Worum es geht

Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben. Goethe

Um mit der Tür ins Haus zu fallen: 25 Jahre deutsche Einheit, 100 Jahre Demokratie, 250 Jahre Aufklärung, 350/450 Jahre Religionsfrieden, 1000 Jahre deutsche Geschichte, 2000 Jahre christliche Geschichte, 2500 Jahre europäische Zivilisation stehen auf dem Spiel, der Abbruch dieser Traditionen wird riskiert und wird stattfinden, wenn … Mit Worten, die uns aus der Wetterprognose und dem Klimawandel bekannt sind: das ist die größte europäische und nationale Krise seit Beginn der Aufzeichnungen.

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Blick in die Zukunft V

Nun ist es also so weit. Zum vorerst letzten Mal werde ich Hussain sehen. Über fast ein Jahr trafen wir uns mehrmals die Woche. Anfangs zusammen mit anderen, aber da der Kreis der Teilnehmer immer kleiner wurde, blieben nur wir zwei übrig, gelegentlich von Khaled oder Salim gestört.

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Der Asyl-Irrsinn

Gottes Wege sind unergründlich – das ist bekannt. Aber die Wege der deutschen Bürokratie sind es ebenfalls. Ist die deutsche Bürokratie also Gott? Nun, sie spielt diese Rolle zumindest ziemlich überzeugend. Und Hussain ist eines ihrer Opfer.

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Eine andere Perspektive

Ein alter Werbefilm aus England macht in weniger als 30 Sekunden ein uraltes Problem unmittelbar einsichtig: ein Ereignis, aus nur einer Perspektive betrachtet, gibt einen bestimmten Eindruck, aus einer anderen Perspektive, einen ganz anderen, aber erst, wenn man den Gesamtkontext kennt, versteht man, was tatsächlich passiert ist. Das gilt umso mehr, wenn klischeebehaftete Personen, wenn Stereotypen involviert sind.

An einem aktuellen Artikel des „Spiegel“ kann man das wunderbar durchexerzieren. Er behandelt das Haschischproblem des Kopenhagener Szeneviertels „Christiania“. Dort hatte es vor ein paar Tagen einen ernsthaften Zwischenfall mit einem Todesopfer, einem lebensgefährlich verletzten Polizisten und zwei Schwerverletzten gegeben.

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Abraham, Isaak und Jakob

Zufällig Abraham in der Stadt getroffen, den Eritreer, einer meiner fünf ersten Schützlinge. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Gelegenheit in Kürze nach allen anderen zu fragen. Sein Deutsch merklich besser.

Wie geht es:

  • Dir? – Gut, alles in Ordnung. Mache im Dezember meine B1-Prüfung. Will danach Tischler werden. (Im Winter wollte er noch unbedingt Automechaniker werden. Schwer einzuschätzen, ob der Berufswunsch tatsächlich besteht, oder ob es ein angelerntes Wort ist.)
  • Jakob? (Er war in meiner großen Gruppe, schon etwas älter und mit Frau und Kind hier; half bei der chaotischen Erstbesetzung der großen Erstaufnahme, die nun wieder leer ist) – Alles okay!
  • Hawet und Senaid? (Ein Ehepaar) – Die sind nach Dortmund gegangen. – Warum? – Ist besser dort. Haben Freunde.
  • Der kleine Junge, den sie dabei hatten? – Der ist jetzt in Schweden bei seiner Mutter, von der er drei Jahre getrennt war. (Sprechblase: was macht so etwas mit einem Kind?)
  • Haylat? (Er bekam im Dezember den Ausweisungsbescheid nach Italien) Ist noch immer hier. Hat einen Anwalt, der ihm jedes Mal sechs Monate Verlängerung prozessiert. Haylat muß ihn bezahlen.
  • Mohammed? (Er nahm nach dem Mord an Khaled B.  in Dresden an einer Demonstration gegen Rechts teil) Keine Ahnung.
  • Fiori? (Sie war die mit Abstand beste eritreische Schülerin und im November sichtbar schwanger) – Ist mit ihrem Mann (Freund, Eritreer) in eine andere Stadt. – Welche? – Weiß nicht. – Wann hat sie denn ihr Kind bekommen und was ist es? – Ein Mädchen. Vor acht Monaten, nein, im Januar, nein, im Februar. (Wie dem auch sei, ich bin vom frühen Termin überrascht.)
  • Adlan? – Lernt weiter Deutsch. Ist cool wie immer.
  • Isaak? (sorry, einen Isaak gibt es nicht unter meinen Bekannten, aber er paßte so gut in die Reihe. Und unter christlichen Eritreern ist er sicher ein häufiger Name).

Die entscheidende Frage

Ralf Pittelkow – einst marxistischer Literaturwissenschaftler und heute konservativer Journalist – und Karen Jespersen – einst sozialdemokratische Innenministerin, später christdemokratische Wohlfahrtsministerin Dänemarks und heute Autorin und Journalistin – haben in „Den korte avis“ einen mutigen Beitrag zur Asyldebatte veröffentlicht, der wenig Aussicht hat, in deutschen Medien aufgenommen zu werden. Er ist zwar an die dänische Öffentlichkeit gerichtet, hat jedoch in den Kernaussagen auch für deutsche Leser Gültigkeit. Es geht demnach um Sein oder Nichtsein und alles hängt von der Menge des Menschenzustroms ab. Will man diesen steuern, wird man nicht umhin können, die Konventionen – inklusive Flüchtlingskonvention – neu zu denken.

Eine Frage entscheidet darüber, ob Europas freie und friedliche Gesellschaft eine Zukunft hat – aber die meisten Politiker weigern sich, das wahrzunehmen.

Eine der seit Jahren wichtigsten Meinungsumfragen wurde gestern veröffentlicht. Es scheint jedoch, also wollten die dänischen Fernsehanstalten die Bevölkerung darüber nicht informieren.

Die Umfrage wurde vom angesehenen amerikanischen Pew Research Center vorgenommen. Sie zeigt, daß die europäische Bevölkerung ein vernichtendes Urteil über den Umgang der EU mit dem größten Problem unserer Ära fällt: den massiven Strom von Migranten. Die allermeisten Bürger lehnen ab, was die europäische Zusammenarbeit in dieser Angelegenheit bisher geleistet hat.

Es müßte eine vollkommen einleuchtende Selbstverständlichkeit für die dänischen Fernsehstationen sein, dieses Thema aufzugreifen. Aber sie interessieren sich wenig für die Wirklichkeit, besonders wenn es um die Asylpolitik geht. Sie sind mehr damit beschäftigt, Propaganda für die politische Korrektheit zu machen, die im engen journalistischen Milieu immer neue Blüten treibt.

Die Konsequenzen der Massenzuwanderung

Auch bei den verantwortlichen Politikern hat die Meinungsumfrage zu keiner Selbstkritik geführt, obwohl es dringend nötig ist, daß sie den Ernst der Situation endlich begreifen.

Falls der Migrationsstrom wieder Fahrt aufnimmt, wird das die Zukunft der europäischen Länder, als freie und friedliche Gesellschaften, die sie bis heute gewesen sind, zerstören.

Ein großer und dauernder Zustrom von Migranten aus nicht-westlichen, vornehmlich muslimischen Ländern, wird eine andere Gesellschaft hervorbringen. Es werden Gesellschaften sein mit einem deutlich geringeren Zusammenhalt, in Parallelgesellschaften aufgespalten, mit mehr Gewalt und Kriminalität, mit hohem Druck auf die Sozialsysteme, frauenfeindlicher, weniger frei, mit stärkeren antidemokratischen Tendenzen und von religiösen Forderungen gesteuert. Das sind keine bloß theoretischen Behauptungen, das baut auf Erfahrung.

