Instinkt für das Leben

Im Wald fand ich den Schädel eines Schwarzspechtes, noch nicht ganz kahl, noch mit Knochenhaut- und Federresten verschmutzt, aber dennoch ein schönes Exemplar und eine weitere kleine Reliquie in meiner Sammlung. Die besteht aus Schädeln von im Wald gefundenen verwesten Tieren und reicht vom Eber bis zur Maus. Der größte Schädel gehörte einer Kuh, doch den bekam ich geschenkt – sein größter Makel: er wurde abgesägt.

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Teil der Sammlung in würdeloser Umgebung (Kuh, Reh, Katze, Hase, Ratte, Maus, Grünfink)

Manchmal, wenn die Knochen noch nicht von Maden und Würmern, von Ameisen und Käfern, von Wind und Regen blank geputzt sind, lege ich sie im Garten ab oder vergrabe sie, um sie nach ein, zwei Jahren wieder hervorzuholen. So mit dem kleinen Grünfink gerade geschehen, den die Katze vor drei oder vier Jahren anbrachte. Katzen, Mäuse, Ratten, Eichhörnchen, Reh, Marder und ein, zwei schwer zuzuordnende haben sich angesammelt. Ein besonderes Tier fehlt noch in der Sammlung …

Sind es nur Knochen und kein Schädel, dann landen sie auf einem kleinen Haufen im Garten, der aus bizarr geformten Hölzern und Steinen, Muscheln und Schneckenhäusern, zwei Bohrkernen, Hühnergöttern und dergleichen besteht. Ein farben- und formenfrohes Ensemble der Erinnerung an die Vergänglichkeit von allem. Wind und Zufall entscheiden über die Komposition. Sie können Künstler sein.

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Gartenensemble (Ausschnitt) mit Schwarzspecht auf original Assener (alias Alslev) Kreide

Zeitgleich lese ich bei Herman Nohl vom „Instinkt für das Leben im Kind“ und da kommt mir eine Szene in den Sinn – viele Jahre her –, in der ich diesen Instinkt selbst tief empfunden habe. Wir hatten Besuch und meine Schädelsammlung – damals noch deutlich kleiner – lag neben einem Terrarium in dem wir eine mit der Falle gefangene Maus hielten. Das kleine Mädchen der Eltern, damals vielleicht sechs Jahre alt und heute möglicherweise schon selbst Mutter, stand vor dem Glas und schaute dem dicken Mäuschen zu. Das war das Leben. Den Tod daneben sah es nicht.

Ich nahm also einen Katzenschädel in die Hand und zeigte ihn dem Mädchen, wies auch auf die anderen Knochen hin. Sie hatte erst nicht verstanden und wußte wohl auch nicht gleich, was das eigentlich ist, was ich ihr da vorführte, aber dann fiel ihr Gesicht plötzlich zusammen, sie schüttelte sich am ganzen Körper, so wie das kleine Mädchen oft machen, wenn sie mal Pipi müssen, und rannte entsetzt davon. In diesem Moment hatte es wohl den Tod für einen Moment instinktiv erfaßt. Die Reaktion war komplett spontan und kam tief aus der Seele der Kleinen.

Ich stand betreten und beschämt da. Auch ich hatte etwas ganz Wesentliches begriffen: Kinder haben ein Recht auf Leben, Freude und Lebensmut. Man sollte ihnen den Tod – wenn er denn natürlicherweise kommt – nicht verheimlichen, aber wir, die Erzieher und Erwachsenen haben kein Recht, die Daseinsfreude des Kindes, die im Moment und Augenblick lebt, durch unser Wissen von der unabwendbaren Zukunft, der Endlichkeit, dem Vergehen und dem Verfall, anzugreifen. Im Gegenteil: wir haben die Pflicht, diese Ausgelassenheit, diesen Frohsinn, dieses Urbehagen am Sein zu ermöglichen und zu fördern. Nur so kann das Kind ein Wesensvertrauen in seine Existenz bilden und die Bedingungen schaffen, für ein mehr oder weniger geglücktes Leben.

Reuig ging ich der Kleinen nach einer Weile des Schocks hinterher – aber sie hatte die Sache schon wieder vergessen und spielte ausgelassen und lachend mit unserer lebenden Katze[1].

[1] … die nun seit 13 Jahren unter der Eibe liegt und sicher ein schönes Skelett abgäbe.
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Katze Willy – ruht unter der Eibe.

3 Gedanken zu “Instinkt für das Leben

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Hier fehlt Baudelaires Vanitas-Gedicht
    + Une Charogne
    aus den Fleurs du Mal.

