Lebenssituationen ändern

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVIII

Darüber, wann wir das Recht haben, Lebenssituationen mit Gewalt zu ändern

Dein Arbeitsfeld ermüdet dich, du spürst, daß du woanders, unter anderen Menschen, unter anderen Lebensbedingungen mit wahrer Kraft und Zufriedenheit arbeiten könntest. Das menschliche Zusammenleben hat dich erschöpft, deine Familie, deine Liebste, deine Freunde sind eine Last, und dich treibt das Verlangen, neue Kontakte zu knüpfen. In deiner Wohnung kennst du alle Ecken und Winkel im Schlaf, und du hoffst, daß du in einer neuen, moderneren und komfortableren Wohnung Behagen für deinen Körper und Ruhe für deine Seele findest. Ja, die Stadt, in der du geboren, aufgewachsen und zum Mann geworden bist, kennst du in- und auswendig. Ja, und auch das Land, das deine Heimat ist, kennst du, so wie der Bergmann die Stollen kennt, in denen er vierzig, fünfzig Jahre lang gearbeitet hat; nicht nur horizontal, sondern auch vertikal kennst du es mit all seinen Gefahren und Abgründen.

Und du hast von fremden Ländern gehört, von fernen Welten, wo die Bedingungen für das menschliche Zusammenleben gerechter sind. Der Zweifel quält dich, du wirst getrieben und angestachelt vom Verlangen, deinen Arbeitsplatz, deine Familie, deine Lieben, deine Stadt, deine Heimat zu verlassen und dich mit einem gewaltsamen Ruck von allem loszureißen, was bisher dein Lebensumfeld war.

Prüfe in der Stunde der Versuchung deine Erfahrungen, dein Verständnis, deinen Charakter, und untersuche im Wissen um die wahre Natur der weltlichen Dinge dieses Begehren. Neue Menschen können dir nichts geben, was deine Beziehung zur Welt grundlegend verändern könnte, denn nur du selbst kannst dir etwas Entscheidendes und Wesentliches geben.

Desgleichen wirst du auch an einem neuen Arbeitsplatz ein Arbeiter bleiben, und es hängt von dir ab, welche Kraft du aufbringst, um dir in der neuen Lage passende Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Alles hängt von dir ab.

So wirst du auch in der neuen Stadt, dem fremden Land, wo die Bedingungen für das menschliche Zusammenleben gerechter sind, mit der Zeit auf den gleichen menschlichen Egoismus, die Gier, die Eitelkeit stoßen, die dir in der Heimat so hassenswert schienen, denn die menschliche Grundanlage ändert sich nicht hinter den die Landesgrenzen markierenden Schlagbäumen.

Und zu alldem wirst du ein Fremder bleiben; und Fremder zu sein, bedeutet immer, wie ein Krüppel zu sein. Und es ist eines der Gebote der menschlichen Gesetze, daß du immer, bedingungslos deiner Heimat die Treue zu halten hast, auch dann noch, wenn diese Heimat ihre Kinder auf tyrannische Weise ungerecht behandelt.

Wann also hast du das Recht, die Umstände, den Rahmen und die Lage deines Lebens mit Gewalt zu verändern? Auf keinen Fall dann, wenn du die Unterbrechung deiner Langeweile, die Befriedigung deiner Bedürfnisse, die Erfüllung deiner Rachegelüste von einer solchen Entscheidung erhoffst.

Bleibe, wo das Leben dich hingestellt hat, tue deine Pflicht und fülle deine Seele mit Wahrheit; mehr kannst du von der neuen Welt auch nicht bekommen, noch nicht mal auf den Südseeinseln.

Aber wenn du eines Tages herausfindest, daß deine Arbeit, deine Lebensumstände und -bedingungen nicht mit deinem Charakter übereinstimmen – dann und nur dann entschließe dich zur Veränderung. Doch wisse, daß du in all diesen Veränderungen der gleiche bleibst.

Übersetzung: Seidwalk

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Das Márai -Denkmal in Kassa (Košice), seiner Geburtsstadt

4 Gedanken zu “Lebenssituationen ändern

  1. Nordlicht schreibt:

    Auch im Beruf muss Wechsel sein, auch räumliche Bewegung: In den ersten zwei Stellen nach der Promotion war ich fünf bzw. sieben Jahre dort und dort, dann zwölf Jahre woanders, dann selbständiger Berater. Jeder Wechsel war eine geistige Bereicherung, andere Strukturen, vor allem andere fachliche Hintergründe.

    Man beginnt als Techniker und lernt nach und nach Juristen, Volkswirtschaftler, Soziologen, Psychologen, Mediziner im der Zusammenarbeit kennen, wie sie denken und was ihnen fehlt für eine ganzheitliche Lebenssicht.

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  2. Nordlicht schreibt:

    Die obigen Maximen teile ich überhaupt nicht. Der Verantwortung für die Kinder wurde ich zwar gerecht, indem ich in einer unglücklichen Ehe blieb und für Alle da war, beratend, schützend und auch finanziell, bis das jüngste Kind zum Studium das Haus verliess, ehe ich auch in die Freiheit ging.

    Vor einem Jahr zog ich mit meiner vor vielen Jahren gefundenen wirklichen Liebe ins Ausland, weil mir (- nein: uns) die durch die deutsche Politik geschaffenen Bedingungen das Leben dort unerträglich machte(n). Etwas Besseres als den Hass auf Ungeimpfte, auf dümmliches Propganda-Gerede und übergriffige Polizei findet man durchaus, und auch wenn die Sprache hier anders ist, sind mir doch die Menschen lieber.

    Ich schaue von einer nahe Ferne auf meine Heimat und sehe den deutschen Niedergang deutlich. Die Medien berauschen sich an kindlich-unreife Nichtskönner, die nun Politik spielen und naiv alles zerstören. In den letzten (10?) Jahren meines Lebens werde ich keine rechtlichen Winkelzüge versuchen, um nicht gespritzt zu werden, keine Gender-Gaga-Sprache befolgen, den kommenden Mangel idealisieren.

    Seidwalk: Kombiniere, kombiniere … Dänemark! Keine schlechte Wahl. Aber die Abstimmung zum forsvarsforbehold hat ja einmal mehr deutlich gemacht, daß Márai im Grunde recht hat.

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    • Nordlicht schreibt:

      Ja, die Kriegstrommeln hatten hier auch Erfolg.-

      Was die Corona-Politik angeht, gab es hier nie solche Anfeindungen der Kritiker, auch war eine gesetzliche Impfpflicht kein Thema.-

      Die Naivität oder Sorglosigkeit oder Volksfeindlichkeit der Politiker-Elite in Bezug auf Masseneinwanderung ist in DK seit etlichen Jahren vorbei. Die Sozialdemokraten führten – relativ – strikte Zuwanderungs-Kontrollen und Abschiebungen ein.

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  3. Stefan schreibt:

    Sehr interessant.
    Ich denke selbst gerade darüber nach, meine Heimat und meine Situation zu verlassen.

    Kann es nicht auch sinnvoll sein, die Komfortzone, die eine jahrelang gewohnte und vertraute Umgebung bietet, zu verlassen?

    Eine Frage der sorgfältigen Abwägung, aber auch eine Frage des Mutes, Altes hinter sich zu lassen, mutig zu „springen“ und vielleicht einfach im des Neuen willen sich zu trainieren, offen und neugierig zu bleiben… ewig und drei Tage am selben Ort zu verbleiben führt dich unweigerlich zum Einrosten und zu unguten Gewohnheiten.

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