Denkanstöße – Sloterdijk X

Die Formel vom »Austritt aus der Wirklichkeit« scheint mir sehr entwicklungsfähig. Gerade kommt mir der Satz von Joseph Beuys ins Ohr: »Hiermit trete ich aus der Kunst aus.« Er wollte in etwas eintreten, was wirklicher und verbindlicher sein sollte als Kunst in ihrer betriebsförmigen Verfasstheit. Man kann es auch so sagen, dass viele Menschen sich gern im spitzen Winkel zur Wirklichkeit aufstellen, wodurch die sogenannte Wirklichkeit an ihnen abgleitet wie am Bug eines Schiffes. Man geht im Keil auf das sogenannte Reale zu, Frontalität ist in der Regel unerwünscht. Das Austreten aus der Wirklichkeit ist übrigens zu einer Industrie geworden, seit die Menschen dank der Vierzigstundenwoche sehr viel Freizeiten erlangt haben. Seit der frühen »Kritischen Theorie« ist die Diagnose ausgesprochen und hingeschrieben, dass die Unterhaltungsindustrie auf ihre Weise den Ernstfall der Industriegesellschaft inkarniert. Ablenkung gehört zu den ernstesten Dingen – schon Pascal hatte das erkannt, als er notierte, ein König ohne Unterhaltung sei ein elendes Geschöpf. Zumeist treibt man Unfugsprävention, indem man den Unfug ritualisiert.

Dazu gehört auch der heilige Unernst, mit dem häufig über Politik gesprochen wird.

Könnte es nicht sein, dass die reale Realität die Summe der Eskapismen ist? Ich habe jüngst gelesen, die Lebenserwartung bei russischen Männern sei in den letzten 20 Jahren kräftig angestiegen. Gegen das Ende der Sowjetunion lag sie so niedrig wie zuvor nur bei steinzeitlichen Bevölkerungen. Viele Menschen im Osten hatten nicht den Übergang vom Kapitalismus in den Sozialismus erlebt, sondern den in den Alkoholismus. Diese Tendenz gehört im Übrigen zu den Modernismen, an denen die muslimische Welt sich nicht beteiligt. Wahrscheinlich hat die Erregungs- und Gekränktheitsbereitschaft von Muslimen etwas mit ihrer Abstinenzkultur zu tun. Das wichtigste Ventil der dionysischen Kulturen steht bei ihnen nicht offen. Dann nimmt auch die Religion leichter einen rauschhaften endomorphinistischen Zug an.

Quelle: TAZ, April 2021 – Austritt aus der Wirklichkeit

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© Photo Anja Weber TAZ

2 Gedanken zu “Denkanstöße – Sloterdijk X

  1. RMPetersen schreibt:

    Wenn man das zu Grunde liegende TAZ-Interview durchliest, gewinnt der Staatsphilisoph II doch sehr gegenüber seinen Komkurrenten um die Deutungshoheit. Auf die unterwürfigen TAZ-Fragen („Lieber Herr Professor Sloterdijk …) hat er bescheidene Antworten – das ist im gegenüber Habermas und diesem TV-Redner schon eine Sensation.

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    Ich muss es mal deutlich sagen: Schopenhauer hätte das selbstverliebte Wortgeklingel unseres zweiten Staatsphilosophen Sloterdijk als das eines Philosophasters enttarnt und in der Luft zerrissen. –

    Der Knaller ist sein Satz: „Jetzt wie damals wollen viele nicht glauben, dass die Vernunft bei der Mehrheit ist.“ –

    Er biedert sich jetzt nur noch bei der „Herrschenden Mehrheit“ an. Hofft er am Ende seines Lebebs auf ein Denkmal oder was? Jede Zeit hat ihre(n) Philosophen. Sloterdijk ist derjenige der Spassgesellschaft. –

    Sollte er allerdings als deren Hofnarr gelten wollen, wären seine Schriften genial.

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