Wagt an den Kindern!

Wer wäre unser Goethe geworden, wenn Goethe 1758 im zarten Alter von 11 Jahren an den Blattern gestorben wäre. Wer wäre dann unser Dante, unser Cervantes, unser Shakespeare, Petőfi, Mickiewicz oder Hans Christian Andersen geworden? Schiller? – ist ohne Goethe kaum vorzustellen. Kleist? – zu dünn sein Werk. Wieland? – zu viel Zweitrangiges in seinem Oeuvre.

Ich würde auf Jean Paul tippen, dessen Weite des Denkens den Vergleich zu Goethe nicht scheuen muß, dessen Sprache stilbildend hätte werden können und dessen Position zwischen Klassik und Romantik, dessen Unfeststellbarkeit ihn zur Dauerinterpretation prädestiniert hätte. Wäre sein Stil nicht so ausladend und seine Prosa so zerfließend gewesen, er hätte unter den das Systematische liebenden Deutschen eine steile Karriere machen können.

Nicht nur war sein theoretisches Interesse allumfassend, sein Leben bot auch genügend Erfahrungsschätze aus denen er schöpfen konnte. So sind seine pädagogischen Gedanken wohl auch Ergebnis eigener Lehrertätigkeit und Vaterfreuden. In seiner Erziehungslehre taucht ein Satz auf, der unmittelbar zur Assoziation verleitet:

„Wagt man nichts an Kindern, so wagt man sie selber, den Leib wahrscheinlich, den Geist gewiß.“

Vor dem Hintergrund heutiger Erziehungserfahrungen muß dieser Satz schockieren. Nicht nur, daß viele Frauen dazu übergegangen sind, kein Kind mehr zu wagen und das Kinderkriegen- und aufziehen nur noch als Bürde und Wagnis zu betrachten, nein, diejenigen, die noch Kinder bekommen, überdecken diese oft mit einer Rundumbetreuung, einer physischen und psychischen Komplettabdeckung, die jegliche freie Entwicklung im Keime erstickt. Denn darum geht es Jean Paul: „Der Himmel bewahre aber jede vor jener bangen Übervorsorge, welche der Natur mißtrauet und jeden Zahn eines Kindes von Arzt und Apotheker heben läßt. Wagt man nichts an Kindern, so wagt man sie selber, den Leib wahrscheinlich, den Geist gewiß.“[1]

Dabei sind die heutigen Auswüchse historisch relativ jung, noch in meiner Kindheit gab es diese Übervorsorge kaum. Unseren Eltern waren – auch wenn sie den Namen Jean Pauls nie im Leben gehört hatten – noch zwei seiner Postulate bewußt.

  1. „Leben belebt Leben, und Kinder erziehen besser zu Erziehern als alle Erzieher“[2]
  2. „Volk- und Zeitgeist entscheidet und ist der Schulmeister und das Schulmeisterseminar zugleich; denn er greift den Zögling mit zwei mächtigen Händen und Kräften formend an: mit lebendiger Tatlehre und mit unausgesetzter Einheit derselben.“[3]

Demnach sollte sich der Erzieher weitestgehend zurücknehmen und das Kind im freien Spiel, Zusammensein und Konflikt, mit anderen Kindern lediglich beschützend begleiten. Man vertraut auf die Selbstentfaltungskräfte des Heranwachsenden, man zieht nicht selbst, sondern garantiert lediglich die bestmöglichen Bedingungen. Zugleich sträubt man sich nicht gegen den erziehenden Einfluß des Volkes und des Zeitgeistes – vorausgesetzt natürlich, in diesen ist noch ein Rest Anständigkeit, Unverdorbenheit, Natürlichkeit und Normalität enthalten. Zuvörderst lehrt das Volk eines: die positive Zugehörigkeit zu selbigem in seinen Traditionen, seiner Sprache, seinen Regeln und Gesetzen, seinen Mythen usw. Das Volk lehrt Identität und Kinder, die durch diese Schule gegangen sind, wissen – bei aller individuellen Vielfalt und Eigentümlichkeit – wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehören.

Ich selbst meine diese Erziehung noch genossen zu haben, wenn auch in einem Land, das man heutzutage als graues Land zu beschreiben sich angewöhnt hat[4]. Den Großteil meiner außerschulischen Kindheit verbrachte ich auf der Straße, zusammen mit „dem Volk“, das war ein Trupp von – weit gefaßt – zwanzig, dreißig Jungen und Mädchen zwischen, sagen wir, fünf und fünfzehn Jahren. Unser Revier war die kleine Seitenstraße, in der die meisten wohnten – es gab eben noch zwei, drei, vier Kinder pro Familie –, alle anliegenden Straßen und Plätze, aber wir kannten auch die Parks und Wälder in und um die Stadt, die Felsen – Bendelstein und Katzenstein –, die Bäche, Tümpel und Seen aus dem Effeff, wir spielten Ball oder bauten uns Pfeil und Bogen oder Katapulte, wir kletterten die Bäume und die Felsen hinauf, krochen in Höhlen, öffneten sogar mittelalterliche Burggänge, durchstöberten Schuttplätze, balancierten auf Brückengeländern oder stiegen auf Außensimse im vierten Stock des Schulhauses, wir gingen ohne Erwachsene ins Freibad und sprangen in wilden Figuren vom Zehnmeterbrett usw. usf. Wenn die Freunde unten klingelten, dann sagte meine Mutter lediglich: Aber um sechs seid ihr wieder da und wenn wir wiederkamen, dann fragte sie auch nicht, wo wir waren oder was wir gemacht haben, es sei denn, eine kleine Wunde mußte versorgt werden.

