Grau denken

Wenn man Peter Sloterdijk heißt, kann man über alles schreiben – warum nicht auch mal über die Farbe Grau? Man darf dann auch die Warnung Hans Blumenbergs, daß „Metaphern dirigieren, führen und verführen“ nonchalant übergehen, ja das Flottieren sogar zur Tugend machen und „gleichsam einer Laune nachgebend“ – das sind die original Eingangsworte! – oder einem „Reflex folgend“ seinen Assoziationen nachsinnen und daraus ein neues Buch machen. Wenn man Sloterdijk heißt, dann darf man das, denn es kommt dennoch Wesentliches zum Vorschein. Dann darf man auch einen Satz Cézannes – „Solange man kein Grau gemalt hat, ist man kein Maler“ auf das Denken und den Philosophen beziehen: das war die Ausgangsintuition; ihrem inneren Witz freudvoll und ausschweifend nachzugehen, ist dem lachenden Philosophen anzumerken.

U1 zu Wer noch kein Grau gedacht hat

© Suhrkamp

Grau steht natürlich für mehr als nur eine Farbe, grau ist auch die Theorie, die Bürokratie, die Theologie, die Geschichte, grau ist das Mittlere, das Alltägliche, die Depression und vieles mehr – wenn man sich willig von der Metapher verführen läßt. Grau sind auch die „Indifferenzzonen, die sich selbst gern als Sphären der Toleranz, der Bildung und Weitläufigkeit, ja der kosmopolitischen Gesinnung schildern“. An Sätzen wie diesen mag man erkennen, daß Sloterdijk die politische Konfrontation nicht scheut: „Seit Vernetzungen den Begründungen den Rang ablaufen, ist es ratsam, in der Abwegigkeit eine Anderswegigkeit zu vermuten“ oder: „Man darf versichert sein, daß das inzwischen globalisierte jakobinische Empfinden nicht lange suchen muß, um alternative Empörungsgründe zu entdecken. Es wird aktuell in den passiv-aggressiven Spielarten des Feminismus fündig, der aus der Menge der Frauen die Klasse der Belästigten hervorhebt; es ergreift schon das Wort in der juvenilen Woke-Ideologie, die ihre unduldsame Empfindlichkeit gegen Symbole unwillkommener Unterschiede vor sich herträgt.“ oder:  „Die polychrome Idylle trügt; die zur Durchmischung einladende Liberalität der Moderne kann die erwünschte Regenbogengesellschaft nicht erzwingen. Zugleich ist es für Entmischung und reinfarbige Identitäten zu spät. Aus der Summe der Einzelfarben entsteht (…) keine leuchtende Allfarbe, vielmehr ergibt sich ein stumpfes bräunliches Grau.“

Solche schillernden Nuggets lassen sich aus dem Bleiwüstengrau herauswaschen – wenn man aufmerksam liest. Sie sind hochgradig kodiert. In der letzten Passage finden wir sogar eine dialektische Bezeugung versteckt, denn Sloterdijk bekennt sich in der Kritik des Grauen just zu diesem. Gerade im politischen Kapitel wird die „Rot-Grau-Verschiebung“ all dessen, was rot und revolutionär angetreten war und zwangsläufig grau und uniformiert enden mußte, als historische Crux kenntlich gemacht. Trotz seiner stark farbkonnotierten Perioden in rot und braun etwa, macht Sloterdijk das darunterliegende Deckgrau sichtbar und satisfaktionsfähig. Wenn man das Grau nach der Kritik nun aber affirmiert?

