Tolkien und die Tradition

Unter den bisher vier Bänden der noch jungen Reihe „Fundamente“ des Dresdner Jungeuropa-Verlages ragt Armand Bergers Büchlein über „Tolkien, Europa und die Tradition“ wie ein Fremdkörper heraus, versuchen seine Geschwister sich doch auf dem theoretischen Terrain zu bewähren, während man es hier mit einer literarischen Werkvorstellung zu tun hat.

Tolkiens Ringe-Trilogie gehört mittlerweile zum geistigen Grundbestand der Welt, weniger vielleicht durch seine Bücher als durch die spektakulären Verfilmungen Peter Jacksons und der nun begonnenen achtteiligen freien Bearbeitung durch Amazon, sämtlich Bombastwerke, die von Milliarden von Menschen gesehen wurden. Dahinter haben es die literarischen Vorlagen vergleichsweise schwer, auch weil sich in ihnen eine ganz andere Komplexität und Tiefe ausdrückt.

Tolkien, Europa und die Tradition. Zivilisation im Spiegel des Imaginären

Der junge Skandinavist Berger entstammt dem Umkreis des „Instituts Iliade“, einer rechts-konservativen Denkfabrik aus Frankreich, die sich dem Ethos Dominique Venners verpflichtet fühlt. Er ist begeisterter Tolkien-Leser und sein Vorwissen der nordischen Literatur, Geschichte und Mythologie ist konstitutiv, will man sich sachkundig dem englischen Kult-Autoren nähern.

Der genialische Tolkien, der eine ganze Reihe von alten klassischen, nordischen und keltischen Sprachen beherrschte, wollte nichts Geringeres – so erfahren wir –, als der mythenlosen englischen Kultur – der „Beowulf“ ist zwar sprachlich altenglisch, mythologisch aber skandinavisch – einen eigenen tragfähigen und komplexen identitätsstiftenden Mythos als Akt der „Wiederverzauberung“ schenken.

Berger versenkt sich tief in Tolkiens Biographie, dessen sprachliche Forschungen, dessen umfangreiche Lektüren und zieht immer wieder Vorbilder und Anlehnungen hervor, die uns das Werk in breiterem Licht sehen lassen. Da werden etwa englische, keltische, germanisch-skandinavische und finnische Traditionen deutlich und aus all diesen Idiomen formte Tolkien immer wieder neue, selbst kreierte Sprachen und ganze Sprachfamilien. Aus Filmen und Büchern bekannte Figuren und Ereignisse erhalten faszinierende Tiefendimensionen, wobei auf 70 schmalen Seiten das meiste nur knapp angerissen werden kann … man erahnt aber die Grandiosität des Werkes und wird – wer weiter eintauchen will – zum Studium angeregt.

Letztlich entpuppt sich Tolkien opus magnum nicht nur als Chiffre vieler zeitgenössischer – etwa der Erste Weltkrieg – Großereignisse, es wird auch metaphysisch aufgewertet und in den Rang eines philosophischen Textes erhoben mit überraschender Aktualität. Eine Gegenwärtigkeit, die sich auf alte und bewährte Werte stützt. Tolkien war – man mag es ob der postmodernen cineastischen Verarbeitungen kaum glauben – ein Konservativer vor dem Herrn, ein Traditionalist, ein Reaktionär im positiven Sinne. Im Kern seiner Saga pocht die Modernekritik, die Abscheu vor der „technischen Entfremdung“, die Liebe zu Wald und Bäumen, zur Natur, zum Lebendigen, zum Leben, das, was man heute „Ökologie“ nennt. Fast scheint es, als wolle uns Berger den „Herr der Ringe“, den „Hobbit“ oder „Das Silmarillion“ als Programmschrift anpreisen. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß vor allem auch die Rechte sich auf diesen Mythos stürzt.

Wie Berger all das auf wenigen Seiten entwickelt, das ist vorbildlich, liest sich schlüssig und spannend.

Gekrönt wird der Band von einem großartigen Interview mit David Engels, dem es gelingt, Merksätze in den Stein zu hauen, etwa wenn er die Rolle der Gnade im verworrenen Geschehen extrahiert: „Der Sieg der Tolkienschen Helden ist daher auch nur eine Belohnung seines Strebens, nicht aber das unmittelbare Resultat der eigenen heroischen Tat – ein zutiefst christlicher, ja genuin katholischer Gedanke.“

Nicht alle Tage hat man ein solch rundes Buch in der Hand. Und das sage ich als bekennender Nichtleser Tolkiens – doch dazu später ein paar Worte.

