Ungarisch sprechen

Im Laufe der Jahre habe ich den Satz „Ich spreche Ungarisch“, meist von Deutschen ausgesprochen,  einige Male gehört oder sogar in der Zeitung gelesen. Selbst die „Paprikantin“[1] behauptete nach einigen Monaten Praktikum, Ungarisch gesprochen zu haben. Was aber bedeutet das? Es gibt offenbar ganz unterschiedliche Vorstellungen. Weiterlesen

Mit dem Herzen leben

Darüber, daß man auch mit dem Herzen leben soll

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVII

Aber wir sollen zugleich mit unserem Herzen leben, mit jenem anderen Lebenstakt, der geheimnisvoller, verhüllter, schwieriger zu erkennen ist als die Ordnung des Weltenflusses.

Wessen Herz, mit bereitwilligem Puls, achtzig schlägt, der sollte nicht nach der Art eines Marathonläufers leben.

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Ein feministischer Denkfehler

Die Weigerung der spanischen Wirtschaftsministerin Nadia Calviño, sich fortan nicht mehr mit reinen Männergruppen photographieren zu lassen, wurde in der Presse zwar interessiert vorgestellt, enthält meines Erachtens aber einen typischen Denkfehler des Feminismus und überhaupt jeder Gleichberechtigungsideologie, die auf Repräsentation als Machtmittel setzt. Calviño wolle auch nicht mehr an Konferenzen teilnehmen, in denen sie die einzige anwesende Frau sei. Man fand beim Phototermin schnell die einleuchtende Lösung und stellte ihr eine andere Frau dekorativ an die Seite.

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Maß und Takt in der Erziehung

Denkanstöße – Herman Nohl

Schiller ist der erste gewesen, der diese polare Erfahrung formulierte: Leben und Form, Neigung und Gesetz, Hingabe an die freie Mannigfaltigkeit und Gestaltwillen – sie sind untrennbar voneinander und jede einseitige Entscheidung bedeutet eine Abstraktion. …

Das souveräne Wissen um die Polarität aller unserer Aufgaben, insbesondere aller pädagogischen Aufgaben und die Freiheit, die daraus entsteht, das ist das erste Geheimnis aller Bildung des Erziehers. Eine solche Grundantinomie unseres pädagogischen Lebens ist, daß wir uns selbst leben, jede Seele für sich, und zugleich den objektiven Werten und Gemeinschaften verbunden sind, daß wir unsere Gegenwart genießen wollen und doch zugleich für die Zukunft arbeiten, daß wir Gehorsam verlangen, zugleich aber zur Freiheit erziehen, daß wir die Vergangenheit tradieren und zugleich an einer neuen Welt bauen, daß wir in dieser Welt und ihren säkularen Aufgaben leben und doch immer um eine Transzendenz wissen, aus der uns die Ehrfurcht für unser ganzes Dasein kommt. …

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Zeitschriften – Der Freitag

Schon das Motto gibt die Richtung vor: „Wir wollen bloß die Welt verändern“. Bescheidenheit sieht anders aus und das nonchalante „bloß“ darf als zielgruppenführend interpretiert werden, denn wo man den Freitag liest und abonniert, dort geht man die Revolution am besten nebenbei und mit großer Selbstverständlichkeit an, dort trägt man Cordhosen und Leinenhemden, der durchschnittliche Freitag-Leser dürfte mehr als tausend Bücher sein Eigen nennen und das allerneueste Elektrogefährt, sei es als Veloziped oder SUV. Um dieses Ziel zu erreichen, bedürfte es Tiefe, Weite und eines Alleinstellungsmerkmals.

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Im Fußball sterben

Der „Focus“ treibt es auf die Spitze, wenn er schreibt: „Als Streich am DFB-Pokal vorbeiläuft, stirbt etwas in jedem Fußball-Fan“. Was für eine Anmaßung! Und welche Lüge! In mir ist jedenfalls gar nichts gestorben, als ich gestern diese Bilder sah – ganz im Gegenteil: ich habe innerlich gejubelt! Weiterlesen

Klimawandel neu gedacht

Follow the science” skandieren die Thunberg-Jünger. Täten sie es, müßten sie ganz andere Forderungen aufstellen. Das zumindest behauptet Bjørn Lomborg in seinem vor zwei Jahren erschienenen und hier in wunderbar flüssiger Übersetzung endlich auf Deutsch vorliegenden Buch. In seiner Muttersprache nennt man Typen wie Lomborg „tryllemand“, das sind Menschen, die scheinbar zaubern können, die bezaubern und bannen. Atemlos folgt man seinem Wortstrom. Weiterlesen

