Der Mord an Khaled B.

Mehrere Male habe ich versucht, meine beiden eritreischen Sprachgruppen mit dem Mord des eritreischen Asylsuchenden Khaled B. zu konfrontieren. Zur Erinnerung:

Am 13. Januar 2015, einem Montag, einem Pegida-Tag, wurde ein eritreischer Mann vermißt, tags darauf die Leiche gefunden. Äußere Gewalteinwirkung soll nicht sichtbar gewesen sein, weshalb eine Obduktion angeordnet wurde. Diese wiederum brachte tödliche Stichwunden zum Vorschein, woraufhin in einem Mordfall ermittelt wurde.

Sofort und lange bevor polizeiliche Erkenntnisse kund wurden, schrillten in den dafür bekannten Medien die Alarmglocken, man sah die Pegida-Saat aufgehen, eine fremdenfeindliche Tat mußte es sein, man stellte einen Zusammenhang zu den Demonstrationen her. Grünen-Politiker Beck vermutete eine polizeiliche Verschwörung und stellte Strafanzeige gegen die Polizei, linke und grüne Politiker*innen twitterten und facebookten, Antifa-Demonstrationen fanden statt, auf denen „Rassismus tötet“ skandiert und brutale Straßenschlachten mit der Polizei geführt wurden. Selbst die internationale Presse berichtete, internationale Menschenrechtsorganisation appellierten an die deutsche Politik gegen Extremismus vorzugehen …

Zwei Wochen darauf wurde der Täter ermittelt: Es war der ebenfalls eritreische Asylsuchende Hassan S., der in Gegenwehr gehandelt haben will, der am 6.11. aber dennoch zu fünf Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt wurde.

Quelle BR

Quelle: br.de

Auf einem der Photos der „spontanen Mahnwache“ vom 14.1., die sich zu einer „Spontandemo“ entwickelte, erkannte ich einen meiner Schüler – Mohammed – wieder. Im Zusammenhang mit der Meldung über den Prozeß, befragte ich ihn dazu. Ja, er sei deswegen nach Dresden gereist – wie viele andere. Ob er wisse, wer der Täter sei? Nein, er verstehe nicht recht.

Und das ist der Tenor aller dieser Versuche. Es gab sehr große Aufmerksamkeit, wenn ich den Fall besprach. Einige schienen die involvierten Personen auch gekannt zu haben. Daß der Täter jedoch ein Landsmann gewesen sein soll, schien ihnen nur schwer verständlich zu sein. Die Reaktionen waren ausweichend, fast schamhaft. Es ist mir nicht gelungen, konkrete Aussagen zu erlangen. Immer wieder versteckte man sich hinter dem rettenden „nicht verstehen“.

Nun versuchte ich ihnen zu erklären, daß es sich nicht um die Tat eines Rechtsextremen gehandelt habe. Aber auch hier stieß ich auf Verständnis-schwierigkeiten. Was ein Rechtsextremer, ein Skinhead, ein Neonazi sei, konnten oder wollten sie nicht verstehen. Trotzdem gab es sehr aufgeregte Diskussionen auf Tigrinya.

Schließlich entschied ich, den Zeitungsartikel über den Prozeß der besten Schülerin zu geben, mit der Aufgabe, ihn zu übersetzen und die anderen beim nächsten Mal zu informieren. Auf die Frage, ob sie die Übersetzung geschafft hätte, antwortete die junge Frau positiv, fing aber erneut an, um den heißen Brei herumzureden, so als sei es ein Sakrileg oder überschreite die Schamgrenze, zu sagen: Einer von „uns“ war es. Die Namen von Täter und Opfer weisen auf muslimische Männer hin – die Gruppen bestehen zu 70% aus Christen. Vielleicht ist das eine Hürde? Oder ist es wirklich die Angst vor Gewalttaten oder spricht man einfach nicht darüber …?

In solchen Momenten bleiben mir diese Menschen fremd.

Staunlosigkeit

Frage an die Syrer:

Was stellt man sich in Syrien unter Deutschland vor?

Deutschland ist Technik, Autos, Fußball.

Was war das Verwunderlichste in Deutschland?

Die sauberen Straßen. Die wohlerzogenen und zahlreichen Hunde. Die Kreuzungen.

