Ein Flüchtling kreuzt seine Spur

Es gibt hier, im Süden Ungarns, eine kleine Quartalszeitschrift, die „Batschkaer Spuren”. Ein ungarndeutsches Magazin, von Ungarndeutschen für Ungarndeutsche, ein Traditionsblatt, das zwar keine lange Geschichte aufweisen kann, aber an der Aufarbeitung einer solchen und dem Kampf gegen das Vergessen arbeitet.

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Der Großmeister der Melancholie

Heute vor 30 Jahren starb – von eigener Hand – der große ungarische und europäische Autor, der Großmeister der Melancholie, Sándor Márai im Alter von 88 Jahren. Neben seinen zahlreichen Romanen schuf er als einer der wenigen ein umfängliches Tagebuch von bleibendem künstlerischen und historischen Rang. Ihm verdanken viele Leser unvergeßliche Stunden.

In letzter Zeit ertappe ich mich immer öfter – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im gigantischen Großwörterbuch, dem Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.

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Die Satanischen Verse

Vielleicht sehen sie auch, daß die Kontroverse um die Satanischen Verse im Grunde ein Streit um die Frage war, wer die Macht über die große Erzählung, die Geschichte des Islams, ausüben soll, und um die Meinung, daß diese Macht allen Gläubigen gleichermaßen zusteht. (Salman Rushdie)
Romanfiguren werden geschaffen, damit sie auf eigene Rechnung leben. (Umberto Eco)

Vor 30 Jahren wurde die Fatwa gegen Salman Rushdie, den Verfasser des bedeutenden Buches „Die Satanischen Verse“, verhängt.

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Apokalyps mich!

Ein Freund der Familie hatte sich schon vor ein paar Jahren bis zur Überzeugung gelesen, daß die Welt im Jahre 2019 untergehen werde. Nicht die ganze natürlich, aber die größten Teile Europas seien dabei. Nur ein schmaler Streifen in den Alpen würde verschont. Dort hatte er sich schon 2017 einen Hotelplatz gesichert, den er – schwer mit eisernen Rationen und Trinkwasseraufbereitungsanlage bepackt – beziehen wird, wenn es soweit ist.

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Arnold Zweig Superstar!

Zweig, der „berühmte Schriftsteller“, das ergibt für uns fast immer: Stefan. Scheinbar vergessen ist sein Namensvetter Arnold. Doch dieser begnadete Erzähler, der heute vor 50 Jahren starb, hat ein maßgebliches Werk hinterlassen, das in deutscher Sprache kein Pendant kennt. Man liest ihn nicht mehr – und das hat Gründe.

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Ungarn 1956

„1956 ist auch für die Nachgeborenen eine unerschöpfliche Quelle geistiger, politischer und moralischer Kraft geblieben.“ Paul Lendvai

Erst in Ungarn wird einem bewußt, was der Herbst 1956 wirklich war und was er den Ungarn bedeutet. Selten wird Engels‘ Diktum[1] von den „sich mannigfaltig durchkreuzenden“ Interessen, die stets zu einem von keinem Teilnehmer gewollten historischen Ergebnis führen, den „verschiedenen Ständen“, einer „höchst verworrenen Masse mit den verschiedenartigen, sich nach allen Richtungen, durchkreuzenden Bedürfnissen“, „bald in offenem, bald in verstecktem Kampfe“ sich befindend, so klassisch bestätigt wie in diesen verwirrenden Herbstwochen.

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Ontologie des Tötens

Daß tausende Menschen auf die Straße gehen, wenn Migranten deutsche Bürger töten, hat einen tiefen Grund, den die meisten vermutlich nicht denken und erst recht nicht ausdrücken können, den sie aber – und darauf kommt es an – tief innerlich fühlen. Und solange dieses Gefühl noch funktioniert, hat das Volk in beiderlei Gestalt – als „der Mensch“ im Plural und als historisch-soziales Gefüge –  noch eine Seele.

Wenn Heinz seine Ulla absticht, dann liegt ontologisch ein anderer Fall vor, als wenn Ulla von Hussain[1] abgestochen wird.

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