Eine Kardinalfrage

Eine Frage insbesondere entscheidet darüber, ob Europa rapide diesen Weg gehen wird. Es geht um die Anzahl der ökonomischen Migranten und Asylsuchenden. Die Anzahl ist entscheidend dafür, wie stark die freie und friedliche Gesellschaft getroffen werden wird.

Bis zu einem bestimmten Grad kann unsere Gesellschaft Migranten absorbieren und trotzdem gut weiter funktionieren. Tüchtige Leute von außerhalb kann die dänische Gesellschaft auf jeden Fall gut gebrauchen. Aber ein Zustrom der Art und in dem Umfang, wie wir ihn erlebt haben, als die Asylkrise aus dem Ruder geriet, wird schlicht und einfach verheerend sein. Es nützt nichts, daß Politiker über alles Mögliche reden. Über Integrationsprojekte, Arbeitspläne, Regeln für Imame usw. Das ist vergebene Liebesmüh. Wenn die Anzahl der Migranten nicht gering gehalten wird, bleibt alles andere ohne große Wirkung.

So wird unsere Gesellschaft sich auflösen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Konsequenzen

Leider deutet nichts darauf hin, daß sich die Mehrzahl der dänischen und europäischen Politiker den Ernst der Lage vor Augen geführt haben. Sie diskutieren die Asylpolitik weiterhin auf Grundlagen, die ganz einfach nicht in der Lage sein werden, die Anzahl zu kontrollieren.

Wenn man in der Lage sein will, das Problem der Anzahl zu beherrschen, so muß man bereit sein, Konventionen zu brechen – zuallererst die Flüchtlingskonventionen.

Wenn man das nicht tut, wird man die Anzahl nicht beherrschen können. Denn so wird die Zahl nicht davon abhängen, was man politisch verantwortbar für die eigene Gesellschaft hält, sondern es wird davon abhängen, wie viele sich melden und Anspruch auf Rechte machen, wie sie in den Konventionen festgeschrieben stehen, die wiederum unter ganz anderen historischen Gegebenheiten verfaßt wurden.

Selbst wenn eine sehr große Anzahl von ihnen de facto kein Asylrecht genießt, so geben ihnen die Konventionen die Möglichkeiten, in unser Land zu kommen, sofern sie Asyl suchen. Und wenn sie erst einmal im Land sind, ist es schwer, sie wieder hinaus zu bekommen. Das hat sich unter dieser Asylkrise viele Male bestätigt.

Wir befinden uns in einer barocken Situation

Die Lage, in der wir uns befinden, hat etwas Barockes an sich. Wenn dänische und andere Politiker sich den Luxus leisten können, zu sagen, daß die Konventionen wichtiger als alles andere seien, so verdankt sich das der Tatsache, daß andere Politiker den Konventionen widersprochen haben.

Die Hauptursache, warum Dänemark im Moment nicht im Migrationsstrom ertrinkt, ist die Schließung der Balkan-Route. Hinter dieser Schließung liegt ein Bruch mit den Konventionen. Eine ganze Reihe Länder – von Österreich bis Mazedonien – haben selbstständig beschlossen, daß der Aspekt der Begrenzung der Anzahl wichtiger ist als der Aspekt der Konventionen. Also haben sie strenge Grenzkontrollen eingeführt und achten darauf, wie viele Migranten sie entgegennehmen.

In diesem Windschatten können dänische Politiker Diskussionen darüber führen, wie wichtig es doch sei, alte Konventionen einzuhalten. Die Götter mögen wissen, was sie tun würden, sollte die Schließung der Balkan-Route zusammenbrechen oder wenn die alternative Route durch Italien Massen von Migranten in unsere Richtung sendet.

Die entscheidende Frage und die entscheidende Antwort

Die Anzahl der Wirtschaftsmigranten und Asylsuchenden aus nichtwestlichen, hauptsächlich muslimischen Ländern wird über das Schicksal Europas entscheiden. Die Frage der Zahl ist die entscheidende Frage in der jetzigen historischen Situation.

Und die Antwort auf die Frage handelt von den Konventionen. Europas freie und friedliche Gesellschaft wird keine Zukunft haben, sofern wir nicht in der Lage sind, mit den Konventionen zu brechen.

© Pittelkow/Jespersen – „Den korte avis“ vom 9.6.2016

Eritrea unplugged

Fragt man die Eritreer, weshalb sie in Deutschland sind, werden sie schmallippig. Nur Adlan, der Aufgeweckteste unter ihnen, sagt was von „democracy“. Fragt man, was Demokratie für ihn bedeutet, erhält man Schweigen oder Gemeinplätze wie: „freedom“. Fragt man schließlich, wo es am schönsten ist auf der Welt, beginnen die Augen zu leuchten: ERITREA – kein schöner Land!

Eritrea sollte uns alle angehen. Seit Jahren fließt ein konstanter Strom an eritreischen Flüchtlingen nach Europa. Manchmal sollen es 5000 pro Monat sein, alarmistische Quellen sprechen von unglaublichen 360 000 allein im letzten Jahr, meist Männer, und das bei einem Land von nur knapp sechs Millionen Einwohnern. In Deutschland kamen davon letztes Jahr 13 253 und in diesem Jahr 10 102 offiziell an, aber diesen Zahlen ist kaum zu trauen – es schwirren alle möglichen Ziffern durch die Medien. Einmal sollen die Eritreer mehr als 8%, ein andermal 3,3% oder 2,6% der Flüchtlinge ausmachen, diese Zahlen können mit den absoluten Zahlen nicht übereinstimmen, wenn man von einer Million Asylsuchenden im Jahr 2015 ausgeht, eine Nummer, die ohnehin zu niedrig sein muß und aller Logik entbehrt, denn allein im Herbst dürften so viele Menschen die deutsche Grenze überschritten haben.

Die Eritreer jedenfalls sind in Massen hier, sie prägen mit ihrer auffälligen Physiognomie alle Städte. Was bringt sie dazu, den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu wagen, der so viele Menschenleben fordert?

Schon diese Frage ist nicht korrekt gestellt. Alle Eritreer, die ich befragen konnte, kamen nicht auf einem Seelenverkäufer übers große Wasser, sondern nutzten ganz offiziell Fähren und Passagierschiffe. Was die deutsche Öffentlichkeit aus der Presse über das ostafrikanische Land weiß – obwohl sie zugibt, daß sie so gut wie nichts weiß -, ist in Kürze dies: eine brutale Militärdiktatur unterdrückt die eigene Bevölkerung, preßt sie massenweise und auf unabsehbare Zeit ins Militär, wo gehungert und gefoltert wird – ein freudloses Leben in Angst und Elend; die Menschen sind bitterarm; auf dem Pressefreiheitsindex steht Eritrea an letzter Stelle, es ist – in einem Wort – das Nordkorea Afrikas. Tatsächlich gibt es nur eine Zeitung und einen Fernsehsender, von Meinungsvielfalt kann keine Rede sein. Tatsächlich gibt es den sogenannten „Zivildienst“, der für die meisten Männer, aber auch viele Frauen einen 18-monatigen Militärdienst bedeutet, welcher unbegrenzt verlängert werden kann. Von meinen 20 Eritreern war es einer, der in der Armee gedient hat oder dies äußerte (als ich meine 36 Monate erwähnte, staunte man mich wie einen Helden an). Meist wird der Zivildienst dann auch zivil fortgesetzt – die Menschen werden in einen zivilen Job gezwungen, wo sie für 30 Euro im Monat als Kellner oder Landarbeiter oder Lehrer etc. arbeiten müssen, also ganz normale Berufe ausüben.

