Abraham, Isaak und Jakob

Zufällig Abraham in der Stadt getroffen, den Eritreer, einer meiner fünf ersten Schützlinge. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Gelegenheit in Kürze nach allen anderen zu fragen. Sein Deutsch merklich besser.

Wie geht es:

  • Dir? – Gut, alles in Ordnung. Mache im Dezember meine B1-Prüfung. Will danach Tischler werden. (Im Winter wollte er noch unbedingt Automechaniker werden. Schwer einzuschätzen, ob der Berufswunsch tatsächlich besteht, oder ob es ein angelerntes Wort ist.)
  • Jakob? (Er war in meiner großen Gruppe, schon etwas älter und mit Frau und Kind hier; half bei der chaotischen Erstbesetzung der großen Erstaufnahme, die nun wieder leer ist) – Alles okay!
  • Hawet und Senaid? (Ein Ehepaar) – Die sind nach Dortmund gegangen. – Warum? – Ist besser dort. Haben Freunde.
  • Der kleine Junge, den sie dabei hatten? – Der ist jetzt in Schweden bei seiner Mutter, von der er drei Jahre getrennt war. (Sprechblase: was macht so etwas mit einem Kind?)
  • Haylat? (Er bekam im Dezember den Ausweisungsbescheid nach Italien) Ist noch immer hier. Hat einen Anwalt, der ihm jedes Mal sechs Monate Verlängerung prozessiert. Haylat muß ihn bezahlen.
  • Mohammed? (Er nahm nach dem Mord an Khaled B.  in Dresden an einer Demonstration gegen Rechts teil) Keine Ahnung.
  • Fiori? (Sie war die mit Abstand beste eritreische Schülerin und im November sichtbar schwanger) – Ist mit ihrem Mann (Freund, Eritreer) in eine andere Stadt. – Welche? – Weiß nicht. – Wann hat sie denn ihr Kind bekommen und was ist es? – Ein Mädchen. Vor acht Monaten, nein, im Januar, nein, im Februar. (Wie dem auch sei, ich bin vom frühen Termin überrascht.)
  • Adlan? – Lernt weiter Deutsch. Ist cool wie immer.
  • Isaak? (sorry, einen Isaak gibt es nicht unter meinen Bekannten, aber er paßte so gut in die Reihe. Und unter christlichen Eritreern ist er sicher ein häufiger Name).

Entwarnung: Moscheenzensus

Wieder so ein Qualitätsprodukt der Leitmedien. „Experten rechnen vor“ – wer die Experten sind, bleibt ungesagt.

Focus: Im vierstelligen Bereich: so viele Moscheen gibt es in Deutschland wirklich

Demnach „recherchiert“ die „Zeit“ und zählt alle Moscheen in Deutschland zusammen, denn bislang gibt es – das ist doch der eigentliche Skandal! – keine offizielle Bestandsaufnahme. Man kommt auf 2750. Ist das nun viel oder wenig? Wie kommt man auf diese Zahl, wenn es „keine offiziellen Auskünfte gibt“? Und was ist überhaupt eine Moschee? Ein Bau mit Kuppel und Minarett oder zählt jeder x-beliebige Gebetskeller im Hinterhaus dazu?

Der „Focus“ schießt den Vogel an Unwissenheit ab, indem er uns das sehenswerte Yenidze-Gebäude in Dresden präsentiert – das definitiv nie eine Moschee war, sondern eine Zigarettenfabrik.

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Überhaupt will man beim linkspopulistischen „Focus“ durch die Blume Entwarnung geben ohne freilich den Mut zu haben, wirklich zu bekennen. Das signalisiert der Eingangssatz: „In Deutschland gibt es schätzungsweise sechzehn Mal mehr christliche Kirchen als Moscheen.“ Also kein Grund zur Panik.

Doch ist die Zahl sinnlos, wenn man nicht die Dynamik betrachtet. Wie viele Moscheen gab es vor 50 Jahren? Wir wissen es nicht, doch dürfte die Zahl nicht im vierstelligen, sondern eher im zweistelligen Bereich gelegen haben. Und vor 40 Jahren, vor 30, vor 20, vor 10 Jahren? Man riskiert keine Lüge, wenn man von einem exponentiellen Wachstum ausgeht.

