Das Prinzip Überweltigung

Sehr gut entsinne ich mich eines Kino-Besuchs mit meiner Tochter. Sie muß damals um die zehn Jahre alt gewesen sein. Wir wollten „Der König der Löwen“ sehen, ein damals schon überwältigendes Werk, das man als P6 deklariert hatte, ein Fehler, wie ich fand, steckt der Film doch voller dramatischer und angsteinflößender Szenen.

Die freilich gingen nahezu unter, denn in der Werbephase vor Beginn der eigentlichen Vorstellung wurde uns „Der Herr der Ringe“ empfohlen, der Film, der gerade in aller Munde war. Ohne Vorwarnung rannten plötzlich eine Horde Orks auf uns zu, aus dem Dunklen kommend, schreiend und grunzend, ihre Raubtierzähne fletschend und bleckend, Speichel triefend, mit ihren entstellten Visagen und wild ihre Waffen schwingend. Die Sequenz währte nur ein paar Sekunden, aber sie war so überwältigend und angsteinflößend, daß der nachfolgende Film fast unterging. Dieser Moment steckte in den Knochen, die Bilder waren unvergeßlich, man hatte uns nicht nur einen schönen Vater-Kind-Nachmittag verdorben, man hat uns geprägt, so wie man einem Pferd einen glühenden Stempel auf die Flanke drückt, so brannte man uns diese Bilder ins Hirn. Wenn heutzutage Ukrainer die russischen Soldaten als „Orks“ bezeichnen, um sie zu entmenschlichen, dann weiß man, was diese Bilder weltweit geleistet haben.

Irgendwann – unabhängig von diesem Moment – las ich dann Tolkiens „Lord of the Rings“, d.h. ich begann es zu lesen, warf es aber nach der Hälfte etwa entnervt in die Ecke, sortierte es dann wieder ein und dort versauert es seither. Ich fand die Geschichte hanebüchen, an den Haaren herbeigezogen, es ermüdeten mich die immer neuen Namen, die man sich zudem kaum merken konnte, die ewig gleichen Schlachten, Gefechte und Gemetzel, am meisten aber die dürftige Struktur der Und-dann-Geschichten.

Ständig tauchten neue Kräfte aus dem Nichts auf und griffen meist im allerletzen Moment ein – ihr Erscheinen empfand ich als arbiträr: Literatur von Rang tut so etwas nicht – alles, was auftritt, hat eine innere Notwendigkeit, muß sich aus dem Gewesenen erklären lassen und sollte eine Funktion für das Kommende haben. Tolkien verzichtet darauf, seine Phantasie ist grenzenlos, ist extensiv, der Kosmos scheint immer größer zu werden, wird tatsächlich aber nur immer länger, er erzählt einen endlosen Faden, man wartet vergebens auf organische Funktionen der Figuren, sie kommen einfach, entscheiden etwas und verschwinden in vielen Fällen wieder oder tauchen – je nach Einfall – doch wieder irgendwo auf. Es langweilte mich unsäglich.

Auch die Filmtrilogie verweigerte ich – es fällt mir ohnehin schwer, typisch amerikanische Filme anzusehen: überall scheint die Verlogenheit durch. Ich kann diese Mimik und Gestik nicht ertragen und hasse, wenn sie wenig später bei uns Einzug hält, die Füllphrasen, die dann ein paar Jahre später im Duden stehen – man beobachte aufmerksam die Menschen in Deutschland; sie haben ihre ethnische Mimik und Gestik weitestgehend verloren und imitieren die Bewegungsprofile aus Hollywood –, ich verabscheue diesen verlängerten letzten Blick der Protagonisten, von stimmungsvoller Musik untermalt, als fürchterliche Manipulationen, ich verachte das emotionale blackmailing … Aber das ist ein anderes Thema.

Trotzdem standen wir beim Besuch des Exeter College in Oxford ehrfürchtig vor Tolkiens Büste und Plakette an der Wand und ließen uns vom kundigen Guide belehren. Man zeigte auch den Essenssaal aus der ersten „Harry Potter“-Verfilmung und als ich mich durch die ersten anderthalb Bände jener endlosen Und-dann-Geschichte quälte, da wurde mir klar, daß dies konstitutives Element der Fantasy-Literatur ist. Seither habe ich nichts mehr probiert – ich spreche also mal wieder auf dem Grat meiner Unkenntnis.

Ganz sicher tue ich Tolkien unrecht, der ein großer Gelehrter gewesen sein muß, viele uralte Sprachen sprach, andere erfand – vielleicht Umberto Eco vergleichbar, der sich mit „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“[1] auf theoretische Art  diesem faszinierenden Problem widmete.

Neuerdings entdecken die Rechten und Neuen Rechten das Ringe- und Hobbit-Werk und beanspruchen es für sich als Versuch einer Neubegründung eines tragenden Mythos. Ein vergebliches Unterfangen, wie ich finde, denn Mythen kann man nicht kreieren, sie müssen im Volk wachsen und werden erst dann zu Papier gebracht und wachsen später in einer seltsamen Dialektik weiter. Tolkien hat keinen neuen Mythos geschaffen, er hat sich nur aus den Mythen der Nordländer, Germanen und Kelten bedient. „Vielmehr ist der kraft seiner Rezeption variierte und transformierte Mythos in seinen geschichtlich bezogenen und bezugskräftigen Gestaltungen schon deshalb der Thematisierung würdig, weil diese die geschichtlichen Lagen und Bedürfnisse mit hereinzieht, die vom Mythos affiziert und an ihm zu ‚arbeiten‘ disponiert waren.“[2]

Was mich am meisten nervte, hat David Engels als Wesenskern geadelt, er hat den Und-dann-Gedanken ins Transzendente veredelt: „Der Sieg der Tolkienschen Helden ist daher auch nur eine Belohnung seines Strebens, nicht aber das unmittelbare Resultat der eigenen heroischen Tat – ein zutiefst christlicher, ja genuin katholischer Gedanke.“ Hier wird nichts anderes erklärt – oder verklärt? – als der permanente Einbruch einer anderen oder höheren Macht in auf die Spitze getriebenen Entscheidungssituationen, die die Protagonisten aus eigener Kraft nicht lösen können. Engels ist ausgewiesener Experte, ich stümpere hier nur rum: er wird wohl recht haben.