Sloterdijk – wem es bisher noch nicht klar war – macht sich als ausgleichender Denker, als ein Mann der Mitte, des Gemäßigten, Kultivierten und Zivilisierten kenntlich. Und so auch in theologischen, philosophischen, ästhetischen, historischen Fragen, um das weite Spektrum seines Denkens nur anzudeuten. Das Material ist so unendlich wie Sloterdijks Wissensradius und mit dröger Technik ließe es sich mühelos erweitern. Auch wenn der Leser nicht jeder Gedankenvolte folgen kann, so gelingt es dem Sprachmeister doch, stets den Eindruck zu vermitteln, daß dies an des Lesers Unvollkommenheit liegt. Am Ende bricht der Philosoph seine Gedankenfahrt auch eher ab, als daß er abschließt; paradigmatisch dafür die „dritte Digression: Von Grau und Frau“ – was hätte man da nicht alles schreiben können, wenn man nur an die vergangenen 16 bleiernen Jahre denkt … zwar werden die „Merkel-grauen Stimmungen“, das „Kunststück, zugleich lau und machtbesessen zu sein“ erwähnt, aber dann läßt er „einen Windstoß zur rechten Zeit“ den Blätterstapel verwehen und den Leser weiter warten. Immerhin würde der Lektor befriedet sein, der zum zu Sagenden wohl seinerseits gesprochen hätte: „Paß auf, wenn man keine Frau ist, kann man so etwas heute nicht mehr schreiben!“

Aber wenn man Peter Sloterdijk heißt, dann könnte man es wohl doch! Bis das geschieht, muß man weiterhin zwischen diesen originellen und immens studierens- und denkenswerten Zeilen lesen.

Peter Sloterdijk: Wer noch kein Grau gedacht hat. Eine Farbenlehre. Suhrkamp. Frankfurt 2022. 286 Seiten. 28 Euro
zuerst erschienen auf „Sezession im Netz“ 13.5.2022

5 Gedanken zu “Grau denken

  1. Zorn Dieter schreibt:

    Bravo! Gute Replik. Es ist ja so, dass ich schon beim Schreiben über Sloterdijk meinen Text wieder löschen möchte. Ich bin bei ihm hin und her gerissen wie bei keinem anderen Philosophen. Ist er überhaupt ein Philosoph? Oder ein Intellektueller, der den Zeitgeist kritisch kommentiert? Kritische Analyse der Praktischen Vernunft? Was sie zu seiner Leistung in Sachen Habermas und Poststrukturalismus sagen, ist absolut richtig. Und dann haben Sie mich kalt erwischt: Meine Bewertung seiner Person und Leistung hängt stark mit seinen jüngsten politischen Äußerungen zur Pandemie und zum Ukraine-Konflikt zusammen. Peng! Die gefallen mir politisch garnicht. Ich frage mich dann, wie es sein kann, dass derselbe Mensch dessen gut argumentierte und camouflierte Kritik am Wohlfahrtsstaat (ich würde immer gern hinzufügen, des sozialdemokratischen Zeitalters) ich goutiere, zu dieser Einschätzung kommt? Hat er nichts gelesen zur Pandemie? Vergreist er jetzt? Und dann noch in BILD! Will er Hegel Konkurrenz machen, der solche staatstragenden Kommentare gern im Preußischen Tagblatt veröffentlicht hat? P.S.: Meine letzte Lesung vor GRAU waren die SCHRECKLICHEN KINDER … Mit freundlichen Grüßen

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    • Es ist sicherlich so, daß Sloterdijk die Frische seiner frühen Schriften über die Jahre verloren hat – vielleicht spielt aber auch ein Gewöhnungseffekt beim Leser eine Rolle. Der Bruch setzte mit der Sphären-Trilogie ein. Seither sind die Werke wissenslastiger und etwas denkleichter. Auch hat ihn das Leben gezeichnet, der kaum zu leugnende Schlaganfall, das Alter, öffentliche Kampagnen …

      Seine Äußerungen zur Pandemie lassen Rückschlüsse auf seine Informationsquellen zu: das Gros der „alternativen“ Medien nimmt er vermutlich nicht zur Kenntnis und wenn man den dortigen Anteil an Phantasie und bösem Willen überblickt, kann man Verständnis dafür gewinnen. Es fehlt ihm in dieser Frage eventuell das geeignete Sieb, über das der weltweit vernetzte Uni-Professor sonst verfügt.