Merken wir uns den Faktor 16. Die nächste Zählung wird ihn nicht mehr bestätigen und in 10, 20, 30, 40 oder 50 Jahren wird er Makulatur sein.

Allein unsere Presse bleibt stoisch und lebt – im Hier und Jetzt.

… denn sie wissen nicht

Mit Khaled und Hussain in Dresden. Während Hussain begeistert durch die Regallabyrinthe der Universitätsbibliothek wandelt und mir Gelegenheit gibt, vor beeindruckenden Werkausgaben ihn mit einigen Namen bekannt zu machen (Goethe, Schiller, Luther, Kant, Hegel, Nietzsche, Marx, Heidegger …), ihm auch einige Islam-Lexika zu zeigen, um ihm praktisch vorzuführen, daß Religionswissenschaft kritisch und hermeneutisch vorgeht statt blind nachzubeten und zu wiederholen, eilt Khaled zum Bahnhof zurück, sich von einem ortsansässigen Syrer ein paar seiner Klamotten aushändigen zu lassen, die den langen Weg von Daraa über Istanbul und München bis nach Sachsen gefunden haben – aber das ist eine andere Geschichte.

Als wir uns wieder treffen, zeigt er uns sein Handy. Ein alter deutscher Freund hat sich gemeldet und fragt, ob wir ihn besuchen können, gleich um die Ecke.

Sein Name ist Legion. Er war einer derjenigen Helfer im Herbst, die das Tohuwabohu irgendwie geregelt haben, und er hatte sich seinerzeit um Khaled verdient gemacht. Ein Handyphoto zeigt einen Mittdreißiger im Palästinensertuch. Alles klar!

Die Freude ist auf beiden Seiten groß. Ich halte mich zurück und widerspreche nicht bei seinen Analysen. Er ist Künstler. Die arabische Kultur hatte es ihm im Zuge des Flüchtlingskontaktes angetan. Was für eine spannende Welt und so liebe Menschen! Im Frühjahr reiste er sogar in den Libanon, um in Flüchtlingslagern zu photographieren. Es sind Bilder ohne Menschen geworden, Hausfassaden, verwinkelte Gassen, Blick über ein Dächermeer vor schneebedecktem Libanongebirge. Und diese zauberhafte Schrift!

Er hat ein paar kleine Kataloge dabei. Freundlich lächelnd und müde blättere ich ein Heft mit arabischen Schriftzügen durch: Werbeflächen, Preisanzeigen, Ladenschilder und dergleichen. Gebrauchskalligraphien, hübsch gemacht, vor allem, wenn man ihren banalen Inhalt nicht lesen kann. Hussain sitzt daneben und schaut gelangweilt zu – wir waren den ganzen Tag auf den Beinen, jetzt sackt der Körper ab.

Eine blutrote Schrift auf einer vergammelten Mauer, nur drei Buchstaben. Ich versuche zu entziffern und denke, das könnte doch „Hussain“ heißen? Also halte ich es Hussain vor die Nase. Elektrisiert springt der sofort auf. „Weißt du, was das heißt?“, fragt er den Künstler. Der weiß es nicht und hört auch kaum die Antwort, versucht weiter mit Khaled sein glückliches Weltbild zu bauen.

Umso mehr interessiert es mich! Es heißt „Ya Hussain“, die Kurzform von „Labayka Ya Hussain“ und ist ein Schlachtruf der Schiiten. Hussain verzieht das Gesicht. In zwei, drei kurzen Sätzen klärt sich alles auf: Hussain, Sohn des Ali, Begründer der Schia-Tradition. Wie die meisten Sunniten, reagieren auch die Syrer mit negativen Emotionen. „Überall Blut“, sagt er noch und ich erinnere mich eines Gesprächs, wo er angewidert von Selbstgeißelungen sprach – dann müssen wir gehen.

Erst zu Hause begreife ich richtig. Alles geht auf das erste islamische Schisma zurück. Die Muslime stritten sich nach Mohammeds Tod um den gerechtfertigten Nachfolger. Abu Bakr – seine Nachfolger wurden später die Sunniten –, oder Ali, der Schwiegersohn des Propheten. Dessen Sohn Hussain erhob später ebenfalls den Machtanspruch, wurde aber im Kampf getötet und enthauptet: dieser blutige Tod wurde zum Fanal für fast anderthalb Jahrhunderte und noch heute ist ein gewisser Blutkult geläufig, wird der Tod Hussains ganz unmittelbar und körperlich von Schiiten gefühlt, betrauert und zelebriert. Die Sunniten halten das für Schirk, Götzendienst und Idolatrie.

