Worum es geht

Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben. Goethe

Um mit der Tür ins Haus zu fallen: 25 Jahre deutsche Einheit, 100 Jahre Demokratie, 250 Jahre Aufklärung, 350/450 Jahre Religionsfrieden, 1000 Jahre deutsche Geschichte, 2000 Jahre christliche Geschichte, 2500 Jahre europäische Zivilisation stehen auf dem Spiel, der Abbruch dieser Traditionen wird riskiert und wird stattfinden, wenn … Mit Worten, die uns aus der Wetterprognose und dem Klimawandel bekannt sind: das ist die größte europäische und nationale Krise seit Beginn der Aufzeichnungen.

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Blick in die Zukunft V

Nun ist es also so weit. Zum vorerst letzten Mal werde ich Hussain sehen. Über fast ein Jahr trafen wir uns mehrmals die Woche. Anfangs zusammen mit anderen, aber da der Kreis der Teilnehmer immer kleiner wurde, blieben nur wir zwei übrig, gelegentlich von Khaled oder Salim gestört.

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Der Asyl-Irrsinn

Gottes Wege sind unergründlich – das ist bekannt. Aber die Wege der deutschen Bürokratie sind es ebenfalls. Ist die deutsche Bürokratie also Gott? Nun, sie spielt diese Rolle zumindest ziemlich überzeugend. Und Hussain ist eines ihrer Opfer.

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Eine andere Perspektive

Ein alter Werbefilm aus England macht in weniger als 30 Sekunden ein uraltes Problem unmittelbar einsichtig: ein Ereignis, aus nur einer Perspektive betrachtet, gibt einen bestimmten Eindruck, aus einer anderen Perspektive, einen ganz anderen, aber erst, wenn man den Gesamtkontext kennt, versteht man, was tatsächlich passiert ist. Das gilt umso mehr, wenn klischeebehaftete Personen, wenn Stereotypen involviert sind.

An einem aktuellen Artikel des „Spiegel“ kann man das wunderbar durchexerzieren. Er behandelt das Haschischproblem des Kopenhagener Szeneviertels „Christiania“. Dort hatte es vor ein paar Tagen einen ernsthaften Zwischenfall mit einem Todesopfer, einem lebensgefährlich verletzten Polizisten und zwei Schwerverletzten gegeben.

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Abraham, Isaak und Jakob

Zufällig Abraham in der Stadt getroffen, den Eritreer, einer meiner fünf ersten Schützlinge. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Gelegenheit in Kürze nach allen anderen zu fragen. Sein Deutsch merklich besser.

Wie geht es:

  • Dir? – Gut, alles in Ordnung. Mache im Dezember meine B1-Prüfung. Will danach Tischler werden. (Im Winter wollte er noch unbedingt Automechaniker werden. Schwer einzuschätzen, ob der Berufswunsch tatsächlich besteht, oder ob es ein angelerntes Wort ist.)
  • Jakob? (Er war in meiner großen Gruppe, schon etwas älter und mit Frau und Kind hier; half bei der chaotischen Erstbesetzung der großen Erstaufnahme, die nun wieder leer ist) – Alles okay!
  • Hawet und Senaid? (Ein Ehepaar) – Die sind nach Dortmund gegangen. – Warum? – Ist besser dort. Haben Freunde.
  • Der kleine Junge, den sie dabei hatten? – Der ist jetzt in Schweden bei seiner Mutter, von der er drei Jahre getrennt war. (Sprechblase: was macht so etwas mit einem Kind?)
  • Haylat? (Er bekam im Dezember den Ausweisungsbescheid nach Italien) Ist noch immer hier. Hat einen Anwalt, der ihm jedes Mal sechs Monate Verlängerung prozessiert. Haylat muß ihn bezahlen.
  • Mohammed? (Er nahm nach dem Mord an Khaled B.  in Dresden an einer Demonstration gegen Rechts teil) Keine Ahnung.
  • Fiori? (Sie war die mit Abstand beste eritreische Schülerin und im November sichtbar schwanger) – Ist mit ihrem Mann (Freund, Eritreer) in eine andere Stadt. – Welche? – Weiß nicht. – Wann hat sie denn ihr Kind bekommen und was ist es? – Ein Mädchen. Vor acht Monaten, nein, im Januar, nein, im Februar. (Wie dem auch sei, ich bin vom frühen Termin überrascht.)
  • Adlan? – Lernt weiter Deutsch. Ist cool wie immer.
  • Isaak? (sorry, einen Isaak gibt es nicht unter meinen Bekannten, aber er paßte so gut in die Reihe. Und unter christlichen Eritreern ist er sicher ein häufiger Name).