Nun kam also das Milliarden-Projekt des Jeff Bezos auf den Markt, die durch Amazon verfilmte Vorgeschichte des „Herrn der Ringe“, d.h. die erste von fünf geplanten Staffeln mit je acht Episoden. Darin werden Ideen des Buches „Das Silmarillion“ aufgenommen, sehr frei, wie man hört, was hier über Jahre verfolgt werden wird, macht im Buch wohl nur 12 Seiten aus und wird dementsprechend bombastisch ausgemalt.

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten, ja sie war sich schon vor Erscheinen der Reihe sicher, daß es sich um einen grandiosen Mißerfolg handelt. Die Puristen beklagten die Abweichungen vom Original, im rechten Spektrum ereiferte man sich über ideologiebasierte Inhalte, namentlich über die Multikulturalität der Besetzung und die Idee des Empowerments, also das Übergewicht (im Doppelsinne) starker Frauen. Das Werk sei nun mal europäisch und also weiß, wer Multikultur sucht, könne sie in der Vielfalt der Stämme finden, muß diese aber nicht vermischen und aussehen lassen wie Riverdale[3] New York.

Nun, ich habe aus diesem Grunde die Serie gesehen, zwei Mal sogar, und weil man in verschiedenen Analysen deutlich machte, daß es sich intern auch um eine Auseinandersetzung mit den Jackson-Verfilmungen handelt, mir auch noch diese in wochenlanger Kleinarbeit „reingezogen“, also „Herr der Ringe“, alle drei Teile, und „Hobbit“, alle drei Teile, insgesamt mehr als ein ganzer Tag Lebenszeit an Film.

Mittlerweile ist das Netz voll von Kritik an der neuen Verfilmung: die Schauspieler seien schlecht, die Dialoge ärmlich, die Logik stimmt nicht, die Kameraführung ebenso, man sucht nach Fehlern und vertanen Chancen und wird fündig. Bei einem solch exorbitanten Budget eine Blamage.

Und dennoch gefällt mir die neue Serie besser als die alte und das aus dem einzigen Grund: sie ist in der Erzählweise komplexer, weniger eindimensional, weniger und-dann. Klar, der erzählerische Ertrag ist dürftig: nach mehr als acht Stunden wissen wir nun, wer Sauron ist. Die Frage aber wurde über verschiedene Erzählstränge verfolgt, die offenbar aufeinander zulaufen, und das gefällt mir.

In „Der Herr der Ringe“ folgen wir den Hobbits und ihrer Gefährten auf ihrer Reise, erleben ein Hindernis nach dem anderen, eine Schlacht nach der anderen, eine drohende Ankündigung nach der anderen, eine Zauberei nach der anderen, und eine wundersame Rettung nach der anderen und garantiert immer im letzten Moment. Von irgendwo kommt immer noch ein Fabelwesen angeflogen oder angeritten, die Situation zu retten. Mag sein, daß das katholisch ist, es ist vor allem langweilig.

In die „Ringe der Macht“ kann man immerhin lange rätseln, wie die einzelnen Erzählstränge zusammenkommen werden und sollte die Lösung glücken, dann kann das ein bezauberndes Erlebnis werden.

Daß nun überall Schwarze und Asiaten dabei sein müssen, ist zwar lächerlich, aber wenig störend. Daß aus solchen Verbindungen dann oft keine Mischlinge herauskommen, eine weitere Albernheit. Die starken Frauen, die Heldinnen, sind eine Bereicherung. Ich würde hier nicht allzu viel hineinlesen wollen.

Interessanter ist es, herauszufinden, weshalb solche Filme trotz aller Mängel funktionieren. Ich glaube, es ist ihre Überweltigung.

Zum einen werden uns phantastische Welten gezeigt, von bombastischer Musik untermalt, die unwirklich schön sind, vor allem aber werden die dramatischen Ereignisse unmittelbar ins Gesicht des Zuschauers geschleudert, und das scheint mir ein Unterschied zu den älteren Filmen zu sein, bei denen die Reise aus der Seitenperspektive verfolgt wurde. Dort war man Zuschauer, hier ist der Zuschauer Akteur. Man sieht viel mehr auf sich zukommen oder über und unter sich wirken als an sich vorbei.

Ruhephasen werden durch plötzliche Einbrüche des Bösen unterbrochen, manchmal auch sinnfrei. Nicht nur in den offensichtlichen Horror-Szenen wird der Zuschauer übermannt, sondern mit all seinen Sinnen gefordert.

