Die Grenzen der Propaganda

Es gilt mittlerweile als sicher, daß Propaganda wie folgt funktioniert: Wiederhole eine Lüge oft genug, dann werden die Leute sie glauben. Das hatte einer geäußert, der – wie man sagt – etwas davon verstanden hatte. Aber ganz so einfach ist es doch wieder nicht.

In meiner Militärzeit noch zu DDR-Zeiten kannte ich einen, der wahrscheinlich ein waschechter Nazi war – seither habe ich keinen mehr getroffen. Das heißt, er begeisterte sich für die Zeit, den Krieg, die Technik, die Schlachten, die Wehrmacht und die SS, die Disziplin, die militärischen Erfolge und all das und seine Augen glühten, wenn er davon sprach und er steckte eine ganze Reihe anderer mit seiner Begeisterung an. Er selbst schien aus einem Arno-Breker-Studio ausgebrochen zu sein, flink, zäh und hart, wie die Theorie es lobte, niemals krank und selbst seine Zähne standen wie eine Reihe gedrillter Preußen in seinem Mund, ohne je einen Zahnarzt gesehen zu haben. Die dreistöckige Häuserwand kletterte er wie ein Affe am Blitzableiter in Nullkommanichts empor und man ahnte, daß er sich in solchen Situationen zwischen den Häusern Stalingrads wähnte und aufgegeben hätte er dort wahrscheinlich nicht.

Und doch war er ein Produkt der antifaschistischen Propaganda. Sein ganzes immenses Wissen zog er aus kommunistischer Agitationsliteratur oder aus den Memoiren sowjetischer Generäle, die uns zuhauf zur Verfügung standen. Wie ein begnadeter Slalomfahrer umlas er alle einflüsternde Botschaft und nahm durch die Zeilengitter nur die Fakten und nur das Bewundernswerte, das Heldische – tief in den Machwerken vergraben – wahr. Davon lebte er. Die gewollte Manipulation des interessierten DDR-Lesers schlug exakt ins Gegenteil um. Damals war mir das ein Rätsel, heute sage ich: der Mann hatte recht! Denn diese Art der Literatur war, wenn man sie nach Intention las, meist sterbenslangweilig, die Propaganda zu deutlich, die Sprache ätzend formal, oft in jenem Parteijargon, gegen den man Allergien bekommen mußte, aber nur die wenigsten getestet wurden.

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eine der Informationsquelle: Erinnerungen sowjetischer Generäle oder internationalistischer Widerstandskämpfer – zahlreich in der DDR aufgelegt

Das betraf fast alles, nicht nur die Bücher über den „Großen Vaterländischen Krieg“, sondern auch andere historische Werke. Ich kaufte mir z.B. voller Begeisterung die zehnbändige Weltgeschichte von Shukow und stand verzückt davor, denn hier schien das Leben der ganzen Menschheit in zehn schwere Bände kondensiert vor mir zu stehen – und kam nie über ein paar Seiten hinaus, weil die Sprache unendlich ermüdend war. Selbst Kuczynski nannte den Shukow drittklassig. Oder ich konspektierte und exzerpierte damals in wochenlanger Kleinarbeit in den freien Stunden Maschkins „Römische Geschichte“ oder Awdijews „Geschichte des Alten Orients“, dicke schwere Wälzer aus den Stalinjahren und voller marxistischer Geschichtsfälschung – sie versuchten die Geschichte jeweils in ein Klassenkampfschema zu pressen –, unendlich langweilig und tröge, aber voller nützlicher Informationen.

Das alles kam mir wieder in den Sinn, als ich nun – nach mindestens 45 Jahren – erneut „Timur und sein Trupp“ las, und das auch nur, weil es sich um eine ungarische Ausgabe handelt, an der ich vor drei Jahren schon einmal gescheitert war, sie aber nun mit großer Mühe halbwegs lesen konnte. Das Buch hatte ich aus meiner Kindheit vollkommen anders in Erinnerung.

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Damals gingen wir selbst in kleinen Trupps und mit Halstüchern um den Hals von Haus zu Haus und sammelten Altpapier, Glas oder Lumpen, die wir dann zum Altpapierhandel um die Ecke brachten. Dort wurde jeder Stapel von einem älteren Mann in abgewetzter brauner Kittelschürze fein säuberlich abgewogen und auf einen riesigen Stapel gelegt, nach Material sortiert. Alles hatte seinen Preis: Pappe, Papier, Glas, Flaschen, Stoffreste und sogar Eisen. Ein Glas oder eine Flasche brachte – wenn ich es recht entsinne – 5 Pfennig ein und so lepperte sich das zusammen. Die Leute gaben die Sachen willfährig ab, immer schon fein gebündelt, die Gläser ausgewaschen, und wenn man Glück hatte, dann bekam man sogar von der spendenden Oma noch einen Groschen dazu. Als Dank brachten wir ihr die Kohleneimer aus dem Keller nach oben oder halfen ihr – wie es sich gehört – mit den schweren Einkaufstaschen. Aber wir nahmen das Geld nicht für uns, sondern taten es in die Klassenkasse, um in gemeinsamer Anstrengung vielleicht ein kleines Fest oder eine Klassenfahrt zu finanzieren oder es aber den Kindern in Namibia oder der Befreiung Allendes zu spenden oder Angela Davis zu unterstützen.