Die entscheidende Frage

Ralf Pittelkow – einst marxistischer Literaturwissenschaftler und heute konservativer Journalist – und Karen Jespersen – einst sozialdemokratische Innenministerin, später christdemokratische Wohlfahrtsministerin Dänemarks und heute Autorin und Journalistin – haben in „Den korte avis“ einen mutigen Beitrag zur Asyldebatte veröffentlicht, der wenig Aussicht hat, in deutschen Medien aufgenommen zu werden. Er ist zwar an die dänische Öffentlichkeit gerichtet, hat jedoch in den Kernaussagen auch für deutsche Leser Gültigkeit. Es geht demnach um Sein oder Nichtsein und alles hängt von der Menge des Menschenzustroms ab. Will man diesen steuern, wird man nicht umhin können, die Konventionen – inklusive Flüchtlingskonvention – neu zu denken.

Eine Frage entscheidet darüber, ob Europas freie und friedliche Gesellschaft eine Zukunft hat – aber die meisten Politiker weigern sich, das wahrzunehmen.

Eine der seit Jahren wichtigsten Meinungsumfragen wurde gestern veröffentlicht. Es scheint jedoch, also wollten die dänischen Fernsehanstalten die Bevölkerung darüber nicht informieren.

Die Umfrage wurde vom angesehenen amerikanischen Pew Research Center vorgenommen. Sie zeigt, daß die europäische Bevölkerung ein vernichtendes Urteil über den Umgang der EU mit dem größten Problem unserer Ära fällt: den massiven Strom von Migranten. Die allermeisten Bürger lehnen ab, was die europäische Zusammenarbeit in dieser Angelegenheit bisher geleistet hat.

Es müßte eine vollkommen einleuchtende Selbstverständlichkeit für die dänischen Fernsehstationen sein, dieses Thema aufzugreifen. Aber sie interessieren sich wenig für die Wirklichkeit, besonders wenn es um die Asylpolitik geht. Sie sind mehr damit beschäftigt, Propaganda für die politische Korrektheit zu machen, die im engen journalistischen Milieu immer neue Blüten treibt.

Die Konsequenzen der Massenzuwanderung

Auch bei den verantwortlichen Politikern hat die Meinungsumfrage zu keiner Selbstkritik geführt, obwohl es dringend nötig ist, daß sie den Ernst der Situation endlich begreifen.

Falls der Migrationsstrom wieder Fahrt aufnimmt, wird das die Zukunft der europäischen Länder, als freie und friedliche Gesellschaften, die sie bis heute gewesen sind, zerstören.

Ein großer und dauernder Zustrom von Migranten aus nicht-westlichen, vornehmlich muslimischen Ländern, wird eine andere Gesellschaft hervorbringen. Es werden Gesellschaften sein mit einem deutlich geringeren Zusammenhalt, in Parallelgesellschaften aufgespalten, mit mehr Gewalt und Kriminalität, mit hohem Druck auf die Sozialsysteme, frauenfeindlicher, weniger frei, mit stärkeren antidemokratischen Tendenzen und von religiösen Forderungen gesteuert. Das sind keine bloß theoretischen Behauptungen, das baut auf Erfahrung.

Eine Kardinalfrage

Eine Frage insbesondere entscheidet darüber, ob Europa rapide diesen Weg gehen wird. Es geht um die Anzahl der ökonomischen Migranten und Asylsuchenden. Die Anzahl ist entscheidend dafür, wie stark die freie und friedliche Gesellschaft getroffen werden wird.

Bis zu einem bestimmten Grad kann unsere Gesellschaft Migranten absorbieren und trotzdem gut weiter funktionieren. Tüchtige Leute von außerhalb kann die dänische Gesellschaft auf jeden Fall gut gebrauchen. Aber ein Zustrom der Art und in dem Umfang, wie wir ihn erlebt haben, als die Asylkrise aus dem Ruder geriet, wird schlicht und einfach verheerend sein. Es nützt nichts, daß Politiker über alles Mögliche reden. Über Integrationsprojekte, Arbeitspläne, Regeln für Imame usw. Das ist vergebene Liebesmüh. Wenn die Anzahl der Migranten nicht gering gehalten wird, bleibt alles andere ohne große Wirkung.