Es ist eine emotionale Überwältigung, eine ästhetische, eine akustisch-musikalische, eine der Geschwindigkeit. Der Klang des Eindringens des Schwerts oder Pfeils ins Fleisch, das Gurgeln des Blutes, die viel schnelleren Kampfszenen, in denen man das Geschehen mehr erahnt als sieht, so rasant geht alles. Schließlich erleben wir in der siebenten Folge nach dem Vulkanausbruch einen atomaren Winter – das sind unsere heutigen Ängste. Da die Schlachtszenen hier viel spärlicher sind als im Ringe-Komplex, wirken sie weniger ermüdend. Auch verzichtet man auf ätzende Moraldialoge, ersetzt sie stattdessen durch weise und pseudoweise Sätze. Die Dialoge sind hölzern, aber gehaltvoll, sie propagieren oft konservative Werte

Nirgendwo wird das Überwältigungskonzept deutlicher als in der elementaren Tsunami- und der Vulkan-Szene – einmal kommt die riesige Wasserwelle direkt auf Galadriel zu, das andere Mal die pyroklastische Wolke, die Feuerwalze. In diesen Szenen wurde das grundlegende Filmkonzept kondensiert.

[1] München 1994
[2] Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos. Frankfurt 1997, S. 192
[3] Nicht zu verwechseln mit Rivendell

siehe auch: Die Welt nach Harry Potter

Tolkien und die Tradition

12 Gedanken zu “Das Prinzip Überweltigung

  1. JJA schreibt:

    Ich komme nicht zu ausführlicher Kommentierung, auch wenn der Inhalt mich etwas schockt – die Amazon-Serie ist wirklich ein Machwerk, bitte! Keine echte Identifikationsfigur, die Männer alle Idioten oder böse, die Krypto-Hobbits vollkommen unverständlich (Warum ziehen sie umher? Warum ist Zusammenhalt so wichtig, aber sie lassen recht schnell Leute zurück?) und so weiter. Sie haben das offenbar schon alles gelesen, ich schweige also. Ich verstehe auch, was sie meinen. Die Serie erzählt wie eine moderne Serie eben erzählt: verschiedene Handlungsstränge, die sich erst parallel entwickeln und sich dann auf verschiedene (und möglichst überraschende) Weise kreuzen. „Der Herr der Ringe“ ist viel linearer. Aber auch hier gibt es getrennte Stränge: Gandalf bei Saruman, die Trennung der Gefährten etc. Nun, der HdR will ja ein neuer Mythos sein – müsste man ihn da nicht an der Erzähltechnik alter Mythen und Sagen messen? Ist das Nibelungenlied auch eine „Und dann…“-Geschichte?

    Die Idee des neuen Mythos ist ein springender Punkt. Tolkien versucht sich hier an einem Problem, das letztlich auch einen Großteil der Philosophie seit der Aufklärung beschäftigt: Gibt es so etwas wie eine zweite Unmittelbarkeit? Wie Hegel in einem Kreis von Kreisen letztlich wieder zur Unmittelbarkeit zurückfinden will, bei Ricoeur findet sich ähnliches, dass Heidegger an der Zergliederung der Welt leidet, ist eh klar… Tolkien ist der Praktiker, der es versucht.

    Und letzte Anmerkung: Im angelsächsischen Katholizismus gibt es schon lange einiges an apologetischer Literatur, die sich auf Tolkien stützt (mind. seit den Filmen). Tolkien war ein sehr frommer, stur an der Tradition festhaltender Katholik, mit täglichem Messbesuch etc pp – im damaligen Oxforder Umfeld! Das war vielleicht nicht mehr wie zu J.H.Newmans Zeiten, aber sicher ähnlich. Deshalb gibt es auch einiges an Literatur, die das Tolkien-Universum philosophisch-theologisch ausdeutet und dann in Galadriel Maria und im Lembas-Brot die Eucharistie entdeckt. Problem ist nur, dass Tolkien allegorische Deutungen ablehnte. Aber dass seine Werke durchtränkt sind von einer traditionellen und relativ abgeschlossen-katholischen Weltsicht, daran besteht kein Zweifel.

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    • Fuzzer schreibt:

      Die besprochene Serie allerdings basiert nicht auf dem Herrn der Ringe, sondern – wenn schon die Bücher herangezogen werden – am ehesten auf Inhalten des Silmarillions. Einem viel stärker fragmentierten und unbeendeten Werk mit auch enger inhaltlich gesehen jeder Menge Anleihen bei nichtchristlichen Mythologien. Nicht dass ein Autor so einfach aus seiner weltanschaulichen Haut kann, aber da gibt es schon ein paar experimentelle Versuche zu sehen.

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  2. Rabenfeder schreibt:

    Es dürfte vergebliche Müh‘ sein, jemandem den Herrn der Ringe nahe bringen zu wollen, der sich nicht mit den ersten gelesenen Seiten bereits forttragen lässt.
    Du empfindest es oder Du empfindest es eben nicht.
    Wer auf dem Weg in die Nacht die Lichter des letzten Hauses nicht mit Wehmut in der Ferne verschwinden sieht;
    wer bei der Abkürzung durchs Unterholz nicht den Terror der schwarzen Reiter in den Knochen
    spürt;
    wen die Lichter von Brandy Hall am anderen Ufer des Flusses kalt lassen und wer nicht ermessen kann, was die Überquerung des Flusses wirklich bedeutet;
    wer im alten Wald nicht die Unausweichlichkeit spürt mit der eine unheimliche Macht die Wanderer in den tödlichen Schlaf unter Weiden im Tal der Withywindle zwingt;
    wer dem Zauber im Haus von Tom Bombadil nicht erliegt;
    wer das kalte Entsetzen auf den Hügelgräberhöhen nicht mitfühlt, als der in der Sonne noch kühlenden Schatten spendende Stein nach Erwachen plötzlich dunkel drohend im dichten Nebel aufragt;
    wer so vieles und noch viel mehr (Moria! z.B.) nicht empfindet, was will man einem solchen Menschen mit dem Herrn der Ringe kommen?