So sah das Leben im ostdeutschen Unrechtsstaat aus und mich dünkt, vieles darin war richtiger und gerechter als in der heutigen Demokratie.

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So jedenfalls erinnerte ich Timur, den Titelhelden dieses allgegenwärtigen Kinderbuches von Arkadi Gaidar – ein Name, den heute noch jeder im Osten kennt. Timur war uns Vorbild und wenn wir mit unserem beladenen Handwagen durch die Straßenviertel ratterten, dann hatten wir Timur und seinen Trupp im Sinn. Wir waren Timur – die helfenden kleinen Helden.

Gut möglich, daß das auch schon ein Ergebnis der Propaganda war, aber was ist falsch daran, gut zu sein und das Richtige zu tun?

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Der eigentliche Zweck des Buches war aber ein ganz anderer und der ist uns damals vollkommen entgangen. Erst bei der reflektierten Neulektüre ging mir auf, daß Gaidar ein übles propagandistisches Machwerk geschrieben hatte, dessen Ziel es war, eine ganze Jugend im Krieg zu verheizen, sie dafür bereit zu machen. Es hatte mit unserer DDR-Lebenssituation eigentlich gar nichts zu tun.

Timurs Trupp etwa war gar kein Samariterverein, der allen Beladenen half, sondern seine Aufmerksamkeit lag auf jenen Häusern in dem Moskauer idyllisierten Vorort, in denen es Rotarmisten gab, dienende oder gefallene. Sein Trupp agiert paramilitärisch und statt lustiger Kinder- oder Volkslieder singen die Knirpse Soldatenlieder, die vom freiwilligen Opfer, von Helden und dem Endsieg in bunten Farben erzählen.

Gaidar hatte das Buch 1940 geschrieben – an welche Front sind die jubelnden Soldaten denn gezogen, wo waren sie gefallen?[1] – und war selbst im Oktober 1941 schon gefallen. In einem grandiosen Abschlußbild mobilisiert Timur hundert Kinder, die einen Rotarmisten im Triumphmarsch zum Bahnhof begleiten. Im Film wird sogar der widerspenstige Kvakin mitgerissen, der bis dahin die gegnerische Bande von Taugenichtsen führte.

In der Kvakin-Figur wird – wieder durch die Zeilengitter gelesen – die Realität sichtbar. An der Oberfläche lebt dieses Dorf ein sozialistisches Sommeridyll, friedlich, im Überfluß und ohne Angst, mit Kvakin und seiner Bande scheint jedoch die Wirklichkeit herein, nämlich die große Anzahl verwaister Kinder in der Sowjetunion, Söhne und Töchter Gefallener, vor allem aber Gefangener, Liquidierter und Verhungerter. Diese verwahrlosten Kinder mußten sich zu Millionen in einem bitteren und brutalen Land durchschlagen und haben dabei eine unglaubliche Versatilität entwickelt. Sie waren so präsent, daß selbst die offizielle Literatur und Pädagogik sie nicht negieren konnte. Bjelych und Pantelejew haben dieser Gruppe in ihrem Roman „Die Republik der Strolche“ ein sehr lesenswertes Denkmal gesetzt und die kommunistische Resozialisierung beschrieben, Makarenko selbst – dessen Pädagogik auch hinter Gaidars Timur steckt – widmete ihnen gleich zwei lesenswerte Romane: „Der Weg ins Leben“ und „Flaggen auf den Türmen“. Letzteres stand im kargen Bücherregal meiner Eltern, viele Male zog ich es heraus und sinnierte über die Zeichnung auf dem Schutzumschlag.

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All diese Werke sind Propaganda. Man kann sie abscheulich finden. Wer aber etwas tiefer liest, der lernt dort, was ein guter, einfacher Mensch ist und wie man es werden kann. Wie man im Kleinen und Nahen die Welt besser machen kann. Im Grunde genommen lernt man aus dieser kommunistischen Agitationsliteratur die menschlichen Grundwerte und die sind immer schon konservativ. Diese Art manipulierendes Kinderbuch ist weit weniger destruktiv als heutige, schlecht in Kinderbüchern getarnte didaktische Anleitungen zur Diversität und Identitätsverunsicherung.