So wird unsere Gesellschaft sich auflösen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Konsequenzen

Leider deutet nichts darauf hin, daß sich die Mehrzahl der dänischen und europäischen Politiker den Ernst der Lage vor Augen geführt haben. Sie diskutieren die Asylpolitik weiterhin auf Grundlagen, die ganz einfach nicht in der Lage sein werden, die Anzahl zu kontrollieren.

Wenn man in der Lage sein will, das Problem der Anzahl zu beherrschen, so muß man bereit sein, Konventionen zu brechen – zuallererst die Flüchtlingskonventionen.

Wenn man das nicht tut, wird man die Anzahl nicht beherrschen können. Denn so wird die Zahl nicht davon abhängen, was man politisch verantwortbar für die eigene Gesellschaft hält, sondern es wird davon abhängen, wie viele sich melden und Anspruch auf Rechte machen, wie sie in den Konventionen festgeschrieben stehen, die wiederum unter ganz anderen historischen Gegebenheiten verfaßt wurden.

Selbst wenn eine sehr große Anzahl von ihnen de facto kein Asylrecht genießt, so geben ihnen die Konventionen die Möglichkeiten, in unser Land zu kommen, sofern sie Asyl suchen. Und wenn sie erst einmal im Land sind, ist es schwer, sie wieder hinaus zu bekommen. Das hat sich unter dieser Asylkrise viele Male bestätigt.

Wir befinden uns in einer barocken Situation

Die Lage, in der wir uns befinden, hat etwas Barockes an sich. Wenn dänische und andere Politiker sich den Luxus leisten können, zu sagen, daß die Konventionen wichtiger als alles andere seien, so verdankt sich das der Tatsache, daß andere Politiker den Konventionen widersprochen haben.

Die Hauptursache, warum Dänemark im Moment nicht im Migrationsstrom ertrinkt, ist die Schließung der Balkan-Route. Hinter dieser Schließung liegt ein Bruch mit den Konventionen. Eine ganze Reihe Länder – von Österreich bis Mazedonien – haben selbstständig beschlossen, daß der Aspekt der Begrenzung der Anzahl wichtiger ist als der Aspekt der Konventionen. Also haben sie strenge Grenzkontrollen eingeführt und achten darauf, wie viele Migranten sie entgegennehmen.

In diesem Windschatten können dänische Politiker Diskussionen darüber führen, wie wichtig es doch sei, alte Konventionen einzuhalten. Die Götter mögen wissen, was sie tun würden, sollte die Schließung der Balkan-Route zusammenbrechen oder wenn die alternative Route durch Italien Massen von Migranten in unsere Richtung sendet.

Die entscheidende Frage und die entscheidende Antwort

Die Anzahl der Wirtschaftsmigranten und Asylsuchenden aus nichtwestlichen, hauptsächlich muslimischen Ländern wird über das Schicksal Europas entscheiden. Die Frage der Zahl ist die entscheidende Frage in der jetzigen historischen Situation.

Und die Antwort auf die Frage handelt von den Konventionen. Europas freie und friedliche Gesellschaft wird keine Zukunft haben, sofern wir nicht in der Lage sind, mit den Konventionen zu brechen.

© Pittelkow/Jespersen – „Den korte avis“ vom 9.6.2016

Eritrea unplugged

Fragt man die Eritreer, weshalb sie in Deutschland sind, werden sie schmallippig. Nur Adlan, der Aufgeweckteste unter ihnen, sagt was von „democracy“. Fragt man, was Demokratie für ihn bedeutet, erhält man Schweigen oder Gemeinplätze wie: „freedom“. Fragt man schließlich, wo es am schönsten ist auf der Welt, beginnen die Augen zu leuchten: ERITREA – kein schöner Land!

