Helmut Lethens Großinquisitor

Legende oder Parabel? Helmut Lethen beharrt entgegen der literaturwissenschaftlichen Grundmeinung auf dem Begriff der Legende, wenn es um den Großinquisitor aus Dostojewskis “Die Brüder Karamasow” geht, und gibt dem unerhörten Vorfall im Sevilla des 16. Jahrhunderts damit einen ontologischen Status – sie ist mehr als Phantasie, mehr als ein Lehrstück, sie verführt zum Aufheben der Differenz, so als wäre Jesus tatsächlich erschienen. Daher ihre Brisanz.

Die Legende inspirierte bedeutende Interpretationen und sie ist im Machtgefüge bis heute virulent. Lethen durchleuchtet mit Hilfe klassischer Auslegungen die Aporien der Großinquisitor-Szene, das Umschlagen von Gut in Böse und von Böse in Gut. Wir befinden uns auf dem Gelände der Ambivalenz. Die Stärke des Bildes und die Interpretationsoffenheit lassen vielfältige Deutungen, Nutzungen und auch Mißbräuche zu.

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Der Autor läßt sie alle aufmarschieren; zum einen die Lethen-Lesern bekannten Verdächtigen Max Weber, Carl Schmitt, Helmuth Plessner, dann aber auch einige Überraschungen, wie etwa Helena Blavatsky, Wladimir Solowjew,  Pawel Florenski, Joris-Karl Huysmans oder René Fülöp-Miller. Sie werden auf die typisch assoziative Art aneinandergereiht, gegenübergestellt, miteinander konfrontiert, mit Lethens eigener und stets eigenartiger Logik gedeutet: da sehen sich hochgradig heterogene Denker überraschend ins Auge. Andere wären auch möglich gewesen, einige offensichtliche fehlen, etwa Sloterdijks Aufnahme des Großinquisitors in das Kabinett der Großzyniker oder Safranskis Kurzschaltung der Figur mit Hiob.

Denn Hiob ist auch bei Lethen „die Sicherheitsnadel, die dieses Buch zusammenhält“.

Tatsache ist, daß das Buch viele Funken schlägt und es dem Leser überläßt, ob daraus ein Schmiedefeuer wird, ob er daraus Aktualisierungen ableiten will. Lehrreich ist es auf jeden Fall! Voraussetzungsreich wie immer, aber weniger verklausuliert als frühere Arbeiten. Auch scheut der Autor die Einführung des autobiographischen Ichs als Schaltstelle nicht, wechselt immer wieder zwischen erster und dritter Person, Einzahl und Mehrzahl.

Sein Lebensthema, das große Faszinosum, das ihm scheinbar unlösbare Geheimnis, scheint überall durch: die Kälte und die Härte.

Habituell ein sanfter Kopf, überrascht ihn auch im hohen Alter noch der Konflikt zwischen Schärfe des Denkens und Kälte der Konklusion, der Amoralität des reflexiven Verstandes. Lethen ist zwar lebenslang von Kälte und Härte fasziniert – nachdem ein früher Selbstversuch scheiterte –, aber er findet in sich selbst wenig davon. Ob Kojève, Merleau-Ponty, Benn oder Jünger – er starrt sie entgeistert an, „das Eiserne ist dialogunfähig“ und dennoch so wirkmächtig.

In Dostojewski findet er hingegen den erlösenden „Polytheismus der Einbildungskraft“ und den stellt er leitmotivisch dem „Monotheismus der Macht“ entgegen.

So entsteht ein anregender Traktat über die Gewalt in der Politik. Kann sie gerechtfertigt sein, wenn sie dem Progressiven dient? Einst – „1968“ – wollte er Teil der Revolte werden, nun dreht diese nur noch an der Spirale der Gewalt. Ist die Gewalt das Böse an sich? Oder das Böse, das dem guten Ziel dient?

Die Fragen bleiben offen, nicht etwa, weil Lethen keine Meinung dazu hätte, sondern weil er sich zu wenig wichtig nimmt, um sie vor Publikum apodiktisch zu beantworten. Stattdessen vollführt er ein permanentes Kurzschließen von literarischen oder philosophischen Texten mit anderen literarischen oder philosophischen Texten, ein Andeuten, Umkreisen in vielen Spiralen, interpretiert und kommentiert diese mit eigenen Eingebungen.

Zum Schluß läßt er sich vom Fürsten Myschkin, dem „Idioten“, retten, der „schuldlos aus dem Horizont des Glaubens an einen Gesetzes-Gott herausfällt … Diesen Helden“ – das sind die Schlußworte – „muß man lieben.“

So entpuppt sich dieser originelle und scheinbar waghalsige Ritt durch die Zeiten und Kulturen als eine Apologie der Schwäche. Es ist ein Meisterwerk des „pensiero debole“, des schwachen Denkens. Ein solches Werk im hohen Alter zu schreiben, bringt das Risiko mit sich, daß es als Testament gelesen werden könnte. Vielleicht darf man sich Helmut Lethen bei diesem Gedanken glücklich lächelnd vorstellen.

Helmut Lethen: Der Sommer des  Großinquisitors. Über die Faszination des Bösen. Rowohlt, Berlin 2022. 238 Seiten, 24 Euro.
zuerst erschienen in Sezession 111

siehe auch: Helmut Lethen – 80 Jahre

Helmut Lethens Raumfahrt durch die Zeit

Ein Brief an den Feind

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