Stammtischparolen

Jeder kennt das: man liest unsere Presse und greift sich alle paar Minuten kopfschüttelnd an den Kopf. Es gehen einem ein paar Gedanken durch selbigen, aber ehe man sie ausgefaltet hat, liest man schon den nächsten Artikel – das Drama beginnt von vorn. Man muß nicht immer alles bis ins Kleinste ausdeuten. Manchmal – auch aus Selbstschutz – genügt das Stammtischniveau.

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Katastrophenerwartung

Es kommt in diesen Überlegungen der Topos ‚Aus Schaden wird man klug‘, makaber aufgebläht, ins Spiel, und ein apokalyptisch überhöhtes ‚Wer nicht hören will, muß fühlen‘ hat unverkennbar daran seinen Anteil.“ (Sloterdijk)

Geht es nur mir so? Seit Monaten stehe ich morgens auf und schaue als erstes in den Netz-Gazetten nach, ob über Nacht die große Katastrophe stattgefunden hat, ob es wirklich relevante Neuigkeiten gibt. Und die schöne neue Welt hat mich nicht enttäuscht: Paris, Köln, Brüssel, Brexit …, um nur die ikonischen Ereignisse zu nennen. (Nicht zufälligerweise muß ich heute Nizza einfügen – die Zeilen sind zwei Wochen alt.)

Was nur haben fast alle diese Supergaus gemeinsam, direkt oder indirekt?

Den Schock begleitet auch eine perverse Bestätigung, für die ich mich fast ein wenig schäme, eine heimliche Schadenfreude. Dann die unausgesprochene Frage: Wacht man nun endlich auf?

Und die Gewißheit, daß morgen wieder etwas passieren kann, etwas noch Größeres, noch Schrecklicheres, noch Schockierenderes und noch …

Die Zukunft versaut

Die Suche nach „den Schuldigen“ für den Brexit nimmt absurde Formen an. Und gefährliche. Sie zeigen, daß es den Riß durch die europäischen Gesellschaften nicht gibt – es gibt viele Risse.

Brexit ageProminent wird gerade der Generationenkonflikt abgeerntet. Deutsche wie englische Gazetten überbieten sich mit Rentnerbeschimpfungen. „Die haben mir meine Zukunft geklaut“, darf ein larmoyanter Jüngling mit Kopfhörer um den Hals in der „Süddeutschen Zeitung“ gellend klagen, von „ruinierter Jugend“ faselt ein anderer auf „n-tv“, in der „Zeit“ kann man von „Alte-Säcke-Politik“ lesen und den Vogel schießt der Autor auf „Bento“ ab – eine Seite, die der Spiegel verlinkt –, der lauthals und öffentlich bedauern darf, daß „die Stimme einer 90-jährigen genauso zählt, wie die einer 21-jährigen“ und daß 16-jährige gänzlich von der Wahl ausgeschlossen waren. Am liebsten, so scheint es durch, würde man die Silberrücken entmündigen und die Jugenddiktatur einführen. „Trau keinem über 30“ sei, so findet der „Focus“, wieder aktuell.

Mathias Müller von Blumencron von der FAZ, der eigentlich auch schon ins Heim für Altersdemenz gehört – Jahrgang 60, ich bitte Sie! – fordert sogar eine „neue Rebellion“ der Jugend. Das ist ein Mißverständnis in doppelter Hinsicht. Zum einen haben wir gerade die größte Rebellion der Nachkriegsgeschichte erlebt – Millionen Halbzombies, untätowiert, haben entschlossen nach dem Rollator gegriffen, sind zur Wahlurne gewankt und haben die Rebellion gegen die Megamaschine gewählt –, zum anderen haben wir uns eine Jugend herangezogen, die vollkommen rebellionsresistent ist und bis auf weiteres bleiben wird.

All diese Ergüsse sagen viel über unsere Jugend aus. Daß man sich Zukunft, Zusammenhalt und Frieden erkämpfen und erarbeiten muß, ist den Leid-Ungeprüften vollkommen abhanden gekommen. Die Welt ist ein Selbstbedienungsladen und wehe, mein Lieblingsprodukt ist nicht vorrätig … dann kann ich gaaanz böse werden. Man hat qua Geburtsrecht im Hotel „Dasein“ Vollverpflegung gebucht, lebenslang, und wird schnell grantig, wenn der Service den gehobenen Ansprüchen nicht genügt, kümmert sich andererseits aber auch rührend um die hungernden Kinder der Welt.