Eritrea sollte uns alle angehen. Seit Jahren fließt ein konstanter Strom an eritreischen Flüchtlingen nach Europa. Manchmal sollen es 5000 pro Monat sein, alarmistische Quellen sprechen von unglaublichen 360 000 allein im letzten Jahr, meist Männer, und das bei einem Land von nur knapp sechs Millionen Einwohnern. In Deutschland kamen davon letztes Jahr 13 253 und in diesem Jahr 10 102 offiziell an, aber diesen Zahlen ist kaum zu trauen – es schwirren alle möglichen Ziffern durch die Medien. Einmal sollen die Eritreer mehr als 8%, ein andermal 3,3% oder 2,6% der Flüchtlinge ausmachen, diese Zahlen können mit den absoluten Zahlen nicht übereinstimmen, wenn man von einer Million Asylsuchenden im Jahr 2015 ausgeht, eine Nummer, die ohnehin zu niedrig sein muß und aller Logik entbehrt, denn allein im Herbst dürften so viele Menschen die deutsche Grenze überschritten haben.

Die Eritreer jedenfalls sind in Massen hier, sie prägen mit ihrer auffälligen Physiognomie alle Städte. Was bringt sie dazu, den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu wagen, der so viele Menschenleben fordert?

Schon diese Frage ist nicht korrekt gestellt. Alle Eritreer, die ich befragen konnte, kamen nicht auf einem Seelenverkäufer übers große Wasser, sondern nutzten ganz offiziell Fähren und Passagierschiffe. Was die deutsche Öffentlichkeit aus der Presse über das ostafrikanische Land weiß – obwohl sie zugibt, daß sie so gut wie nichts weiß -, ist in Kürze dies: eine brutale Militärdiktatur unterdrückt die eigene Bevölkerung, preßt sie massenweise und auf unabsehbare Zeit ins Militär, wo gehungert und gefoltert wird – ein freudloses Leben in Angst und Elend; die Menschen sind bitterarm; auf dem Pressefreiheitsindex steht Eritrea an letzter Stelle, es ist – in einem Wort – das Nordkorea Afrikas. Tatsächlich gibt es nur eine Zeitung und einen Fernsehsender, von Meinungsvielfalt kann keine Rede sein. Tatsächlich gibt es den sogenannten „Zivildienst“, der für die meisten Männer, aber auch viele Frauen einen 18-monatigen Militärdienst bedeutet, welcher unbegrenzt verlängert werden kann. Von meinen 20 Eritreern war es einer, der in der Armee gedient hat oder dies äußerte (als ich meine 36 Monate erwähnte, staunte man mich wie einen Helden an). Meist wird der Zivildienst dann auch zivil fortgesetzt – die Menschen werden in einen zivilen Job gezwungen, wo sie für 30 Euro im Monat als Kellner oder Landarbeiter oder Lehrer etc. arbeiten müssen, also ganz normale Berufe ausüben.

Aufgrund des noch immer anhaltenden Militärkonflikts mit dem mächtigen Äthiopien, von dem man sich 1993 emanzipierte, meint Präsident Afewerki und seine „Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit“ die Notwendigkeit einer starken Armee begründen zu können. Man kann Afewerki mit Fidel Castro vergleichen, ein in sich selbst erstarrter einst verdienstvoller Freiheitskämpfer.

Sieht man sich dagegen italienische und afrikanische Quellen an, kann ein ganz anderes Bild entstehen. Italien hat als ehemalige Kolonialmacht ein besonderes Interesse an Eritrea, zudem nimmt es auf Lampedusa, Sizilien und in Kalabrien den Großteil der Boatpeople auf und muß sich auch den hunderten Leichen immer wieder stellen. Die Dokumentationsserie „Settesera“, wesentlich von der Afrika-Korrespondentin Marilena Dolce gestaltet, spricht zwar ebenfalls von großer Armut in einem agrarischen Wüstenland, zeichnet hingegen auch Szenen des Friedens, der Eintracht, der Einfachheit. Auch diese haben etwas für sich. Eritrea besteht aus neun verschiedenen Ethnien und ist jeweils zur Hälfte christlich und muslimisch. Von Spannungen keine Spur. Es scheint überhaupt ein Land ohne Straßenkriminalität zu sein. Die Menschen werden als gelassen, zufrieden und mit natürlichem Stolz ausgestattet beschrieben, es sei „wie in den 40er oder 50er Jahren in westlichen Ländern“.