Aufgrund des noch immer anhaltenden Militärkonflikts mit dem mächtigen Äthiopien, von dem man sich 1993 emanzipierte, meint Präsident Afewerki und seine „Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit“ die Notwendigkeit einer starken Armee begründen zu können. Man kann Afewerki mit Fidel Castro vergleichen, ein in sich selbst erstarrter einst verdienstvoller Freiheitskämpfer.

Sieht man sich dagegen italienische und afrikanische Quellen an, kann ein ganz anderes Bild entstehen. Italien hat als ehemalige Kolonialmacht ein besonderes Interesse an Eritrea, zudem nimmt es auf Lampedusa, Sizilien und in Kalabrien den Großteil der Boatpeople auf und muß sich auch den hunderten Leichen immer wieder stellen. Die Dokumentationsserie „Settesera“, wesentlich von der Afrika-Korrespondentin Marilena Dolce gestaltet, spricht zwar ebenfalls von großer Armut in einem agrarischen Wüstenland, zeichnet hingegen auch Szenen des Friedens, der Eintracht, der Einfachheit. Auch diese haben etwas für sich. Eritrea besteht aus neun verschiedenen Ethnien und ist jeweils zur Hälfte christlich und muslimisch. Von Spannungen keine Spur. Es scheint überhaupt ein Land ohne Straßenkriminalität zu sein. Die Menschen werden als gelassen, zufrieden und mit natürlichem Stolz ausgestattet beschrieben, es sei „wie in den 40er oder 50er Jahren in westlichen Ländern“.

Dort berichtet auch Christine Umutoni von den Vereinten Nationen über ihre Arbeit vor Ort und sie betont die enormen Fortschritte, die das Land auf dem Weg zur wirtschaftlichen und sozialen Eigenständigkeit gerade macht. Von den sogenannten „United Nations Millenium Development Goals“ wurden drei bereits erreicht: das Senken die Kindersterblichkeit, der Müttersterblichkeit und die Bekämpfung von AIDS und Malaria. Eritrea hat für seine Verhältnisse ein ausgesprochen avanciertes Gesundheitssystem. Fortschritte gibt es auch in allen anderen Punkten: Armutsbekämpfung, Schulbildung für alle, Geschlechter-gleichheit, ökologische Nachhaltigkeit und globale Zusammenarbeit. So liegt Eritrea in der Pro-Kopf-Nutzung der Sonnenenergie weltweit an Stelle zwei. Die UN-Vertreterin sieht jedenfalls ein aufstrebendes afrikanisches Musterland in Eritrea, niemand muß hungern, Bildung und medizinische Versorgung sind flächendeckend und frei. Sie bewundert den Stolz der Eritreer, deren Liebe für ihr eigenes Land und den Willen, dafür zu arbeiten, sie sieht in Eritrea einen der wenigen afrikanischen Staaten, die den „richtigen Weg eingeschlagen haben, um die Milleniumsziele zu erreichen“. Sie wirbt für verstärkte internationale Hilfe und wendet sich unausgesprochen gegen die Isolationspolitik der EU und der USA und stellt sich auf die Seite Großbritanniens, wo Eritrea als sicheres Herkunftsland gilt. „Jeder investierte Dollar trägt reiche Früchte in diesem Land“. In Wirklichkeit leidet Eritrea unter westlichen Sanktionen.

Sieht man die Bilder aus Asmara, der Hauptstadt, dann scheinen diese jene Worte zu bestätigen. Die Armut als Problem verschweigt niemand und auch der „Zivildienst“ wird immer wieder erwähnt. Sehen die einen darin ein Repressionsinstrument, so machen die anderen daraus eine ökonomische Notwendigkeit. Signora Dolce – deren Beiträge erbitterte pro- und contra-Diskussionen auslösen – versorgt uns mit Bildern von erfolgreichen Unternehmern, von enttäuschten Müttern, die ihre geflohenen Kinder zurückflehen, von Lehrern, die an die Jugend appellieren, doch das eigene und nicht fremde Länder aufzubauen, sie weist auf ein reiches Kulturleben (Musik und Film – siehe Youtube) hin, auf ein mediterranes Flair. Ich selbst habe eine italienische Freundin in Asmara, die dort als Lehrerin an der italienischen Schule arbeitet und vom Land schwärmt.

Nach diesem „Narrativ“ flüchten die jungen Leute also nicht primär vor Unterdrückung, sondern vor der relativen Armut und Einfachheit des Lebens. Demnach sind sie vom westlichen Lebensstil angezogen, suchen das angenehme, bunte Leben, den Wohlstand, scheuen die Anstrengung, wollen Internet, sind kurz und gut: Wirtschaftsflüchtlinge. Meine nichtrepräsentativen persönlichen Erfahrungen tendieren in diese Richtung.

Die innere Logik wäre dann diese: Je mehr junge Menschen das Land verlassen, desto mehr werden die Zurückgebliebenen gezwungen sein, soziale und materielle Härten auf sich zu nehmen. Ein so radikales Urteil wie Andreas Strixner, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer und AfD-Mitglied, möchte ich mir nicht zutrauen – für ihn sind die Eritreer schlicht und einfach Wehrdienstverweigerer. Angesichts der weiterhin auf uns zukommenden Welle an Asylsuchenden scheint eine Neubewertung der eritreischen Situation – zumal auch Äthiopier und Somalis sich aufgrund der überwältigenden Anerkennungsquote von über 90%, die zudem wie ein mächtiger Magnet wirkt, gern als Eritreer ausgeben – allerdings unbedingt erforderlich. Statt das Land durch Sanktionen wirtschaftlich zu schwächen, könnte eine ökonomische und logistische Hilfe möglicherweise viele Probleme lösen.

Im Übrigen unterstützt der Westen mit seiner Asylpolitik das diskreditierte Regime und hält es finanziell am Leben: der eritreische Staat fordert von jedem im Ausland lebenden Eritreer zwei Prozent des Einkommens ein und da die meisten von sozialer Unterstützung leben, bezahlen westliche Sozialsysteme das vom Westen verteufelte Regime.

zur weiteren Lektüre empfohlen:

Andre Vltchek: Englisch / Englisch / Deutsch

Alles wahr – keine Wahrheit

Es ist wahr:

– Fachkräfte werden kommen
– Verbrecher werden kommen
– Bereicherung wird sein
– Verarmung wird sein
– Viele sind Flüchtlinge
– Viele sind keine
– „Überbordenden Lernwillen“ (Prantl)
– und überbordende Lernunfähigkeit wird es geben
– Lieben und
– Vergewaltigungen
– Gastfreundschaft
– und Fremdenhaß
– Geld wird es bringen
– Geld wird es kosten
– Integration und
– Parallelgesellschaften
Sumte
– und Suhl
– Leid wird gelindert
– Leid wird geschaffen
– Man wird sich verbünden
– Man wird sich entzweien
– Frauen werden befreit
– Frauen werden unterdrückt
– Homosexuelle werden frei sein
– Homosexuelle werden unfrei werden
– Terror wird man bekämpfen
– Terror wird man erleiden
– Islamisten werden sich umwenden
– Islamisten werden handeln
– Hautfarben werden sich mischen
– Hautfarben werden sich separieren
– Kulturen werden sich bereichern
– Kulturen werden verschwinden
– Friede in den Hütten
– Krieg auf den Straßen …

Das alles ist wahr – aber es ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist alles, was wahr ist.

