Berührung mit dem Weltgeist

Einmal in meinem Leben wurde ich unmittelbar von der Geschichte geküßt.

Das geschah irgendwann Mitte der 70er Jahre auf einem kleinen Fußballplatz in meiner Heimatstadt Auerbach im Vogtland. Der Platz hieß und heißt wohl auch noch „Siegeloh“ und die Legende sagt, daß es sich um eine Namensgebung der Nazis gehandelt haben soll – die Lohe des Sieges –, aber Genaues weiß man nicht.

Dort und in der näheren Gegend jedenfalls verbrachte ich viele Stunden meiner Kindheit und manchmal auch beim Fußballspielen. Mit dabei war Andreas Bielau. Der ist sieben Jahre älter, also wird er vielleicht 16 und ich acht, neun Jahre alt gewesen sein, als wir zusammen spielten. Ja, das gab es damals, so groß war die Altersspanne unserer jeweiligen Gruppen.

Ich gehörte zur berühmten Jungsgruppe der Mosenstraße, Bielau hingegen wohnte auf der Luxemburg-Straße – der Siegeloh lag dazwischen – und die beiden Trupps waren Konkurrenten. Das äußerte sich in einem dauernden Wetteifern. Sicher gab es auch mal Rangeleien, aber in Erinnerung geblieben sind vor allem sportliche Wettbewerbe. Unvergessen ein Radrennen, das in der Mosenstraße begann, unten an der WEMA, der Fabrik wurde links eingebogen, dann ging es 500 Meter die Brechtstraße entlang, wieder links hoch die Luxemburg hinauf und zurück über die Karl-Marx-Straße. Die Straßen waren noch autofrei. Die Älteren hatten sogar Urkunden und Medaillen besorgt, so daß die Sieger einen würdigen Preis bekamen. Es war eine freundschaftliche Konkurrenz, Ältere kümmerten sich um Jüngere.

Manchmal wurde sie auch beim Fußball ausgetragen und folgendes traumatische Ereignis hatte meine Fußballkarriere für Jahrzehnte geprägt. Ich gehörte zu den Jüngeren und sah dem Geschehen eher zu, als daß ich einzugreifen wagte. So stand ich mutterseelenallein in der gegnerischen Hälfte, als plötzlich ein langer Ball vor meine Füße fiel. Die gegnerische Abwehr weit hinter mir, stand ich plötzlich ganz allein vor dem Tor, lief auf es zu, nur noch einen Torwart vor mir, hinter mir schrie und jubelte es – und ich verschoß den Ball kläglich! Lachen und Schimpfen verfolgten mich noch lange und ich brauchte eigentlich 20 Jahre, bis ich wieder relativ frei Fußball spielen konnte. Ein echtes Trauma.

Bielau wäre so etwas nicht passiert. Der spielte schon in der ersten Mannschaft des VfB Auerbach und schaffte es dann sogar zu Sachsenring Zwickau in die DDR-Oberliga. Weltruhm erlangte Bielau aber in Jena bei jenem denkwürdigen Spiel im Pokal der Pokalsieger gegen den großen AS Rom.

Carl Zeiss hatte das Hinspiel sehr unglücklich mit 3:0 verloren. Dennoch lag eine gewisse Spannung in der Luft, als am 1. Oktober 1980 im Jenaer Ernst-Abbe-Sportfeld mit seinen ikonischen Lichtmasten die Flutlichter angingen. Wir sahen das Spiel live im Fernsehen, vielleicht täuscht die Erinnerung, aber mir ist, als hätten wir es schon in Farbe gesehen und das heißt, daß meine Eltern damals schon – auf Raten – den Raduga Farbfernseher gekauft hatten, der um die 3500 Mark gekostet haben muß und den endgültigen Aufstieg in die Mittelklasse bedeutete. Allerdings hatten wir weder Auto noch Telefon.

Dieses Spiel gehört zu den großen lebenslangen Fußballereignissen und bleibt unvergeßlich. Tatsächlich konnte Jena einen 2:0 Vorsprung erarbeiten und stürmte in einem fort, aber das dritte erlösende Tor wollte nicht fallen. Da wechselte Trainer Meyer den blutjungen Andreas Bielau ein, mit dem ich ein paar Jahre zuvor noch spielen durfte. Er galt nie als begnadeter Fußballer, war aber unglaublich schnell und damit exakt der Mann für solche Situationen, an der ich so kümmerlich gescheitert war. Ein langer Ball über die Verteidigung und Bielau rannte los und stand allein vorm Torwart. Und tatsächlich macht er das dritte Tor und sogar noch das vierte – in diesem Moment saß der Weltgeist nicht auf dem Pferd, sondern steckte in Bielaus Fußballschuhen. Er hatte Weltgeschichte geschrieben und sich selbst in die Annalen des DDR-Fußballs.

Als ich vor einigen Wochen die Rosa-Luxemburg-Straße hinaufging, da war das Namensschild noch immer an der Tür. Die Leute sind bodenständig geblieben. Ein schöner algorithmischer Zufall spülte mir nun diese Dokumentation über jenes denkwürdige Fußballereignis auf den Bildschirm.