————————————————————-

Man kommt ins Land der Träume – wie sieht man es? Reist man nach Marrakesch, so staunt man über die Medina und den abendlichen Markt, nimmt den morgendlichen Ruf des Muezzins verwundert wahr, das bunte Treiben, die exotischen Düfte, ist von der Weite des Himmels, der sternenklaren Nacht, von der Freundlichkeit der Menschen oder auch von ihrer Hartnäckigkeit überrascht, kurz, steht einer anderen Welt mit offenen Sinnen gegenüber.

Meinen syrischen und eritreischen Deutschschülern stellte ich diese Frage: Was hat euch in Deutschland am meisten überrascht, was war das Unerwartete, wo kamt ihr ins Staunen?

Die Frage nach dem Unerwarteten verstehen die Eritreer nicht und ich weiß nicht, ob es ein nur sprachliches Problem ist. Gibt es diesen abstrakten Begriff auf Tigrinya vielleicht nicht, sind sie noch zu jung, sind ihre Englisch- und Deutschkenntnisse zu gering? Ich gebe nach einem Dutzend Versuche, das Konzept irgendwie verständlich zu machen, auf.

Die Syrer hingegen sind gebildete, lebenserfahrene Menschen, sie sprechen ein recht gutes Englisch. Auch sie verstehen anfangs nicht recht, denken lange darüber nach, um dann nichts Mystisches, Abstraktes, sondern die sauberen Straßen und die wohlerzogenen Hunde zu erwähnen. Nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nicht Friede oder die vergleichsweise Stille, die Distanziertheit der Menschen, wie man erwartet hätte, nicht die grüne Natur, noch nicht mal das Wetter, auch nicht die Technik oder die Ordnung an sich oder die Gottlosigkeit, Buntheit, Nacktheit, Obszönität, Beliebigkeit … nein, die Straßen und die Hunde. Nichts Abstraktes oder Transzendentes, stattdessen Tatsachen, Taktiles, Tatsächliches, schlicht und einfach Nebensächliches. Man kann es mit den Eindrücken eines Sportfreundes verdeutlichen, der nach drei Monaten Argentinien als prägendstes Erlebnis die Größe und Zartheit der Steaks mitbrachte. Bei ihm, dem Sportfreund, ist es Oberflächlichkeit, bei den Orientalen kann ich daran nicht glauben, denn gerade Sattheit dürfte man ja nicht vermuten.

Vielleicht liegt der Schlüssel in einer Bemerkung Gerhard Nebels, dem es im Alter nicht mehr gelang, sich Land und Landschaft der Gegenden, die er bereiste, zu erschließen. Bis dahin hatte er großartige Reisebücher über Afrika und Griechenland geschrieben, zahlreiche Artikel im „Merian“, voller Staunen vor dem Ungeheuren der jeweiligen Fremdheit. Ausgerechnet bei seiner späten Reise nach Ägypten, die er zudem mit Erhart Kästner, einem anderen Beobachtungsmeister, unternahm, verstummt ihm der innere Klangkörper, der die feinen Vibrationen des fremden Außen bislang so sicher und genau aufgenommen hatte.

Zum einen macht er die zunehmend touristisch aufgearbeitete Landschaft verantwortlich – diesen Blick wird man auch heutigen Jugendlichen unterstellen dürfen, zum anderen das hohe Alter. Vor allem aber – und das könnte auch die seltsame Staunlosigkeit der Syrer erklären –, vor allem aber war Nebel inzwischen Christ, Glaubender geworden: „Es war also zuletzt und eigentlich der Glaube, der mir die Reiselust vergällte“, und sein philosophischer Interpret ergänzte: „Das mythische Sein könne nicht mehr in der Intensität wirken, da jetzt Christus den Grund seiner Existenz bilde. Damit sind, so könnte man sagen, die Sinne gebunden. Die Wirklichkeit muß nicht mehr durch Reiseerlebnisse aufgespürt werden.“

Ist es möglich, daß eine religiös gefestigte Jugend mit gebundenen Sinnen hier ankommt, daß sie das Fremde schon als Eigenes empfindet, bevor sie es überhaupt kennenlernt, weil es einem Allumfassenden gehört? Könnte das die vergleichbare Neugierlosigkeit erklären? Man nimmt nur in Empfang, was einem sowieso schon – von Beginn an – gehört?

