Patriotismus im reinen Sinne

Denkanstöße – Dobroljubow

Der Patriotismus im reinen Sinne als eine der generellen Formen, in denen sich die Liebe des Menschen zur Menschheit äußert, ist durchaus natürlich und berechtigt.

Als dunkles unbewußtes Gefühl erscheint er gleich zu Beginn der Begriffsbildung beim Kinde, sobald es beginnt, sich selbst von den äußeren Gegenständen zu unterscheiden. Es ist natürlich nicht der Mühe wert, von diesem Kinderpatriotismus als von etwas Wichtigem und Schönem zu sprechen, es läßt sich aber auch nicht in Abrede stellen, daß ihm im Kindes- und im Knabenalter eine gewisse Bedeutung zukommt. In den ersten Lebensjahren vermag der Mensch noch nicht über abstrakte Dinge nachzudenken. Noch weniger kann er die allgemeinen Grundsätze und die ewigen Gesetze des Weltalls erfassen. Er ist in einem Egoismus befangen, der ihn anregt, das Bessere zu suchen, und er hat auch wie alle Tiere der herdenbildenden Arten einen dunklen Instinkt, der ihm sagt, daß das Beste nicht in der Einsamkeit, nicht im Individuum selbst, sondern in der Gesellschaft anderer zu finden ist. Die weitere Lebenserfahrung bestätigt und klärt mit jedem Tage immer mehr die dunkle Ahnung des Kindes, und es beginnt bereits zu begreifen, daß zwischen seinem eigenen Wohlergehen und dem Wohlergehen anderer ein Zusammenhang besteht. …

In seiner ersten Äußerung hat der Patriotismus gar keine andere Form als die Liebe zu den Feldern und den Hügeln der Heimat, zu dem goldigen Spielen der Kindheitsjahre usw. Doch recht bald gewinnt er eine bestimmtere Gestalt und umfaßt alle historischen und zivilisatorischen Begriffe, die das Kind sich zu eigen zu machen vermochte. Dieser Patriotismus unterscheidet sich bis zu einem gewissen Zeitpunkt durch eine völlige, grenzenlose Hingabe an alles Eigene, ganz gleich, ob es gut oder schlecht ist. …

Im Laufe der weiteren Entwicklung, bei der sich sein Gesichtskreis durch Aneignung neuer Begriffe erweitert, beginnt die Arbeit der Unterscheidung von guten und schlechten Seiten an einem Objekt, das früher ganz vollkommen zu sein schien. Indem also der Mensch von dem einen zum anderen übergeht, streift er die unbedingte Voreingenommenheit ab und gewinnt einen richtigen Blick zuerst auf seine eigene Familie, sein Dorf, seinen Landkreis, dann für sein Gouvernement, für ein zweites, ein drittes Gouvernement, für die Hauptstadt usw. Das Ergebnis ist dann schließlich, daß er gewisse örtliche Vorurteile abstreift und sich nur für etwas begeistert, was bereits gemeinsame Züge des Volkes oder des Staates aufweist.

Doch ein sich normal entwickelnder Mensch kann auch auf dieser Stufe der Äußerung des Patriotismus nicht stehenbleiben. Er ist sich bewußt, daß seine Gefühle gegenüber seiner Heimat, so stark und lebhaft sie auch sind, noch nicht jene vernünftige Klarheit besitzen, die nur erreicht werden kann, wenn man ein Ding im Zusammenhang mit allen gleichartigen Erscheinungen studiert. So steigt der in seiner Entwicklung nicht stehenbleibende Mensch von der Idee seines Volkes und seines Staates durch das Studium fremder Völkerschaften zur Idee von Volk und Staat überhaupt empor und erfaßt schließlich die abstrakte Idee der Menschheit, so daß er in jedem Menschen, der ihm entgegentritt, vor allem den Menschen, nicht aber den Deutschen, den Polen, den Juden, den Russen usw. sieht.

Auf dieser Entwicklungsstufe muß beim Menschen unbedingt das verschwinden, was an seinem Patriotismus kindisch und träumerisch war, was bei ihm nur kindische, mit der Wirklichkeit und dem gesunden Menschenverstand unvereinbarte Phantasien weckte. Alle besonderen Vorlieben, alle utopischen Träumereien, wonach die hohe Bestimmung einer Nation in diesem, die einer anderen Nation in jenem bestehe, alle nationalen Streitigkeiten über gegenseitige Vorzüge verschwinden im Denken eines richtig und vollauf entwickelten Menschen. Für ihn gibt es keine Fragen mehr von der Art: der prahlerische Pole oder der treue Russe? Usw. Wird in der Geschichte der kommenden Jahrhunderte der deutsche oder der slawische Stamm höher stehen? Usw. Ähnliche Ausfälle betrachtet er bereits als Phrasendrescherei und amüsiert sich über sie …