    Zugegeben, es möchte wohl derjenige leichter Zugang finden, dem das Buch in jungen Jahren
    in die Hände fällt. Ich verschlang es im zarten Alter von 11 Jahren und die mythische Initiationsreise hat mich nie mehr los gelassen, obwohl ich, je älter, desto kritischer und
    skeptischer geworden bin.

    Aber steigen wir aus der Höhe herab und betreten wir die Niederungen der Verfilmungen:

    Man kann die Herr der Ringe-Filme kritisieren, es gibt einiges nur schwer Verdauliches darin, aber man muss meines Erachtens zumindest anerkennen, dass sie zumindest anfangs von einem ehrlichen Bemühen der Macher getragen wurden, Tolkien gerecht zu werden. Außerdem hat die ursprüngliche Trilogie viele tatsächlich auch filmisch ansprechende Szenen, untermalt von einer hervorragenden Filmmusik eines inspirierten Howard Shore.
    Desto selbstsicherer Peter Jackson wurde und je mehr sein Trash-Filmer-Ego die Kontrolle gewann, desto schwächer die Verfilmungen. (Nicht nur) Legolas war ein Vorgeschmack -wer die Filme gesehen hat, weiß was ich meine-, Jacksons Machwerk „King Kong“ dann bereits eine eindringliche Warnung, die „Hobbit“-Trilogie schließlich ganz schlimm und vollkommen bar jener Magie, die zumindest in Ansätzen beim Herrn der Ringe noch vorhanden war.
    Ich muss allerdings gestehen, dass mich die „Making of“ Spezialeditionen der Herr der Ringe-Filme viel intensiver beschäftigt haben, als die Filme selbst; sie waren (und sind) ein außergewöhnliches Beispiel guten Verkäufertums.
    Es müssen dutzende Stunden gewesen sein, mit den Wiederholungen gar hunderte, in denen ich den Drehbuchautoren, Regisseuren, Kameraleuten, Cuttern, Maskenbildnern, Gärtnern, Stuntmen, Bühnenbildnern, Kostümdesignern und Schneidern, Produzenten, Special Effekts-Leuten, Schauspielern, Musikern und Pferdetrainern usw. gelauscht habe und Ihnen über die Schulter schauen durfte.
    Wie oft bin ich nach getaner Nachtschicht mit den Filmemachern im Ohr eingeschlafen, so dass ich selbst im Traum oft genug Teil der Crew wurde, mit zum Teil grotesken Sequenzen, an die ich mich noch immer lachend erinnere…

    Aber genug von den Filmen aus Neuseeland; steigen wir tiefer herab, viel tiefer und sprechen wir von dem jüngsten Ausguss Hollywoods, „Die Ringe der Macht“:

    Verabschieden wir uns zuvörderst von Tolkien und seinem Werk, denn mit seinem (Sub-)Schöpfer und seiner (Sub-)Schöpfung Arda hat die Amazon.Serie außer dem Namen nun so gar nichts gemein.

    Wir müssen uns also ganz auf die Qualitäten der Serie an sich konzentrieren, vielleicht ist sie ja für sich gesehen durchaus ansehnlich?
    Eine Verfilmung mag zwar die adaptierte Geschichte mit brutaler Grobheit vergewaltigen und der Geschundenen wehe tun aber wenn ein Stanley Kubrick dein Buch für seine eigenen Zwecke gnadenlos benutzt, dann mag dann doch ein Meisterwerk dabei herauskommen.
    Vielleicht auch hier?

    Gut, die beiden unerfahrenen Showrunner aus dem Dunstkreis von J.J.Abrams‘ Produktionsfirma „Bad Robot“, die zuvor schon die Fangemeinden von Star Trek und Star Wars in ungeahnte Ekstasen versetzen durfte, haben auch mit Kubrick nix zu tun, aber das haben eh‘ nur wenige.

    Selbst wenn es sich also um kein Meisterwerk handelt, so kann die Serie vielleicht doch etwas haben, was uns fesselt und unterhält und sei es auch nur als „guilty pleasure“.
    Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Lebensgefährtin mir einen Film für einen unserer Filmabende vorschlug, den Sie bereits mit Freunden gesehen hatte und den alle ausgesprochen lächerlich fanden. Sie erwartete also einen gepflegten Lästerabend auf dem
    Sofa, dutzendfach bewährt wenn seichte Unterhaltung das Ziel war.
    Bei dem Film handelte es sich um ein jüngeres Werk Francis Ford Coppolas, „Twixt“ genannt.
    Was soll ich sagen, gelästert wurde nicht, stattdessen musste sie mit großem Erstaunen feststellen, dass ich ganz gebannt auf den Bildschirm starrte. Die Erklärung ist einfach: Die Traumszenen mit dem dominierenden und unheimlichen und doch so vertrauten Glockenturm entsprachen auf erstaunliche Weise einem immer wiederkehrenden Motiv meines eigenen Traumerlebens, wenn auch der Turm in meinem Fall ein Burgfried war und die Träume selbst durchaus verschieden; aber wer schon einmal eine sehr persönliche Traum-Atmosphäre plötzlich und unerwartet im Fernsehen gesehen hat, mag ermessen, wie es mir erging.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Selbst wenn ein Film/eine Serie objektiv eher bescheiden daher kommt, so mag sie doch für manchen Zuschauer einen Wert haben.

