Über den Rhythmus des Lebens

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXI

Über den Rhythmus des Lebens

Beständig den Lebensrhythmus ändern. Bewußt und aufmerksam Arbeit und Ruhe abwechseln, Hunger und Überfluß, Nüchternheit und Rausch, ja, sogar Sorge und Freude; bewußt vom gedeckten Tisch des Lebens aufstehen, wenn der Überfluß am größten ist, bewußt Sorgen und Aufgaben einbeziehen, die eine erzieherische Kraft haben. Überschätze dich in keiner Situation.

Am Grunde von allem liegt der göttliche Gedanke, der Geist, der die Welt regiert: und dieser Geist duldet keine selbstsichere Liebhaberei, selbstgefällige Zufriedenheit, Blinzeln und faule Befriedigung.

Sich immer bilden und verändern, sich anschmiegen und etwas opfern, immer geben, wenn du bekommst, immer weitergeben, was du erworben hast, auf die eine oder die andere Weise … Nur nicht „in Sicherheit“ leben. Immer in Erwartung des Sturmes und der Feuersbrunst.

Und wenn Sturm und Feuersbrunst ausbrechen, nicht wundern und nicht wehklagen. In aller Ruhe sagen: „Da ist es.“

Und löschen und verteidigen.

Herbario by Sándor Márai

@Übersetzung: Seidwalk

5 Gedanken zu “Über den Rhythmus des Lebens

  1. Nordlicht schreibt:

    Welche Themenvielfalt ! Das Internet ist eine geistige Goldgrube, wenn man den Müll meidet.

    Eben las ich bei der Achse den Beitrag von Sarrazin über die EZB.

    Und dann versinke ich wieder im Tellkamp.

    Seidwalk: lassen Sie uns gern wissen, was Sie vom Tellkamp halten. In der PAZ hat die Dagen eine wohlwollende Rezension hinterlassen. Auf Sezession wurde eine Diskussion angekündigt. Ganz objektiv: Was ist vom Roman zu halten?

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    • Nordlicht schreibt:

      Hm. Ich habe rd 60% gelesen und geniesse die Lektüre, habe mir jedoch inzwischen abgewöhnt, einen konzisen inhaltlichen Ablauf zu finden. Zwar gibt es einen Erzähler, aber es gibt sehr unterschiedliche Zeitebenen – Kindheit in der DDR, d.h. in dem Turm-Umfeld, dann der 89-90er Umbruch u.a. mit der sich ins Polit-Geschäft gezielt hinein bewegenden „Anne (=Angela). Also es gibt viele ausführliche Szenen, die pointillistisch nebeneinander gesetzt sind.

      Die heutige Zeit sieht den Haupterzähler in einem unterirdischen Bürokraten-Labyrinth, einer stasiartigen Informationsbehörde, die jedoch keine Polizeibefugnis hat wie in der DDR, sondern allein beobachtet, registriert, „Vorgänge“ anlegt und ergänzt. Die räumliche Ausdehnung des betreuten Staates liegt irgendwie zwischen einem Stadtstaat Dresden und der Bundesrepublik.

      Das klingt sehr skurril ist es auch. Das Lesevergnügen ergibt sich zum Einen aus der Sprache Tellkamps, ob er Blumen oder alte Karteiaktenkästchen oder des Beschütten eines Kachelofens mit Braunkohlebriketts beschreibt: Die Sprache ist wunderbar, auch wie er sein Figuren über deren Bewegungen und Äusserungen entstehen lässt (- sie entstehen ja aus den Beobachtungen der Hauptperson, des Erzählers). Er selbst bleibt etwas undurchsichtig.–

      Das schreibe ich ohne langes Überlegen, ich bin kein Rezensent. Es finden sich keine „Stellen“ im Sinne derer, die in Spiegel, SZ, Deutschlandfunk etc vorher zerrissen; sie haben nicht das Buch rezensiert, sondern den Autor bzw seine Äusserungen seit 2015.

