Mir fehlen die Worte

Es ist ja so: wenn man bei Youtube was schaut, bekommt man es nie wieder los, solange man den Cache nicht leert. Nun habe ich mir in letzter Zeit immer mal wieder den Genuß gegönnt, der verwirrenden Schönheit der polnischen Sprache zu lauschen. Mit dem ärgerlichen Resultat, daß ich meine Spielzusammenfassungen der Ungarischen Liga auf Youtube nicht mehr finde.

Stattdessen bietet mir die Maschine an: MISS POLONIA 2021 – WSZYSTKIE KANDYDATKI.[1]

Na gut, denke ich. Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Die Freude an den geballten Zischlauten mit der rationalen Analyse einer solchen verabscheuenswürdigen, frauenverachtenden, undiversen – keine der Damen trug Bart oder so was[2] – und anachronistischen Veranstaltung. Und wer weiß, wenn die jungen Frauen alle eine nach der anderen auf den Laufsteg staksen und mit den immer gleichen Sätzen vorgestellt werden, kann man vielleicht durch reine Repetition auch ein wenig Polnisch aufschnappen. „Language Learning through comprehensible input” nennt sich das Konzept.

Aber ich hatte die Rechnung ohne den polnischen Wirt gemacht. Die Mädels – es müssen an die hundert sein – laufen quasi nackt, ohne Wortbegleitung, eine nach der anderen nach vorn, posieren, drehen sich und lassen schließlich ihr Hinterteil schwingen. Eine schöner als die andere, alle perfekt und schön in ihrer Vielfalt, so wie Mütterchen Natur sie in ihrer unergründlichen Willkür erschaffen hat: ob dick oder dünn, groß oder klein, blond oder brünett, schwarz oder weiß, mit oder ohne Handicap. Wer die idiomatische Wendung „Die Qual der Wahl“ begreiflich machen will, der hat hier das ideale Beispiel. Glückliches Polen!

Und ich meine auch, wir lernen hier sehr viel über unsere renitenten Nachbarn. Ich weiß nur noch nicht recht, was. Mir fehlen die Worte!

[1] Miss Polen – alle Kandidaten (weiblich)
[2] Siehe dazu als Kontrastmittel: Das Verschwinden des Weiblichen

4 Gedanken zu “Mir fehlen die Worte

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ich habe nie verstehen können, was man diesen Fleischmarkt-Darbietungen abgewinnen kann. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kleideten sich die Frauen noch derart, dass man mit vorteilhafter Illusionsbereitschaft wähnen konnte, únter ihren Spitzen, Rüschen und Bändchen stecke mehr als ein – damals noch, mangels Kontrazeptiva – fortpflanzungsförderliches biologisches Signalsystem. Wir leben in primitiven Zeiten.

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    • Fuzzer schreibt:

      Geht mir ähnlich, wobei es nicht das Fleisch als solches ist. Die Kombination High Heels/Bikini ist komplett abtörnend, das Gestakse auf den Steg komplettiert das.
      Eine Frau mit einem durchgebildeten Outdoor-Körper am wilden Strand barfuß, die wie eine Katze schleicht: Ganz andere Nummer…

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    • Die Herren haben selbstverständlich recht – wir sind Zeugen einer sehr bemitleidenswerten Vorführung! Schon dieses in der Reihe stehen, nackt in einer großen Halle hat etwas Entwürdigendes. Die Kombination aus hohem Schuhwerk und knapper Badebekleidung wirkt zudem unästhetisch. Sie hätten dort – wenn schon – barfuß gehen sollen.

      Man darf aber nicht vergessen, daß die Damen dort aus ganz freiem Willen posieren – wie frei der wirklich ist, sei eine andere Frage. Immerhin hat man den Eindruck, daß der einen oder anderen in diesem Moment das Verkehrte aufgeht. Besonders bedauernswert jene, die von vornherein chancenlos sind und also aus einer falschen Selbstwahrnehmung dort stehen.

      Interessant schien mir der kulturelle Unterschied. Ob so etwas in dieser Form in D überhaupt noch möglich ist? Vielleicht in gewissen Milieus, doch diese Mädels dort sehen alle „studiert“ aus, sind sicher nicht dumm, prollig oder einfältig.

      Dann darf man auch nicht vergessen, daß derartige Veranstaltungen auch eine kulturelle Funktion haben: sie definieren ein Schönheitsideal. Einerseits wird das bisherige bestätigt, anderseits werden neue Moden und Differenzen angekündigt. Ist es aufgefallen, daß man keine Tattoos oder Nasenringe sieht? Im Gegensatz zu D scheint man in Polen die Ästhetik des Weiblichen noch zu kennen, insofern, als dort nur gut gewachsene und fehlerfreie Körper präsentiert werden. Auch gegen alle Ideologie wird man doch festhalten können, daß es objektive Faktoren in puncto Schönheit gibt. Damit sollen die kulturellen Differenzen nicht negiert werden und andere Länder mögen „Big Mamas“ schön finden, der Westen zeichnet sich seit Phidias und Praxiteles durch ein verhältnismäßig gleichförmiges Schönheitsideal aus. Auch dieses wird im Moment von der Ideologie zernagt – umso besser zu wissen, daß einige Länder die Ideale noch hochhalten … und sei es mit fragwürdigen Exhibitionen. Ein ganz wichtiges Kriterium für Schönheit ist die Funktionalität des Körpers, seine Gesundheit – ein Körper, der nur eingeschränkt belastbar ist, kann nicht mehr vollkommen schön sein – es sei denn, man legt das so fest. Daher das Junge, daher das Schlanke, daher das Proportionierte …

      Immerhin kann das Video als Eselsbrücke helfen, sich das Wort „nudny“ einzuprägen – es bedeutet „langweilig“ „öde“.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Dazu, was der freie Wille hierzulande so ermöglicht. Wenn ich mir das Bild der Präsidentin der Technischen Universität Berlin anschaue, kommt mir in den Sinn: Was diese Nasenringträgerin noch rettet, sind ihr schiefer Blick und ihre ungleichen Zahnlängen; diese verschaffen ihr nämlich Individualität. (Die Anschreiben für Universitätsangehörige beginnt sie übrigens mit der Grußformel „Liebe Menschen“. Was ich als entsetzlich ausschließend gegenüber allen Hornochsen und Kühen an der Universität empfinde; Näheres dazu in Heines Harzreise.)

        Aber zurück zu unseren Laufsteg-Damen. Es gibt Hollywood-Filme aus den Dreißiger Jahren, die als Hauptbestandteil ein Wasserballett stereotyper junger Damen mit gefrorenem Lächeln zeigen, was dann noch eine Steigerungsform der chorus line langbeinig-uniform-blonder Tänzerinnen ist. Grauenhaft! Da lieber 100 Minuten lang mit der Deckenkamera aufgenommenes Carambolspiel anschauen.

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