Die Kunst des Fahrradfahrens

Auch die Art und Weise, ein Rad zu fahren, kennt regionale, nationale, historische und volksseelische Unterschiede.

In Deutschland fahre ich ein Mountainbike, ein altes Cube, jetzt schon fast 30 Jahre alt, mit Shimano 21-Gangschaltung, damals noch eine Art Neuheit, heute sicher weiterentwickelt. Das Rad ist vergleichsweise kurz, der Radabstand gering, der Sattel oben, der Lenker niedrig, so daß man einerseits hoch über dem Rad sitzt und sich zugleich weit nach vorn beugen muß. Es ist mittlerweile ein Klassiker und man hat mir schon von fachmännischer Seite Angebote dafür gemacht, aber ich liebe es und fahre es zu Ende. Das ist vielleicht nicht mehr fern, denn Ersatzteile sind rar. In Ungarn fand ich noch welche, leider war das Handwerk bescheiden, so daß nach einem Jahr die alten Probleme wieder auftauchten …

Ein zweites Rad, ein massiveres Merida – ebenfalls um die 30 Jahre alt – steht als Reserve bereit. Sein Radabstand ist deutlich größer, was ideal für längere Strecken taugt. Tatsächlich hatte ich mit ihm die meisten Radtouren gemacht, darunter eine siebenwöchige und einsame Tour nach Cagliari (Sardinien) und zurück, nebst zwei Alpen- und Apenninüberquerungen.

Beide Räder, das Cube insbesondere, verleiten zum Rasen. Man tritt so steil in die Pedale, als würde man permanent bergab fahren, das längst verinnerlichte Zusammenspiel aus Druck und Zug mittels des Fußhalters zwingt auf sehr schmalem und harten Sattel regelrecht zur schnellen Fahrt und sie bietet sich im bergigen Gelände der Heimat auch an. Die Technik verführt hier zu ihrer Nutzung, so wie das Handy auch zur Verblödung verführt und gibt es noch so viele Aufrufe zum „besonnenen Umgang“. Auch in Ungarn bin ich damit immer zügig gefahren und habe den unbewußten Kodex gebrochen, vielleicht auch den einen oder anderen empörten Blick geerntet.

Jetzt aber, in der Sommerzeit, steht mir nur ein Damenrad zur Verfügung. Die Räder extrem weit auseinander, die Mittelstange fast bis zum Boden gesenkt, der Sattel anatomisch breit und weich, der Lenker offen und hoch, einer Harley ähnlich, aber doch unter mir liegend, vielleicht auf Nabelhöhe. Die Pedale befinden sich vor dem Körperschwerpunkt, weshalb man nach vorne tritt. Das ebene Puszta-Gelände läßt einen gleichmäßigen langsamen Tritt zu.

Selbst die jungen Männer fahren hier oft ähnliche Geräte mit auffallend weiten Lenkern, die an die Hörner der ungarischen Steppenrinder erinnern. Die Sattel haben sie sogar abgesenkt, so daß ein ganz bewußt lässiges zurückgelehntes Sitzen zustande kommt, das den Schulterpart betont, die Beine öffnet und zugleich cool und lässig wie auch männlich machohaft wirkt. Die Frauen sitzen meist höher mit eng geschlossenen, parallelen Beinen.

Wenn ich nun meine Wege fahre, dann überkommt mich ganz von allein eine ruhige und gelassene Haltung. Sanft schaukelt man im Sattel hin und her, den Kopf erhoben, der Blick frei gen Horizont, ohne Drang zur Schnelle. Während ich in Deutschland oft ängstliche und erschrockene Gesichter ernte, habe ich hier mitunter den Eindruck, daß die Frauen interessiert nach diesem schlanken Manne unterm Lederhut und hinter Sonnenbrille, mit Hörern im Ohr vielleicht vor sich hinsingend – ungarisch – schauen, der aufrecht durch die Gegend fährt – aber vielleicht liegt das auch an der unungarischen Bekleidung.

