Das Märchen von der Prinzessin und dem Edelstein

Es war einmal eine kleine Prinzessin, die fand auf einem Spaziergang durch den Wald einen großen glänzenden Stein.

Der Stein war so schwarz wie ihr Haar, so schwarz, wie sie nie zuvor einen gesehen hatte. Er glitzerte und glänzte an einigen Ecken, war rauh und spitz an anderen. Als sie ihn aufheben wollte, riß sie sich an ihm die Hand und leise begann sie zu schimpfen. Doch im gleichen Moment fiel ein Sonnenstrahl auf den Stein und ließ ihn wie einen Spiegel erglänzen, in dem das schöne Gesicht der kleinen Prinzessin widerstrahlte. So griff sie noch einmal danach, überwand allen Schmerz und alle Anstrengung und schleppte den großen Stein nach Hause.

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Denkanstöße – Sloterdijk VI

Einige willkürliche und ganz subjektiv ausgewählte Beispiele von Sloterdijks aphoristischer, oft ironischer Prägnanz aus seinem neuesten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“. Selbstverständlich aus dem Kontext gerissen.

Götter sind Vagheiten, die durch Kult präzisiert werden.

Zu seinen (Jesu) Dichtern wurden die Evangelisten, die seine Geschichte vom Ende her erzählten. Sie zögerten nicht, ihren Lehrer, dessen Worte vor den fatalen Ereignissen nach seinem Einzug in Jerusalem bei ihnen nachhallten, sagen zu lassen, was er gesagt haben müßte, sollte seine irdische Erscheinung den Sinn haben, ohne den sie nur der Stoff zum Bericht eines Scheiterns wäre.

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Geständnis und Aufklärung

 Albert Wass: Die Landnahme der Ratten

Nun muß ich etwas gestehen – es handelte sich gestern nicht um eines meiner Märchen, der Text wurde von Albert Wass verfaßt. Daß ich diesem lange vergessenen und unterdrückten ungarischen Autor in Zukunft besondere Aufmerksamkeit widmen werde, hatte ich an anderer Stelle bekannt gegeben.

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Die Ratten

Ein Märchen

Das Haus des Mannes stand auf dem Berg und herrschte. Es herrschte über den Garten, die Bäume,  Büsche und über die Saat. Es herrschte über die Felder, Wiesen und Weiden, und herrschte auch über den Wald, der gleich hinter dem Hügel begann und bis in die Berge hineinragte. Die Bäume trugen Früchte, und der Mann, der in dem Haus lebte, pflückte die Früchte und lagerte sie für den Winter. Er sammelte die Saat zusammen und lagerte sie im Keller, daß sie nicht vom Frost vernichtet werde. Vom Feld holte er das Getreide, von den Wiesen das Heu und aus dem Wald das Feuerholz. Und alles lagerte er im Haus oder um das Haus herum, wie es am zweckmäßigsten war. Als der Winter kam, trieb er seine Tiere von der Weide, gab ihnen Unterschlupf in den warmen Ställen und sorgte sich um sie. So lebte der Mann.

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Alles gut?

Menschen, die ein gutes Gewissen haben, haben in der Regel auch ein schlechtes Erinnerungsvermögen. (Johannes Møllehave)

Was ist eigentlich aus Johannes Møllehave geworden? Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört. Zuletzt – das war 2009 – las ich sein Buch „Det ender godt“ („Es endet gut. Über den Tod“). Damit hatte er eine der kommenden zeittypischen Leerparolen eingefangen und vorweggenommen: Man kann heute kaum noch ein Gespräch führen, ohne daß jemand die Floskel „alles gut“ einwirft.

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Maos Spatzen in Berlin

Sicheres Anzeichen dafür, daß Politik durch Abkapselung vom realen Leben in die gefährlichen Sphären der selbstimmunisierenden Phantasie abwandert, ist es, wenn die Protagonisten damit beginnen, ihre eigenen, ganz persönlichen Wahrnehmungen, Erfahrungen, Empfindungen und die daraus gezogenen Schlüsse zu verallgemeinern, als Universallösung anzupreisen und die Öffentlichkeit dazu bringen wollen – durch Zwang, Überredung oder Propaganda – diese auch zu verwirklichen. Stalin und Mao gelten als klassische Beispiele.

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Wie Gott in Ungarn

Man kann in Ungarn sehr gut schlecht essen!

Die magyarische Küche ist kompromißlos und direkt, sie lehnt alle komplizierte Verfeinerung à la française und alle Leichtigkeit der cucina italiana ab. Ihre Hauptingredienzien sind Fett, Salz, Zucker, Alkohol und Paprika. Die Ungarn zahlen dafür einen hohen Preis – ein deutlich niedrigeres durchschnittliches Lebensalter – aber sie heimsen dafür auch einen großen Gewinn ein: puren Genuß!