    Da nun der Seitenbetreiber #Seidwalk die Amazon-Serie mit ihren Fehlern so schlecht nicht fand, gar weit besser als die Peter Jackson-Filme, so muss es sich um einen solchen Fall handeln.
    Legen wir nämlich „objektive“ Kriterien an die „Ringe der Macht“ an, so ist die Serie eine einzige Katastrophe:

    Ohne des auch von Seidwalk belächelten Abhakens „woker“ Vorgaben wie Frauenpower (immer lächerlich und unglaubhaft dargestellt), Diversity und kaum verhohlenem (Selbst-)Hass auf den weissen Mann zu gedenken, fällt sofort auf, dass die Serie nicht auf eigenen Beinen steht.
    Immerfort kopiert sie die Jackson-Filme, allerdings auf amateurhafte Weise: Von den nervigen episch sein wollenden Kamerafahrten (sweeping, sweeping), die schon in Jacksons „Hobbit“-Trilogie zur Karikatur des eigenen Stilmittels mutierten bis hin zu Details, wie dem „aus dem Wasser ziehen des Helden (hier der Heldin) durch einen zwielichtigen Charakter, woran ich übrigens festmachte, dass es sich eingedenk der Unselbstständigkeit der Serienmacher bei Halbrand möglicherweise um mindestens den späteren Hexenkönig, wahrscheinlicher jedoch um Sauron selbst handeln muss, denn selbstverständlich war einer Tolkienadaption „für ein modernes Publikum“ eine Romanze mit Galadriel durchaus zuzutrauen.
    Wir sahen leeren CGI-Bombast, der aber lediglich wie ein Wandbild wirkte, vor dem eine seichte Seifenoper mit mitleidserregenden Dialogen (man muss bei allem Respekt schon arg verschroben in seiner Wahrnehmung sein, um diesen kümmerlichen Sprech besser als in den Jackson-Filmen zu finden) und nach Meme-Status heischenden Sprüchen, die so gerne „Winter is coming“ sein würden und doch unter Gelächter ins Wasser fielen: „The Sea is always right!“
    Nichts macht Sinn: Da werden Ozeane schwimmend überquert und gewaltige Distanzen zu einem nachmittaglichen Spaziergang. Majestätische Schmiedetürme entstehen wie von Geisterhand in wenigen Augenblicken und man teleportiert munter von Ort zu Ort. Türme werden durch einen Pfeilschuss niedergerissen, Vulkane durch lachhafte Mechanismen in Gang gesetzt, pyroklastische Todeswalzen haben selekttve Auswirkung: Häuser werden zu Schutt und Asche und Pferde werden in Brand gesteckt, aber unsere tapfere vorlaute Elfengöre, überhaupt alle namhaften Charaktere überleben mit ein wenig Ruß im Gesicht.
    Die Serie stellt einen vielhundertjährigen schlecht erzogenen Teenager in den Mittelpunkt und versucht sie cool und so kompetent in Dingen des Kampfes aussehen zu lassen, erreicht aber lediglich, dass das Publikum mehrheitlich sich über die miserablen Choreographien lustig macht.
    Hatte Amazon nicht hunderte Millionen in dieses Machwerk gesteckt? Konnte man sich dennoch keine ordentlichen Schwertkampftrainer leisten?

    Da ist noch soviel mehr über diese krude und zusammengeschusterte Fan-Fiction zu sagen, bei dem nur derjenige, der auf filmischen Müll steht, voll auf seine Kosten kommen kann, aber es soll hier genug sein.
    Wie man diese Serie allen Ernstes den durchaus nicht über auch harsche Kritik erhabenen Jackson-Filmen vorziehen kann, ist mir völlig schleierhaft.

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    • Nur zur Information: Diese Replik habe ich aus dem Spam gefischt – Grund unbekannt. Dort fanden sich noch andere Äußerungen, die m.E. dort ebenfalls nicht hingehören, z.T. sehr sehr lang (siehe: Gürtelrose, Covid, China). Habe die nun freigeschaltet, sie befinden sich unter den entsprechenden Artikeln. Bisher lagerten im Spam nur dubiose Links, weshalb ich dort nicht oft nachsehe. Wieso WordPress nun anders entscheidet weiß ich nicht. Bitte immer eingedenk sein, daß Kommentare auch verschwinden können – es gibt keine Gewähr. Wer stundenlang tippt und sich dann nicht wiederfindet, hat Pech gehabt. Bei mir geht ansonsten alles durch, was sich an die Standards des Umgangstones hält.
      Auch mein Lapsus, Manfred Kleine-Hartlage zum Hartmut gemacht zu haben, wurde korrigiert – danke!

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  3. Nordlicht schreibt:

    Mich hat die unlängst erst gelesene Sage „Dune – Wüstenplanet“ sehr viel mehr fasziniert als Herr der Ringe.
    Aber, klar, in den 80ern hat man das gelesen. In inhaltlicher Erinnerung habe ich aber nur „Der kleine Hobbit“.

