Was ist mit dem Kriegsindex?

Wir hatten mal eine schöne Theorie, in sich schlüssig und überzeugend, die Theorie vom Kriegsindex. Gunnar Heinsohn hatte sie vor fast 20 Jahren in seinem beinahe schon zum Klassiker gewordenen „Söhne und Weltmacht“ entworfen, begründet und belegt.

Die Grundthese lautete – aufs Allerwesentlichste zusammengedampft – wie folgt: Je mehr junge Männer eine Gesellschaft via Geburt hervorbringt, also je mehr eine Frau statistisch Kinder gebiert, umso instabiler wird diese Gesellschaft und umso größer ist ihre Tendenz zur Gewalt, mithin zum Krieg, der sowohl nach innen – Bürgerkrieg – als auch nach außen ausbrechen kann. Denn vor allem den zweiten und dritten und vierten Söhnen fehlen die Perspektiven, sie werden vom Erbkuchen nicht genug abbekommen, sie müssen sich das Ihre also mit Härte erobern oder das Land verlassen. Immerhin war damit auch ein Agens der Migrationswellen erklärt. Es entstünde ein „Youth Buldge“, ein Überschuß an jungen Männern, der sich um zu wenige Karrierestellen bewirbt – die Mehrzahl muß ausweichen. Schaut man nach Eritrea, Jemen, Syrien oder Nigeria, dann wirkte das sehr überzeugend. Daß der Großteil des afrikanischen Kontinents dennoch recht friedlich ist, sah man nicht. Einer der ersten Befürworter von Heinsohns These war Peter Sloterdijk, sein mächtiges Wort tat viel, die Behauptung zu verbreiten.

Söhne und Weltmacht: Terror im Aufstieg und Fall der Nationen

Der Umkehrschluß lag auf der Hand. Länder mit niedrigen Geburtenraten tendieren zur Friedfertigkeit und 70 Jahre friedliches Mitteleuropa schien auch diese These zu bestätigen. Wir können es uns gar nicht leisten, einen Krieg zu führen.

Rußland hat einen Kriegsindex von 0,7, einen der niedrigsten der Welt. Daß von seinem Boden ein Krieg ausgeht, war demnach extrem unwahrscheinlich.

Ein ganz offensichtlicher Rechenfehler war ganz sicher die Rolle der Technik. Hochtechnologisierte Armeen können Kriege führen, ohne substantielle eigene Menschenverluste zu riskieren. Die USA, ein Land mit ebenfalls geringer Geburtenrate (1,6) sind das Paradebeispiel. Am Lenkknüppel einer Drohne oder zehntausend Meter über der Erde läßt sich leicht Krieg führen, die Truppen am Boden sind mit allem Know How ausgerüstet, was Wissenschaft und Industrie hergeben. Und dennoch fürchten sich die Amis vor jedem schwarzen Plastiksack vor einer Kamera.

Hätte Heinsohn recht gehabt, hätte es diesen Krieg in der Ukraine nicht geben dürfen. Ich selbst habe noch im Frühjahr die lancierten Gefallenenraten angezweifelt – sie konnten nicht mit dem Kriegsindex-Argument in Übereinstimmung gebracht werden. Sie wären vielleicht zu halten gewesen, hätte Putin sich auf ein Flächenbombardement, einen Luftkrieg, einen Drohnenkrieg eingelassen, sie war weitgehend Makulatur, als er seine Truppen in Massen ins weite Land einmarschieren, sie an Straßenkämpfen teilnehmen ließ. Spätestens seit der Mobilisierung von mutmaßlich 300 000 Reservisten, die schlecht ausgebildet und ausgerüstet und unwillig potentielles Kanonenfutter sind, ist sie zusammengebrochen. Mittlerweile spricht man von 100 000 Toten auf russischer Seite. Die Zahl ist uninteressant, die Dimension entscheidend: das sind zehn Mal mehr als im zehnjährigen Afghanistankrieg 1979-1989.

Man muß den Kriegsindex nicht gleich auf den Theoriemüllhaufen werfen, er mag als einer von vielen Faktoren noch immer Beachtung finden, aber mehr kann er nicht leisten.

Möglicherweise muß man ihn um die Ecke denken, vielleicht gehört er zur Vernunft und wir haben es mit einer List des Kriegsindexes zu tun. So gesehen könnte man die Strategie des Westens damit teilweise erklären, der der Ukraine kontinuierlich Waffen, Material und Expertise schickt, um die Ukraine in eine Knochenmühle für die Russen zu verwandeln, letztlich Rußland oder doch zumindest Putin zu destabilisieren; irgendwann wird das Volk oder die innere Elite aufbegehren, weil es den Verlust der eigenen menschlichen und männlichen Substanz nicht mehr ertragen kann.