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Denkanstöße – Imre Kertész

11. Januar 2004 Morgendämmerung. Vorgestern abend ist M. nach Budapest geflogen; ich habe sie ungern gehen lassen, sie fehlt mir. Die Abendmaschine war voller ärmlicher Araber, die in Budapest in irgendeine Nahost-Maschine umsteigen. Eine sonderbare Art armer Familien, mit Frauen, großköpfigen, aggressiv brüllenden Kindern; anstatt mit ihnen Mitleid zu haben, assoziiere ich Bomben und Terror. Europa wird bald zugrunde gehen an seinem einseitigen Liberalismus, der sich als naiv und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht, und nach Hitler waren keine Argumente mehr geblieben: Dem Islam taten sich alle Tore auf, man wagte nicht mehr, über Rassen und Religion zu sprechen, während der Islam fremden Rassen und Religionen gegenüber keine andere Sprache kennt als die Sprache des Hasses. –

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Gespräch mit einem Lehrer

Während der Ferien traf ich mich mit einem Lehrer aus Nordsachsen – wir kennen uns aus Studienzeiten. Er lehrt dort am Gymnasium, ist seit Jahren Beratungslehrer. Darüber unterhielten wir uns vor fünf oder sechs Jahren, als wir uns zum letzten Mal trafen und darüber sprachen wir auch diesmal. In dieser kurzen Zeit hat sich sehr viel verändert.

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Kennt noch jemand Herbert Fritsche?

Nein? Seltsam eigentlich! In den Nachkriegsjahrzehnten erreichten seine bedeutendsten Bücher hohe Auflagen bei renommierten Verlagen. Sein riesiges feuilletonistisches Werk strahlte bis in „Die Zeit“, „Die Welt“ oder den „Spiegel“ hinein.

Fritsche führte eine intensive Korrespondenz mit Martin Buber, Ernst Jünger, Ernst Klett und vielen anderen, war mit Gottfried Benn und Gerhard Nebel befreundet, verstand sich als Schüler Gustav Meyrinks und Alfred Kubins …, kurz, war eine Größe, eine Schnittstelle im intellektuellen Leben Deutschlands der 30er bis 60er Jahre.

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Meine Naivität

Ich gestehe sie ein – sie wurde mir soeben erst wieder vorgeführt. In einem 15-minütigen Gespräch mit einem Buchhändler, einem ehemaligen Buchhändler.

Auf seiner Webseite hatte ich abends ein Buch bestellt. Morgens dann die Nachricht im Emailbriefkasten, daß es das Geschäft nicht mehr gäbe. Die Mail klang seltsam, ich wollte das Buch, also rief ich kurzerhand dort an.

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Die schrecklichen Kinder

Kaum je hat man begriffen, in welchem Maß die von allen Seiten in Dienst genommene „Zukunft“ eine Deponie für die Illusionsabfälle der überforderten Gegenwart darstellt. Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk hatte in seinem Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ einem weit zurückreichenden, nun aber allgegenwärtigen und wirkmächtigen Phänomen nachgesonnen, das unsere modernen Gesellschaften wie ein geheimer Code, eine noch unentdeckte DNA durchdringt: die Bastardisierung. Das ist – vereinfacht ausgedrückt – der Effekt, daß die Generationen nicht mehr durch Erfahrungs- und Erlebenskongruenz aneinander gebunden sind: die Eltern erkennen ihre Kinder nicht wieder, konkreter: sie erkennen sich selbst in ihren Kindern nicht mehr.

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Das große Schlachten

Literatur vergangener Zeiten zeigt uns auch untergegangene reale Welten. So findet sich bei Pontoppidan ganz zum Schluß ein aufschlußreicher Satz. Pastor Gaardbo fährt mit dem Schiff über den Kattegat und gerade als man in den Randers-Fjord einbiegen will, bemerkt er „auf einer Sandbank eine Gruppe Seehunde, die im ersten Morgenschein ein Sonnenbad nahmen“.

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Raptus

In Pontoppidans Roman „Das Reich der Toten“ gibt es eine kurze Szene, die leicht überlesen werden könnte. Jytte, eine der Hauptfiguren des Buches und zum Zeitpunkt schwanger, erlebt inmitten Kopenhagens, beim Überqueren einer Straße, auf der gerade schwere Pferdewagen vorüberrasseln, einen seltsamen Moment, eine Erschütterung wie aus dem Nichts. Weiterlesen

Das Reich der Toten

Es schmerzt immer ein wenig, wenn man die letzte Seite eines großen Romans umschlägt. Dann heißt es Abschied nehmen – umso betrüblicher, wenn die lieb gewordenen oder nahe gekommenen Helden zudem noch sterben. Aber daran erkennt man auch ein Meisterwerk: daß man sitzen bleibt, betroffen, grübelnd, für eine Weile herausgerissen aus dem Weltbetrieb, aus allem, was man noch machen müßte.

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Hitler lebt

Ja, Hitler lebt tatsächlich noch und zwar massenweise, vermutlich vielmillionenfach in den Köpfen  arabischer Männer.

Auf diesen vergessenen Tatbestand hatte etwas verdruckst und vermutlich die Macht der politischen Korrektheit fürchtend, der Spiegel-Journalist Christian Stöcker in einem Gespräch mit Thilo Jung aufmerksam gemacht.

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