Für einen Analytischen Realismus

Gegneranalyse IV

Die Sorgen, die Enno Stahl – Autor bei JW und taz – umtreiben, kann man teilen. Die geliebte Literatur befindet sich in der Dekadenz, als zeitgenössische kommt sie kaum noch an die klassischen Vorbilder heran, es regieren die Egotrips, die gefühligen Ich-Erzählungen, die „narzißtischen Selbstentblößungen“, die „Bauchnabelperspektiven literarischer Pfeifenheinis und Flötentussis“, die Literatur hat ihren Status als „zentrales Instrument zur Übermittlung von Erfahrung, Weltwissen, Deutungsmustern und der Kritik am Bestehenden weitgehend verloren“, die Postmoderne hat trotz kritischer Einsätze der Analyse der Machtstrukturen zu einer „ironisch-distinktiven Haltung“ oder zu „anti-sozialistischen Säuberungen“ geführt, ist zu einem „Sidekick der neoliberalen Wirtschaft“ verkommen, kurz: es herrscht eine „literarische Anämie der Gegenwartsliteratur“ vor.

Speziell dem „linken Diskursfeld“, das Stahl beleben möchte, mangelt es an einem „übergreifenden Motiv“, die alten Bindeelemente wie die „Klasse“ sind verschwunden, Kultur ist in diesem Segment vor allem zu einer Bekenntniswelt verfallen, die statt der sozialen Frage etwa um Intersextoiletten oder Gendersternchen kämpft oder um das Thema der „Literarischen Aneignung“ ringt, einem Theorem, einem „gedanklichen Mao-Anzug“, nach dessen Dogma niemand mehr über jemanden schreiben darf, der er nicht selber ist, also kein Mann mehr über eine Frau und kein Weißer über einen Indianer usw. Der gebildete, belesene und kulturliebende Autor leidet unter diesen identitätspolitischen Primitivismen, die er seinen potentiellen Genossen aber kaum als solche entblößen kann, auf Gefahr des Ausschlusses.

So ist dieses Buch doppelt interessant: es zeigt die Aporien linken Denkens – dort, wo es noch zu denken wagt – und es stellt ein Konzept vor, von dem Stahl sich die Rettung erhofft. Und das in vielfachen Anläufen und anhand verschiedener brennender Themen (Fake News, Elite, Alternative, Ökologie, Corona u.a.), die wiederum zeigen, daß er das Ohr am Puls der Zeit hat, im Grunde ein sensibler Beobachter ist. Die Widersprüche wiederum kommen durch sein ideologiebasiertes Vokabular zustande und es ist äußerst spannend, eine Form linker Logik hautnah zu studieren, einen argumentativen Eiertanz, vorausgesetzt, man begegnet ihr nicht wertend, sondern analytisch.

Stahl, Enno: Realismus und Engagement

@ PapyRossa Verlag

Angesichts eines grundlegenden Theoriedefizits vor dem Hintergrund der zahlreichen Krisen befragt Stahl die Literatur nach ihren Hilfsmöglichkeiten und er traut ihr viel zu – in der Theorie. Es müßte eine andere Literatur her; er faßt sie unter dem Begriff des „Analytischen Realismus“ – diesen zu entwerfen bildet den roten Faden der immer neu einsetzenden Reflexionen.

Sie muß volksnah sein, nicht ästhetisiert und dennoch künstlerisch anspruchsvoll. Sie braucht eine „Analyse der Gesellschaft, ihrer Kraft- und Problemfelder“, sie „versucht die wirkenden Kräfte dahinter“ zu entschleiern, besitzt „eine Wahrheitsfunktion“, braucht eine neue „Selbstermächtigung des Autors“, der „den Text als den eigenen reklamieren“ kann, huldigt einem „Realismus der Weltwahrnehmung“, kann auch eine „soziale Utopie“ beinhalten, will „die kritische Innenaufnahme unseres Gesellschaftsraums“ machen und verhindern, „daß der Text hegemonial vereinnahmt werden kann“, strebt die „(materialistisch basierte) Analyse des gesellschaftlichen Hintergrundes der Figuren“ an, soll das „komplexe Beziehungsgeflecht“ nicht nur berichten, sondern „die Kausalkomplexe dahinter“ aufzeigen usw. Würde Stahl seine Scheuklappen ablegen, dann könnte er in Tellkamp etwa oder in Raspail fast alles vorfinden, aber seine Aversion hindert ihn.

Komplett aus der Reihe fällt ein Abschnitt über die „Sprache und Diskursstrategien der Neuen Rechten“, es sei denn, er sieht die „rechte Gefahr“ tatsächlich als genuines Problem an, dimensional gleichwertig zur Umweltkatastrophe oder zur Pandemie. Man kann das bei jemandem, der einen geschmacklosen Afrikanerwitz für „rechtes Gedankengut“ hält, nicht ausschließen. Hier könnten die Wahrnehmungsdifferenzen nicht größer sein.

Während die Rechte die Grenzen des Sagbaren durch selbsterlebte Sanktionen eingeengt sieht, meint Stahl sie erweitert zu sehen, weil die Dinge überhaupt gesagt und benannt werden können, was nicht hätte passieren dürfen, aber dieses nicht-Dürfen nimmt die Rechte wiederum als Einengung wahr. Demnach habe die Rechte die Hegemonie (Gramcsi) bereits errungen und die Linke müsse sie nun zurückerkämpfen: „Der linke Mythos ist zerbrochen“.

So kommt zu allen gesunden Denkanstößen und Reibungspunkten noch ein gutes Stück unfreiwillige Komik hinzu. Man hat immerhin das Gefühl, daß man sich mit dem Manne kultiviert unterhalten könnte, wenn er es denn zuließe. Bis dahin kann man mit seinem gedankenreichen Buch vorlieb nehmen.

Enno Stahl: Realismus und Engagement. Literatur als Gesellschaftsanalyse und soziale Utopie, PapyRossa, Köln 2022, 197 Seiten, 18 Euro

siehe auch: Politik der Gabe

Gegneranalyse

zuerst erschienen in: Sezession 108

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