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  4. Fuzzer schreibt:

    Für mich persönlich ist diese Tolkiengeschichte eigentlich zu 95% eine Frage der völlig entgleisten Skala. Nicht in sich selbst, aber s. weiter unten.
    Die letzte Serie fand ich auch nicht so übel, obwohl ich mittlerweile zu den Leuten gehöre, die bei neuen Sachen erst einmal nach „WhateverName woke“ google und bei bestimmtem feedback die Dinge sofort abbreche. Ich habe hier trotzdem hineingesehen, die Maid war knusprig – obwohl sie nichts mit der Tolkienschen Galadriel zu tun hat -, Sauron war recht geschickt versteckt, bei Kenntnis des Buches aber zeitig zu vermuten. Auch die eingefärbten Elfen haben mich nicht weiter gestört, obwohl ich sonst schnell allergisch werden kann, wenn man mir Dinge aufs Brot schmiert.
    Was mich viel eher stört ist die extreme Durchdringung der Gesamtheit des Mediums Film, auch Buch, durch derart wenige und primitive Narrative in aktueller Breite und Tiefe. Wenn man nur allein das Geld, was für Superhelden- und Fantasyfilme verblasen wird dem gegenüberstellt, wofür früher ein erwachsener Mensch ins Kino ging – selbst ein sehr junger – dann wird dem inneren Auge die komplette Regression und Infantilisierung deutlich.
    Mein erster Tolkien war der Hobbit, gelesen in den Siebzigern – und der hatte sich positiv eingeprägt. Da gab es noch kein riesig überhängendes Genre „Fantasy“ (zumindest nicht im Osten). Die Dreiteilung Menschen/Elfen/Orks war neu und nicht ad nauseam durch alle möglichen Medien gewaschen und repetiert worden. Gefiel mir in meiner kleinen Welt und das „Und-dann“ war völlig OK.
    Heute wird ein Riesenbohei bis zu Wänden voller philosophischer Werke und politischer Vereinnahmung betrieben, der mich irgendwie nur hilflos lächelnd zusehen lässt. Leute, treibt Zen, denke ich dann, tretet zwei Meter zurück und seht euch einmal an, welche Erwartungshaltungen ihr da in diese Bücher, Filme, Spiele etc. legt – komplett surreal für jemand mit analoger Vergangenheit, die er noch reflektieren kann. Endzeit, ideenlos. Hirnlose Erweiterung durch Multiplikation, ein Superheld, fünf Superhelden, 10 … – ahem, haben wir die Rechte für Nummer 8, anyone?

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    • Pérégrinateur schreibt:

      „Wenn man nur allein das Geld, was für Superhelden- und Fantasyfilme verblasen wird dem gegenüberstellt, wofür früher ein erwachsener Mensch ins Kino ging – selbst ein sehr junger – dann wird dem inneren Auge die komplette Regression und Infantilisierung deutlich.“

      Na ja, Kino mit „Doppelwums“, Politik mit „Doppelwums“, was weiß ich noch mit „Doppelwums“.

      Früher ging ich oft ins Kino, kam aber immer mehr dazu, mir nur noch Filmklassiker und jedenfalls nicht die aktuelle Hollywoodproduktion anzuschauen. Oft Stummfilme in Schwarzweiß und mit nur schlichten Trickaufnahmen, aber mit oft stimmigen Geschichten. Schauen Sie sich den „Müden Tod“ von Fritz Lang an. Das ist Filmkunst, die sich noch heute sehen lassen kann!

      Vor wenigen Jahren tat ich mir probehalber auf Youtube einen Ausschnitt aus einer Game-of-Thrones-Folge an, weil die Serie weithin auch von anscheinend Zurechnungsfähigen gelobt wurde. Darin kam dann – emanz, emanz! – irgendeine recht jugendliche kriegerische Herrscherin vor, die auch auf ihrem Thron in ihrer Kriegsrüstung saß, welche die Büste vorteilhaft modellierte und den Bauch bloß ließ. Wer kann so etwas ernst nehmen?

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      • Fuzzer schreibt:

        Schwarzweiß, Tod – aufwandslos kommt Bergmans Siebtes Siegel mit von Sydows Pferdeschädel in Erinnerung. Einige wenige – schon sehr spezifische – Stichworte heben sofort ein sehr verschiedenes anderes Werk ans Licht. Das ist, was ich meine. So reich war einmal Film.
        Ich muss natürlich in Rechnung stellen, dass Alter generell vieles relativiert. Auch ohne alle Fehlwege der Welt interessiert mich heute wahrscheinlich rein durch die ganz natürliche Entwicklung einer/meiner Person ins Alter hinein vieles an Dingen nicht mehr, die mich früher massiv umgetrieben hätten.

        Aber die Verarmung bis hin zur m.E. gezielten Unmündigkeitshaltung durch bewusste Unterkomplexität der adressierten Rezipienten ist deutlich und ich registriere ihre geschichtlichen Besonderheiten. Durchdringung auf jeder greifbaren Ebene als auch die systematische und durchgehende technokratische natur- und verhaltenswissenschaftliche Absicherung ist in der ganzen Dimension und globalen Art und Weise ohne historisches Vorbild. Und die Technokratie soll hier kein eher moralisches Attribut bezeichnen. Das ist echte harte und weiche Wissenschaft, die da zur Manipulation herangezogen wird.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Seltsam, ich hatte bei obigem Text auch erwogen, statt „Der müde Tod“ Bergmans Meisterwerk als Gegenexempel zu nehmen. Der hart abweisende Blick des Jöns, der alle Agitation unbeteiligt an sich ablaufen lässt, als der Geißlerprediger die Leichtgläubigen in die Todes- und Höllenangst stürzt … Übrigens berichteten übereinstimmend Ingmar Bergman und Luis Buñuel, dass sie sich durch den Eindruck, den „Der müde Tod“ auf sie gemach hatte, dem Film zugewandt hätten.

