Magische Donau

Man mag noch so dicke und gescheite Bücher lesen – manchmal sind es die einfachen Sätze, die inmitten des Lebensstromes herausragen und dort auch bleiben. Sie sind oft von einfachen Menschen und nicht von großen Philosophen ausgesprochen worden. In meinem Leben hat sich ein kleines Repertoire an solchen Sätzen angesammelt, die mich immer wieder lehren und leiten – gerade durch ihre Banalität, Einfachheit und Offensichtlichkeit.

So entsinne ich mich eines Gesprächs über achteckige Wehrtürme in Thüringen. Eine junge Doktorandin hatte gerade darüber promoviert und die umstehenden Fachleute durch ihr Detailwissen beeindruckt. Ein Freund jedoch sagte nur lapidar: Das wird die Welt auch nicht retten. Dieser Satz ließ mit einem Ruck alle Nebel fallen, nicht nur die junge Bauarchäologin, nein, alle geistige Arbeit mußte sich seither an diesem Satz messen. Er gab mir selbst eine innere Ruhe und eine gesunde Ironie allem eigenen Schaffen gegenüber.

Als ich vor einiger Zeit ungarische Freunde davon überzeugen wollte, doch auch einmal zu uns nach Sachsen zu kommen, da zählte ich alle landschaftlichen Vorzüge auf: wir haben Wald, Berge, Wiesen, Felder, Seen, Sonne, Schnee, wir haben alles. Da sagte mein Freund: „De Duna nincs!“[1] Ich war sofort entwaffnet und blieb sprachlos zurück. Er hatte recht: Duna nincs.

Instinktiv hatte er etwas ausgesprochen, was zu diesem Zeitpunkt schon lange in mir brütete: Man kann sich der Magie dieses Flusses kaum entziehen. Und ich meine nicht die Donau in Passau, Wien oder Bratislava, sondern jenen Fluß, der nach dem Donauknie entschlossen nach Süden fließt, in aller Breite und Trägheit durch die dichten Wälder des Gemenc, jenes letzten Restes „Urwaldes“ rechts und links des Stromes, der von Szekszárd über den Duna-Drava-Park bis in die serbische Grenze reicht.

Und dabei ist das nur noch ein Rest dessen, was es hier noch bis vor hundert Jahren gegeben hat, als der Fluß noch unbegradigt durch wahre Urwälder floß. Der Reichtum an Fisch und Wild ist heute nicht mehr vorstellbar. Auf einem Gemälde der Barock-Zeit sieht man eine kleine Jagdgesellschaft die Beute eines Tages auslegen: endlose Reihen an Hirschen, Rehen, Wildschweinen, Fasanen, Hasen und was weiß ich. Noch heute kommen die Jäger aus aller Welt, um zur Jagdsaison Rot- und Schwarzwild zu jagen – keine unbedeutende Einnahmequelle, aber nicht mehr mit früheren Zeiten zu vergleichen.

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Seitenarm der Donau im Gemenc

Damals lief der Fluß noch in langen Mäandern durch diese Wälder, bildete tote Arme, Seen, Sümpfe und kaum ein Mensch konnte sich durch dieses Dickicht kämpfen. Die Fischerei war ein wichtiger Erwerbszweig und ernährte hunderte Familien. Heute klagen die Angler über zu seltene Fänge und jedes Jahr werden Störe, Welse und Karpfen ausgesetzt, um die Petrijünger zu befriedigen.

Die Flußbegradigung war eine ökologische Sünde ersten Ranges. Sicher, sie befreite die Menschen von den Mücken und sie brachte den Hafenstädten Geld. Ohne den Fluß gäbe es auch das Atomkraftwerk in Paks nicht, denn der muß die Meiler kühlen. Unterhalb der Anlage ist das Wasser ein Grad wärmer als oberhalb und schon jetzt ergeben Berechnungen, daß nach der Inbetriebnahme von Paks II, eines neuen Reaktors, die Temperatur um zwei bis drei Grad auf den wenigen hundert Metern steigen wird. Was wir heute von der Donau sehen, ist nur noch ein Schatten ihrer einstigen Pracht. Aber selbst der übt noch immer eine große Faszination aus.

Wenn man hier lebt, dann gehört der Blick auf den Wasserstand zum Alltag. Alle paar Jahre zeigt der Strom seine Muskeln, dann steht das Wasser bis zum Rand der Deiche und Überflußbecken, dann sind auch moderne Schleusensysteme überfordert und alle paar Generationen gibt es auch eine Katastrophe. Zu anderen Zeiten sind die Seitenarme trocken und an den Ufern werden lange helle Sandstrände freigelegt. Mit ein bißchen Ingenieurskunst kann man den Fluß dazu provozieren. In gewissen Abständen ragen aus massiven Felsbrocken zusammengelegte Steinzungen in das Wasser. Sie verwirbeln das Wasser, verlangsamen es und zwingen den Sand, sich dahinter abzulegen und Bänke zu bilden. Entfernt man die Steinhaufen wieder, dann wandert auch der Sand weiter.