Trotz der gemütlichen Fahrt überhole ich noch immer viele andere Radfahrer, auch Männer meines oder jüngeren Alters. Warum? Zum einen fahren viele hier auf nahezu luftlosen Reifen, fast auf der Felge, was ein Rad automatisch verlangsamt und auch zur Vorsicht zwingt. Dann aber nutzen sie jene „verkehrte“ Technik, die man in diesen Breiten und Kulturlagen sehr oft sieht. Sie treten mit der Ferse oder dem Mittelfuß ins Pedal und das oft noch in Badelatschen, die Füße dabei meist nach außen, während ich mit dem Fußballen auftrete und damit viel mehr Energie und Hebel auf die Pedale bringen kann. Auch kümmern sie sich oft nicht um die Sattelhöhe, so daß die Oberschenkel parallel zur Stange stehen. Ergonomisch und kraftökonomisch ist das ziemlich sinnwidrig, ein Großteil der Energie wird zur Überwindung selbstgeschaffener Hindernisse vergeudet; sie könnten mit weniger Aufwand viel mehr erreichen – aber sie tun es nicht.

Man kann darüber den Kopf schütteln und belehren wollen. Man kann die Haltung aber auch als Botschaft verstehen und sich belehren lassen. Sie sagt nämlich einiges über diesen Menschenschlag aus. Wer so fährt, hat Zeit und innere Ruhe. Wer so fährt, ist gelassen und hat gelernt, das Leben zu nehmen, wie es ist. Er will es nicht verändern, er will es leben und akzeptieren, sich darin einrichten. Zwar mag er darüber klagen – und seine ärmliche Kleidung spricht diese Klage auch aus –, aber im Grunde seiner Seele ist er zufrieden mit dem, was er hat. Schlau und schlitzohrig schaut er sich ruhig um, wo es eine Kleinigkeit zu holen gibt – möglichst ohne große Anstrengung. Aber Pläne macht so einer nicht, er hat keine schlaflosen Nächte über Sicherungen und Vermehrungen. Das Leben ist ein träges Treten in endloser Ebene. Vielleicht fährt er angeln und vielleicht fängt er einen Fisch und dann gibt es eben Fisch. Und wenn nicht, dann hat man zumindest am Fluß gesessen und in Einheit mit dem ewigen Lauf einen Tag genossen und wer weiß schon, ob es morgen wieder einen geben wird? Auch die flirrende Hitze mag eine Rolle spielen, gegen die man sich nicht auflehnen kann. Und wer rast, der fängt nur an zu schwitzen. So zumindest ergeht es mir jedes Mal, wenn ich am Ziel ankomme.

Ein Gedanke zu “Die Kunst des Fahrradfahrens

  1. Nordlicht schreibt:

    Wunderschön, dieser Text! Die Typologien kann ich nachvollziehen.

    Mir kommen noch die Unterschiede der städtischen Fahrrad-Pulks in Berlin, Amsterdam und in China (dort Mitte der 80er Jahre) in den Sinn: In Berlin vorgebeugt hetzend und rücksichtslos, in Amsterdam entspannt aufrecht sitzend.
    In meinem ersten China-Aufenthalt sah ich im gelb-fahlen Licht weniger Strassenlaternen surrend-knirschende Fluten dunkelblau Gekleideter mit Mützen, in engstem Abstand Strömende, drei, vier fast schultereng nebeneinander auf Fahrradspuren, ab und an scherte Einer zur Seite und sprang von laufenden Rad, es gab keinen Freilauf.
    Auf den breiten Fahrbahnen etliche Pkw und Einachs-Traktoren mit Holzkarren, wenige Funktionärs-Pkw. Deren Fahrer bogen ohne Rücksicht auf den seitlichen Fahrradstrom auf die Einfahrten der Regierungsgebäude oder der Hotels, der Radstrom geriet heftig ins Stocken und Schlingern, mit seitlichen Ausweichbewegungen und Abspringen gelang es den Radlern meist, von halblauten Flüchen begleitet, schlimmeres zu verhindern.

    Radfahren lernten wir als Kinder mit etwa 5 Jahren mit dem Rad der Mutter, im Stehen. Mit etwa 8 Jahren wurde das Damenrad mit einem vorgeschraubten Sattel versehen, Kinderräder gab es auf dem Land damals nicht. Das erste eigene, der Grösse angepasst Rad bekam ich mit 10 Jahren für die sieben Kilometer zum Gymnasium, nur im Winter wurde Geld für den Schulbus ausgegeben.

    Zum 16. Geburtstag machte man den Moped-Führerschein und gab das seit der Konfirmation gesparte und das beim Unkrautjäten auf den Karottenfeldern auf der Marsch erarbeitete Geld für eine gebrauchte NSU Quickly ab, an dem dann viel geschraubt werden musste.

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