          Statt Höllenangst nun eben Klimaangst und dazu noch Nudging zu allen möglichen und unmöglichen Themen. Wieso hat man damit Erfolg? – Offenbar denken viele Menschen nicht mehr selbst, sondern plappern nur noch nach. Den im tertiären Sektor beschäftigten Halbbildungs-Kleinbürgertum kann man anscheinend fast jeden Bären aufbinden. Ich war lange Zeit Teilnehmer an einem fremdsprachlichen Konversationskurs einer Volkhochschule mit selbstredend weiblicher Mehrheit, darunter viele ehemalige Lehrerinnen. Am liebsten war ihnen, über ihre Reisen zu berichten, die sie natürlich im Sommer unternahmen und meistens in den Süden, weil es da so schön warm ist. Aber vor 1,5°K Klimaerwärmung war ihnen am Ende entsetzlich bange, auch gegen den Vorhalt ihres eigenen Verhaltens.

          These 1: Wer keine realistische Belehrung von der Realität her erfährt, sei es, dass man eine erbärmliche Ernte einfährt, wenn man nicht düngt, oder dass man keinen Gewinn erzielt, wenn man nur Ware anbietet, die nicht geht, oder sei es auch nur, dass eine Rechnung nicht aufgeht, weil sich die Arithmetik nicht moralisierend einschüchtern lässt, der fällt den politischen Scharlatanen viel leichter zum Opfer, als es etwa einem völlig ungebildeten Bauern vor 200 Jahren widerfahren wäre.

          These 2: Das Feld für den Betrug wird durch Emotionalisierung bereitet. Die vielen, die heute das schlimmste Verbrechen darin erblicken, dass jemandes Gefühle verletzt werden könnten, sind der fruchtbare Löss.

          These 3: Der Moralschmuh zieht nur bei denen, die keine Vorstellung von Größenordnungen haben, nicht rechnen können, keine Ahnung von Naturwissenschaften haben. Epikurs Aufforderung, Naturwissenschaft zu betreiben, um nicht in der Furcht vor dem Numinosen zu stehen, ist so aktuell wie je.

          These 4: Die „weiblichen Werte“ führen ins Verderben. Das ist schon länger bekannt.

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  5. Stefanie schreibt:

    Klingt so, als wäre Tolkien trotz aller Welterfinderei und allem Spracherfindungstalent ein „Pantser“ gewesen.
    https://thewritepractice.com/plotters-pantsers/
    Daß man bei einem (hunderte?) Millionen teuren Projekt lieber professionelle Drehbuchschreiber engagiert, die das Handwerkszeug dazu haben, einen vernünftigen Spannungsbogen hinzukriegen, sollte keine Überraschung sein.
    Die Herr der Ringe Filme fand ich ziemlich gut, besonders großen Eindruck haben sie aber nicht auf mich gemacht (allerdings auch keinen traumatischen). Gelesen habe ich von Tolkien auch noch nichts. Als Jugendliche hatte ich mal das Buch über den Hund (Rover?) In der Hand, aber gepackt hat es mich auch nicht und ich hab es nicht zuende gelesen – was damals sehr selten war. Vor den Herr der Ringe Büchern stand ich schon ein paar mal im Geschäft, aber konnte mich nicht recht überwinden. Bei Harry Potter geht’s mir übrigens ähnlich: ich habe die ersten drei Filme gesehen und irgendwann mal den letzten Teil im Kino -wo mir dann natürlich der Faden gefehlt hat. (Außerdem hatte ich Kopfschmerzen von der 3D-Brille)
    Vielleicht liegt es daran, dass diese Blockbuster schon in aller Munde sind und jeder schon seine Meinung dazu hat: man kann dann nicht mehr so vorurteilsfrei und aufnahmefähig an das Werk herangehen. Die Erwartung übersteigt die Neugier und damit sinkt die Spannung und der Unterhaltungswert. Dazu kommt bei solchen mehrbändigen Stories noch die Frustration, wenn der nächste Band ewig nicht herauskommt. Bei der Wheel-of-time Reihe habe ich bis heute den letzten Band nicht gelesen, weil ich nach all der Warterei das Interesse verloren hatte, als er dann endlich herauskam. ( Dort ist zusätzlich noch der Autor zwischendurch gestorben und ein anderer (Brandon Sanderson?) wurde vom Verlag engagiert. – Die Geschichte war also zusätzlich noch nicht aus einem Guß). Bei Stephen Kings Dunklem Turm wiederum konnte das Ende die vorher gesteckten Erwartungen nicht einlösen. Vielleicht entwickelt sich in diesen Fällen auch einfach der Leser schneller weiter, als die Romanfiguren.
    Aber natürlich kann Literatur noch auf andere Arten Eindruck machen, als über die Konflikt-Kampf-Erlösungsschiene: sie kann einem unterbewusst eingeben, nach welchen Regeln die Welt beschaffen ist, wie sie idealerweise sein sollte, bringt einen in den Kopf der Figuren, bzw. Des Erzählers, spielt mit Emotionen, Grundüberzeugungen , Archetypen usw. – Also nimmt Einfluss auf die kulturelle Hegemonie im weitesten Sinne. Wobei beim Film eben die Schockwirkung DAS Stilmittel ist, während es beim Buch die Identifikation mit den Charakteren – die Innenwelt – ist.
    Darin liegt dann der Unterschied zwischen Tolkien und Hollywoods Drehbuchschreibergilde: Tolkien schrieb aus seinen eigenen Anschauungen und Eingebungen heraus, die routinierten Autoren wissen sehr genau wie man welche Wirkung erzielt. Entsprechend riechen solche Leinwandepen eben immer 10 Meilen gegen den Wind nach Manipulation. – Und natürlich funktioniert die auch: wenn sie im Supermarkt an den aufgebackenen Semmeln vorbeikommen, macht ihnen das deren Aroma ja auch den Mund wässrig.