    Es gibt (seltsamerweise?) von Stefan George keine Übertragung ins Deutsche. Zwei eben im Netz gefundene:

    Übersetzerin Terese Robinson
    Übersetzer Dave Gore

    Die Strophe

    Et ce monde rendait une étrange musique
    > Comme l’eau courante et le vent,
    Ou le grain qu’un vanneur d’un mouvement rythmique
    > Agite et tourne dans son van.

    in der Mitte des Gedichts ist übrigens eine sarkastische Anspielung auf Joachim du Bellays (1522–1560) Gedicht

    D’un vanneur de bled au vent

    A vous, trouppe legere
    Qui d’aile passagere
    Par le monde volez,
    Et d’un sifflant murmure
    L’ombrageuse verdure
    Doucement esbranlez,

    J’offre ces violettes,
    Ces lis et ces fleurettes,
    Et ces roses ici,
    Ces vermeillettes roses,
    Tout fraischement écloses
    Et ces œillets aussi.

    De vostre douce haleine
    Eventez ceste plaine,
    Eventez ce sejour :
    Ce pendant que j’ahanne
    A mon bled, que je vanne
    A la chaleur du jour.

    mit also trostvollem Naturbild, das ich mich traue, hier einzurücken und grob zu übersetzen:

    Von einem Schwinger von Weizen im Wind

    Euch, ihr leichter Schwarm,
    Die ihr mit hurtigem Flügel
    Durch die Welt fliegt
    Und mit pfeifendem Gemurmel
    Das schattenreiche Grünwerk
    Sanft zum Beben bringt,

    Biete ich diese Veilchen dar,
    Diese Lilien und diese Blümlein
    Und die Rosen hier,
    Diese zartroten Rosen,
    Die frisch aufgegangen sind,
    Und auch diese Nelken.

    Mit eurem zarten Odem
    Durchhaucht diese Ebene,
    Durchhaucht diesen Ort;
    Während ich keuche
    Über meinem Weizen, den ich schwinge,
    In der Hitze des Tags.

    ――――――――――――――――

    Im Auftrag meines Großvaters, der damals schon jenseits der siebzig war und an einer wiederkehrenden schweren Krankheit laborierte, stieg ich zum niedrigen Dachspeicher über seiner Wohnung hoch, um von dort etwas zu holen. Um hinaufzukommen, musste man in die Lücke der geöffneten Falltür eine Leiter setzen. Eben mit Kopf und Brust über dem Niveau des Speicherbodens, sah ich im Licht einer mitgeführten Baulampe neben der Türlücke den Kamin und davor das winzige Gerippe eines skelettierten Vögelchens. Offenbar hatte ein Altvogel eine Lücke im Dach oder an der Giebelwand gefunden, durch das er hereingelangen und brüten konnte. In der warmen Jahreszeit ist es dort oben jedoch fürchterlich heiß, der Nestling dürfte also dehydriert aus dem zwischen Kamin und Dachschräge gebauten Nest gefallen sein. Da der Speicherboden mit weiß belegten Küchenmöbel-Pressspanplatten bedeckt war, konnte man vom Skelett aus strahlenförmig Kriechspuren von Maden ausgehen sehen, die alle nach etwa vier bis fünf Zentimetern mit der glasig-zarten Hohlform einer Made endeten. Diese Aasfresser wollten offenbar nach verrichtetem Werk selbst vor der Hitze fliehen und waren dann doch bald an ihr gestorben. Kurz verblüfft und ohne Atem, setzte dieser wieder ein und ich blies unversehens das gesamte zarte Gebilde hinweg, ausgenommen nur die schwereren Knöchelchen.

    Von diesem Erlebnis habe ich meinem Großvater ausnahmsweise nichts erzählt.

    הֲבֵ֥ל הֲבָלִ֖ים הַכֹּ֥ל הָֽבֶל
    ――――――――――――――――
    Seidwalk: Ein schönes Bild, wie der Tod den Tod füttert.

    Gefällt 1 Person

    • Pérégrinateur schreibt:

      @Seidwalk:

      Die Kaskade geht noch wenigstens eine Stufe weiter, denn die Weichteile der Maden wurden von Bakterien verzehrt, die auch nicht überlebt haben.

      Manchmal habe ich den Eindruck, auch durch die im Wohlfahrtsstaat schon lange leidlich erfüllte „Hintergrunderwartung“ – siehe bei (Arnold Gehlen)[https://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Gehlen] – könnte bei vielen der Gedanke der Selbstverständlichkeit des Todes geschwunden sein. Von inzwischen schon etlichen Beerdigungen in der erweiterten Familie (der Großvater hatte 13 Geschwister) ist mir der Eindruck geblieben, dass viele, obwohl der Todesfall sich meist angekündigt hatte, sich von diesem maßlos erschüttert zeigen. Beim anschließenden Umtrunk mit Kartoffelsalat, Bratwürsten und Tratschgelegenheit hebt sich dann die Stimmung wieder – aber zum nächsten Trauerfall kommen die Betreffenden wieder als unbedarfte Jungfern des Todes.

      Das Ganze ist dann noch mit Gerechtigkeitsansprüchen vermengt, denn selbst die Bodenständigen rechten oft mit dem Schicksal, wenn etwa der Ehemann an Krebs gestorben ist, obwohl er doch so gesund gelebt habe und dieser andere maßlose Fresser im Familienkreis sich immer noch bester Gesundheit erfreut. Wie Achtjährige, denen man die Geschichte des Ödipus erzählt.

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