Freiheit gegenüber den Mächtigen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIII

Darüber, daß wir frei sind

Wenn du den Mächtigen gegenüberstehst, dann denke immer daran: Von wem bekamen diese Menschen ihre Macht verliehen? Und was können sie überhaupt gegen dich tun? Können sie dir deine Güter, deine Freiheit oder dein Leben nehmen? Und dann?

Eine winzig kleine Mikrobe, ein ansteckendes Bakterium können dir ebenfalls das Leben nehmen, das zerbrechlich und vergänglich ist wie das Leben der Insekten.

Nein, selbst der größte Herr hat keine wirkliche Macht über deine Seele und ist deshalb machtlos, sofern du rechtschaffen[1] bist und er nicht rechtschaffen ist. Er kann dir nur dann etwas anhaben, wenn er dich sündig vorfindet und er rechtschaffen ist.

Denke deshalb nicht daran, was du dem großen Herrn sagen wirst, wie du dich verhältst; denke hingegen nur daran, daß du frei bist, solange du rechtschaffen bist, und der große Mann ist machtlos gegen deine Rechtschaffenheit.

Füves könyv – Helikon Zsebkönyvek 115. • Helikon Kiadó

[1] igazságos (gerecht)
Übersetzung: Seidwalk

2 Gedanken zu “Freiheit gegenüber den Mächtigen

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Stoische Pflichterfüllung ohne jeden Ertrag außer des Selbstgefühls der eigenen Tugendhaftigkeit ist ein ziemlich trockenes Brot. Rechtschaffenheit hilft jedenfalls nichts gegen eine ungerechte Regierung, wenn sie nicht mit Subordinationsverweigerung vieler einhergeht, und in dem Falle ist sie sogar oft verzichtbar. Man schaue sich hierzu nur so einige Gestalten der Französischen Revolution an. Es hängt immer an der freiwilligen Knechtschaft der Vielen, die wähnen, dass sie diesem gehorchen, weil er König ist. Dabei verhält es sich anders herum: Dieser ist König, weil sie gehorchen. Dieser falsche Glaube hat jedoch eine kräftige anthropologische Wurzel, Feigheit und Faulheit, welche schon allein jedweder Aufklärung entgegenwirken.

    Étienne de La Boétie (1539–1563), Discours de la servitude volontaire

    Seidwalk: „Es ist mit solchen Reflexionsbestimmungen überhaupt ein eigenes Ding. Dieser Mensch ist z.B. nur König, weil sich andre Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu sein, weil er König ist.“ (Marx: Kapital)

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    „Wir wollen uns begnügen, in einer Stadt von zehntausend Einwohnern hundert Menschen zu vermuten, die der Gewalt Abbruch zu leisten entschlossen sind. In einer Millionenstadt leben zehntausend Waldgänger, wenn wir uns dieses Namens bedienen wollen, ohne noch seine Tragweite zu übersehen. Das ist eine gewaltige Macht. Sie ist zum Sturz auch starker Zwingherren hinreichend. Die Diktaturen sind
    ja nicht nur gefährlich, sie sind zugleich gefährdet, da die brutale Kraftentfaltung auch weithin Abneigung erregt. In solcher Lage wird die Bereitschaft winziger Minderheiten bedenklich sein, vor allem, wenn sie eine Taktik entwickel- ten.
    Daraus erklärt sich das riesenhafte Wachstum der Polizei. Die Ausweitung der Polizei zu Heeren wird auf den ersten Blick seltsam erscheinen in Reichen, in denen der Beifall so überwältigend geworden ist. Sie muß also ein Zeichen dafür sein, daß die Potenz der Minderheit im gleichen Verhältnis gewachsen ist. Das ist auch in der Tat der Fall. Von einem Manne, der bei einer sogenannten Friedenswahl mit Nein stimmt, wird unter allen Umständen Widerstand zu erwarten sein, und dann besonders, wenn der Gewalthaber in Schwie- rigkeit gerät. Dagegen läßt sich durchaus nicht mit derselben Gewißheit darauf zählen, daß, wenn die Dinge schwankend werden, der Beifall der neunundneunzig anderen erhalten bleibt. Die Minderheit in solchen Fällen gleicht einem Mittel von starker und unberechenbarer Wirkung, das den Staat durchsetzt.“ Ernst Jünger, Der Waldgang, Seite 19.

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