Doch aus dieser theoretischen Gleichgültigkeit und Unvoreingenommenheit gegenüber dem Landsmannsgeist darf keineswegs geschlossen werden, daß der Mensch durch den höchsten Grad seiner Entwicklung unfähig zum Patriotismus geworden ist. Im Gegenteil, diese Entwicklung allein kann den Menschen zu einem wahren, wirklichen Patrioten machen, und zwar auf folgende Weise:

Hat der gebildete Mensch einen Begriff vom Allgemeinen, d.h. von den ständigen Gesetzen, erhalten, nach welchen die Geschichte der Völker vorwärtsschreitet, hat er seine Weltanschauung bis zum Verständnis der allgemeinen Nöte und Bedürfnisse der Menschheit erweitert, so fühlt er den unbedingten Wunsch, seine theoretischen Ansichten und Überzeugungen in die Sphäre praktischer Tätigkeit zu verlegen. Doch der Tätigkeitskreis des Menschen sowie seine Kräfte und Wünsche selbst können sich nicht gleichmäßig auf die ganze Welt erstrecken, und daher muß er sich irgendeinen bestimmten, beschränkten Kreis wählen und hier seine allgemeinen Überzeugungen zur Geltung bringen. Dieser Kreis wird am ehesten, am natürlichsten das Vaterland sein. Mit ihm fühlen wir uns mehr verwandt, kennen es mehr und sind infolgedessen gefühlsmäßig mehr mit ihm verbunden. Und dieses Mitgefühl geht keineswegs auf Kosten der Liebe und der Achtung für andere Nationalitäten; nein, es ist die einfache Folge der Tatsache, daß wir die eine besser kennen als die andere. …

Genau so verhält es sich mit dem Patriotismus: wir hegen wärmere Gefühle für unser Vaterland. Weil wir seine Nöte besser kennen, seine Lage besser zu beurteilen vermögen, durch die Erinnerungen an gemeinsame Interesse und Bestrebungen stärker mit ihm verbunden sind und uns schließlich fähiger fühlen, ihm nützlich zu sein als einem anderen Lande.

Somit ist der Patriotismus bei einem anständigen Menschen nichts anderes als der Wunsch, für das eigene Land zu wirken, und er entstammt keinem anderen Gefühl als dem Wunsch, Gutes zu tun, soviel wie möglich und so gut wie möglich. Daher kann niemand hervorragenden Männern einen Vorwurf machen, wenn sie ihre Tätigkeit aus einem Lande in ein anderes verlegen, da sie der Ansicht sind, daß sie dort nützlicher sein können als in der eigenen Heimat. John Law hat seine Finanztheorien in Frankreich entwickelt, Lafayette beteiligt sich am Amerikanischen Unabhängigkeitskriege, Byron kämpfte für die Griechen: wer wird ihnen deswegen mangelnden Patriotismus vorwerfen? Es ist sehr natürlich, daß sich der eine ein Milieu suchte, wo er seine Pläne leichter verwirklichen konnte, während die anderen dorthin eilten, wo es mehr Gefahren gab.

Lebendiger, aktiver Patriotismus ist gerade dadurch gekennzeichnet, daß er jede internationale Feindschaft ausschließt, und ein von solchem Patriotismus beseelter Mensch ist bereit, für die ganze Menschheit zu wirken, wenn er ihr nur nützlich sein kann. Daß er seine Tätigkeit auf das Gebiet des eigenen Landes beschränkt, geschieht nur deswegen, weil seinen Gefühlen nach gerade hier sein richtiger Platz ist, auf dem er am nützlichsten sein kann. Deswegen kann der richtige Patriot prahlerische, exaltierte Ausrufe über das eigene Volk nicht leiden, deswegen blickt er verächtlich auf jene, die Grenzscheiden zwischen Völkern festlegen wollen.

Der wirkliche Patriotismus, als die spezifische Äußerung der Liebe zur Menschheit, verträgt sich nicht mit der Feindseligkeit gegenüber einzelnen Völkern; als lebensnahe, aktive Äußerung duldet er nicht die geringste Schönrednerei, die stets irgendwie an eine Leiche erinnert, der man eine Grabrede hält. Fassen wir den Patriotismus in dieser Weise auf, so werden wir begreifen, warum er sich mit besonderer Stärke in den Ländern entwickelt, wo jedermann eine weitgehende Möglichkeit hat, der Gesellschaft bewußt Nutzen zu bringen und sich an ihren Unternehmungen zu beteiligen.

N.A. Dobroljubow: Die russische Zivilisation. In: Ausgewählte philosophische Schriften. Moskau 1951. S. 705 ff.

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Ein Gedanke zu “Patriotismus im reinen Sinne

  1. Otto schreibt:

    Danke für den Text. Ich kannte den Namen nicht. Schön formuliert und gut übersetzt: Ibi patria ubi bene. So könnten mal was von dem russischen Philosophen bringen, auf den P. sich stützt.

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