Ya Hussain-Schriftzug als Wallpaper

Ya Hussain-Schriftzug als Bildschirm-Wallpaper

Wer sehen will, welche Macht dieser Mythos und das Ya Hussain hat, der schaue sich unbedingt folgende Rede Hassan Nasrallahs an: Sayyed Hassan Nasrallah (ha) – Die Bedeutung von „Labayka ya Hussein“

Nasrallah ist der viel verehrte Chef der Hisbollah … in einem Interview mit Julien Assange zweifelte er die Existenzberechtigung Israels an …

Und plötzlich sind wir – mitten in Dresden – von diesem kleinen, aus ästhetischen und gutgemeinten Gründen photographierten Schriftzug an einer Mauer im Libanon inmitten der großen Weltpolitik gelandet, im Strudel des religionspsychologischen und blutigen Wahnsinns des (noch) Nahen Ostens.

Doch davon will der Künstler nichts wissen.

Daraa-Dresden und zurück

Die Welt ist ein Dorf und Deutschland ist die Welt – mit besonderem Kontakt zu Syrien.

Als ich Dresden für einen Ausflug vorschlage, ist Khaled sofort dabei. Er hatte sowieso dort zu tun, er müsse seine Klamotten aus Syrien abholen. Wie? Was? Die Geschichte ist so:

Er hat einen guten Freund in Istanbul, ein Syrer, der dort ein Lampengeschäft betreibt und offenbar recht erfolg- und reich. Von ihm erfährt Khaled in Sachsen – alles über Mobiltelephon natürlich –, daß eine Familie aus Daraa nach Deutschland fliehen will. Könnte die nicht gleich seine Klamotten mitbringen, die noch irgendwo im Süden Syriens lagern? Ein Anruf  aus Istanbul genügt, die Sache ist gebongt.

Wochen später kommt die Familie, nebst Khaleds Kleidungsstücken, in München an. Kontakte in die sächsische Provinz gibt es keine, aber man kennt jemanden in Dresden. Beim nächsten Besuch nimmt dieser Dresdner Syrer Khaleds Kleidung aus Daraa mit zu sich nach Hause. Khaled kennt ihn nicht, das spielt keine Rolle, Syrer zu sein, verbindet genügend. Noch einmal organisiert die Istanbuler Zentrale alles. Der letzte Schritt ist einfach: Khaled muß nach Dresden, verabredet sich dort mit dem Mann, man trifft sich am Bahnhof und voilà, mein syrischer Freund steht plötzlich mit Rucksack da. Alles zum Nulltarif.

Abends schlendern wir noch die Prager Straße entlang. Zum ersten Mal esse ich Shawarma. Khaled bestellt auf Arabisch. Wir bummeln weiter. Ein junges sehr hübsches Mädchen im blauen Kopftuch kommt uns entgegen. Khaled strahlt plötzlich über beide Wangen, wird ein bißchen rot und schreitet freudig auf sie zu. Sie plauschen ein paar Minuten, verabschieden sich artig.

Woher kennst du die? Aus Daraa!

Diffuse Ängste

Gespräch beim Zahnarzt: Gestern ältere Patientin die berichtet, wie sie von zwei „Ausländern“ um ihr gerade abgehobenes Geld erleichtert wurde. Man hatte sie offenbar am Geldautomaten beobachtet und sie an der Haustür abgefangen. Anzeige bei der Polizei – keine Pressemitteilung.

Gespräch bei der Friseuse: Von einer Kundin wurde mitgeteilt, die Inhaberin der Douglas-Parfümerie sei vergewaltigt worden. Eine konkrete Nachfrage läßt auf ein Gerücht schließen.

Gespräch mit Verkäuferin 1: Der Penny-Markt am Stadtrand wolle nun schließen. Es gäbe zu viele Diebstähle aufgrund der naheliegenden Erstaufnahme.

Gespräch mit Verkäuferin 2: Sie hat Angst nach Ladenschluß des Supermarktes zu ihrem Auto zu gehen – sie muß an einer großen Erstaufnahmestelle vorbei.