Quelle:
Gerhard Nebel: Die Reise nach Tuggurt
Erik Lehnert: Gerhard Nebel. Wächter des Normativen

Deutschland für Ausländer

Refugee Guide

Mit meiner kleinen Gruppe Eritreer den sogenannten Refugee Guide durchgesprochen. Das Sprachverständnis ist noch sehr gering, daher mußte ich oft mit Englisch nachhelfen. Thema:

Persönliche Freiheiten

• Jeder und jede kann sich zu seiner oder ihrer Religion bekennen – oder zu keiner. Religion wird als Privatsache angesehen, es gilt die Religionsfreiheit. Das heißt, dass man glauben darf, was man möchte – gleichzeitig wird aber auch erwartet, dass man akzeptiert, dass andere Menschen an einen anderen Gott glauben – oder an gar nichts.

Das wurde als gegeben hingenommen, obwohl die Gruppe aus Muslimen und Christen besteht. Was ihnen Religiosität bedeutet, kann ich noch nicht einschätzen. Vermutlich sieht man es eher lax, auch wenn riesengroße Kreuze um den Hals getragen und die Handy-Displays farbenbunte und kitschige Madonnen- und Jesusbildchen zieren. Man hört und liest und meine geringen Erfahrungen bestätigen das auch, daß es in Eritrea ein friedliches Zusammenleben zwischen den Religionen gibt. Eine gewisse Fassungslosigkeit, die man vor mir verstecken wollte, ruft der Gedanke hervor, man könne auch an gar nichts glauben! An gar nichts?

• Streitgespräche und Diskussionen haben in Deutschland meist das Ziel, zu einem Kompromiss zu führen. Die Presse hat hier eine besondere Freiheit, die sogenannte Pressefreiheit, die gesetzlich festgeschrieben ist. Die Presse beschäftigt sich mit vielen verschiedenen Themen, inklusive Kritik an der Regierung und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen (wie zum Beispiel Kirchen). Das Recht auf freie Meinungsäußerung erlaubt es jedem, seine oder ihre Meinung zu äußern, solange diese nicht andere Menschen diskriminiert, beleidigt oder bedroht.

Eritrea hat nur eine einzige Zeitschrift, vor zehn Jahren waren es noch sieben. Im internationalen Index der Pressefreiheit nimmt das Land den letzten Platz ein.

• In Deutschland sind öffentliche Liebesbekundungen von (heterosexuellen sowie homosexuellen) Paaren nicht ungewöhnlich. Dies geht von Händchenhalten über Umarmen und Küssen bis hin zu Kuscheln in der Öffentlichkeit. Dies ist akzeptiert und sollte nicht weiter beachtet werden.

Aufmerksame Spannung liegt in der Luft. Zwei Männer oder zwei Frauen sich küssen zu sehen, das kam offensichtlich unerwartet. Man findet es eher komisch oder peinlich, reagiert mit Gekicher, nicht mit Aggression oder Abscheu. Also hieß die Parole: auch Lachen verbietet sich.

• Menschen, die im Sommer wenig bekleidet sind, gelten als normal. Dazu gehört beispielsweise das Tragen von T-Shirt und kurze Hosen. Es ist unhöflich, diese Menschen für längere Zeit anzusehen.In Saunen und einigen wenigen Schwimmbädern bewegt man sich nackt. In den meisten öffentlichen Schwimmbädern trägt man Schwimmbekleidung.

So etwas gebe es auch, wenn auch selten, in Eritrea. Mein Vorschlag eines gemeinsamen Schwimmhallen- oder gar Saunabesuches wurde zumindest nicht abgelehnt.

Alltag in Deutschland

Sitze gerade mit meiner eritreischen Studiengruppe und konjugiere die Modalverben durch, als es klingelt.

Eritreische Gruppe

In der Tür erscheint ein nach Haut- und Haarfarbe, Kleidung, Mimik, Gestik und Sprache vermutlich gebürtiger Deutscher. Kein regionales Idiom, Herkunft überhaupt nicht nachweisbar. Er stellt sich als Eigentümer des Hauses vor und wolle den Zustand der Wohnungen begutachten. Erschrickt ein wenig, einen Landsmann vorzufinden. „Wer sind Sie?“ – Nenne meinen Namen: „Gebe Deutsch“ – „Sehr gut! Können Sie nicht auch die Männer in der Wohnung gegenüber unterrichten? Die brauchen Beschäftigung“ – „Kann leider nicht die ganze Welt retten. Ist ohnehin etwas schwierig; das sind Somalier, ganz anders als meine Eritreer“ – „Ja, das sieht man. Hier herrscht ja Ordnung, wie ich sehe. Da drüben ist alles drunter und drüber.“

Ich frage ihn, ob er tatsächlich der Eigentümer sei. „Ja, habe die Häuser vor zwei Tagen gekauft und wußte gar nicht, daß Immigranten darin leben.“ Frage mich, ob das eine angenehme oder böse Überraschung gewesen sei. Erzähle ihm dann vom fehlenden Antennenanschluß in allen Wohnungen und von dessen Notwendigkeit, wenn diese Menschen tatsächlich Deutsch lernen sollen. „Ah ja, ich habe es notiert“ Ich sehe weder Stift noch Blatt – wurde wohl aufs innere Whiteboard geschrieben und sogleich wieder weggewischt. Leider fehlt mir die Geistesgegenwart, gleich nach der Telefonnummer zu fragen.