Der Verlust des Dialektes

Heutzutage gilt man als Dialektsprecher schnell als dumm und ungebildet, auch in Abhängigkeit des Dialektes. Alles, was Sächsisch klingt, steht unter diesem Vorbehalt, der Berliner mag noch pfiffig klingen, der Kölner wohlgelaunt und der Bayer direkt. Im Grunde genommen hören wir aber kaum noch Dialekt, sondern fast nur noch Akzente, aber auch die gelten als dubios, zumindest in der Öffentlichkeit. Weiterlesen

Den Arzt betrügen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXV

Darüber, daß wir den Arzt betrügen

Jedes Mal, wenn ich zum Arzt ging, konnte ich mich nicht von dem peinlichen und erniedrigenden Gefühl befreien, daß ich den guten Mann betrog, der mich seiner Meisterschaft und Menschenkenntnis entsprechend mit Sorge und Fürsorge behandelte, aber sich völlig hoffnungslos mit mir beschäftigte. Weiterlesen

Leben im geborgten Licht

Denkanstoß – Sloterdijk XI

An der Vegetationsgrenze begegnen sich das aufsteigende Leben, das am Felsigen endet, und das Felsige, das zum Leben herabgeht. Nietzsche wagt sich in seinen Randgängen der Lebendigkeit bis an die Grenze der absoluten Mineralogie heran, indem er die „wirkliche Wahrheit“ fast ganz aus der Sphäre der organischen Empfindlichkeit hinausverlegt. Wie, wenn Empfindung, Nervlichkeit, Störbarkeit, Subjektivität und alles, was daraus folgt, nur ein „Versehen des Seins“ wäre?[1] Wenn das, was wir das Innere nennen, nur ein Epiphänomen wäre, das auf dem Mineralischen aufsitzt, ein Spiel von Botenstoffen in organischen Hypothesen namens Körpern? Indes das sachlich Wahre das Tote wäre, das sich den Luxus des irrenden, überempfindlichen, onto-allergischen Lebens leistet?

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Instinkt für das Leben

Im Wald fand ich den Schädel eines Schwarzspechtes, noch nicht ganz kahl, noch mit Knochenhaut- und Federresten verschmutzt, aber dennoch ein schönes Exemplar und eine weitere kleine Reliquie in meiner Sammlung. Die besteht aus Schädeln von im Wald gefundenen verwesten Tieren und reicht vom Eber bis zur Maus. Weiterlesen

Graue Eminenzen

Der Begriff „Graue Eminenz“ läßt an Strippenzieher im Schatten politischer Galionsfiguren denken, an „Netzwerker“ im Halbdunkeln ohne feste Kontur und auffallende Farben, aber Peter Sloterdijks soeben erschienene Langmeditation über die Farbe Grau in Kunst, Denken und Politik[1], bringt uns in Erinnerung, daß der Terminus auf Pére Joseph zurückgeht, jenen Kapuzinermönch in grauer Tracht, der den im öffentlichen Bewußtsein stets grellrot gekleideten Kardinal Richelieu „beriet“ und also führte. Da er seinen offiziell Vorgesetzten dennoch stets mit „Eminenz“ ansprach, bekam er am Hof bald den heimlichen Titel der „Grauen Eminenz“ verliehen, womit die neidischen Schranzen mit ironischem Augenzwinkern die wahren Machtverhältnisse benannten, ohne sie explizit auszusprechen.

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Über die Krankheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIV

Über die Krankheit, im allgemeinen

Die Krankheit muß man mit jener Demut entgegennehmen, mit der der Sünder sein verdientes und gerechtes Urteil empfängt. Denn immer entstammt sie aus dem Zusammenstoß unseres Charakters, unserer Natur, unserer Affekte mit unseren Leidenschaften, unseren Schwächen und sündhaften Neigungen. Weiterlesen

Transversale Vernünfteleien

Ein jegliches Reich, so es mit sich selbst uneins wird, das wird wüst; und eine jegliche Stadt oder Haus, so es mit sich selbst uneins wird, kann’s nicht bestehen. (Matth. 12.25)

Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, Jürgen Habermas recht zu geben, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Wir sind im Reich des Transversalen angekommen. Auch allerletzte Gewißheiten verschwinden, Fronten lösen sich auf und immer mehr politisch-historische Tatsachen lassen sich immer weniger mit dem gewohnten Besteck sezieren. Selbst der Riß bekommt Risse.

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Flüchtige Schönheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIII

Darüber, daß die Schönheit flüchtig ist.

Du bist beunruhigt, weil diese schöne, junge Frau deine Sinne erregt und stört, und du hast zu befürchten, daß sie ihre Schönheit und Jugendlichkeit mit anderen teilt? Aber was hast du denn von ihr erwartet? Eine Art Klostergelübde, vergrämte[1] Treue?

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