Ich empfehle jedermann, sich eine dreiviertel Stunde darauf einzulassen. Sie läßt nicht nur die historische Stunde aufleben und in Erinnerungen schwelgen, es ist auch ein Lehrstück in Sachen DDR. Wer sich diese Männer genau anschaut und anhört, wer sich in die Stimmung dieser Feier einzufühlen vermag, der kann einen Hauch des ostdeutschen Lebensgefühls und der Menschenart erhaschen. Und wenn man die Rede dieser Männer und einstigen Stars mit der der heutigen Generationen – berühmt oder nicht – vergleicht, dann kann man auch noch den Verlust begreifen, der uns in den letzten Jahrzehnten ereilte.

Als ich dann ins Bett ging, wurde mir auch der Wert solcher Ereignisse bewußt und ein anderes denkwürdiges Ereignis ließ mich lange nicht einschlafen. Die Recherche sagt mir, daß es um ein Spiel fast zur gleichen Zeit ging. Am 4.4.1981 mußte die DDR-Nationalmannschaft in Malta antreten und unbedingt gewinnen. Nun war Malta eigentlich kein ernstzunehmender Gegner, doch es gab eine Schwierigkeit: Auf Malta gab es keinen Rasenplatz, man spielte auf einem Hartplatz. Dadurch konnte die kleine Mannschaft jedem Gegner zu Hause gefährlich werden. Weder konnte man mit Fußballschuhen spielen noch verhielt sich der Ball nach den gewohnten Gesetzen und alle eingeübten Abläufe waren in Frage gestellt[1]. Torwart Grapenthin von ebenjener Jenaer Überraschungsmannschaft war auch nicht zu beneiden.

Wie so oft im Osten gab es keine Fernsehbilder aus dem kapitalistischen Ausland, vermutlich weil man nicht in der Lage oder willens war, entsprechende Valuta zu investieren. Und diesmal scheiterte auch die Radioübertragung. Da ließ sich Heinz Florian Oertel, der Krösus unter den Sportreportern, etwas Besonderes einfallen: er klingelte bei einer Familie, von deren Fenster man das Spielfeld überblicken konnte und nutzte deren Telefon, um – auf dem Fensterbrett sitzend – das gesamte Spiel via Festnetztelefon zu kommentieren. Tatsächlich lag die DDR nach zehn Minuten zurück, mein Jugendheld Reinhard Häfner per Elfmeter und der Jenenser Rüdiger Schnuphase mit einem satten Volleyschuß[2] sicherten schließlich den knappen Sieg.

Welchen Wert eine solche Übertragung damals besaß – ich nehme an, daß das DDR-Fernsehen die Telefonrechnung bezahlt hat –, kann man sich im heutigen Überfluß, in einer Gesellschaft der ständigen Verfügbarkeit, wohl kaum noch vorstellen. Malta war uns unerreichbar und wir hatten wohl auch kaum ein Bild von dieser Insel, aber sie war uns in diesen Minuten näher als während jeder Pauschalreise mit sämtlichen touristischen Besichtigungen aller Sehenswürdigkeiten.

Sollte mich mein Weg jemals nach Malta führen, dann will ich diesen Platz sehen und auf ihm spielen.

[1] Einen schönen Einblick gibt die Partie der BRD auf Malta 1974: https://www.youtube.com/watch?v=p4wywjqRhgc
[2] Es gibt tatsächlich bewegte Bilder von diesem Spiel, vermutlich von einem italienischen Team aufgenommen. https://www.youtube.com/watch?v=Uexm9Uyl6jM

siehe auch: Wagt an den Kindern!

Im Fußball sterben

Dixie

Ein Gedanke zu “Berührung mit dem Weltgeist

  1. Stefan schreibt:

    Meinen verbindlichen Dank für dieses Stück Historie. Hervorragend.
    Die Metaaussage, daß wir DDRler ein besonderes Lebensgefühl und eine Mentalität „geopfert“ haben (die BRDler aber 100% auch!) ist absolut zutreffend.

    Eine Haupt säule der DDR-Identität war auf jeden Fall der Sport – das einzige, worauf dieses provinzielle Land wirklich stolz sein konnte.

    Danke auch für die Erwähnung all dieser großen Fußballer.

    Auch mich hätte der Staat liebend gerne in sein Sportfördersystem eingebaut, aber ideologisch verbot sich das.

    Ich habe später mit Kadern der Talentsuche gesprochen über Details der Intensivsuche… es war unglaublich. Sportlehrer hatten Leistungen, Körpermaße etc. an die Kreisstabsstelle zu melden und an Kandidaten heranzutreten, um möglichst jeden Rohdiamanten „abzuliefern“.

    Ein weiteres Feld der Sportbegeisterung war sichtlich die Friedensfahrt, die breite Teile der Bevölkerung ans Radio fesselte… hierzu auch eine tolle Reportage über Wolfgang Lötzsch, der irgendwann aus dem System gedrängt wurde, weil er Individualist sein und bleiben wollte… auch auf YT.

    Ein untergegangener Staat hat immer größte Faszination. Wo immer ich DDR-Relikte finde, freue ich mich…

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