Dann erscheint doch noch ein nichtimmigrantischer Bewohner im Treppengang, Frisur eines Amazonas-Indianers, rosa T-Shirt mit eingeschnittenen Löchern, Erbsenbrust, quallige Konsistenz. Gehört vermutlich einem der 58 Minderheitengeschlechter an. Muß bedauerlicherweise meinen mangelnden Bildungsstand in diesen Fragen beklagen. Der Mensch spricht eine Art Deutsch, gestikuliert wild, beschwert sich wohl über irgendetwas, defekte Rohre. Wir hören zu und beschließen nach 30 Sekunden, ihn zu ignorieren, was er anstandslos hinnimmt. Hausbesitzer bedankt sich bei mir – „Wie war noch mal Ihr Name?“ Schalte noch immer nicht. Tür zu. Weiter im Stoff. „Senaid, konjugiere bitte ‚wollen‘“

Dummheit und Macht

Diesmal fasse ich mich kurz, auch wenn Thomas Assheuers Leitartikel in der „Zeit“ eine ähnlich umfassende Auseinandersetzung verdiente wie Etienne Balibars Pamphlet die Woche zuvor. Nur um ein kleines erhellendes Schlaglicht in Assheuers Vergangenheit zu werfen, sei daran erinnert, daß er es war, der im Jahre 1999 auf Anraten eines Habermas den zu populär gewordenen Philosophen Peter Sloterdijk durch intellektuelle Denunziation mundtot zu machen versuchte.

Assheuer nimmt noch immer eine Schlüsselstellung im medial-politischen Komplex ein und daß er die „;Flüchtlings‘-‚Politik‘“ der Klasse, die er eifrig vertritt, auch unterstützt, kann niemanden überraschen.

Ich empfehle, den Artikel, der das Lied: „Es ist nun also wie es ist und Gegenwehr ist sinnlos“ singt, genau zu studieren, will selbst aber nur auf ein klitzekleines – unter Myriaden – Beispiel systemimmanenter Dummheit und Abgehobenheit hinweisen. Der an unfreiwilliger Komik kaum zu übertreffende Satz lautet: „Vielleicht muß man die Panikmacher und Einpeitscher einfach ertragen, genauso wie den Dresdner Villenbewohner und Pegida-Fan, dem es übel wird bei der Vorstellung, er müsse beim Toleranzsingen in der Semperoper neben einem Asylbewerber mit Freikarte sitzen.“

Ich fürchte, Herr Assheuer, mit dem beängstigend-verdächtigen „vielleicht“, ich fürchte, Sie müssen das tatsächlich ertragen und Sie müssen viel mehr ertragen, denn der „Panikmacher und Einpeitscher“ gibt es Millionen und wohl auch zehntausende Villenbewohner und Pegida-Fans, die schließlich auch etwas – wenn auch nur eine Singularität – ertragen müßten, nämlich den Asylbewerber in der Semperoper.

Als ob der operngehende Asylbewerber unser Problem wäre und als ob wir regelrecht von theateraffinen und kulturhungrigen Menschen überflutet würden. Das ist der Kosmos des Parallelwelten- und „Villenbewohners“ Assheuer, dem es offenbar und umfassend an Realkontakt mangelt – und solche Leute sind unsere Meinungsmacher …

Auch das hier ansässige Theater, das im Übrigen seit vielen Jahren um die blanke Existenz kämpft und dem nun im Zuge von Sparmaßnahmen die nächste Sparte gestrichen wurde, vergibt Freikarten an Asylbewerber. Daraufhin empfahl ich meinen 20 Eritreern, diese Gelegenheit zu nutzen. Den Gedanken mußte ich mehrfach drehen und wenden, bevor sie ihn überhaupt fassen konnten. Mit großen, ungläubigen Augen schauten sie mich an – Theater? Was ist das? Sie wußten damit gar nichts anzufangen, sie haben noch nie von einem Theater gehört und selbst wenn dem nicht so wäre, sie haben weder die kulturellen noch sprachlichen Fähigkeiten und wollen auch gar keine Toleranzlieder, geschweige denn Goethe oder Shakespeare hören – die sie – ich muß es ja kaum noch betonen – beide nicht kennen. Die wissen noch nicht mal wer Hitler war, Herr Assheuer. Ist Ihnen überhaupt klar, was das bedeutet?!