Dort berichtet auch Christine Umutoni von den Vereinten Nationen über ihre Arbeit vor Ort und sie betont die enormen Fortschritte, die das Land auf dem Weg zur wirtschaftlichen und sozialen Eigenständigkeit gerade macht. Von den sogenannten „United Nations Millenium Development Goals“ wurden drei bereits erreicht: das Senken die Kindersterblichkeit, der Müttersterblichkeit und die Bekämpfung von AIDS und Malaria. Eritrea hat für seine Verhältnisse ein ausgesprochen avanciertes Gesundheitssystem. Fortschritte gibt es auch in allen anderen Punkten: Armutsbekämpfung, Schulbildung für alle, Geschlechter-gleichheit, ökologische Nachhaltigkeit und globale Zusammenarbeit. So liegt Eritrea in der Pro-Kopf-Nutzung der Sonnenenergie weltweit an Stelle zwei. Die UN-Vertreterin sieht jedenfalls ein aufstrebendes afrikanisches Musterland in Eritrea, niemand muß hungern, Bildung und medizinische Versorgung sind flächendeckend und frei. Sie bewundert den Stolz der Eritreer, deren Liebe für ihr eigenes Land und den Willen, dafür zu arbeiten, sie sieht in Eritrea einen der wenigen afrikanischen Staaten, die den „richtigen Weg eingeschlagen haben, um die Milleniumsziele zu erreichen“. Sie wirbt für verstärkte internationale Hilfe und wendet sich unausgesprochen gegen die Isolationspolitik der EU und der USA und stellt sich auf die Seite Großbritanniens, wo Eritrea als sicheres Herkunftsland gilt. „Jeder investierte Dollar trägt reiche Früchte in diesem Land“. In Wirklichkeit leidet Eritrea unter westlichen Sanktionen.

Sieht man die Bilder aus Asmara, der Hauptstadt, dann scheinen diese jene Worte zu bestätigen. Die Armut als Problem verschweigt niemand und auch der „Zivildienst“ wird immer wieder erwähnt. Sehen die einen darin ein Repressionsinstrument, so machen die anderen daraus eine ökonomische Notwendigkeit. Signora Dolce – deren Beiträge erbitterte pro- und contra-Diskussionen auslösen – versorgt uns mit Bildern von erfolgreichen Unternehmern, von enttäuschten Müttern, die ihre geflohenen Kinder zurückflehen, von Lehrern, die an die Jugend appellieren, doch das eigene und nicht fremde Länder aufzubauen, sie weist auf ein reiches Kulturleben (Musik und Film – siehe Youtube) hin, auf ein mediterranes Flair. Ich selbst habe eine italienische Freundin in Asmara, die dort als Lehrerin an der italienischen Schule arbeitet und vom Land schwärmt.

Nach diesem „Narrativ“ flüchten die jungen Leute also nicht primär vor Unterdrückung, sondern vor der relativen Armut und Einfachheit des Lebens. Demnach sind sie vom westlichen Lebensstil angezogen, suchen das angenehme, bunte Leben, den Wohlstand, scheuen die Anstrengung, wollen Internet, sind kurz und gut: Wirtschaftsflüchtlinge. Meine nichtrepräsentativen persönlichen Erfahrungen tendieren in diese Richtung.

Die innere Logik wäre dann diese: Je mehr junge Menschen das Land verlassen, desto mehr werden die Zurückgebliebenen gezwungen sein, soziale und materielle Härten auf sich zu nehmen. Ein so radikales Urteil wie Andreas Strixner, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer und AfD-Mitglied, möchte ich mir nicht zutrauen – für ihn sind die Eritreer schlicht und einfach Wehrdienstverweigerer. Angesichts der weiterhin auf uns zukommenden Welle an Asylsuchenden scheint eine Neubewertung der eritreischen Situation – zumal auch Äthiopier und Somalis sich aufgrund der überwältigenden Anerkennungsquote von über 90%, die zudem wie ein mächtiger Magnet wirkt, gern als Eritreer ausgeben – allerdings unbedingt erforderlich. Statt das Land durch Sanktionen wirtschaftlich zu schwächen, könnte eine ökonomische und logistische Hilfe möglicherweise viele Probleme lösen.

Im Übrigen unterstützt der Westen mit seiner Asylpolitik das diskreditierte Regime und hält es finanziell am Leben: der eritreische Staat fordert von jedem im Ausland lebenden Eritreer zwei Prozent des Einkommens ein und da die meisten von sozialer Unterstützung leben, bezahlen westliche Sozialsysteme das vom Westen verteufelte Regime.

zur weiteren Lektüre empfohlen:

Andre Vltchek: Englisch / Englisch / Deutsch