Wie Farben wird das alles ineinanderfließen – in welchem Verhältnis kann niemand absehen. Die einen glauben, das gäbe ein schönes Bunt, die anderen sagen, es könne nur Grau werden

It’s better to die

„Familiennachzug begrenzen – Unchristlich, aber unvermeidlich?“ – so lautete eine Diskussionsrunde bei Anne Will. Nicht mein Konflikt und dennoch stand ich heute vor der schweren Aufgabe, die ich mir nicht ausgesucht habe, die Aussetzung des Familiennachzuges dem Syrer Muhannad nahe zu bringen. Es kann dauern, Jahre, vielleicht wird es gar nichts, vielleicht doch …

Er hat vier Kinder, eine Frau. Sie leben nicht mehr zu Hause, denn dort sei es gefährlich, sie sind bei den Großeltern untergebracht. Er zeigt mir Videos von lebensfrohen Kindern, acht oder zehn Jahre alt. Die eine wünscht ihn sich zurück, dann fehlen ihr die Worte. Im Hintergrund hört man die Mutter freundlich motivierend, aber der Kleinen fällt vor der Kamera nichts mehr ein, verschämt druckst sie herum. Die jüngste Tochter rezitiert stolz ein paar Verse von Allah und Mohammed, die sie in der Madrasa gelernt hat. Die Kinder sitzen im Bett oder auf dem polierten Steinfußboden, Jeans, T-Shirt, das Haus – soweit man sehen kann – ist sauber und westlich eingerichtet. Ein Photo von seiner Frau aus glücklicheren Tagen: ein rundes Gesicht von rotem Stoff umrahmt. Wenn er telefoniere, so sagt er, dann könne er manchmal die Bombeneinschläge hören. Vor wenigen Tagen erst sei in der Apotheke gegenüber eine Granate eingeschlagen und habe auch die Fenster der großelterlichen Wohnung zerstört. Im Auto sei ein Blindgänger gelandet. Trotzdem nennt er die Gegend verhältnismäßig sicher.

Als ich die neuen Beschlüsse zum Familiennachzug erkläre, wird er still, werden wir alle still. Er ringt um Worte, schluckt. Dann sagt er: „But I hope … I will wait“. Wieder Ruhe und der Satz: „Than it’s better to go back and die with my family“.

Nach der Lektion spricht er noch: „I hope you can help me!“ Was soll ich sagen? Ich nicke und zucke mit den Schultern zugleich.

Semantik – Wir schaffen das!

Kein banaler Satz hat in den letzten Jahren so eine Karriere gemacht wie der Kanzlerin „Wir schaffen das!“

Umgekehrt geht mehr und mehr die besorgte Frage um: „Schaffen wir das?“ Um sie beantworten zu können, muß man sich über die Bedeutung des Ausgangssatzes Gedanken machen.

Mir scheint, es sind vor allem zwei Interpretationen möglich. Dabei setze ich voraus, daß das „wir“ allumfassend gemeint ist, also die gesamte deutsche Gesellschaft, die Menschen und die Institutionen, meint.

Zum einen kann der Satz bedeuten: Die (derzeit angenommenen) 1,5 Millionen Menschen aus anderen Ländern, Kultur- und Sprachkreisen hauen unser Land nicht um, organisatorisch kriegen wir das hin: Empfang, Registrierung, Verteilung, Versorgung, Unterbringung …. Selbst wenn sie sich nicht integrieren sollten, so werden sie am Fundament der Bundesrepublik, zumindest in überschaubarer Zeit, nicht rütteln. Sie würden dann – im ungünstigsten Falle – ins Sozialsystem, die Parallelgesellschaften, die „Gettos“ versickern oder aber das Land wieder verlassen. Eine „Brasilianisierung“ (Heinsohn) des Landes wäre dann schon bejahenswert und als Erfolg, als „geschafft“ zu werten.

Zum anderen kann der Satz besagen: Diese Menschen werden in der Mehrzahl integriert, d.h., sie werden die deutsche Sprache erlernen, die gesellschaftlich akzeptierten Werte übernehmen oder zumindest anerkennen oder sich diesen zumindest unterwerfen, sie werden in den Wertschöpfungsprozeß aufgenommen werden, werden Steuern zahlen, wählen gehen, Kultur betreiben und genießen, werden ihren Pflichten nachkommen und ihre Rechte wahrnehmen.

Sollte die Kanzlerin Interpretation eins mit ihrem mehrfach wiederholten Satz gemeint haben, dann könnte sie wohl recht behalten. Selbst die düstersten Prognosen dürften eine Zeitspanne umfassen, die diesen Satz im historischen Gedächtnis – das in der Regel sehr kurz ist – versickern lassen. So gesehen ist der Satz im schlimmsten Falle ein Pleonasmus – denn alles „schafft sich“, gelingt irgendwie, wird zu etwas – und eine leicht dahingesagte taktische Unüberlegtheit.

Meint sie jedoch tatsächlich die zweite Lesart, steckt strategisches Kalkül dahinter, dann sind Zweifel unbedingt angebracht. Der Zeitfaktor, die Langzeitveränderung, wird ausgeblendet. Der Mensch ist seiner biologischen Konstitution nach ein Horizontwesen – wenn er ein Problem unmittelbar „gelöst“ hat, meint er nicht weiter schauen zu müssen. Zahlreiche historische Beispiele weisen auf eine andere Entwicklung hin. Es ist, immer statistisch gesehen, der deutschen Gesellschaft nicht gelungen, eine viel geringere Zahl an sogenannten Gastarbeitern auch über mehrere Generationen umfassend zu integrieren – warum sollte es in ökologisch katastrophalen, ökonomisch zweifelhaften, politisch unruhigen, finanzpolitisch auf einen weiteren Crash hinlaufenden, bündnispolitisch instabilen … Zeiten bei einer viel größeren, soziologisch viel inhomogeneren, religiös und kulturell viel ferneren, mit ganz anderen Ansprüchen kommenden und in sich extrem differenzierten Gruppen in viel kürzerer Zeit gelingen können?

Um es „zu schaffen“, bräuchte man jetzt ca. 20 000 – 100 000 Deutschlehrer, tausende Übersetzer für Arabisch, Urdu, Paschtun, Tigrinya, Farsi …, tausende Traumapsychologen mit entsprechenden Sprachkenntnissen oder sekundierende Übersetzer mit perfekten Kenntnissen, tausende Polizisten, Sozialarbeiter, Bürobeamte, Psychiater, Ärzte … bräuchten wir all jene Berufsstände, die ohnehin seit Jahren unterbesetzt sind und am Limit agieren, bräuchten wir vor allem Millionen hochmotivierte, integrationswillige und integrationsfähige Zuwanderer.

Der Wunsch ist mit Merkels Aussage, der Verstand zweifelt an diesem.

Nur ein Beispiel.: Schule

Völker, hört die Signale!