Dennoch bleibt: Er bedenkt nicht genügend das technische Element des Krieges, er basiert noch auf einem längst überholten Schlachten-Modell. Und er rechnet nicht mit der Irrationalität und Subjektivität in der Politik. Es ist nun mal eine herausragende menschliche Qualität, auch gegen die eigenen Interessen handeln zu können. Vor allem negiert er die Unverfügbarkeit von Geschichte, die sich aus Mikroentscheidungen zusammensetzt – denn Menschen reagieren zuvörderst direkt auf das unmittelbar vor ihnen liegende Problem und denken selten strategisch –, die erst in der nachträglichen Draufsicht einen „Sinn“ ergeben.

Gunnar Heinsohn: Söhne und Weltmacht: Terror im Aufstieg und Fall der Nationen. Piper. München 2008

12 Gedanken zu “Was ist mit dem Kriegsindex?

  1. Niavis schreibt:

    Ich glaube nicht, dass Putin auch mit vielen Toten destabilisiert werden könnte. Was soll denn passieren? Dass die Amerikaner das Land besetzen?
    Außerdem kann er sich immer noch eine Söldnerarmee rekrutieren. Es gibt viele arme Länder…
    Und zum Irakkrieg (weil dieser in den Kommentaren erwähnt wurde). Die Selbstmordanschläge, passierten meines Wissens (man kann mich gerne korrigieren) erst nach dem Krieg. Hussein schickte seine Elitetruppe vor Bagdad. Er hat seine Schlacht auf dem Feld verloren bzw. in der Wüste. Ein Häuserkampf fand nicht statt.

    Ich gebe es zu, ich finde es in diesem Krieg so erschreckend, wie wenig Achtung für das Leben herrscht. Von keiner Seite. Ich dachte wir wären weiter…

    Gefällt mir

  2. Stefanie schreibt:

    Heinsohns These ergibt überhaupt eher Sinn in einer vorindustriellen Welt mit Pfründen und Erbhöfen. Die ließen sich nur in begrenztem Umfang aufteilen, weil die Handtuchflächen irgendwann keinen Hausstand mehr ernähren konnten. Seit u.a. durch den Einsatz fossiler Energieträger die Erntemengen je Flächeneinheit und Arbeitskraft enorm gesteigert werden konnten, hängt das Auskommen der neuen Generation immer stärker am Arbeitskräftebedarf des Industriesektors und seit den letzten paar Jahrzehnten, wie gut mit dessen Wertschöpfung der öffentliche Sektor gepampert werden kann. In wirtschaftlich prekären Verhältnissen ist das Kämpfen auch für einzige Söhne attraktiv – mal davon abgesehen, dass diese natürlich auch Ideologiegetrieben sein können. Außerdem sind Geburtenraten statistische Größen: es mag trotzdem auch einen gewissen Anteil kinderreicher Familien mit mehr als zwei Söhnen geben, von denen es einen zum Militär zieht. In Israel (habe ich gehört) schickt man einzelne Söhne wohl nicht in Kampfeinsätze, die schon einen Bruder verloren haben. Andere stammen vielleicht aus Familien mit militärischer Tradition. Selbst in Deutschland hängen Plakate, die die überaus attraktiven Karieremöglichkeiten bei der Bundeswehr anpreisen – und durchaus junge Leute erreichen. Unter den Bedingungen der letzten Jahrzehnte war es ganz kommod Zeitsoldat zu sein. Wer wollte, konnte ein kleines Abenteuer im Auslandseinsatz erleben, aber für viele war es ein Sesseljob mit gut bezahlten Sportstunden zwischendurch.
    Was die Bedeutung der Jungspunte in islamischen Teilrepubliken angeht: da reichen ein paar Tausend mit der entsprechenden Motivation und dem entsprechenden Temperament um eine Menge Unruhe zu stiften (bei der gesamten RAF waren wohl nur einige hundert Leute aktiv). Wenn man gerade diese Zielgruppe für seine eigenen Zwecke einspannen kann, ist schon viel gewonnen. – Gerade ein Kadyrow möchte solche Kerle bestimmt lieber in der Ukraine beschäftigt sehen, als bei sich zuhause. Gerade in diesen Gebieten (einem Teilsystem) herrschen auch eher die Clanstrukturen, die sie als Voraussetzung für die Gültigkeit von Heinsohns These anführen.

