Über die Eitelkeit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXII

Über die Eitelkeit

Am meisten und am grausamsten hast du unter deiner Eitelkeit gelitten? Schon immer wolltest du dich beweisen?

Deine Vernunft, deinen Verstand oder andere zweifelhaftere und lächerlichere deiner Fähigkeiten, dein soziales Gewissen, dein Auftreten oder deine Versiertheit in der Kenntnis menschlicher Angelegenheiten?

Du hast auf dem weltlichen Marktplatz verkehrt und warst so lächerlich wie der Clown in der mit Sägespänen bestreuten Zirkusmanege, wenn er die gefährlichen Wagestücke der Tierbändiger und Kraftmenschen nachahmt.

Und warum hast du nie daran gedacht, daß der Beifall, den du damit ernten kannst, nur der Beifall einer gelangweilten, hämischen und kindischen zusammengewürfelten Menge ist?

Ein einziger Moment der Einsamkeit, der Selbsterkenntnis, als du die Eitelkeit besiegtest, hat sowohl dir als auch der Welt der Menschen mehr gegeben als all die Schaustücke, mit denen du dich vor der Welt gespreizt hast. Eine einzige Geste der Demut ist eine größere Heldentat, als jedwede gierige Produktion, der die Menschen Beifall spenden. Denk darüber nach, bevor es zu spät ist.

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Sándor Márai 1939 ©MTI Foto: Haár Ferenc

Ein Gedanke zu “Über die Eitelkeit

  1. Zorn Dieter schreibt:

    „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Das berühmte Wort von Sokrates drückt die dem Menschen angemessene Demut perfekt aus. Das Universum, oder für Gläubige die Schöpfung, sind größer als der Mensch. Sein Wissen ist nur ein begrenztes und vorläufiges. Weil sein menschlicher Verstand nur ein begrenzter ist.-

    Für die Wissenschaften heißt das, dass die wissenschaftliche Erkenntnis von heute, der Irrtum von morgen ist. Sonst gäbe es im Übrigen auch keinen Fortschritt. Dessen sind sich die Apostel des Fortschritts gar nicht bewusst. Falsifikationsmöglichkeit von Thesen ist der Goldstandard, nicht ewige Wahrheit.-

    Der Materialismus unserer Zeit hat diese Demut verlernt. Er glaubt nur an das, was sich materialisiert, was sich wägen, berechnen, verändern und planen lässt. Für das Übersinnliche ist kein Platz mehr. –

    Für den Tod auch nicht mehr. Zwar ist er noch nicht abgeschafft, aber durch die moderne Medizin so weit nach hinten und aus dem Blickfeld geschoben, dass er das Befinden nicht stört. Auf dem Golfplatz sterben, oder auf dem Kreuzfahrtschiff, das könnte das Motto dieser materialistischen Generationen sein. Über Prekäres spricht man nicht. –

    Der neue Glaube heißt deshalb „die Wissenschaft“. Sie ist die neue Heilslehre. Ihrem Urteil unterwirft sich der Materilist total. Von ihr erwartet er die Errettung von allen Übeln. Wer sich ihr nicht unterwirft, ist ein Ketzer und wird auf dem modernen Scheiterhaufen, in den Medien, hingerichtet. Getauscht wird bedenkenlos vermeintliche Sicherheit gegen Freiheit.-

    Die neuen Risiken, die die Wissenschaft gebiert, sind oft größer als die Risiken und Krankheiten, die bekämpft werden. Das interessiert den Materilaisten nicht. Er hat gar kein Gefühl mehr dafür, weil er im Chaos der Expertenmeinungen völlig verlernt hat, sich selber und seiner Intuition zu vertrauen. Sein Wissen ist medial, ohne Kontakt zur Wirklichkeit.-

    Demut wäre die Währung, die den Massenmenschen wieder auf den Boden zurückholen könnte. Aber dazu bedarf es erst einmal der Ekenntnis dessen, was alles falsch läuft im Getriebe der Welt. Und dann bedürfte es noch eines Impulses des Zweifels. Weil der Zweifel der Anfang aller Erkenntnis ist. Die Nachfolger von Kant und Rousseau haben jedoch beides unter dem Firnis des Fortschrittsglaubens begraben. Und überlassen das Denken den Experten und das Zweifeln den Wenigen.-

    Neben der Demut bedürfte es jedoch noch einer weiteren Gabe, wenn man die Welt zu einem besseren Ort machen will. Des kämpferischen Muts, die Wirklichkeit gestalten zu wollen. Sand in das Getriebe der Welt zu streuen (Günter Eich). –

    Doch das wäre ein neues Kapitel. –

    Frohe Ostern! Frohe Auferstehung!

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