Flüchtige Schönheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIII

Darüber, daß die Schönheit flüchtig ist.

Du bist beunruhigt, weil diese schöne, junge Frau deine Sinne erregt und stört, und du hast zu befürchten, daß sie ihre Schönheit und Jugendlichkeit mit anderen teilt? Aber was hast du denn von ihr erwartet? Eine Art Klostergelübde, vergrämte[1] Treue?

Nicht deshalb ist sie schön und jung. Denk nur daran, welche große Sorge und Bekümmerung diese flüchtige Schönheit und vergehende Jugend, dieses bösartige Geschenk, mit dem der Schöpfer sie gesegnet und geschlagen hat, ihr damit beschert wurden – diese Schönheit, die sich jeden Tag ein wenig ändert, vergeht, blasser und zerbrechlicher wird?

Kann sie überhaupt an etwas anderes denken, kann ihr Herz an etwas anderem hängen, als an der eigenen Schönheit und Jugend, kann sie sich wirklich etwas anderem aus vollem Herzen und ganzem Interesse widmen?

Es ist, als ob du des Morgens einen strahlenden Augenblick festhalten wolltest, oder das eigenartige Schimmern des Meeres, und dann wünschtest, daß die Welt so bliebe auf ewig! Lerne Bescheidenheit, erfreue dich der Schönheit, und erwarte nicht mehr von ihr, als sie geben kann. Die Wärme des Lebens jedoch suche andernorts; die Schönheit ist eine kalte Flamme, neben der man sich nicht aufwärmen kann.

Die Glut - Literaturzeitschrift.de

[1] komor – im Wortsinne: finstere

Ein Gedanke zu “Flüchtige Schönheit

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Betrachtung für die andere Seite:

    Si tu t’imagines, Chanson von Juliette Gréco

    Nach einem

    Gedicht von Raymond Queneau.

    Wenn du dir vorstellst, wenn du dir vorstellst,
    Mädel, Mädel, wenn du dir vorstellst,
    Dass das ewig dauern wird, dauern wird,
    Die Zeit der Lie, die Zeit der Lie
    Zeit der Liebe, wie du dich da verhaust,
    Mädel, Mädel, wie du dich da verhaust.

    Wenn du glaubst, Kleine, hm, hm,
    Dass dein Rosenteint, deine Wespentaille,
    Deine niedlichen Bizepse, deine Emaille-Nägel,
    Dein Nymphenschenkel und dein leichter Fuß,
    Wenn du glaubst, dass das, dass das
    Ewig dauern wird, wie du dich da verhaust,
    Mädel, Mädel, wie du dich da verhaust.

    Die schönen Tage gehn dahin,
    Die schönen Tage der Feste,
    Sonnen und Planeten
    Kreisen alle herum.

    Aber du, meine Kleine, du gehst geradewegs zu
    Auf was du nicht siehst.
    Tückisch nähern sich
    Die schnelle Falte, das schwere Fett,
    Das Dreifachkinn und der schlappe Muskel.

    Los, pflück die Rosen, die Rosen,
    Rosen des Lebens, Rosen des Lebens,
    Und ihre Blütenblätter seien das stille Meer
    Allen Glücks, allen Glücks.
    Los, pflücke, pflücke.
    Tust du’s nicht, wie du dich da verhaust,
    Mädel,Mädel, wie du dich da verhaust.

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