    Gefällt 1 Person

    • Fuzzer schreibt:

      hängt das Auskommen der neuen Generation immer stärker am Arbeitskräftebedarf des Industriesektors und seit den letzten paar Jahrzehnten, wie gut mit dessen Wertschöpfung der öffentliche Sektor gepampert werden kann.

      Wenn diese Aussage stimmt – und sie hat ja etwas für sich – kann sie bei Blick auf den Zustand der aktuellen Wertschöpfungsketten nicht beruhigen. In einer Gesellschaft zerbrechender Komplexität wird die Dorf- und Clanvoraussetzung schneller wahr als gedacht. Heinsohn klassisch. Oder eigentlich nicht: Die einheimische Jugendkomponente gibt es zu allem Überfluss nicht einmal.

      Gefällt mir

  3. Nordlicht schreibt:

    Wenn es dem bösen Nachbarn (- und seinen Financiers) nicht gefällt, wird halt ein Krieg auch mal vom Staat mit niedrigem Index geführt.

    Ich habe nicht den Eindruck, dass Russland den Krieg am 24. Februar aus jugendlichem Übermut begonnen hat, sondern sich existenziell bedroht fühlte. Die Vorgeschichte und die vielen Befriedungversuche einschl. Minsker Abkommen, welche eindeutig die Kiewer Regierung hintertrieben hat, sollten berücksichtigt werden.

    Die Technologie-These ist für die Art „Krieg“, welche die USA in Syrien, Libyen etc führten, schlüssig. Wer aber ein Gebiet beherrschen will, muss mit Bodentruppen kommen – einschliesslich dem Willen, einen Stadtkrieg zu führen. Auch die USA setzten im Irak einschl. Alliierten 200.000 ein. Ohne die ganz klassische Infanterie geht es nicht.

    Seidwalk: Ja, aber diese 200000 waren dem Gegner technisch haushoch überlegen und daher fast nicht angreifbar. Daß als letztes Mittel oft nur Selbstmordanschläge halfen, also Selbstverheizung, ist bezeichnend.

    Natürlich hatte Rußland den Krieg nicht „im Übermut“ begonnen, natürlich fühlte es sich bedroht und das zu Recht, hier geht es darum, ob Heinsohns These in diesem Zusammenhang taugt. Der Krieg führt dazu, daß so mancher sich revidieren muß – siehe Precht. Ich gehöre dazu, mehr noch aber wohl Heinsohn. Oder er kommt noch mit einer schlüssigen Erklärung. Das z.B. ist m.E. Rationalisierung:

    https://think-beyondtheobvious.com/zaubersanktionen-oder-sanktionsillusionen/

    Auch das hier lohnt einer Neulektüre: https://www.achgut.com/artikel/russischer_und_ukrainischer_kriegsindex_die_demografie_arbeitet_gegen_putin

    „Putin muss eine offene Invasion der Ukraine scheuen, weil seine Untertanen nicht einmal vierstellige Verluste hinnehmen werden. ….“

    Gefällt mir

    • Fuzzer schreibt:

      Der Krieg führt dazu, daß so mancher sich revidieren muß – siehe Precht. Ich gehöre dazu, mehr noch aber wohl Heinsohn.

      Wie gerade begründet muss er das nicht, solange er nicht behauptet, dass nur der Index für den Ausbruch von Kriegen verantwortlich ist – was er m.W. nicht tut.
      Noch einmal Mathematik: Die Menge der jungen Leute mag eine hinreichende Bedingung sein (Heinsohns These), aber sie ist nicht notwendig. Krieg kann andere Ursachen haben.

      Seidwalk: Das ist doch mein Reden. Der Krieg hat andere Ursachen.

      Heinsohns Problem war aber schon immer ein Hang zur dramatischen Überhöhung und eindimensionalen Herleitung. Das hatte ihn in die Nähe Illigs gebracht und damit in die der VT.

      Heinsohn 2014: „Wenn Putin 2.000 oder 3.000 Mann verliert – zumeist einzige Kinder ihrer Eltern –, hat er Mütter vor dem Kreml, die um ihre Söhne weinen. Phrasen über ewige slawische Brüderschaft werden ihren Schmerz nicht lindern.“

      Ein Problem mit Köpfen dieser Art ist, dass sie zu schnelle Experten in vielen verschiedenen Fächern werden. Ihre Ideen sind oft sehr anregend, halten aber den Tatsachen mitunter nicht stand.

      Gefällt mir

      • Fuzzer schreibt:

        Seidwalk: Das ist doch mein Reden. Der Krieg hat andere Ursachen.

        Ein drittes Mal: Das widerlegt doch nicht Heinsohns These eines Kriegsindex.

