Sloterdijk, ohne zu lachen

„Daher sage ich, wir leben nicht so sehr in einer Umwälzung als in einer Ausfaltung. In meinem Sphärenbuch habe ich sogar den Vorschlag gemacht, den Begriff Revolution fallenzulassen und ihn durch Explikation zu ersetzen.“ (Sloterdijk: Ausgewählte Übertreibungen) Schon Mitte der 80er Jahre, also lange bevor Sloterdijk zum deutschen Interview-Orakel wurde, das auf alles eine Antwort […]

Sloterdijks Kunst

Sloterdijk polarisiert. Die Kritiken seiner Bücher, im Feuilleton ebenso wie bei Amazon, legen Zeugnis davon ab. Halten die einen ihn für einen genialen und sprachakrobatischen Neudenker, so sehen die anderen in ihm einen Schwätzer und aufgeblasenen Besser- und Alleswisser. Am Grunde der Aversion liegt oft ein frustrierendes Lektürescheitern. Tatsächlich ist die Einstiegshürde hoch und tatsächlich […]

Zur Sloterdijk-Debatte III

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte II Sloterdijk – Precht, Schami, Diez, Nassehi und Co. Der Ertrag anderer Meinungen bleibt erschreckend dünn. Hier kann in aller Kürze nur eine repräsentative Auswahl getroffen werden. Da ist zum einen die „Reflex-Polemik im Gewächshaus der diskutierenden Klasse“, wo „Übererregte“, wie der Korrespondent des „Tagesspiegels“ gleich in polemischer und mundtotmachender Absicht […]

Zur Sloterdijk-Debatte II

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte I Sloterdijk-Münkler-Sloterdijk Wie hätte Sloterdijk reagieren können? Vielleicht gar nicht! Wer ihn allerdings kennt, der weiß, daß er auf bösartige Fehlinterpretationen – nur so kann er es empfinden – und geistige Unterbietungen oft allergisch reagiert. Legendär sein Auftritt bei Gertrud Höhler und „den drittklassigen Figuren“. Sloterdijk: Primitive Reflexe Liest man nun […]

Zur Sloterdijk-Debatte I

Wir haben mal wieder eine Sloterdijk-Affäre. Die dritte, wenn ich richtig mitgezählt habe. Um die Jahrtausendwende lösten die „Regeln für den Menschenpark“ die klassischen Konditionierungsmechanismen der Kulturbehavioristen aus – großer Aufschrei auf allen Kanälen, der mittlerweile auf 650 Seiten aufbereitet wurde. Immerhin auf noch 250 Seiten brachte es die Debatte um den Text „Die nehmende […]

Die gefährliche Dialektik des Erinnerns

„Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was verzählen“, dichtete einst Matthius Claudius und  besonders ausgiebig kann er das, wenn ihn diese Reise nach Sarajevo führt. Ich habe noch keine Stadt erlebt, in der es so knistert, in der Geschichte und Gegenwart, Freude und Leid, Licht und Schatten, Orient und Okzident, Moderne und Antike […]

Blumen für Habermas

Frage: Habermas sucht die gesellschaftspsychologische Ebene erst gar nicht, sondern sagt: Entzieht doch diese Dinge dem Nationalstaat. Wir brauchen neue europäische Institutionen. Er betätigt sich als Neukonstrukteur einer zusätzlichen überstaatlichen Ebene, die unsere Probleme in diesem eher auch vordemokratischen Raum mit neuen Institutionen lösen soll. Er baut sich da ein neues Europa. Was halten Sie […]

Habermas: Autoritäre Persönlichkeit

Zum 90. Geburtstag Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Karl Heinz Bohrer Nein, es handelt sich beim Titel nicht um ein neues Buch aus Habermas‘ Feder, nicht um eine soziologische Studie – wie die gleichnamige seines Doktorvaters Adorno –, sondern um den Versuch, den […]

Greta Thunberg Superstar

Die meisten Menschen haben ein paar lebenslange Maximen, an die sie sich halten. Mein Großvater zum Beispiel, der sechs Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte und erst 1950 nach Hause – nein, das ist falsch, denn die Familie war inzwischen vertrieben worden –, also in die neue Heimat kam, die nie seine wahre Heimat wurde, […]

Warum ich kein Vegetarier bin

Seit Marx‘ Zeiten hat vielleicht kein philosophisches Werk unser tatsächliches Leben derart geformt wie Peter Singers „Animal Liberation“ und kaum ein literarisches Werk dürfte die Gesellschaft bis in die Gesetzgebung hinein praktisch so geprägt haben wie Upton Sinclairs „The Jungle“. Beide Bücher wurden zur „materiellen Gewalt“ und beide behandeln unseren Umgang mit den Tieren. Das […]

Gibt es noch Meinungsfreiheit?

Auf jede Frage ohne Fragewort gibt es mindestens zwei Antworten: Ja und Nein. Meistens gibt es noch viele mehr, die sich im Bereich des „vielleicht“, „Ja, aber“, „Nein, aber“ bewegen. Den Riß in einer Gesellschaft – z.B. links/rechts – kann man dann letztgültig feststellen, wenn sie dazu tendiert, die Vielfalt der Antwortmöglichkeiten in der Mitte […]

Nachdenken über Seifenblasen

Auf dem Pécser Széchenyi Tér vor der einstigen Moschee, dem sehenswerten Dzsámi, wie die Ungarn sagen, steht ein Straßenkünstler und formt riesige Seifenblasen. Sie fliegen – man kann das an der Ausrichtung des Gotteshauses kontrollieren – Richtung Mekka. Eine kleine Schar Kinder hat sich eingefunden und hascht nach den Blasen, bringt sie zum Platzen.

Den Terror sehen

Begriff und Konzept des Terrors werden – wie so viele Kategorien – in unseren Medien inflationär gebraucht. Umso verwunderlicher ist es, daß dort, wo nach allen Definitionskünsten der Welt reiner Terror vorliegt, man auf den Begriff verzichtet. Das Attentat auf den Bundestagsabgeordneten und Bremer Parteivorsitzenden der AfD erfüllt – sofern politisch motiviert – nun alle […]

Rechenschaftsbericht

„Old habits die hard“, sagt ein altes englisches Sprichwort. Zum Ende des Jahres gibt es einen Rechenschaftsbericht. Diese gute, alte kommunistische Tradition will ich heute, am Ende des vierten Kalenderjahres dieses Blogs aufgreifen, und einen kleinen Einblick hinter die Kulissen werfen.

Welthaltigkeit und großes Erzählen

„Wenn man an meinen Büchern die Tendenz des Autors erkennen könnte, hätte ich völlig versagt“. (Michael Köhlmeier) Ellen Kositza schrieb im Heft 68 der „Sezession“: „Als man sich jüngst in netter Runde wieder in fröhlichem Kulturpessimismus erging, mußte an einer Stelle jäh Einhalt geboten werden: Es gäbe heute auch keine Erzähler mehr, klagte einer. Da irrte […]