Das Prinzip Überweltigung

Sehr gut entsinne ich mich eines Kino-Besuchs mit meiner Tochter. Sie muß damals um die zehn Jahre alt gewesen sein. Wir wollten „Der König der Löwen“ sehen, ein damals schon überwältigendes Werk, das man als P6 deklariert hatte, ein Fehler, wie ich fand, steckt der Film doch voller dramatischer und angsteinflößender Szenen. Weiterlesen

Über den Neid

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LVII

Über den Neid

Es gibt unheilbar verletzte Menschen, die sind so tief von Gier, Eitelkeit und Neid zerfressen, daß es keinerlei Möglichkeit gibt, sich ihrer kranken Seele zu nähern und sie zu besänftigen. Weiterlesen

Die Stimme des Volkes

Wenn das Volk spricht, dann geschieht das oft nicht in Worten, sondern in Entscheidungen, in massenhaften Handlungen und selbst wenn diese an sich bedeutungslos sind, lassen sich aus der Summe Rückschlüsse ziehen.

In Ungarn geht gerade ein Musikvideo viral. Noch nicht mal eine Woche auf Youtube einzusehen, wurde es bereits dreieinhalb Millionen Mal angeschaut und das bei einem Staatsvolk von nur neun Millionen. Da es sich um Rap-Musik handelt, darf man vor allem die Jugend als Interessent vermuten. Weiterlesen

Viktor Orbáns Schal

Großes Aufsehen erregte mal wieder Viktor Orbán. Nach einem Fußballänderspiel besuchte er die Spielerkabine, um einen Veteranen – dessen Abschiedsspiel es zugleich war – zu begrüßen. Dabei hing ein Schal mit den nationalen Farben um Orbáns Schultern. Bisher alles normal. Auf dieser Devotionalie war allerdings mehr zu sehen: die Umrisse Großungarns. Weiterlesen

Tödliche Torheit

Es gibt negative und positive Lektüreweisen – die eine sucht nach Widersprüchen, Fehlern, Ungereimtheiten und reibt sich habituell an der eigenen festen Position, die zweite blendet diese Faktoren aus und will lernen, fahndet nach dem Neuen, Anderen der vorgestellten Denkart. Die letztere sollte immer primär sein, die negative hingegen als Korrektiv dienen.

Nachdem ich Manfred Kleine-Hartlages schmales Buch über den „Krieg in der Ukraine und das Desaster der deutschen Politik“ zur Hälfte gelesen hatte, legte ich es beiseite, nahm Stift und Zettel zur Hand und begann es von vorn, denn es war klar, daß man hier eine wesentliche Schrift in der Hand hat. Es geht ums Eingemachte. Weiterlesen

Klima-Kleber kapieren

Immer wieder hört man Erstaunen, Unverständnis, große Verunsicherung, weshalb die sogenannten Aktivisten diverser radikaler apokalyptischer Umweltschutzbewegungen sich ausgerechnet an berühmte Kunstwerke kleben und diese mit seltsamen Materialien beschmutzen. Was kann man denn gegen van Gogh, Klimt oder Raffael haben? Die Antwort ist bedeutsam – nur wenn wir sie finden, können wir diese jungen Menschen verstehen. Weiterlesen

Die Angelegenheiten der Menschen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LVI

Darüber, daß du an den Angelegenheiten der Menschen teilnehmen sollst

Wohin du auch fliehst, in die Arbeit, in eine Rolle oder in eine Haltung, die Menschen werden dich nicht loslassen, sie greifen nach dir, sie verlangen, daß du an ihren Bewegungen teilnimmst, ihre Sorgen teilst, ihre Pläne und Hoffnungen, sie greifen nach dem Saum deines Mantels, und sie greifen dich an und verstoßen dich, wenn du dich von den gemeinsamen Aufgaben zurückziehst. Weiterlesen

Tolkien und die Tradition

Unter den bisher vier Bänden der noch jungen Reihe „Fundamente“ des Dresdner Jungeuropa-Verlages ragt Armand Bergers Büchlein über „Tolkien, Europa und die Tradition“ wie ein Fremdkörper heraus, versuchen seine Geschwister sich doch auf dem theoretischen Terrain zu bewähren, während man es hier mit einer literarischen Werkvorstellung zu tun hat.