        Seidwalk: Das habe ich doch auch nicht behauptet. Ich habe behauptet, daß der Kriegsindex den Angriff Rußlands nicht erklären oder verständlich machen kann, zumindest nicht die Länge und Opferzahl – es sei denn man weicht auf Dagestan aus oder geht von einer List des Indexes aus. Zu Beginn des Krieges wurde das Argument aber gebracht, von Heinsohn und auch von mir, weil ich es schlüssig fand. Das war ein Irrtum. Den Index mag es geben, er ist nur in bestimmten Fällen nicht relevant, nicht geschichtsmaechtig. Hier haben wir so einen Fall. Heinsohn hat diese Fälle nicht ausgeschlossen. Er ging in der praktischen Anwendung seiner Theorie davon aus, daß Rußland sich aufgrund des Indexes keinen Krieg leisten kann, der vierstellige Todeszahlen hervorbringt – nun haben wir sechsstellige.

        Gefällt mir

        • Fuzzer schreibt:

          Das habe ich doch auch nicht behauptet.

          Ja, aber doch. Back to square one:

          Der Umkehrschluß lag auf der Hand.

          Oder hat den Heinsohn gezogen? Das wäre dann wirklich falsch. Man kann den Umkehrschluss eben nicht ziehen, weil das die Ursprungsaussage überdehnt. Die ist aber OK.

          Gefällt mir

      • Pérégrinateur schreibt:

        Bei seinem mesopotamischen Chronorevoluzzertum hat Heinsohn die ganz banale Tatsache übersehen, dass Zivilisationsschichten im Wesentlichen nur vorhanden sind, wenn die betreffende Stadt in der Zeit zerstört wurde. Im Französischen gibt es den Ausdruck « terrible simplificateur ».

        Von seiner Neutralität in bestimmten Dingen bin ich auch nicht besonders überzeugt. Wer an einem NATO-College unterrichtet, kommt wohl nur dorthin, wenn er passt. (Wie bei Redakteuren der TAZ und … und …) Bei der Lektüre seines Wörterbuchs der Völkermorde ist mir aufgefallen, dass er offenbar einige etwas zu relativieren geneigt ist, andere dagegen gar nicht.

        Notabene, ich will ihm nicht Unredlichkeit unterstellen, aber eine gewisse Voreingenommenheit. In letzter Zeit könnte die auch wohnortbedingt sein. Wir werden irgendwann lesen, ob er sich das Eingeständnis des Irrtums oder der Nichtanwendbarkeit seiner Regel abringen kann.

        Nachtrag: Grundsätzlich ist gegen seine These einzuwenden, dass wenn die Wirtschaft stärker wächst als die Bevölkerung, auch nach dem seiner These zugrundeliegenden Prinzip gar kein Problem für die Jungen besteht, es sei denn, man nähme noch ein weiteres Prinzip stationärer Positionenzahl dazu, das dann aber einer dem youth bulge selbst externen Begründung bedürfte. Die USA des 19. Jahrhunderts mit ihrem eigenen Bevölkerungswachstum und ihrer kräftigen Zuwanderung musste die allerwenigsten ihrer Jünglinge an der Indianer-Frontier „verheizen“.

        @ Fuzzer
        dass wenn die Wirtschaft stärker wächst als die Bevölkerung,

        Das ist explizit Teil seiner Aussage – es muss eine ökonomische Konkurrenzsituation zwischen den Mitgliedern der beiden Indexkomponenten bestehen. Bei entsprechender Wirtschaftskraft gibt es diese Voraussetzung nicht.

        Gefällt mir

  4. Fuzzer schreibt:

    Der Umkehrschluß lag auf der Hand. Länder mit niedrigen Geburtenraten tendieren zur Friedfertigkeit

    Zeile 4 in Wikipedia – Kontrapostion

    Eine fallacy also und damit auch das weitere Schliessen daraus. Was man ansehen kann ist, inwieweit Rekrutenmangel auf die Kriegsdauer wirken kann. Das ist aber eine andere Frage als die zum Ausbruch und und auch als Heinsohns These.
    Das Problem hat ja Russland im nichtasiatischen Teil durchaus. Hier kommt Stefanies Bemerkung ebenfalls zum Zug.

    Gefällt mir

  5. Stefanie schreibt:

    Der Kriegsindex für Gesamtrussland mag niedrig sein, aber wie sieht er denn aus, wenn man mal die islamischen Teilstaaten im Süden betrachtet (Tschetschenien, Dagestan etc.)? Eine Kalkulation, die zu diesem Krieg geführt haben mag, könnte gerade der Bevölkerungspolitische Aspekt gewesen sein: Man nehme den islamischen Youthbulge im Süden, der das Potential hat im Innern für Unruhe zu sorgen und erobere damit Gebiete mit überwiegend slawischer Bevölkerung um das ethnische Gleichgewicht im Innern auszutatieren. Ob das nun funktioniert, steht auf einem anderen Blatt.