Etienne Balibar? Etienne Balibar lebt noch? Etienne Balibar, der zusammen mit Louis Althusser „Das Kapital lesen“ geschrieben hat? Tatsächlich – gestern ein langer, grundlegender, wichtiger  Artikel in der „Zeit“.

http://www.zeit.de/2015/41/asypolitik-europa-fluechtlinge-angela-merkel

Althusser war der weit bedeutendere der Beiden. Mit „Das Kapital lesen“, mit „Für Marx“ und „Lenin und die Philosophie“ hatte er wirkmächtige Bücher geschrieben, wirkmächtig in Studentenkreisen, denn einen Althusser auf dem Tisch liegen haben, das galt schon was. Darin hatte er Marx strukturalistisch gelesen, mit ein bisschen Freud und Lacan vermixt, wie das damals en vogue war – ein kolossales Wortgeklingel, das zwar kein Mensch verstand, das sich aber gerade deswegen wirkmächtig ausnahm – besonders bei bestimmten Frauen … Egal, Althusser jedenfalls galt den 68ern und den Poststrukturalisten als moderner Klassiker und als der beste Kenner von Marx. In seiner von rousseauschem Aufrichtigkeitsfuror geprägten Autobiographie „Die Zukunft hat Zeit“, gestand er später ein, Marx kaum gelesen, nur punktuell zur Kenntnis genommen zu haben, was sich durch besagtes Wortgeklimper aber ganz gut kaschieren ließ. Und dann wurde er noch mal berühmt, weil er seine Frau erwürgte – ja, Althusser würde man so schnell nicht vergessen.

Balibar nun, der Vergessene, meldet sich in der Frage aller Fragen zu Wort und die „Zeit“ – der man für den Abdruck danken muß – titelt den Beitrag schicksalschwanger: „Stunde der Wahrheit“.

Und dann erschrickt man schon über den Einleitungstext: „Angela Merkels Handeln in der Flüchtlingskrise verdient größten Respekt. Sie hat sich für das Asylrecht und gegen die ‚Festung Europa‘ entschieden … Nun muß sich der Kontinent demographisch erweitern und politisch neu definieren.“ Richtig gelesen? Angela Merkel hat sich entschieden und nun muß der Kontinent usw.? Wer ist diese Merkel? Gott? Der Ton jedenfalls ist gesetzt.

In Sprachspielen versiert, definiert Balibar den Gedanken gleich normativ (dazu morgen mehr) um: Was wir erleben ist – da wurde noch gar nichts beschrieben, geschweige denn analysiert –, was wir erleben, ist jedenfalls „eine Erweiterung der Union, ja der europäischen Konstruktion selbst“. Punkt! Analysieren muß man das auch gar nicht, denn die Erweiterung „wird uns vielmehr durch die Ereignisse im Modus eines ‚Ausnahmezustandes‘ aufgedrängt“, diese nicht-territoriale, sondern demographische Erweiterung. Und damit wir uns gleich richtig verstehen, demographische Erweiterung meint „ihrer Natur nach menschliche Erweiterung“ und das ist mindestens doppeldeutig, denn das Gegenteil von „menschlich“ ist sowohl nicht-menschlich (institutionell) als auch unmenschlich. Diese menschliche demographische Erweiterung also nicht als das hinzunehmen, was sie in Balibars Verständnis ist – eine schicksalhafte, vielleicht auch von Gott initiierte und sanktionierte Entwicklung –, könnte darüber entscheiden, ob man menschlich oder unmenschlich denkt und handelt, könnte auch darüber entscheiden, ob man sich innerhalb oder außerhalb des Diskurses der Vernünftigen stellt.

Nun sieht Balibar trotz allem die Gefahr: Wir (alle) sind im „Ausnahmezustand“. Ein schwerwiegender Begriff, der gerechtfertigt werden will. Balibar sieht „daß ein wichtiger Teil der europäischen Verfassung de facto nicht mehr funktioniert“, er sieht, daß der Krieg im Nahen Osten damit zu tun hat (Daß damit die Zahl der Flüchtlinge folglich steigen soll, und nicht nur die der syrischen oder nahöstlichen Flüchtlinge, ist ein gern genutzter, wenn auch erschreckend billiger Hütchenspielertrick der Pro-Asyl-Lobby: Es ist irgendwo Krieg auf der Welt, also haben Pakistanis, Afghanen, Iraker, Syrer, Eritreer, Albaner, Kosovaren, Mazedonier, Serben, Bosnier, Gambier, Libyer, Malier, Kongolesen, Somalier, Sudanesen, Marokkaner, Tunesier … ein Recht usw.) Vor allem aber sieht Balibar, daß eine „Konfrontation Europas mit sich selbst“ droht, die „durchaus gewaltsame Formen annehmen kann.“ Das alles sieht er, klar erkennt er die möglichen katastrophalen Folgen, aber etwas gegen die Ursachen zu tun, kommt ihm nicht in den Sinn, zu stark ist die Gesinnung und die gebietet, selbst bei der Einsicht in die Folgen. (Ein Reh rennt auf die Fahrbahn. Meine humanistische Gesinnung gebietet mir, dieses Lebewesen zu schonen, also bremse ich und nehme in Kauf, daß hinter mir 20 Wagen auffahren. Die Gesinnung war gut.)

An dieser Zäsur versucht er nun die Kanzlerin zu verstehen. Sie habe die Flüchtlingskrise – die eigentlich ein Schicksal ist – als eine „politische“ begriffen. Nicht als eine menschliche, sondern als eine politische. Das heißt, ihre scheinbaren ad-hoc-Entscheidungen sind eben nicht emotionale, sondern notwendige, strategische, also politische Entscheidungen. Als Dea Angela kann sie – Kraft ihrer Wassersuppe – den Ausnahmezustand erklären – was sie im streng politischen Sinne im Übrigen noch immer nicht getan hat. Mit „Ausnahmezustand“ meint Balibar die Verbalisierung dessen, was ist und eben nicht eine politische Entscheidung. Taschenspielertrick 2. Den Ausnahmezustand erklärt sie, indem sie „einseitige Maßnahmen verkündet“ – im Stile eines absolutistischen Königs oder eines Generalissimus – „um den Vorrang des Asylrechts“ zu behaupten. Asylrecht hebelt qua Merkelbeschluß und von der postsartreischen französischen Philosophie gebilligt, alle anderen Rechte aus, Artikel 16a wird von nun an Artikel 1. (siehe dazu: http://www.focus.de/politik/deutschland/wir-verteidigen-europas-werte-asylrecht-kennt-obergrenze_id_5016673.html). Dies ist zwar nicht rechtens, wird von der Morallinken aber gefeiert, ist also richtig, und zwar weil es ihr, der Linken, gefällt. Logisch ergibt sich daraus – noch immer Kraft ihrer Wassersuppe – „eine Erneuerung der demokratischen Werte unserer (sic!) Staaten“. Damit die Grenzen dieser neuen Demokratie gleich mal abgesteckt werden, schließt sie (dieses „sie“ ist auch bei Balibar doppeldeutig), schließt sie also „jede ‚Toleranz‘ gegenüber fremdenfeindlichen Strömungen definitiv aus“, inklusive der unausgesprochenen Feststellung, daß jeder Widerstand „fremdenfeindlich“ ist.

Das Schulterklopfen des strukturalistischen Stalinisten müßte die „Christdemokratin“ eigentlich bis ins Mark erschüttern, aber wir leben in Zeiten, in der Bündnisse ganz neu geschlossen werden – die alten Begriffe gelten nicht mehr, the time is out of joint. Versteht das endlich!