Gespräch mit Verkäuferin 3: Ein Asylsuchender kommt in ihr Fleischergeschäft, stellt eine Flasche Whiskey auf den Bistrotisch, packt sein Essen aus und ißt. Die Verkäuferin hat Angst – eine ältere Kollegin kommt hinzu. Der Asylsuchende geht auf die Toilette. Die ältere Dame ist erbost und will ihn zur Rede stellen, doch wortlos legt er seine 50 Cent in die Schale und geht.

Gespräch mit der Masseuse: Ihr habe jemand von einer Gruppe Asylsuchender berichtet, die die Fahrt mit der von einer Frau geführten Straßenbahn verweigerte, woraufhin das Personal gewechselt wurde. Eine konkrete Nachfrage bei einem persönlich bekannten Chauffeur konnte das nicht bestätigen.

Gespräch mit dem Physiotherapeuten: Gleiche Geschichte, einige Wochen später – buche sie ungeprüft als Gerücht ab.

Bericht einer jungen Frau: Steht an der Haltestelle und wird von der anderen Seite von „einer Gang Afrikaner angestarrt“. Sie meidet nun besondere Bezirke der Stadt und nimmt ein Taxi.

Djihad beim Zahnarzt

Dresdener Impressionen

In der Universitätsbibliothek sitzt ein junger Mann neben mir – ich kenne ihn vom Sehen noch vom letzten Mal: er paukt Medizin bis in die Nacht und leidet oft mächtig, stöhnt, ruckelt unruhig auf dem Stuhl hin und her, schaut auf das Handy, steht auf, setzt sich, stöhnt …

Ich lese über Asabiyya und Polis. Der arabische Begriff will mir nicht recht aufgehen und da mein Nachbar arabisch ausschaut, frage ich ihn. Wir sind uns nicht unsympathisch. Es ist Freitag, der 13. – um diese späte Stunde müssen die Pariser Attentäter schon auf dem Weg gewesen sein.

Tags darauf versuche ich den Begriff „irhaab“ (رهاب إ), das arabische Wort für „Terror“, zu verstehen. Ist in diesem Begriff auch die „Botschaft“ enthalten? Gibt es den Begriff im Koran oder ist es, wie bei uns, ein Neologismus? Auch im Arabischen, erfahre ich, ist das Wort neu, wohl einer dieser von Gelehrten geschaffenen Begriffe, um moderne Phänomene zu fassen.

So kommen wir ins Gespräch. Er ist aus Palästina, 24 Jahre alt und studiert Zahnmedizin. Will er zurück? Ja, denn hier wäre es zwar leichter, aber was solle aus seiner Heimat werden, wenn alle ausgebildeten und jungen Menschen das Land verlassen? Eine Bilderbuchantwort, die ihn nur noch sympathischer macht. Und dann so ein Hammersatz: Er verstehe sein Studium als eine Art des Djihads. Ich erschrecke, er bemerkt das und erklärt, daß wir oft eine falsche Vorstellung von diesem Begriff hätten. Er bedeute eben nicht nur Kampf und Krieg, sondern auch Bemühung, Anstrengung, Kampf als Ringen um etwas und wenn er seinem Volke helfe, dann diene das auch der islamischen Sache. Der Gedanke helfe ihm beim Lernen.

Was er von den Attentaten halte? Er verstehe den IS nicht. Muslime seien das jedenfalls keine. Man könne den Koran nicht nach seinem Gutdünken nutzen, sondern müsse ihn als Ganzes sehen. Zum Beispiel Alkohol: Im Koran gebe es zwei Stellen zu diesem Thema – einmal empfehle Mohammed maßvolles Trinken, ein andermal verbiete er es. Also gilt Alkoholverbot, das stärkere, absolutere Argument. So auch beim Töten – zwar gebe es diese Tötungsstellen, aber auch jene, wo zur Barmherzigkeit gegenüber Mensch, Tier und sogar Bäumen aufgerufen wird. Letztere seien dann die allgemein gültigen und wer sich nur einzelne Aussagen herauspickt, ist im Unrecht.