Im Sommer fahren die Menschen zu diesen Ufern, wer ein Boot hat auch von der Wasserseite her. So findet man einsame Strände. Jeden Tag sehen sie ein klein wenig anders aus, variieren sie ihre Fläche, bringen und nehmen Strandgut. Die Donau ist ständig in Bewegung, immer wieder neu, ununterbrochen in Veränderung und dennoch stets die selbe.

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künstlich erzeugte Sandbänke

Freunde laden mich ein, mit ihnen zu kommen. Mit dabei ein Junge, der vor ein paar Jahren seinen Vater an die Donau verloren hatte: ein Sturm hatte ihn beim Angeln auf dem Fluß überrascht.

Ich spiele mit dem Junge Ball und Frisbee. Einmal wirft er die Scheibe zu weit und sie landet im Wasser. Mit einem Hechtsprung eile ich ihr nach und tauche ab, schwimme unter Wasser und komme nach einer halben Minute wieder an die Oberfläche, einen lachenden Jungen erwartend. Stattdessen empfangen mich mahnende Worte: „Nem volt vicces!“ Gesprochen hat sie der gleiche Mann, der mir einst die Magie der Donau in einem Satz evident gemacht hatte. Er fährt seit vielen Jahren jeden Sommer viele Male hinaus, kennt den Fluß hier aus dem Effeff, jede Untiefe, jede Stromschnelle, jede Gefahr und jede Schönheit. Und dennoch kamen wir vor ein paar Jahren beim Paddeln mal in Schwierigkeiten, weil er auch die Kraft an einer Stelle unterschätzt hatte – wir krachten gegen ein Hindernis, mußten uns an den herabhängenden Bäumen festhalten und er verlor seine Mütze, die ein Strudel gurgelnd auf ewig verschwinden ließ.

Tatsächlich sind die Strömungen hinter diesen Steinwällen tückisch und widersprüchlich, Unterströmung und Oberströmung können gegensätzlich sein und sich auch verwirbeln. Auch ich kam an anderem Ort an die Oberfläche, als ich selbst vermeinte. Als sicherer Schwimmer und Taucher meint man sich unverletzbar, an Land hingegen wurde während meines Abtauchens bereits darüber gesprochen, ob man das Boot flott machen sollte oder nicht. Es vergeht immerhin kein Jahr, in dem hier nicht Menschen ertrinken.

Aber selbst das bringt mir einen Gedanken in Erinnerung, den ich vor einem Jahrzehnt gar nicht haben konnte. Seit einigen Jahren jedoch fährt es mir immer wieder durch den Sinn, daß die Donau – und zwar hier, an dieser Stelle – ein wunderbar geeigneter Ort wäre, sein Leben zu enden.

Unsereiner kann und darf nicht im Altersheim oder dement sterben, unsereiner braucht einen selbstgewählten und würdigen Ausweg … und das wäre einer. Sich dieser Ruhe, dieser Tiefe, dieser Gelassenheit übergeben, in dem Strom der Ewigkeit und der Geschichte – der schon so viel Blut auch geschluckt hat – unterzugehen und zu verschwinden, vielleicht sogar spurlos … das ist ein Gedanke, den ich mit warmen Gefühlen denke, der nichts Schreckliches an sich hat.

Dem Zauber, der Magie, der Verführungskunst dieser uralten weisen Fee und Hexe Donau erliegen …

[1] Aber eine Donau gibt es nicht.

2 Gedanken zu “Magische Donau

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Schöner noch als diese träge dahinfließenden Ströme, die immer etwas modrig riechen oder schlimmer noch heute penetrant „frisch“ offenbar nach Waschmittelresten, sind plätschende, von Baumgalerien begleitete und mäandrierende Mittelgebirgsbäche, die mit ihrem Geplapper alles, was einem unnütz auf der Seele liegt, einfach hinwegblasen. Wenn dann noch die begleitenden Wiesen blühen und man vom Löwenzahn einen staubig-gelben Strich am Hosenbein nach Hause trägt, dann verschwindet die übrige leidige Welt für eine Weile völlig aus dem Sinn.

    Und wenn es schon so eine Schleicherin sein soll, dann lieber die Altmühl in der Frankenalb. Dort stoßen am Talrand alle paar Kilometer kräftige Karstquellen auf, an denen oft Kapellen und Kirchen stehen, wohl in Nachfolge paganer heiliger Orte, die von der christlichen Mission übernommen wurden. Wenn ich mich je zu einer Religion bekehren lassen würde, dann müsste die Dryaden und Nymphen haben.

    Den Tod dagegen kann man überall finden, sogar im verkommenen Bremen oder im Sumpfloch Berlin.

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  2. OT: Ein sehr schöner Text, finde ich, vor allem mit dem Schluß und dem würdigen Ausweg, aber wann haben Sie sie geschrieben, Ihre letzten Gedanken? Erst in diesen Tagen? Mir geht es hier zwischen Gironde und Atlantik ganz ähnlich. Das könnte ich mir aber auch am Mississippi vorstellen, oder, was meinen Sie? Vielleicht beruht Liebe zu Fluß oder Meer gar auf der Abwesenheit von Kretins aller Art? Désolé, ich hab’s nämlich wirklich nicht so mit Kretins.

    Seidwalk: pontosan itt

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