Es mangelte nicht an Unfällen. Mein Bruder rammte sich bei einem Sturz den Lenker des Rollers – ein Erbstück vom Onkel – in den Leib, daß es nur so blutete, er trat in einen rostigen Nagel, ich verlor einen Zahn oder stürzte vom Baum … und dennoch vertrauten uns die Eltern: Sie vertrauten uns und sie vertrauten uns dieser Welt an. Und wir haben sie nicht enttäuscht.

Als ich in der Pubertät nach einem Spaziergang mit meiner ersten Freundin mit einem Blatt im Haar zu Hause erschien, da sagte meine Mutter nur: „Aber bringe mir ja kein Balg an!“ – und so war es dann auch. Sie wußte nicht, daß ich mit meinem ersten Mädel eine zwölf Meter hohe Pappel am Bahndamm hinaufkletterte, weit oben waren Sprossen eingeschlagen und in einer Astgabel gab es einen Sitz und dort saßen wir und knutschten stundenlang, noch vollkommen frei von irgendwelchen Kopfbildern, die die Handy-Kinder heute schon mit zehn Jahren im Hirn haben.

Einmal erkletterte ich eine riesige Hängebuche, bis ich obenauf saß: meine Mutter kam aus dem Haus und fiel nicht in Ohnmacht oder rief die Feuerwehr, sondern sie lobte mich für Mut und Behendigkeit und sicher sagte sie auch „Fall nicht runter“. Mit 15 Jahren machte ich mit meinem Freund eine Radtour an die Ostsee, ein Rad ohne Gangschaltung, ein 12-kg-Zelt am Gestänge und alle Klamotten im Rucksack. In sechs Wochen bekamen meine Eltern nur eine einzige Postkarte und als wir braungebrannt zurückkamen, da fragten sie: „War es schön“? Unsere Erinnerungen durften wir für uns behalten …

Es war ein verletzbares Leben, aber die meisten haben es unbeschadet überstanden. Einer aus unserem Trupp stürzte über ein Treppengeländer und blieb querschnittsgelähmt – dafür blieben drei Dutzend geistig und körperlich gesund.

Wenn ich mich heute im bunten und hellen Deutschland umschaue unter den wenigen Kindern und Jugendlichen in der Umgebung, dann sehe ich fast nur Trauerspiele. Sie alle wachsen in guten, wohlbehüteten, materiell abgesicherten Verhältnissen mit an sich guten Eltern auf. Und dennoch scheint vieles schief zu gehen. Hier leiden sie unter der Trennung der Eltern, dort gibt es Depression oder Magersucht und ein Junge, mit dem wir vor ein paar Jahren noch Pflanzen, Federn und Steine gesammelt haben, ist heute – in meinem Pappelkletteralter – ein lichtscheuer Nerd mit schwerem Kopf und gebeugtem Rücken; mit 15 haben sie entweder schon alles durch – von vorne und hinten – oder sind mit 30 noch immer unberührt, vor allem die Mädchen; ein anderer studiert seit 10 Jahren Bachelor und kommt der Prüfung nicht näher; jemand wollte mit besten Voraussetzungen ein esoterisches Studium angehen, schaffte das Grundstudium nicht und jobbt seither ungelernt; eine leidet seit ihrer Pubertät unter Magersucht und war zwischenzeitlich mehr tot als lebendig etc. – auf jedes „gelungene“ Kind kommt pro Familie ein „Sorgenkind“.

Keinem dieser Kinder ging es schlecht, die hatten und haben alles und noch mehr, aber sie sind sichtlich unglücklich, ohne es vielleicht selber so zu empfinden. Manche wechseln die Schule, um aus festgefahrenen Konfliktherden zu fliehen: Freie Schule; Waldorf  oder Montessori soll es dann richten. Eine Straßengang gibt es nicht – es fehlt an Kindern. Auf den Spielplätzen „spielen“ sie mit ihren Eltern und werden todsicher ermahnt „nicht so wild“ zu sein, wenn sie mal über Hüfthöhe schaukeln, schon auf dem ersten Laufrad tragen sie teure Schutzhelme. Sind sie allein, dann sind sie mit ihrem Handy zusammen und wenn es in den Sportverein oder die Musikschule geht, dann werden sie gefahren – hin und zurück.