Aber im Grunde genommen wisse er nicht viel über Religion und Philosophie. Überhaupt habe er erst seit zwei Jahren, seit er in Dresden ist, begonnen sich mit dem Islam zu beschäftigen. Ständig würden ihn Leute fragen, also mußte er sich belesen und in der Fremde findet man ohnehin viel leichter zu seiner eigentlichen Identität. Das hat gar nicht unbedingt mit sozialer Ausgrenzung zu tun, sondern einfach mit der Situation, ein Fremder, ein Anderer zu sein, selbst wenn man – wie er – vollkommen eingegliedert ist. Nun glaubt er umso fester daran. Dieses Buch sei einfach anders als alle anderen, ein ganz besonderer Zauber gehe davon aus. Und dann: Mohammed wußte so viele Sachen, die wir erst heute als richtig begreifen. Zum Beispiel, daß jeder Mensch einen eigenen Fingerabdruck hat. Woher konnte der das wissen, wenn nicht aus göttlicher Offenbarung? Oder die genaue Beschreibung der Einpflanzung des Phötus in die Gebärmutter – dieses Argument kannte ich schon von meinem Syrer Hussain.

Der Mord an Khaled B.

Mehrere Male habe ich versucht, meine beiden eritreischen Sprachgruppen mit dem Mord des eritreischen Asylsuchenden Khaled B. zu konfrontieren. Zur Erinnerung:

Am 13. Januar 2015, einem Montag, einem Pegida-Tag, wurde ein eritreischer Mann vermißt, tags darauf die Leiche gefunden. Äußere Gewalteinwirkung soll nicht sichtbar gewesen sein, weshalb eine Obduktion angeordnet wurde. Diese wiederum brachte tödliche Stichwunden zum Vorschein, woraufhin in einem Mordfall ermittelt wurde.

Sofort und lange bevor polizeiliche Erkenntnisse kund wurden, schrillten in den dafür bekannten Medien die Alarmglocken, man sah die Pegida-Saat aufgehen, eine fremdenfeindliche Tat mußte es sein, man stellte einen Zusammenhang zu den Demonstrationen her. Grünen-Politiker Beck vermutete eine polizeiliche Verschwörung und stellte Strafanzeige gegen die Polizei, linke und grüne Politiker*innen twitterten und facebookten, Antifa-Demonstrationen fanden statt, auf denen „Rassismus tötet“ skandiert und brutale Straßenschlachten mit der Polizei geführt wurden. Selbst die internationale Presse berichtete, internationale Menschenrechtsorganisation appellierten an die deutsche Politik gegen Extremismus vorzugehen …

Zwei Wochen darauf wurde der Täter ermittelt: Es war der ebenfalls eritreische Asylsuchende Hassan S., der in Gegenwehr gehandelt haben will, der am 6.11. aber dennoch zu fünf Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt wurde.

Quelle BR

Quelle: br.de

Auf einem der Photos der „spontanen Mahnwache“ vom 14.1., die sich zu einer „Spontandemo“ entwickelte, erkannte ich einen meiner Schüler – Mohammed – wieder. Im Zusammenhang mit der Meldung über den Prozeß, befragte ich ihn dazu. Ja, er sei deswegen nach Dresden gereist – wie viele andere. Ob er wisse, wer der Täter sei? Nein, er verstehe nicht recht.

Und das ist der Tenor aller dieser Versuche. Es gab sehr große Aufmerksamkeit, wenn ich den Fall besprach. Einige schienen die involvierten Personen auch gekannt zu haben. Daß der Täter jedoch ein Landsmann gewesen sein soll, schien ihnen nur schwer verständlich zu sein. Die Reaktionen waren ausweichend, fast schamhaft. Es ist mir nicht gelungen, konkrete Aussagen zu erlangen. Immer wieder versteckte man sich hinter dem rettenden „nicht verstehen“.

Nun versuchte ich ihnen zu erklären, daß es sich nicht um die Tat eines Rechtsextremen gehandelt habe. Aber auch hier stieß ich auf Verständnis-schwierigkeiten. Was ein Rechtsextremer, ein Skinhead, ein Neonazi sei, konnten oder wollten sie nicht verstehen. Trotzdem gab es sehr aufgeregte Diskussionen auf Tigrinya.

Schließlich entschied ich, den Zeitungsartikel über den Prozeß der besten Schülerin zu geben, mit der Aufgabe, ihn zu übersetzen und die anderen beim nächsten Mal zu informieren. Auf die Frage, ob sie die Übersetzung geschafft hätte, antwortete die junge Frau positiv, fing aber erneut an, um den heißen Brei herumzureden, so als sei es ein Sakrileg oder überschreite die Schamgrenze, zu sagen: Einer von „uns“ war es. Die Namen von Täter und Opfer weisen auf muslimische Männer hin – die Gruppen bestehen zu 70% aus Christen. Vielleicht ist das eine Hürde? Oder ist es wirklich die Angst vor Gewalttaten oder spricht man einfach nicht darüber …?