    Gefällt mir

    • http://www.russland.news/russische-regionen-mit-den-hoechsten-und-niedrigsten-geburtenraten/

      vs.

      https://informnapalm.org/at/dagestaner/

      Mag sein, daß Putin mit Absicht junge Muslime verheizt. Logischer wäre, anzunehmen, daß die militärische Laufbahn unter diesen Völkern beliebter ist – das kann mit dem dortigen Jungmännerüberschuß zusammenhängen … wenn es ihn denn gibt, aber auch mit kulturellen Eigenheiten. In Dagestan leben 3 Mio Menschen von 143 Mio in ganz Rußland. Das ist ein Nebenschauplatz. Der Angriff auf die Ukraine hingegen war von Beginn an eine welthistorische Zäsur im Kontext der letzten sieben Jahrzehnte und das muß dem Kreml klar gewesen sein, auch wenn man die Reaktion des Westens wohl komplett unterschätzt hat. Hier liegen also Handlungslogiken vor, die durch ihre Größenordnung schwer widerspruchsfrei aufeinander bezogen werden können, so als wollte man einen Staudamm sprengen, um im Einzugsgebiet ein Sumpfloch trocken zu legen.

      Heinsohns These scheint mir im Mikrobereich (Familie, Clan, Dorf) anwendbar – dort ist sie aber auch banal, da aus der europäischen Geschichte bekannt. Global widerspricht sie Steven Pinkers Diktum, daß die Welt in den letzten Jahrzehnten statistisch nachweisbar insgesamt zivilisierter und friedlicher geworden ist und das, obwohl die Weltbevölkerung gerade in diesem Zeitraum fast exponentiell wuchs. Auch spieltheoretisch scheint mir keine Fallacy – die ja von Heinsohn stammt – vorzuliegen: Man riskiert weniger, wenn es keine Ressourcen gibt. Das heißt, die Logik stimmt schon aber die Realität hält sich nicht immer daran. Das liegt in der Anthropologie begründet, wie oben angedeutet: Der Mensch ist einerseits das Tier das immer anders kann oder könnte und andererseits überschätzt er seine Einsichtfähigkeit in langfristige Prozesse, glaubt also zu wissen.

      Gefällt mir

      • Nordlicht schreibt:

        „… auch wenn man die Reaktion des Westens wohl komplett unterschätzt hat.“
        Das glaube ich nicht, denn den Wirtschaftskrieg haben die USA mit den Sanktionen 2012 begonnen (- damals im Kongress losgetreten von einem US-Fundmanager Bill Browder, der mit seinem in Moskau begründeten Hermitage Capital Management Fond angeblich 450 Mio. ohne Steuern abgezweigt hat und den US-Kongress überzeugt hatte, dass Putin persönlich seinen Mitarbeiter und Freund hat ermorden lassen.

        Der nächste Schritt der Sanktionen gegen Russland kam 2014 nach der Krim-Besetzung, und eine Verschärfung war 2021 angekündigt. Sicherlich war der weitere westliche Sanktionsschritte nach dem 24. Februar deutlich stärker als vorher, aber Putin konnte ohnehin erwarten, dass wegen Krim und der Unterstützung der Separatisten im Donbas die westlichen Länder die ukrainische Ablehnung des Minsk-Abkommens unterstützen würden.

        Auch ohne den 24. Februar wäre Russland nicht von den Sanktionen befreit worden. Also waren für Putin die Zusatz-Kosten überschaubar. Und der Verlauf hat ihm gezeigt, dass die westlichen Reaktionen verkraftbar sind.

        Die neue Lage entsteht mE durch den gestrigen Raketen-Beschuss eines polnischen Dorfes durch – wahrscheinlich – eine ukrainische Luftabwehr-Rakete. Wenn es kein Zufall oder unglücklicher Ziel-Fehler ist, war es der Versuch, einen NATO-Beistandsfall zu schaffen, um die von Kiew dringend notwendigen zusätzlichen Soldaten auf das Schlachtfeld zu bekommen.

        Mit der russischen Verstärkung um 300.000 würde nämlich zum ersten Mal im Konflikt eine numerische Überzahl der russischen Truppen in dem ukrainischen Kampfgebiet hergestellt. Die bisherigen Landgewinne geschahen aus der Minderzahl. (Die Ukraine hat seit 2019 die grösste Armee Europas (ex Russland).)

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..