Balibar jedenfalls fühlt sich in diesen Aporien wohl wie der Fisch im Wasser. Aufkeimende Legitimitätszweifel werden demographisch-medial weggewischt. Sie, die Kanzlerin, „hat die Welle der Solidarität eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung aufgenommen“, sie war ergo nur das Medium, das Ohr an der Menge. Als alter Dialektiker hätte Balibar eigentlich wissen müssen, daß hier starke Rückkopplung- und Synergieeffekte zwischen Dea-Medien-und-„eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung“ gegeben hat. Wider Willen wird die Politikerin unbemerkt desavouiert – man nennt so etwas landläufig Populismus, einer der zahlreichen Gegensätze von Politik. Als Erklärungsansätze dienen einmal mehr nicht die Interessen des Landes, des Volkes, der Partei, der Menschen, die sie zu vertreten hat, sondern „Merkiavelli“ sah eine Gelegenheit, „das Bild der Unmenschlichkeit geradezurücken, welches ihr die ‚Regelung‘ der Griechenlandkrise eingetragen hat“. „Sie“ – Sie – „veränderte die Rahmenbedingungen, in der künftig die ungelöste Frage nach der europäischen Verfassung diskutiert werden wird“, obwohl es die „objektive Folge“ zeitigt, „daß sie den latenten Konflikt um die europäische Identität verschärft“.

Abzufinden hat man sich auf jeden Fall damit, denn der point of no return ist sowieso überschritten. Genau das ist es, was viele Menschen nicht akzeptieren wollen und was sie in eine ohnmächtige Verzweiflung bis Wut treibt: Daß Dea Angela entscheidet und das Land und seine Menschen vor vollendete und irreversible Tatsachen stellt. Das ist nicht Politik – also das Gemeinwesen betreffende und von der Polis getragene Entscheidungen zu fällen – das ist Apokalypse, Offenbarung, fleischgewordenes Wort. Das ist auch pervertierter Marx: „Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Dea ergreift“.

Worauf Balibar letztlich hinaus will, ist politisch durch und durch. Die uralte linke Denkfigur der Verantwortlichkeit, „weil Globalisierung Armuts- in Kriegszonen verwandelt“, die absurde Behauptung der apriorischen Grenzenlosigkeit Europas (das drei Viertel von der natürlichen Grenze des Meeres umgeben ist), führt letztlich zu des Pudels Kern: „Der Zugang zur europäischen Staatsbürgerschaft“ für alle Flüchtlinge, welche von den noch-existierenden europäischen Staaten verhindert wird, „nur“ – nur! – „weil sie sich weigern, den Weg der Supranationalität zu gehen“. Nur deshalb. Was aber ist der Staat? Das „kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: „Ich, der Staat, bin das Volk.“? Armer naiver Nietzsche: „L’État, c’est moi!“ – das haben wir ja schon gehört. Aber warum sollte der Staat Supranationalität überhaupt wollen? Unter Supranationalität meint Balibar nicht herkömmlich die internationale Verflechtung, er meint damit die komplette Auflösung des historisch gewachsenen Staates und der Nation und der Völker und die scheint alternativlos zu sein. Ein nationenfreier Superstaat mit einer europäischen Staatsbürgerschaft, die jedem verliehen wird, der hier ankommt, und jedem, der hier geboren wird. Die hochschwangere afghanische Immigrantin, die hinter der europäischen Grenze entbunden wird – voilà, ein Deutscher, Franzose, Italiener, Grieche, später ein „Europäer“, erblickt das Licht der Welt. Die europäische Staatsbürgerschaft hieße auch, daß gegen den status quo der vollkommenen Europäisierung nicht mehr demokratisch angegangen werden kann, zumindest ab jenem Moment nicht mehr, ab welchem die neuen europäischen Staatsbürger eine kritische Masse darstellen und ihre Interessen durch Wahl vertreten. (Sollte Schweden z.B., dessen Einwohneranteil mit migrantischem Hintergrund in Bälde die 50% übersteigt, ein ius soli einführen, dann wäre traditionellen schwedischen Bürgern die demokratische Abwahl kaum mehr möglich). Unabdingbar erscheint Balibar das ius soli schon deswegen, weil es „bekanntlich einer der mächtigsten Faktoren für die Integration auch der Eltern ist“. Diese Statistik ist zwar noch nicht gedruckt, aber was schert den Gesinnungsdenker die Empirie?

Aus all dem macht Balibar keinen Hehl: „Deutschlands (=Merkels) Entscheidung hat den europäischen Ausnahmezustand offiziell gemacht … Viel wichtiger jedoch ist die Feststellung, daß die Öffnung Europas für die Flüchtlinge eine Veränderung der herrschenden Politik mit sich bringen wird, die quer zu seiner jetzigen Wirtschaftsordnung steht.“ Jetzt endlich verstehen wir, was Balibar treibt: Es ist der alte pseudomarxistische Traum vom „Sturz des Kapitalismus“, euphemistisch ausgedrückt: „den neoliberalen Trend umkehren“. Und das neue Proletariat, die pauper – die es im Westen als handlungsfähige Klasse ja nicht mehr gibt – wird aus den Flüchtlingen rekrutiert. Nun kann sich der Strukturalstalinist nicht mehr halten und vergißt sich für einen kurzen Moment, kommt aus dem Wort-Versteck: „Diese Veränderungen können demokratisch entschieden, sie könnten aber auch technokratisch von oben aufgezwungen werden. Im ersten Fall werden sie scheitern, im anderen haben sie immerhin eine Chance auf Erfolg.“ Wohlgemerkt: im ersten Fall werden sie scheitern, im demokratischen! Zurück zur stalinistisch-technokratischen Diktatur. Und wer bietet sich an? Die Dea! Unheilige Allianzen!
….
Und weil das schon beschlossene Sache ist, wird im Schlußteil großzügig von „wir“ gesprochen und viele Male von „wir müssen“. Und vom „Europa der der Solidarität“, von der „transnationalen Front der Ablehnung der Flüchtlinge“ – Ablehnung dieser Politik meint in deren Buch immer Ablehnung der Flüchtlinge, der Menschen, ist konsequenterweise unmenschlich. Und dieses orwellsche „Wir“ ist dann sogar identisch mit „der Sache der Flüchtlinge“ – alle antagonistischen Widersprüche beseitigt, der alte Traum der Pseudomarxisten in Erfüllung gegangen.

Druckversion Word: Völker hört die Signale – Balibar

Didaktik – Deutsch für Ausländer

Seit sechs Wochen unterrichte ich zwei verschiedenen Gruppen (ca. 12 und 5) eritreeischer Flüchtlinge die deutsche Sprache. Zeit für ein erstes vorsichtiges Fazit, Zeit vielleicht auch, um ein paar Hinweise zu geben.

 
Daß es Eritreer sind, ist reiner Zufall. Ich meldete mich bei einer kirchlichen Organisation, die Sprachkurse anbietet. Dort wußte man selber nicht, wer kommen würde. Im vorherigen Kurs, so wurde mit berichtet, saßen ca. 20 Syrer. Die meisten von ihnen, so sagte man mir, hätten in diesem 12-wöchigen Kurs das Alphabet gelernt, einige seien aber auch, Originalton: „zu alt gewesen, um noch etwas lernen zu können“. So viel zum Thema Herzchirurgen und IT-Manager aus dem oft gelobten syrischen Schulsystem. (allerdings wurde diese Aussage just heute relativiert, dazu später).

 
Die Eritreer, insgesamt ca. 20 Männer und zwei Frauen (in zwei Gruppen aufgeteilt, für zwei Lehrer), scheinen sehr dankbare, stille, bescheidene Menschen zu sein (ganz anders als Somalier z.B.). Ich unterrichte sie sowohl in einem kirchlichen Gebäude als auch bei ihnen zu Hause.