Armand Berger: Tolkien, Europa und die Tradition. Zivilisation im Spiegel des Imaginären. Jungeuropa Verlag. Dresden 2022. 104 Seiten. 14,00 €

Ein Gedanke zu “Tolkien und die Tradition

  1. Otto schreibt:

    „Der genialische Tolkien, der eine ganze Reihe von alten klassischen, nordischen und keltischen Sprachen beherrschte.“ Ich staune, und wunder mich, wie sich bei Ihrem Einblick in Literatur, Semantik und Spreche diverser Nichtmuttersprachen so eine Formel in Ihren Ausdruck hat einschleichen können. Niemand „beherrscht“ eine Reihe von Sprachen. Man „beherrscht“ maximal seine eigene Sprache innerhalb seiner persönlichen Grenzen, was wir daran erkennen, wie wir mit dem richtigen Ausdruck ringen. Wir können doch alle unsere Ausdrucksfähigkeit in unserer ersten Nichtmuttersprache mit der in unserer Muttersprache vergleichen, und die Differenz im aktiven Wort- und Formelschatz registrieren. Wäre es daher nicht angemessener, zu schreiben: „Der genialische Tolkien, kannte sich in einer ganze Reihe von alten klassischen, nordischen und keltischen Sprachen sehr gut aus.“? Oder meinetwegen auch gesteigert, um den aktiven Sprachgebrauch einzubeziehen: „…bewegte sich in einer ganze Reihe von alten klassischen, nordischen und keltischen Sprachen recht elegant.“ Aber „beherrschen“, multipliziert mit „eine ganze Reihe“ und dann noch quadriert mit „klassisch“ – das geht nicht! Mit wem soll er denn Konversation geführt haben, um seine aktiven Fertigkeiten auf das Niveau „beherrschen“ zu bringen? Der Satz widerspricht dem bei Ihnen zu erwarteten Einblick in die Kunst des sprachlichen Gestaltens. Ihre vermutlich venerativ motivierte Formulierung ist nicht nur übertrieben, sondern auch sachlich nicht zutreffend. Szóval, ezt a kifejezetet nem értem!
    Hier äussere ich mich zu unüberlegt tradierter Lobhudelei, weil der Leser eine solche Behauptung des öfteren in Bezug auf bekannte Personen findet, und ich schon immer mal ein Urteil dem Phänomen gegenüber formulieren wollte. Es erinnert mich nämlich daran, wie uns in der 4. Klasse die Zeugnisse von Lenin und Marx gezeigt wurden, und aufgelistet ward, wieviele Sprachen sie „konnten“. Dasselbe Motiv, in der Schule bewusst eingesetzt zu Propagandazwecken, findet sich je stärker in jedweder Biografie, je einfacher die adressierte Leserschicht steht, und je weniger ausgeprägt die Ausdrucksmöglichkeiten des Autors sind. Ez tény!
    Weil das Loben grundsätzlich ein gute Sache ist, gibt es keinen Grund literarisch einen Tropfen Galle in den Wein zu mischen, der beim Leser einen störenden Nebengeschmack hinterlässt. Wie man im Leben reinen Wein eingeschenkt bekommt haben will, sollte das Lob ungetrübt sein. Alles, was das Lob trübt, mindert seine Kraft. Der Leser reagiert auf trübes Lob, genauso wie auf einen Rat, hinter dem er finanzielle Interessen erkennt. Die Botschaft hör ich wohl, allein ….. Azert: Ez az általuk itt használt formula azonban messze elmarad a kifejezési lehetőségeik repertoárjától. Bin betrübt im Zusammenhang mit Tolkien, diesem Seelenkenner, der tatsächlich des höchsten Lobes würdig ist, unter dessen Schirm manches Zweitrangige übersehen werden darf, diesem Topos zu begegnen.

    Seidwalk: Der Grund dafür ist nach Ihrer Definition recht einfach: Ich beherrsche meine Muttersprache nicht. Wenn man damit die komplett fehlerfreie Nutzung aller Register auf höchstmöglichem Niveau meint, dann dürfte noch nie ein Mensch seine Muttersprache oder irgendeine andere beherrscht haben.

    Man kann unter „beherrschen“ auch etwas ganz anderes verstehen, nämlich die praktische Fähigkeit, eine Sprache fließend sprechen, nutzen zu können. Wenn man etwas beherrscht, dann hat man Macht darüber, hat es gezähmt, gebändigt, aber das heißt nicht, daß man alles, was dieses realm betrifft, unter Kontrolle hat oder auch nur übersieht. Da Sprachen zudem bewegliche Konstrukte sind, wäre es anmaßend, zu behaupten, man wisse immer, was sich gerade an ihren Rändern tut.

    Letztlich eine müßige Diskussion, wie ich finde. Gehen Sie bitte davon aus, daß ich immer wieder sprachliche Fehler machen werde – zuletzt hatte ein Leser ja auf eine kleine aber feine Differenz hingewiesen. Wer hier liest, sollte dessen gewärtig sein.

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