, diese und jene Papiere mitzubringen – alle seine syrischen Dokumente, vom Ausweis bis zum Abitur und Uni-Nachweis wurden ihm im September kopielos von der Polizei abgenommen –, habe sich früh um sieben Uhr am Bahnhof einzufinden und sich auf eine Übernachtung in Chemnitz vorzubereiten. Ein Bus holt eine Handvoll Leute ab.

Tatsächlich wird er fünf Stunden später wieder zu Hause sein.  In Chemnitz sitzt er eine viertel Stunde im Warteraum eines Büros. Niemand spricht mit ihm, niemand will etwas sehen oder wissen. Dann erscheint ein Mann und sagt: „Erledigt“.

Zusammen mit einer jungen syrischen Frau wird er in ein Taxi gesetzt und nach Hause gefahren. Laut Taxirechner dürften die Fahrkosten von Chemnitz nach Plauen zumindest nach offiziellem Tarif mindestens 150 Euro – eine Fahrt – betragen.