Gestern rief ich im Theater an und fragte nach den Freikarten, wie rege denn das Angebot genutzt würde: Guess what!

Integration – Unterschiede

Seit Wochen predige ich meinen wirklich interessierten Eritreern: Schafft euch einen Fernseher an oder wenigstens ein Radio und hört und seht deutschsprachige Sendungen. Nur so, wenn ihr schon kaum Kontakt zu Deutschen habt, könnt ihr euch in die Sprache einlauschen.

Nun aber ist der Antennenanschluß im Hause tot. Also müßte eine Schüssel her – an Eigeninitiative mangelt es leider. Zwei Marokkaner, die Etage darunter, haben es auch geschafft. Ich frage Adlan, der neben Blin, Tigre und Tigrinya auch Arabisch spricht, ob er nicht fragen könne, wie die beiden das gemeistert haben? Er winkt ab: „Nicht gut“, das Verhältnis zu den Marokkanern ist schlecht, man geht sich aus dem Weg, „viel trinken“ spielt wohl auch eine Rolle.

Jetzt prangt eine neue Schüssel an der Hauswand: die Nebenwohnung, wo vier Somalier leben. Die hatte ich auch schon zum Sprachunterricht, aber sie kommen nicht regelmäßig, schaffen es nicht, den Hausflur zu überwinden. Also schaue ich dort vorbei, um mich zu erkundigen, wie die technischen Probleme gelöst wurden. Einer liegt im Bett (17 Uhr) und schläft, der andere fläzt gelangweilt auf dem Boden, ißt apathisch irgendeine unappetitliche Dose leer und schaut tatsächlich in die Röhre: Sharya TV, Arabisch. Live aus einer riesigen Moschee. Deutsche Sender? Keine …

Abends durchhallen arabische Gebetsgesänge gespenstisch das vornehmlich ex-proletarische, „prekäre“ Viertel.

Didaktik – Deutsch für Ausländer

Seit sechs Wochen unterrichte ich zwei verschiedenen Gruppen (ca. 12 und 5) eritreeischer Flüchtlinge die deutsche Sprache. Zeit für ein erstes vorsichtiges Fazit, Zeit vielleicht auch, um ein paar Hinweise zu geben.

 
Daß es Eritreer sind, ist reiner Zufall. Ich meldete mich bei einer kirchlichen Organisation, die Sprachkurse anbietet. Dort wußte man selber nicht, wer kommen würde. Im vorherigen Kurs, so wurde mit berichtet, saßen ca. 20 Syrer. Die meisten von ihnen, so sagte man mir, hätten in diesem 12-wöchigen Kurs das Alphabet gelernt, einige seien aber auch, Originalton: „zu alt gewesen, um noch etwas lernen zu können“. So viel zum Thema Herzchirurgen und IT-Manager aus dem oft gelobten syrischen Schulsystem. (allerdings wurde diese Aussage just heute relativiert, dazu später).

 
Die Eritreer, insgesamt ca. 20 Männer und zwei Frauen (in zwei Gruppen aufgeteilt, für zwei Lehrer), scheinen sehr dankbare, stille, bescheidene Menschen zu sein (ganz anders als Somalier z.B.). Ich unterrichte sie sowohl in einem kirchlichen Gebäude als auch bei ihnen zu Hause.

 
Bewährt hat sich von Beginn an, streng und entschieden zu sein. Bevor ich überhaupt zu unterrichten begonnen habe, machte ich deutlich, daß ich volle Konzentration im Unterricht erwarte, fleißige Arbeit zu Hause und pünktliches Erscheinen zu den Terminen. Sollte das nicht möglich sein, so machte ich klar, werde ich den Unterricht sofort beenden und mir Menschen suchen, die wirklich lernen wollen. Obwohl die meisten schon über ein Jahr in Deutschland weilen, auch Kurse besucht wurden, ist das Niveau sehr schwach, sind praktisch keine Kenntnisse da, von zwei, drei Leuten abgesehen. Sicher, von Tigrinya zu Deutsch, das ist ein riesiger Schritt und selbst die Aussprache schafft hohe Hürden. So fällt es ihnen noch immer schwer, den langen Vokal „i“ am Wortanfang („ihr“) auch nur auszusprechen.