Da klagt einer, daß er nun nicht mehr in alle 27 Länder reisen könne, was erstens Quatsch ist und zweitens eine Errungenschaft, die ihm jene Generationen erkämpften, die er jetzt gern ins Alterslager schicken möchte. Sie verstehen Heidegger nicht mehr: die Sorge als Existenzial zu fassen, ist ihnen unfaßbar.

Diese Jugend wurde flächendeckend zu verwöhnten Tyrannen erzogen. In einer ganzen Reihe von Büchern hat der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff das Dilemma aufzuarbeiten versucht, an dem Elterngenerationen genauso mitarbeiten wie Universitäten, Arbeitgeber, Schulen, Kindergärten und staatliche Vorgaben. Geboren aus der vergrünten und versozialdemokratisierten post-68er-Pseudo-Rebellions-Ideologie wurde das Kind mehr und mehr als Gleichberechtigter, ja sogar als Mehrberechtigter gedacht und gepampert. Die grenzenlose Erziehung führt zwangsläufig zur anerzogenen Grenzenlosigkeit, die Erfahrung des Verzichtes, der Mäßigung, der temperantia – jahrtausendlang ein Ideal und eine Tugend in allen Weisheitslehren – ist dieser Jugend weitgehend unbekannt. Entweder ich bekomme, was ich will, oder die Welt ist einfach Scheiße.

Am bedrohlichsten aber ist der hyperkinetische Effekt. Erfahrung ist kein positiver Wert mehr, stattdessen zählen „Innovation“, Neuheit, Mode, Tempo und Veränderung. Diese sind per se aller Erfahrung überlegen und deshalb sind die Alten aus dem Weg zu räumen, sofern sie nicht den hippen Heino geben. Mittlerweile kann man mit 25 Jahren Milliardär sein oder Spitzenpolitiker oder Philosophieprofessor und sollte es sogar, denn mit 30 ist der Zug schon abgefahren, gilt man schon als Trödler und verdächtig. Die immer größere Beschleunigung, die auch technisch unterstützt wird, führt zwangsläufig ins Absurde: bald wird der Enkel der Erzieher des Vaters und des Großvaters sein. Von dort ist der Weg zum kommenden Leid und Krieg nur ein Katzensprung.

Dies zugelassen zu haben, muß man den „Alten“ tatsächlich vorwerfen.

Andererseits ist der Brexit auch ein großartiges pädagogisches Fanal, eine didaktische Lehrstunde, eine wirkliche Erfahrung, sei er ansonsten, was er will.

Lektüreempfehlung:
Michael Winterhoff:
Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit
Lasst Kinder wieder Kinder sein!: Oder: Die Rückkehr zur Intuition
SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können
Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege
Persönlichkeiten statt Tyrannen: Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen
Konrad Paul Ließmann:
Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift
Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft

Die Angst nach dem Brexit

Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!
Das Alles von Heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stoßen! (Nietzsche: Zarathustra)

Vor wenigen Tagen hatte ich mich aus dem Fenster gelehnt und verkündete: die bewußt geschürte Angst vor dem Ungewissen wird die Briten mehrheitlich für den Verbleib in der EU stimmen lassen. Es ist anders gekommen:  viele Briten haben einen unglaublichen Mut bewiesen! Die Kluft zwischen „dem kleinen Mann“ und der medial-politischen Sphäre wurde unterschätzt, weil erstere keine Stimme in letzterer hatte.

Niemand sollte sich darüber freuen, auch die Wahlgewinner nicht. Es ist wie nach einer gescheiterten Ehe: Es mag Erlösung sein, aber trotzdem gibt es Grund zur Trauer.

Der „Spiegel“ freilich – und mit ihm andere – kommt aus seiner Affekt-Denke nicht heraus und kommentiert die Niederlage erneut als angstgetrieben. Diesmal sind es „die Fremden“, vor denen Angst geschürt worden sei. Dabei ist schon der Eingangssatz fast aller Artikel falsch: Nicht die Briten haben abgestimmt, nicht die Briten wollen den Brexit, sondern nur die Hälfte der Briten und ein paar Zerquetschte. Das ist das systematische Risiko der demokratischen Mehrheitsentscheidung: sie kann ein Volk mitten hindurch zerreißen! Die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Entschlußform wird erneut diskutiert werden müssen. Auch die Gewinner haben heute Nacht verloren und die Verlierer gewonnen.

Was der Brexit letztendlich bedeutet, kann niemand wissen. In einer inflammablen Atmosphäre kann jede Null zu einem Herostratos avancieren.