 
Bewährt hat sich von Beginn an, streng und entschieden zu sein. Bevor ich überhaupt zu unterrichten begonnen habe, machte ich deutlich, daß ich volle Konzentration im Unterricht erwarte, fleißige Arbeit zu Hause und pünktliches Erscheinen zu den Terminen. Sollte das nicht möglich sein, so machte ich klar, werde ich den Unterricht sofort beenden und mir Menschen suchen, die wirklich lernen wollen. Obwohl die meisten schon über ein Jahr in Deutschland weilen, auch Kurse besucht wurden, ist das Niveau sehr schwach, sind praktisch keine Kenntnisse da, von zwei, drei Leuten abgesehen. Sicher, von Tigrinya zu Deutsch, das ist ein riesiger Schritt und selbst die Aussprache schafft hohe Hürden. So fällt es ihnen noch immer schwer, den langen Vokal „i“ am Wortanfang („ihr“) auch nur auszusprechen.

 
Mein Eindruck: diese Menschen sind vergleichsweise haltlos, haben kaum eine Alltagsstruktur, langweilen sich seit Monaten und Jahren und sind für eine Strukturierung sehr dankbar. Außerdem haben einige der Männer militärische Erfahrung, sind den festen Ton also gewöhnt. Eigeninitiative zeigen bisher nur wenige – gibt man ihnen keine Aufgaben wird auch nichts gemacht. Andererseits haben alle mindestens sieben Jahre lang eine Schule besucht, sind das Lernen also gewöhnt. Tempovorstellungen und Rhythmen freilich unterscheiden sich deutlich von meinen.

 
Jede Stunde beginne ich auf Englisch mit einem Überblick über die politische Lage. Da wir im Ort eine der größten Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik haben (http://www.wirsinddeutschland-plauen.de), erleben sie die Spannungen sehr direkt. Immer wieder ermahne ich sie, die Chance in Deutschland zu nutzen und der erste Schritt sei das zügige Erlernen der Sprache. Nur so bestünde eine Möglichkeit, irgendwann in diesem Lande anzukommen. Sie hören sehr aufmerksam zu, der Motivationseffekt ist deutlich spürbar. Ich empfehle allen Lehrenden, der Ernsthaftigkeit der Situation angemessen, mit zurückhaltender Freundlichkeit, Offenheit und Autorität aufzutreten – scheindemokratisches „wollt ihr dies oder das“, vor überflüssige Alternativen stellen etc., führt nur zu Chaos, Desorientierung, Desinteresse und Unkonzentriertheit. Die Erfolge sind bereits sichtbar, schon nach sechs Wochen spürt man das wachsende sprachliche Selbstvertrauen. Mein Ziel ist es, diese Gruppe in einem Jahr zu befähigen, sich selbständig in Deutschland zu orientieren. Sie wissen, daß ihnen nicht viel Zeit bleibt, sie wissen, daß täglich Tausende ins Land strömen und sie wissen, daß die Ressourcen knapp sind.

 
Heute nun kamen zwei syrische Männer hinzu, beide mit recht guten Englischkenntnissen. Auch diesen werde ich nun gesondert Deutschstunden geben, allerdings im Austausch Arabisch bekommen. Einer der beiden Männer hat, wie er sagt, Lehramt Arabisch studiert, der andere beschrieb sich als Geschäftsmann. Sein lauter Klingelton war ein schrilles „Allahu Akbar“ – woraufhin ich ihm empfahl, dies zu ändern, um eventuelle Probleme in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Auch das wurde sehr dankbar entgegen genommen und sofort umgesetzt.

 
Beispiel meiner heutigen Stunde:
1. Hausaufgaben einsammeln (ich gebe sehr viel HA, um die Vorgabe, jeden Tag wenigstens eine Stunde Deutsch zu üben, durchzusetzen)
2. „My little speech“ – in Englisch, damit alle verstehen. Heute: zur sonntäglichen Demo, zu Pegida, zu den Gesetzesänderungen, zu den Plänen in der Stadt eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung für vorerst 300, mittelfristig 600 und langfristig gemunkelte und schnell dementierte 3000 Asylbewerber einzurichten; Gesundheitstipps, um sich vor Erkältungen und Grippe zu schützen; kommende Zeitumstellung
3. Konjugieren der Hilfs- und Modalverben, jeder einzeln alle Verben (muß jetzt fehlerfrei sitzen)
4. Die Sinnesverben plus „denken“ und „glauben“ – verstehen und konjugieren
5. Obst und Gemüse – anschauen, Name lernen, Gebrauch und eventuelle Gefahren (roh, gekocht, mit oder ohne Schale, Kerne, mögliche landwirtschaftliche Chemikalien etc.) Erstaunlich: sehr vieles ist ihnen unbekannt, selbst Granatapfel und Feigen
6. Ausgabe der Hausaufgaben – darin ausführliche Wiederholungsübungen plus Erlernen von 12 wichtigen Sätzen wie „Entschuldigung, können Sie mir bitte helfen“, also um Hilfe bitten, Ansprechen, Richtung erfragen, Bitten und Fragen formulieren etc.

 
Feedback: 12-faches und sehr herzliches „Dankeschön“. Was will man mehr?

Zukunft – Knickt Schweden ein?

In den großen deutschen Medien noch nicht mitteilungswürdig, in der skandinavischen Presse dagegen die Topmeldung: Das Land mit 9,6 Mio Einwohnern – vor 20 Jahren waren es noch 800 000 weniger, die Geburtenrate stieg von 1,5 im Jahre 2000 auf fast 2 im Jahre 2015 – schultert anteilig die größte Last in der Flüchtlingskrise. In diesem Jahr werden nahezu 190 000 Flüchtlinge dazu kommen (doppelt so viel wie angenommen), fast jeder Tag stellt einen neuen Einzelrekord auf, letzten Dienstag wurden allein 1792 Personen registriert. Schulen, Turnhallen, Campingplätze, Jugendherbergen, Hotels, Kasernen sogar ausgediente Gefängnisgebäude und Kriegsschiffe müssen als Notunterkünfte herhalten. Die Kosten explodieren, ein neuer Haushalt muß her, mehr als 29 Milliarden Kronen werden zusätzlich allein im nächsten Jahr von Nöten sein, rechnet man die Integrationskosten hinzu, werden 60 Milliarden Kronen fällig, 15 Milliarden mehr als der gesamte Verteidigungshaushalt. Kredite müssen aufgenommen, Sparmaßnahmen getroffen werden. Erste Prognosen sehen voraus, daß Schweden in 10 – 15 Jahren ein Land sein wird, in dem die Mehrheit der Einwohner Migrationshintergund aufweisen wird. Derweil steigen die inneren Spannungen – eine Serie von Brandanschlägen auf Asylunterkünfte erschüttert das Land. Gegner und Befürworter der Asylpolitik stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Schon zu Beginn des Jahres äußerten muslimische Verbände, daß sie Verhältnisse wie im Deutschland der 30er Jahre fürchteten.

 
Nun scheint der schwedische Ministerpräsident (Sozialdemokratische Arbeiterpartei), bislang ein stoischer Befürworter der alternativlosen Einwanderung, seine innere Ruhe verloren zu haben. Er appellierte an die europäischen Partner, daß Schweden die Last nicht alleine tragen könne. „Jetzt wird es ernst“. Der Ruf nach Schließung der Grenze wird lauter, mindestens aber Kontrollen müssten her. Beides wird nun öffentlich diskutiert, beides wäre ein Tabubruch in der schwedischen Politik.