Die Eltern erkennen ihre Kinder oft nicht wieder, sind selber von Sorgen aufgefressen, verstehen nicht, wieso das Kind trotz aller Liebe und Vorsorge so problematisch werden konnte. Sie haben Bastarde gezeugt und sind sich keiner Schuld bewußt, schließlich haben sie doch alles gegeben, sogar ihr eigenes Leben geopfert.

Ich sage das ganz ohne Überheblichkeit, denn einige der Probleme kennen wir aus eigener Erfahrung, aus Familie und Freundeskreis. Die Nachwendekinder, die Handy-Kinder, die Internet-Kinder, die Fahr-Kinder sind problematisch geworden. Meist gibt es eine ungesunde Abhängigkeit von den Eltern – als Bezug oder als Konflikt, immer aber als Unfreiheit –, die nicht „normal“ ist. Sie machen ihr Leben selber zur Last oder zum Geschenk – was oft das gleiche ist – für andere, sie sind selbst nicht mehr genug.  Wir haben vermutlich zu wenig an ihnen gewagt.

Mächtig zieht an ihnen etwas, das viel stärker ist als die beste Erziehung

Was? Und warum? Diese Fragen bedürften einer allumfassenden Gesellschaftsanalyse.

[1] Levana oder Erziehlehre. In: Sämtliche Werke Band 5. Frankfurt 1996. S. 643
[2] S. 522
[3] S. 539
[4] Siehe Sloterdijk Grau

siehe auch: Die schrecklichen Kinder

2 Gedanken zu “Wagt an den Kindern!

  1. Was und warum? „Wohlstand“ und „Stadt“ wären vielleicht zwei Antworten: Es ist einfach zuviel Geld da, für Spielzeug, Elektronikzeug, für Auto, und für die Elternzeit, die an die Kinder aufgewendet wird, weil man es sich leisten kann. Meine Eltern haben noch in Weltkriegsruinen gespielt, und deren Eltern hatten im Krieg und danach andere Sorgen, als ihre Kinder zum Hockey zu fahren – mit dann wieder ganz eigenen Folgeproblemen, wie ich heute sehe. Aber dieser Hang zur „Übermutterung“ (mit dem Helm auf dem Laufrad haben Sie einen „pet peeve“ angesprochen, genau so, wie ich mich über Mützen bei Frühlingstemperaturen aufrege), der ist schon irgendwie ein Wohlstandsphänomen, ein Verrutschen der Perspektive, das „echte“ Probleme gar nicht mehr kennt. Das erklärt zumindest mir auch diese Hysterie bei „Corona“, gerade hinsichtlich der ja doch ungefährdeten Kinder.

    Zum anderen die ja allgemeine Verstädterung: Auch wir sind (leider, in gewissem Sinne) in der Großstadt gelandet, und das bringt Dinge mit sich, die man eigentlich nicht möchte: eine gewisse Enge, zu wenig „Auslauf“, Natur und zielloses Herumstromern, andererseits wieder zu wenig unkomplizierte Nähe zu den Freunden aus anderen Stadtteilen.
    Beides, Wohlstand und Stadt, ist gegeben und schwer zu konterkarieren; sich zurücknehmen, einen Mittelweg zwischen Strenge und Gewährenlassen, das ist so das Bemühen. (Die Schule als eigenes „Problem“, anders, als in meiner Jugend, spreche gar nicht mal an.)

    Gefällt mir

  2. Nordlicht schreibt:

    Vieles erkenne ich wieder, meine eigene Kindheit war jedoch auf dem Land, noch nicht einmal in einem Dorf; das nächste Haus war 100 Meter entfernt, dann erst wieder eine kleine Gruppe in 500 m Entfernung. Ich wuchs in Haus und Garten mit der ein Jahr älteren Schwester auf. Wir spielten Eltern, sie rührte Sand in einem Töpfchen, sagte“ ich bin die Mama, und Du musst jetzt arbeiten gehen.“ Dann trödelte ich weg.-

    Mit 10 kam ich als Erster im Umfeld und der Verwandtschaft zum Gymnasium, man wartete auf das Scheitern besonders des Ehrgeizes meiner aus Niedersachsen zugezogenen Mutter wegen. 12 km mit dem Rad oben auf dem Deich, natürlich kein Radweg, nur im Winter durfte ich mit dem Bus fahren: die Kosten. Ein Nachbarkind wurde von einer Westwind-Böe vor einen Lkw geweht und starb. Ansonsten starben Jugendliche mit dem Moped.-

    Was die überbehüteten Kunder angeht: Die Corona-Politik, der Gehorsamswahn der Eltern und der Terror der Lehrer hat ihnen mE noch etliche zusätzliche Psychosen beschert.

    Hoffen wir, dass die Selbstheilungskräfte auuch der Seelen ihnen helfen, das Leben zu meistern. Meine Enkel (- alles Mädchen, 14/12 und 6) werden es schon schaffen. Mädchen sind mE seelisch stabiler als Jungen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..