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    • @ Stefanie: Der Zufall will es, daß ich gerade mit einem hochbegabten jungen englischen Akademiker gesprochen habe, der die Prosa Salman Rushdies als uninspiriert bezeichnete – wohingegen ich die „Satanischen Verse“ gerade der Sprache wegen als großes Buch einschätzte – und dagegen Tolkiens Sprache als vorbildlich und eloquent dagegen anführte.
      Ja, ich würde Tolkien eher bei den Pantsern vermuten, auch wenn er sicherlich große Landkarten und Handlungsverästelungen vorzeigen könnte … so wie Tellkamp etwa, der ganz offensichtlich zu den Plottern gehört: https://youtu.be/2q3DFiM-Ec0?t=287

      Bis auf Stephen King sagen mir Ihre Bsp. gar nichts. Aber auch diesen kann ich nicht lesen, aus den genannten Gründen. Einmal freilich habe ich es durchgehalten, alle späteren Versuche scheiterten. Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie man ihn heutzutage zu den „ganz Großen“ zählen kann … siehe oben.

      @ Pérégrinateur: Bei Dostojewski haben die vielen Namen immerhin eine Funktion und außerdem ist Russisch nicht ganz so schwer zu merken wie Elfisch oder Glibberisch.
      Avalon hatte ich seinerzeit auch gelesen – ein mächtiger Aufwand für sehr wenig Ertrag.
      Ich fürchte, Sie überschätzen die Filmindustrie. Daß der Ausbruch nun auch noch Vulkanologen befriedigen muß, daran dachte sicher keiner. Lustig ist ja schon der Ruf „behind the wall!“ während rechts und links die glühenden Krawenzmänner niedersausen und alles vaporisieren. Es war ja schon fast ein Wunder, daß auf dem Photo von Messi und Ronaldo beim Schachspiel eine reale und tatsächlich ausgeglichene Stellung zu sehen war, mit historischer Vorlage (Hakamura – Carlsen). Meist sieht man da irgendeinen schachlichen Unsinn.

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  6. Pérégrinateur schreibt:

    Man sollte sich schon entscheiden können, was für eine Art von Vulkanausbruch man zeigen will. Man hat also eine Geländerinne, in der plötzlich ein großer Wasserschwall daherkommt. Der strömt über einen unteririschen Stollen in eine Magmakammer, auf deren Grund das Magma blubbert, während darüber hoch durchsichtiges Gas steht. Und das Ganze führt dann anscheinend nur zu einem effusiven Ausbruch eines Schildvulkans und nicht zu seiner phreatischen Explosion. Zudem brechen noch kleine Quellen um das Dorf herum aus, als ob ein Korken aus der Champagnerflache getrieben würde. Typische Quellen haben übrigens Schüttungen von allenfalls 10 l/s³, stärkere sind meistens Karstquellen mit dank weit ausgedehnter unterirdischer Kluftsysteme großen Einzugsgebieten. Müssten dann dort die Klüfte nicht vorher schon vulkanische Gase an die Erdoberfläche befördert haben? Müsste nicht schon vorher an der Mündung des Gangs an der Erdoberfläche zumindest Ausgasung stattfinden, die man dann filmisch zeigen müsste? Der Dampfdruck in der Kammer würde natürlich auch den Gang ausblasen und so die Zufuhr drosseln.

    Man wollte eben zwei Elemente, Feuer und Wasser, in derselben Szenenfolge zeigen und, erzähltechnisch gesehen, hat man schlicht gängige vulgäre Topoi kombiniert. Vgl. etwa aus einem anderen Genre den obligatorischen Knall bei Explosionen im Weltraum. Wie sich die kleine Erna eben einen Vulkan (immer von Kegelgestalt!) und die Vorgänge im Erdinneren (Flüsse in Gängen, vgl. auch die oft ernst genommene Metapher Ölquelle) so vorstellt.

    Die Machart erinnert ein bisschen an diese seriellen Schauerfilme aus englischer Produktion mit Vincent Price in der Hauptrolle: Wabernder Nebel über einem Friedhof mit schräg stehenden keltischen Grabkreuzen, in der Ferne heult gräßlich ein Raubtier, ein Käuzchen macht Schuhu, Price wandelt in schwarzer Kutte und wirft einen langen Schatten usw. usf. Allenfalls zur Belustigung zu konsumieren.

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    Davon, ein Buch von Tolkien auch nur aufzuschlagen, hat mich zeitlebens die Kenntnis der begeisterten Leser abgehalten, in den Genuss von deren Weltbild und Anschauungen ich in meiner Jugend zur Genüge kam. Genauer gesagt waren es fast exklusiv Leserinnen, über deren Großhirnrinden sich dauerhaft die Nebel von Avalon gelegt hatten, während an der eifrigen Aktivität ihrer limbischen Systeme keinerlei Zweifel möglich war.

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    „[…] es ermüdeten mich die immer neuen Namen, die man sich zudem kaum merken konnte […] “ – Das erinnert doch sehr an Dostojewski und den Menschenzoo seiner großen Romane. Also vielleicht doch Orks = Russen?

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