David Cameron hat sich verzockt. Er war der Meinung, die Stimmung in seinem Lande zu kennen, und er war überzeugt, die Extrawürste, die er sich durch die Eurokratie hat braten lassen, wären genug, um den britischen Völkern das Maul zu stopfen. Dabei hat er die Aversionen unterschätzt, die er dadurch auch unter den Landsleuten auslöste. Spätestens als Boris Johnson – den viele Briten für charismatisch halten, weil er ein Original ist – sein Gegenspieler wurde, war der Brexit reale Möglichkeit geworden. Auch die Briten, zumindest große Teile der Briten, sehnen sich nach einer Führungsfigur, zu der aufzuschauen keine Schande mehr ist. Nicht zufällig veröffentlichte Johnson vor einem Jahr eine Churchill-Biographie.

Vergleichbar der Idee des Kommunismus hat sich die (gut gemeinte) Kopfgeburt einer Europäischen Union als Ende der Nationalstaatlichkeit als Phantasie erwiesen. Sie erlebt nun ihren Mauerfall. Wie dieser wird er Bewahrenswertes hinwegfegen und Unsägliches schaffen, aber auch umgekehrt. Die Lehre aus der jüngeren Geschichte, daß sich objektive Bewegungen nicht subjektiv umbiegen lassen, wurde nicht gezogen – ein weiteres Mal lief man einer utopischen Fata Morgana nach und landet nun in der Wüste. Wird man aus diesem Irrtum lernen? Die Menschheit ist kein lernfähiges Subjekt, nur einzelne Menschen sind es …

Cameron hat nun seinen Rücktritt angekündigt. Johnson dürfte der nächste Premier werden. Wenn es aber stimmt, daß vor allem die Migrationspolitik der EU und Deutschlands, die „Angst vor dem Fremden“ ausschlaggebend war, dann gibt es noch ganz andere Verlierer. Wenn die Briten EU sagen, dann meinen sie oft Deutschland. Die deutsche Bevormundung und Dominanz ist vielen Briten seit Jahr und Tag ein Dorn im Auge, Merkels katastrophale Einwanderungspolitik und das lavierende Durchsetzenwollen der eigenen „Politik“ in der EU  hat nun das Faß überlaufen lassen.

Vielleicht größer noch, existentieller als der Brexit, war die Entscheidung der Kanzlerin, die Grenzen bedingungslos zu öffnen und sei es nur für wenige Wochen. Der Schaden ist angerichtet, die starke Botschaft war gesendet, der Prozeß scheint nun irreversibel. Schweden steht als mahnendes Beispiel vor dem Kollaps und macht die totale Kehrtwende, auch in Deutschland muß man ein leckgeschlagenes Schiff zurückrudern ohne Garantie für das Gelingen. Die Menschen in ganz Europa – zumindest ein großer Teil der Menschen – spüren instinktiv, daß mit der Einwanderungswelle eine Zäsur von globalem Ausmaß geschaffen wurde. Und sie wehren sich dagegen und sei es mit dem Exit.

Cameron, so seltsam es klingen mag, ist nur die Marionette Europas, deren Stricke jetzt durchgeschnitten werden. Wirklich politisch verantwortlich für den Brexit und den Beginn des Endes der Europäischen Union – natürlich ist die Union nicht Europa! – ist auch Angela Merkel. Wenn sie einen Rest an An- und Verstand besitzt, dann zieht sie jetzt die Konsequenz und macht den Weg frei für wirklich neue Kräfte, die den Scherbenhaufen hoffentlich zusammenkehren werden und ein neues, ein realistisches, ein entbürokratisiertes und nicht-zentralistisches Europa, ein weniger aufgeblähtes Europa der Nationalstaaten bauen können, das sich auf gemeinsamer ökonomischer, historisch-kultureller und Wertebasis gründet.Dann wäre der Brexit nicht umsonst gewesen.

Die Zeichen dafür stehen freilich nicht gut. Stattdessen steigern sich europäische und deutsche Spitzenpolitiker in Vergeltungs- und Rachephantasien und diskreditieren auch noch den letzten Rest an Zusammengehörigkeitsgefühl. Eine Ehe, die so endet, war es nie wert, eine gewesen zu sein. Wenn nun Rachegefühle aufkeimen, dann beweist es nur, wie notwendig dieser schmerzhafte Schnitt ist. Er wäre dann so oder so gekommen und je später, desto dramatischer.

Daher sollten wir jetzt auf allen Ebenen den Briten beistehen und ihnen auf diesem schweren Weg helfen.

Das wäre gelebtes Europa! Das wäre europäische Solidarität!