      Bei all diesen Einschränkungen bleibt aber gesichert, daß er ein Unikat ist, eine Reinkarnation Nietzsches, wenn man dessen geniale Fähigkeit, immer um mehrere Ecken, in noch tiefere Abgründe zu blicken, neue Perspektiven zu öffnen, meint. Sollte es mir vergönnt sein, dann werde ich mich – das ist seit langem ein Traum – einmal ausführlicher dem Gesamtwerk widmen. Vor allem, um selbst einen Überblick zu bekommen, die roten Fäden, die Denkstrukturen – und Strategien (für mich) begreifbar und faßbar zu machen.

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  2. Nordlicht schreibt:

    Darf der denn immer noch bei Suhrkamp veröffentlichen? Denn auch dort gilt seit geraumer Zeit eine strikte Schwarz-Weiss-Lehre, die sich „bunt“ nennt.

    Aber, wie oben gesagt: S. schreibt so, dass er sich den Wokisten nicht DIREKT angreifbar macht: Ein wahrer Hofnarr.

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  3. Zorn Dieter schreibt:

    Originell wie immer. Und mit ätzender Systemkritik versehen, natürlich codiert, damit das woke Endzeitsystem ihn nicht lyncht. Zwischen Bildungsfuror und Bleiwüste immer mal „wahre Nuggets“ gestreut. Immer lesenswert. Was mich an Sloterdijk stört ist, dass er in inmitten des Chaos eines Systems im Niedergang, die Contenance zu wahren versucht. Ja, sie haben richtig gelesen, meiner revolutionären Grundhaltung, die mich seit siebzig Jahren begleitet, gut versteckt unter einer best-bürgerlichen Fassade, entspricht das nicht. Man sollte nicht lächelnd am Fluss sitzen, während die Dämme brechen. Das ist mehr als selbst meine geliebten Stoiker verlangen. („geliebten“ musste ich sechs Mal klein schreiben, weil das System daraus „Geliebte“ machen wollte. So ist das System! Und dabei soll man lächeln? Ich glaube, selbst ein Seneca wäre verzweifelt)

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    • Ihre Zuschreibung entspricht eher buddhistischem Gedankengut und dem steht Sloterdijk sicher näher als dem stoischen. Dennoch halte ich Ihre Argumente für diskutabel, denn Sie nehmen an, daß Ihre Prämissen die Prämissen aller sein müßten. Außerdem habe ich mir angewöhnt, bei zu schneller Sloterdijk-Einordnung nach dem Lesehintergrund zu fragen. Es gibt viele Aversionen und oft speisen sie sich aus der Unkenntnis des Werkes – zuletzt hatte einer ihn auf SiN nach 30 Seiten Lektüre der KdzV abgelehnt -, berufen sich auf feuilletonistische Beiträge und bewerten Haltungen, statt Denk-, Analyse- und Beobachtungsleistungen. Letzteres aber ist die Aufgabe des Philosophen. Wo einer politisch steht, ist mir weitestgehend schnuppe, sofern seine Argumentation konzis oder originell und eigenständig ist.

      Zudem dürfen wir zweierlei nicht vergessen. Sloterdijks Interventionen haben über die Jahre viel bewirkt. Sie haben wesentlich dazu beigetragen sowohl das Primat des Poststrukturalismus als auch des Habermasimus abzutragen. Sie haben bedeutende Diskussionen – etwa die um den Transhumanismus – lange vor der Zeit angestoßen. Sie haben ganz wesentlich an der Merkel-Säule gerüttelt und dem politischen Wahnsinn die ruhige Rationalität, die sich furchtlos aus allen Quellen speist, entgegen gehalten usw.

      Wenn man sich abgewöhnt hat, denkerische oder auch literarische/künstlerische Arbeit nicht nach der Übereinstimmung mit der eigenen Position, also letztlich der Selbstbestätigung zu bewerten, dann wird besser deutlich, welches Werk bedeutend ist und welches nicht. Und dieses Werk ist es – soweit ich meine Sinne zusammen habe. Was es natürlich nicht der Kritik enthebt, die im obigen Artikel auch anklingt.

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