In solchen Momenten bleiben mir diese Menschen fremd.

Kleine Flaggenkunde Pegida I

Dresdener Impressionen

Pegida ist vielfältig, mehrsprachig, bunt, multikulti. Davon zeugen auch die bunten Fahnen. Hier eine kleine Phänomenologie mit Erklärungen.

Am häufigsten vertreten ist wohl die Nationalflagge. Eine Abart davon wird hier gezeigt – gelb, rot, schwarz:

D gedrehtWird auch gern als Strickmütze getragen:

D gedreht Mütze

Man begründete das mit alter Tradition, früher sei die Fahne eben so gehalten worden. Tatsächlich kam mir sofort das Hambacher Fest in den Sinn, aber die Befragten wußten damit nichts anzufangen. Viel mehr wurde betont, daß sie damit ausdrücken wollten, wie verdreht alle Politik heutzutage in Deutschland sei.

Zahlenmäßig mindestens gleichwertig die mittlerweile berühmt gewordene Wirmer-Flagge.

Wirmer

Josef Wirmer, der Vater dieser Schöpfung, die das christliche Kreuz und die deutschen Nationalfarben kombiniert, stand dem Stauffenberg-Kreis nahe, war Katholik und konservativer Politiker. Die Flagge sollte als neue, unverbrauchte Nationalflagge nach erfolgtem Attentat auf Hitler dienen. Insofern erscheint es nur logisch, wenn politische Bewegungen, die sich im Erbe der „Konservativen Revolution“ sehen – die im Übrigen standhafte Antifaschisten hervorgebracht hat – sich zu dieser Fahne bekennen und das mediale Entsetzen ist nur dann zu verstehen, wenn man begreift, daß in der Öffentlichkeit noch immer eine undifferenzierte Gleichung zwischen Nationalsozialismus und Konservatismus gezogen wird.

Unter den Staatsflaggen dürfte dann die russische am weitesten verbreitet sein. Damit wollen die meisten Fahnenträger wohl eine andere, nicht-konfrontative Rußlandpolitik einfordern. Auch eine Transformation der Deutsch-Sowjetischen in eine Deutsch-Russische Freundschaft ist denkbar. Im vorliegenden Falle wird die Standarte des russischen Präsidenten getragen, eine Dienstflagge, die wohl Putinnähe als auch historische Größe und christliches Erbe (der Heilige Georg als Erzmärtyrer der Orthodoxen Kirchen) darstellen soll.

Rußland

Eine Hybridform aus deutschen und russischen Nationalfarben symbolisiert diesen Vorsatz unzweideutig. Diese Flagge wurde von zwei Krim-Russen getragen, die bereits zum vierten Mal an der Demonstration teilnahmen.

DeuRuss

Teilnehmer aus Österreich signalisieren Ihre Anwesenheit.

Österreich

Hier handelt es sich um die Bundesdienstflagge, einer Kombination aus Bundesflagge (rot-weiß) und Bundeswappen. Das Tragen dieser Flagge steht nur dem Heer und den staatlichen Institutionen zu – ein zweckentfremdetes Tragen kann mit Bußgeld bedacht werden. Da der Adler die Souveränität Österreichs symbolisiert, mag der unmittelbare Anlaß die Flüchtlingskrise und die damit verbundenen Grenzverletzungen gewesen sein. Der Träger in rot-weißer Mütze, vereint an der Fahnenstange auch die tschechische und deutsche Flagge.

Die blau-gelbe Flagge dürfte Demonstranten aus der Oberlausitz gehören, kann kann aber auch die Ukrainische Staatsflagge darstellen oder aber die Flagge des ehemaligen Landes Braunschweig.

ukraineDiese kleine israelische Flagge über deutscher und umseitig Berliner Flagge

Israel

soll, so erklärte die Mittfünfzigerin, ihre Sorge um den israelischen Staat und die Juden ausdrücken, deren Rechte sie durch einen erstarkenden Islam gefährdet sieht.

Fortsetzung: zum zweiten Teil – Kleine Flaggenkunde Pegida