 
Im Nachbarland Dänemark sieht man es mit Besorgnis. Während die einen meinen, nun sei das kleine Land gefragt und müsse Schweden entlasten, kommentieren andere zynisch: „Wie man sich bettet, so liegt man“ oder „Nun beginnen die Äste unter Schweden zu brechen, das unter viel Tamtam so hoch wie möglich auf den Baum der Moral klettern wollte, um auf seine moralisch zweifelhaften Nachbarn hernieder zu schauen.“

 
Quellen:
http://www.svd.se/just-nu-170-000-asylsokande-2016/om/flyktingkrisen-i-europa
http://www.dn.se/nyheter/sverige/regeringen-behover-lana-for-att-klara-flyktingkrisen/
http://www.gp.se/nyheter/sverige/1.2871828-flyktingprognosen-mer-an-fordubblad
http://politiken.dk/udland/ECE2895539/sverige-i-flammer-fem-brande-paa-asylhjem-paa-10-dage/
http://politiken.dk/debat/profiler/hansdavidsen/ECE2895073/luk-graensen-sverige/
http://www.b.dk/globalt/svenskere-forhandler-om-graensekontrol
http://www.jyllands-posten.dk/protected/premium/international/ECE8142872/Medier-Sverige-har-kurs-mod-stramninger-p%C3%A5-asylomr%C3%A5det/
http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Schweden-diskutiert-ueber-Grenzkontrollen,rgsh123.html

Artenschutz für den „Asylanten“!

Eine Zensur findet nicht statt §5 GG

Am Dienstag, dem 13.10.2015, erschien dieser Artikel in der „Freien Presse“

FP 13.10.15 Asylanten

Daraufhin schrieb ich einen Leserbrief folgenden Inhalts:

Artenschutz für den Asylanten!

Eine Politikerin meint, das Wort „Asylant“ sei nicht statthaft, da politisch nicht korrekt. Die Leiterin der Agentur für Arbeit entschuldigt sich daraufhin erschrocken für den Gebrauch des „Unwortes“. Schuld soll der Suffix „-ant“ sein, der, so wird ein Sprachwissenschaftler aus der Süddeutschen Zeitung zitiert, den „Asylanten“ als „Killwort“ (sic! – was ist das für eine Sprache?) kennzeichne, dem Wort also eine negative Bedeutung verleihe.

Nun ist die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten und Jahren durch eine unüberlegte Rechtschreibreform, durch Jugend- und Straßensprache, durch Neologismen und Anglizismen, durch „gendergerechte Sprache“ usw. in ihrer Ausdrucksfähigkeit enorm beschnitten worden, denn alle Änderungen zielten auf Differenzierungsverlust. Einen Hegel oder Kant, einen Goethe oder Hölderlin, fein ziselierende Sprachakrobaten, kann es schon deswegen nicht mehr geben, weil das Hochpräzisionsinstrument Deutsche Sprache verdumpft und verstumpft wurde.

Und dazu scheut man auch Desinformation und Diffamierung nicht, wie in obigem Fall. Die Nachsilbe „-ant“ im substantivischen Gebrauch bedeutet nämlich – vollkommen wertungsfrei! –: eine Person oder eine Sache, die etwas tut. Freilich kann man, wenn man Wörter wie „Ignorant“, „Querulant“ und „Denunziant“ aneinander reiht, den Eindruck erwecken, als würden Wörter mit „-ant“ eine negative Konnotation besitzen. Aber man kann mit dieser „Methode“ auch das Gegenteil beweisen. Wie wäre es z.B. mit „Lieferant“, „Fabrikant“, „Gratulant“, „Komödiant“, „Musikant“ „Diamant“, „Laborant“, „Kombattant“, „Kommandant“, „Proviant“ „Hospitant“ oder sogar „Demonstrant“ – alles negativ? Im Gegenteil, wer sich die Mühe macht, die Gesamtzahl der in Frage kommenden Substantive durchzuzählen, der wird ein enormes Übergewicht an positiven oder neutralen Bedeutungen feststellen.

Das sich dahinter verbergende Problem ist dies: Menschen machen ihre Unwissenheit und Ignoranz zum Maßstab von Bewertungen. Nun, das begegnet uns tagtäglich. Unakzeptabel aber wird es, wenn diese Menschen Politiker und/oder öffentliche Personen sind, und unerträglich, wenn sie den Menschen vorschreiben wollen, wie sie zu sprechen haben, also eine Moral daraus ziehen, und skandalös wird es gar, wenn Journalisten, die eigentlich sprachmächtig sein sollten, diese Torheiten auch noch verbreiten!

Und: Der Begriff „Asylant“ ist aus der inneren Logik der Sprache heraus vollkommen neutral und sollte – wie so viele Wörter – unter Artenschutz gestellt werden. Seine Benutzung sagt über die Einstellung des Sprechers – wie im Artikel unterstellt – nicht das Geringste aus, seine Untersagung dagegen sehr viel!

Am Tag darauf bat mich der verantwortliche Journalist, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Es entspann sich ein sehr aufschlußreiches halbstündiges Gespräch über die „Pressefreiheit“ – ein schwieriges Thema, wie mir versichert wurde, denn auch im Haus „munkelt“ und „raunt“ man viel, könne man nicht immer alles offen aussprechen, gebe es verschiedene Grundpositionen. In der Sache wurde mir recht gegeben. Leider werde der Brief – gegen seinen ausdrücklichen Willen – stark gekürzt erscheinen. Und so sieht er aus (15.10.2015)

Leserbrief FP Asyl

Von Zensur zu sprechen, wäre falsch und wohl auch größenwahnsinnig. Die Redaktion behält sich bei Leserbriefen immer das Recht auf Kürzung vor.

Trotzdem ist die „Verschlimmbesserung“ nicht ohne Bedeutung – dahinter verbirgt sich ein ebenso wichtiges Problem. Noch nie ist es mir nämlich gelungen, in der Lokalpresse einen Artikel zu veröffentlichen, in dem nicht unabgesprochen herumgestrichen, gekürzt, umgestellt wurde und noch nie waren diese Eingriffe zum Vorteil des Beitrages. Einige Artikel – Würdigungen Sloterdijks und Heideggers etwa – wurden glattweg abgelehnt, alle anderen Beiträge – komplette und auch abgesprochene Sachartikel ebenso wie Leserbriefe, ja sogar Interviews und Besprechungen meiner Bücher durch festangestellte Journalisten – wurden ohne vorherige Absprache verändert und gekürzt. Das Argument jeweils: „Das verstehen unsere Leser nicht“, „Das trifft nicht unsere Zielgruppe“, „Die Leute lesen keine komplexeren Artikel“ , „Das ist zu hoch“ u. ä.
Wegen zu hoher Qualität abgelehnt zu werden, verwundert denn doch. Es sagt viel über das Bild aus, das sich (diese) Journalisten von ihrer Klientel machen. Und selbst wenn das stimmte, wäre es nicht Aufgabe der Medien, zu versuchen, das Niveau der Leser zu erhöhen anstatt sich dem vermeintlich niedrigen sprachlichen und kulturellen Niveau der Leserschaft anzupassen?
Anpassung nach unten, in die Mitte hinein – das ist die Crux unserer modernen Gesellschaft. Sich strecken, sich aufrichten, streben, „Vertikalspannung“ (Sloterdijk) erzeugen statt sich bücken, täte Not.