Die Sache mit der Liebe

Schon als Kind fremdelte ich mit Konventionen. Mein Vater hielt uns Kinder an, immer schön „Guten Tag“ zu wünschen, wenn man jemanden traf. Mehr noch: das „Guten Tag“ war ihm nicht genug, man mußte auch noch den Namen dazu sagen: „Guten Tag, Herr Döhler“, Guten Tag, Frau Nürnberger“. Dabei durften auch die Hände nicht in der Hosentasche stecken – es war ein Graus. Umso mehr, als es sich bei einer Person um einen gefürchteten Russisch-Lehrer handelte, der auch schon meinen Vater unterrichtet und ihm wohl von daher diese Ehrfurcht eingeimpft hatte. Der Mann war gefürchtet wie kaum einer – allerdings war er auch der einzige Russisch-Lehrer in der Stadt, bei dem die meisten Schüler tatsächlich Russisch lernten, wenn auch aus falschen Motiven: aus Angst. Ich gehörte nicht zu diesen – was ich heute bedauere. Weiterlesen