Tolkiens Ringe-Trilogie gehört mittlerweile zum geistigen Grundbestand der Welt, weniger vielleicht durch seine Bücher als durch die spektakulären Verfilmungen Peter Jacksons und der nun begonnenen achtteiligen freien Bearbeitung durch Amazon, sämtlich Bombastwerke, die von Milliarden von Menschen gesehen wurden. Dahinter haben es die literarischen Vorlagen vergleichsweise schwer, auch weil sich in ihnen eine ganz andere Komplexität und Tiefe ausdrückt. Weiterlesen

Was ist mit dem Kriegsindex?

Wir hatten mal eine schöne Theorie, in sich schlüssig und überzeugend, die Theorie vom Kriegsindex. Gunnar Heinsohn hatte sie vor fast 20 Jahren in seinem beinahe schon zum Klassiker gewordenen „Söhne und Weltmacht“ entworfen, begründet und belegt. Weiterlesen

Dann geh doch!

In seinen autobiographischen Schriften entsinnt sich Albert Wass einer berührenden Szene.[1] Er war elf Jahre alt, als der Dichter Sándor Reményik folgendes Gedicht im Hause Wass verlas. Reményik galt damals als einer der begabtesten siebenbürgischen Dichter, ein Hauptvertreter des Transsylvanismus. Während der Dichter die Zeilen deklamierte, so erinnert sich Wass, marschierten draußen vor dem Fenster rumänische Truppen vorbei. Erdély – wie die Ungarn Siebenbürgen nennen – wurde von Rumänen besetzt und durch den Trianoner Vertrag dem südlichen Nachbarn zugeschlagen. Die Ungarn hatten eine schwere Entscheidung zu treffen – von dieser handeln die Zeilen. Weiterlesen

Gürtelrose, Covid, China

Ich mache jetzt etwas, was man nicht tun sollte, will man seriös sein und was ich bisher weitgehend vermieden habe: ich spekuliere, ich rechne ein paar Nummern zusammen, die vielleicht nicht zusammengehören, ich behaupte oder insinuiere etwas, für das ich keine Belege habe, ich verschwörungstheoretisiere also. Weiterlesen

Die menschliche Substanz

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LV

Über die menschliche Substanz

Seit fünftausend Jahren, seit zehntausend Jahren hat sich die menschliche Substanz nicht verändert. Nur die Kostüme änderten sich, die Ordnungen und Bedingungen des Zusammenlebens. Das, was der Mensch ist – die Seele und der Charakter –, hat sich nicht verändert. In der Stadt Ur, in Babylon, lebten die gleichen Menschen wie im heutigen Budapest: und in ihren Seelen nahmen sie die Welt auf die gleiche Weise wahr und sie reagierten genauso auf die Welt. Weiterlesen

Was man (nicht) darf und was man (nicht) sollte

Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage „Man hat mir Böses getan“ ist das Böse selbst unterdrückt. Mark Aurel

Die Welt hat ein „neues“ Totschlagargument. Eine grüne Politikerin – ich kann mir ihren Namen nicht merken, vermutlich aufgrund der kognitiven Dissonanz – hat es dieser Tage wieder aktualisiert. Demnach warnt sie vor Vergleichen von „Aktivisten“ der „Letzten Generation“ mit der „RAF“. Das würde „den Terror verharmlosen und die Opfer verhöhnen“ und das sei unstatthaft, das darf man nicht. In letzter Zeit wird dieses Argument immer öfter benutzt, demnach dürfe man dieses mit jenem nicht vergleichen, weil es diesem nicht gerecht werde und die Opfer verhöhne. Weiterlesen