      Der Roman lässt für mich ein stimmiges Gesellschafts- und Staatsportrait entstehen, natürlich nicht einer DDR 2.0, mit meinen Corona-Erfahrungen gruselig-skurril-totalitär, aber nicht als Digital-Steuerungs-Dystopie, sondern als Mischung aus Blockwartdenunziationen, Karteikarten und kafkaesken Bedrohungen. Wenn man sich Videos mit Polizisten ansieht, die schlittenfahrende Kinder verfolgen oder das Betreten von Spielplätzen mit Ordnungswidrigkeiten verfolgen, hat man etwa die Stimmung, die Tellkamp in Teilen assoziiert. Kafka plus Pynchon plus Houellebecq gehen mir durch den Kopf, aber das meine ich nicht als literarische Einordnung, sondern als Stimmung.

      Absolut lesenswert, der Roman. Vielleicht lese ich ihn in einigen Monaten nochmals

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    Am Ende des Lebens stellt man manches fest, was man in den Jahren zuvor nicht deutlich wahrgenommen hat: Die besten Tage sind die mit Anspannung verbundenen. Die mit einer Aufgabe, die einen seelisch und körperlich fordert. Das Schlimmste ist der Trott und der Müßiggang. Wenn man am Abend erschöpft ist, war es ein guter Tag. „Nur nicht in Sicherheit leben.“ Das ist es!

    Die Mehrzahl der Alten scheut jedoch genau das. Sie wollen, dass alles immer so weitergeht, seinen gewohnten Gang geht, seinen Rythmus hat und das Neue vor der Tür bleibt.

    Dummerweise denken viele Junge genauso. Bloß keine Veränderungen. Das Leben ist doch schön. Im Haus das der Bank gehört, im Auto der Leasinggesellschaft und mit zwei Beamtengehältern. Zwei Euro für den Sprit? Und 900 Euro mehr Heizkosten? Das geht doch noch…

    Okay, es soll Banker und auch ältere Ingenieure ohne Job geben. Auch viele Journalisten haben nur noch Freelancerverträge. Sogar Mitarbeiter von bekannten Firmen haben ihren Job während der Pandemie verloren. Die junge blonde Mutter aus der Kita. Aber das sind Einzelfälle. Die sich auf ca 5 Mio summieren. Echte Arbeitslose. Einfach ausblenden.

    Was soll man machen? Sagen die Jungen und die Alten. Man lebt nur einmal. Und am System können wir schon garnichts ändern. Lass und darüber nicht nachdenken!

    Nein, es soll alles so bleiben wie es ist. Dann ist es gut. –

    Sagten der junge und der alte Frosch im Wasserglas. Bevor es wärmer und dann heiß wurde…

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    • Nordlicht schreibt:

      Das Gefühl „Bloss nicht passiv versumpfen“ ist auch meine Einstellung, ich werde kommenden Monat 74 Jahre alt. Als Folge 2016 etc ging ich in einen Schützenverein und machte die Sachkundeprüfung, ich, der ich gesundheitswegen nicht beim Bund war und eher waffenkritisch war. Ich begann Vorräte anzulegen und uns auf Strommangellagen vorzubereiten.

      Nach den Coronamaßnahmen mit Quarantainen, Ausgangssperren und mieteten wie erst in einem südlichen Nachbarland eine Wohnung, aber sowohl die kommende Energienotlage als auch deren Obrigkeits-Aktionismus als auch die Enge einer Etagenwohnung in einem relativ dich besiedelten Quartier haben uns dann veranlasst, zum nördlichen Nachbarn in dessen nördliche Region auf das Land zu ziehen, N und S sind fährennah.

      Natürlich ist es für mich Alten (- uns Ältere) schwierig, mit Behörden und Internetanbieter und und und … in einer fremden Sprache zurecht zu kommen. Und zu renovieren, mit dem Gartengestrüpp zu kämpfen usw. Aber diese Herausforderungen verjüngen. Wir sind glücklich hier. Die nächsten Änderungen werden kommen, bis zum Tod.

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