 
Mein Eindruck: diese Menschen sind vergleichsweise haltlos, haben kaum eine Alltagsstruktur, langweilen sich seit Monaten und Jahren und sind für eine Strukturierung sehr dankbar. Außerdem haben einige der Männer militärische Erfahrung, sind den festen Ton also gewöhnt. Eigeninitiative zeigen bisher nur wenige – gibt man ihnen keine Aufgaben wird auch nichts gemacht. Andererseits haben alle mindestens sieben Jahre lang eine Schule besucht, sind das Lernen also gewöhnt. Tempovorstellungen und Rhythmen freilich unterscheiden sich deutlich von meinen.

 
Jede Stunde beginne ich auf Englisch mit einem Überblick über die politische Lage. Da wir im Ort eine der größten Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik haben (http://www.wirsinddeutschland-plauen.de), erleben sie die Spannungen sehr direkt. Immer wieder ermahne ich sie, die Chance in Deutschland zu nutzen und der erste Schritt sei das zügige Erlernen der Sprache. Nur so bestünde eine Möglichkeit, irgendwann in diesem Lande anzukommen. Sie hören sehr aufmerksam zu, der Motivationseffekt ist deutlich spürbar. Ich empfehle allen Lehrenden, der Ernsthaftigkeit der Situation angemessen, mit zurückhaltender Freundlichkeit, Offenheit und Autorität aufzutreten – scheindemokratisches „wollt ihr dies oder das“, vor überflüssige Alternativen stellen etc., führt nur zu Chaos, Desorientierung, Desinteresse und Unkonzentriertheit. Die Erfolge sind bereits sichtbar, schon nach sechs Wochen spürt man das wachsende sprachliche Selbstvertrauen. Mein Ziel ist es, diese Gruppe in einem Jahr zu befähigen, sich selbständig in Deutschland zu orientieren. Sie wissen, daß ihnen nicht viel Zeit bleibt, sie wissen, daß täglich Tausende ins Land strömen und sie wissen, daß die Ressourcen knapp sind.

 
Heute nun kamen zwei syrische Männer hinzu, beide mit recht guten Englischkenntnissen. Auch diesen werde ich nun gesondert Deutschstunden geben, allerdings im Austausch Arabisch bekommen. Einer der beiden Männer hat, wie er sagt, Lehramt Arabisch studiert, der andere beschrieb sich als Geschäftsmann. Sein lauter Klingelton war ein schrilles „Allahu Akbar“ – woraufhin ich ihm empfahl, dies zu ändern, um eventuelle Probleme in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Auch das wurde sehr dankbar entgegen genommen und sofort umgesetzt.

 
Beispiel meiner heutigen Stunde:
1. Hausaufgaben einsammeln (ich gebe sehr viel HA, um die Vorgabe, jeden Tag wenigstens eine Stunde Deutsch zu üben, durchzusetzen)
2. „My little speech“ – in Englisch, damit alle verstehen. Heute: zur sonntäglichen Demo, zu Pegida, zu den Gesetzesänderungen, zu den Plänen in der Stadt eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung für vorerst 300, mittelfristig 600 und langfristig gemunkelte und schnell dementierte 3000 Asylbewerber einzurichten; Gesundheitstipps, um sich vor Erkältungen und Grippe zu schützen; kommende Zeitumstellung
3. Konjugieren der Hilfs- und Modalverben, jeder einzeln alle Verben (muß jetzt fehlerfrei sitzen)
4. Die Sinnesverben plus „denken“ und „glauben“ – verstehen und konjugieren
5. Obst und Gemüse – anschauen, Name lernen, Gebrauch und eventuelle Gefahren (roh, gekocht, mit oder ohne Schale, Kerne, mögliche landwirtschaftliche Chemikalien etc.) Erstaunlich: sehr vieles ist ihnen unbekannt, selbst Granatapfel und Feigen
6. Ausgabe der Hausaufgaben – darin ausführliche Wiederholungsübungen plus Erlernen von 12 wichtigen Sätzen wie „Entschuldigung, können Sie mir bitte helfen“, also um Hilfe bitten, Ansprechen, Richtung erfragen, Bitten und Fragen formulieren etc.

 
Feedback: 12-faches und sehr herzliches „Dankeschön“. Was will man mehr?