Dialektik der Natur

Ein Kennzeichen großer Literatur ist ihre Reaktualisierbarkeit – sie mag unter anderen Vorzeichen entstanden sein, enthält aber genügend Schichten, um auch später noch ausgrabbar zu sein. Große Literatur kann sich durchaus in der kleinen Form verstecken. Ein schönes feines Nugget wurde mir dieser Tage zugespült, eine Geschichte von überraschender Vollkommenheit und aktueller Brisanz. Weiterlesen

Zynische Theorien

Ein Buch, das durch alle Lager schneidet, links, rechts, liberal, geliebt und gehaßt wird, verspricht schon deshalb ein Ereignis zu sein. Man kann Konsens und Dissens rein argumentativ verstehen, noch vor aller ideologischen Zuordnung. So überwältigend seine Verdienste nämlich sind, so zahlreich sind auch seine inneren Widersprüche und Fehler. Während der erzlinke Micha Brumlik in der TAZ etwa ins Schwärmen gerät, hat der Experte fürs Absolute (Daniel-Pascal Zorn) einiges auszusetzen und während die einen den ruhigen, sachlichen Ton loben, sehen andere die Autoren mit „Schaum vor dem Mund“ (DLF). Es gibt aber bis dato wohl nichts Vergleichbares, weshalb es bis auf weiteres zum Kanon aller gehören sollte, die sich dem Themenkomplex kritisch nähern wollen. Weiterlesen

Kommt die ethnische Wahl?

In den letzten Tagen habe ich mir den Luxus erlaubt, extensiv dänisches Fernsehen zu schauen. Grund war die Wahl. Ihr dramatischer Verlauf und ihre Auswertung. Heute, Freitag, stellen sich wohl die Weichen für das kleine Land, wenn Mette Frederiksen (Sozialdemokratie), die als stärkste Kraft daraus hervorging, nach Partnern für ihr neues Konzept der Mitte sucht. Das heißt, nicht der linke Block wird regieren – wie es möglich wäre und nach traditioneller Politikvorstellung auch logisch – sondern sie strebt ein breites Bündnis links und rechts der Mitte an. Weiterlesen

Wahrnehmungsfehler

Im Wald laufe ich auf eine Frau zu, die ganz vertieft in ein kleines rotes Büchlein schaut und vor sich hinmurmelt. Rechts oben sieht man ein Emblem. Was liest sie nur, geht es mir durch den Kopf? Eine Mao-Bibel, einen Gedichtband, eine Anleitung der Zeugen Jehovas oder der Mormonen, das Kommunistische Manifest? Als ich näher komme, klärt sich alles auf. Kein Buch, sondern ein in schönes Leder eingebundenes Mobiltelefon hält sie in der Hand, die Kamera rechts oben. Weiterlesen

„Blutbuch“ von Kim de l‘Horizon

Es könnte alles so einfach sein. Da hat ein seltsamer Mensch, ein Mann, der sich als „Nonbinär“ definiert, ein Buch geschrieben und die Jury läßt ihn damit – ganz zeitgeistkonform und natürlich politisch motiviert – den renommierten „Deutschen Buchpreis“ gewinnen. Das bizarre Wesen, in billigen Flitter gekleidet, geschminkt und mit Schnauzbart hält eine alberne Rede, singt mit dünnem Stimmchen ein peinliches Lied auf offener Bühne und holt zum Schluß einen Rasierapparat hervor, um sich die Haare zu scheren – als Zeichen seiner Solidarität mit irgendwem. Es selbst, dieses Wesen, räumt ein, daß die Preisrichter wohl „ein politisches Zeichen“ setzen wollten, seine Redebeiträge strahlen eine umfassende Mittelmäßigkeit aus, selten entläßt sein Mund einen Gedanken von Bedeutung … das alles macht uns das Urteil leicht. Weiterlesen