[1] Heutige verschwörungstheoretische Muster hätten sofort die Antwort parat: Gaidar war ein Eingeweihter, hier hat sich die stalinsche „Elite“ verraten …

5 Gedanken zu “Die Grenzen der Propaganda

  1. Percy Stuart schreibt:

    Und retour:

    Kommunizierende Gefäße? Gedankenübertragung?

    https://sezession.de/65751/kritik-der-woche-22-stalingrad

    Auffallend ist doch, daß im aktuellen Kriegsfall gerade die, die denen, die zu differenzieren vermögen (wie auch ein Roger Waters), „Kreml-Propaganda“ vorwerfen, am lautesten ins Propaganda-Horn blasen. Zwischentöne? Die werden überbrüllt.

    In mir wirkt immer noch dieses starke Bild der Klippspringer nach.

    https://seidwalkwordpresscom.wordpress.com/2022/04/08/die-wahrheit-der-gazelle/

    Ausharren in der Felswand, Austarieren, anmutiges Wegducken, souveränes Abwarten, leise Töne…
    Fehlen uns nicht allerorten diese „Eidechsenohren“?

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  2. Stefan schreibt:

    Fühle mich sehr seltsam berührt. Ich bin in nämlicher Republik aufgewachsen wie der Autor – doch eine sozialistische Indoktrination konnte es für unsere gesamte Familie nicht geben, waren wir doch als Christen und konsequente Staatsfeinde völlig immun.

    Kennt man nur das Dissidentenumfeld, dann wirkt es noch heute verblüffend, daß für die breite DDR- Bevölkerung, die auf kein anderes Weltbild zurückgreifen konnte, die Hineinsozialisierung in die kommunistische Lebenswelt perfekt funktionierte. Das erklärt sich wohl einfach daraus, daß jeder Mensch ein metaphysisches Wertegerüst benötigt, das ihm Sinn, Herkunft, Zukunft und moralische Standards vermittelt.

    Der Kommunismus, per se hart an der Grenze zum religiösen Glauben, konnte genügend Narrative und genügend passende Literatur vorweisen, um idealistisch veranlagte Menschen zu begeistern und mitzunehmen. Das Rüstzeug einer voll ausdifferenzierten marxistisch-materialistischen Weltanschauung hat wohl beinahe ALLE Kader, die von Kindheit an geschult waren, bis zum Sterbebett getragen.

    Der Berliner Speckgürtel beweist, daß die Nomenklatura bis heute ihre Ideale, ihre Helden und ihre Sprechweise beibehalten hat.

    Mir fällt gerade mal Günther Schabowski als „Genesener“ ein, nicht einmal Markus Wolf würde ich gänzliche Loslösung attestieren wollen. Alle Giten sind ja eh 1977 herum abgehauen, gegangen worden. Biermann – ist der eigtl. noch Kommunist?? Oder jetzt doch gläubiger Jude?

    Der Nostalgie – Faktor, der sich per Untergang eines Staates potenziert (auch für mich…ich suche mit größter Faszination überall nach DDR-Relikten), überstrahlt und beglänzt den Realsozialismus wunderbar. Man muss und darf zugeben, daß z.B. die „Gebote der Jungpioniere“ derart dicht an biblische Prinzipien angelehnt wurden, daß da nichts aufstößt als einzig das „Gutsein durch Selbstverbesserung“ welches der christlichen Theologie diametral entgegensteht.

    „Der Mensch ist gut“ – diese Setzung des kommunistischen Glaubens erweist sich stets von neuem als der Grundirrtum, der alle darauf fußenden Hoffnungen ad absurdum führt. Der Mensch war eben nur in soz. Romanen „gut“, und ansonsten war er ein egoistisches und opportunistisches, gerne korrumpierbares charakterliches Mängelwesen, wie schon seit jeher in der Historie.

    Der Sozialismus der DDR konnte nicht mit materiellen Gütern korrumpieren, jedenfalls kaum, und die Positionierung wurde wohl viel klarer abgefordert und provoziert als heutzutage. In meinem Weltbild ist der Mensch an sich „schlecht“ – und wenn dies nicht grundlegend beachtet, anerkannt und eingepreist wird, gibt es gesellschaftliche Verwerfungen, stets in Richtung eines immer anders gewandeten Tugendterrors.

    Die Tugendsignale des DDR-Bürgers waren da vergleichweise noch sehr brauchbar (Subbotnik, Volkskunstkollektive, Helden der Arbeit, allgemeine Selbstlosigkeit zugunsten der gesellschaftlichen Bedürfnisse, Bescheidenheit, Fleiß, Ordnung, Sauberkeit – im Grunde ein provinzielles Preußen – und Luthertum ohne König und ohne Luther, und nat. ohne Gott!).

    Hat ein bißchen funktioniert…die allgemeine Armut und Gleichausstattung mit allem machte einen kuschligen Provinzstaat voller Spießer. Und eben auch Petzer.

    SCNR.

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  3. Ihr Text enthält Spuren von Altersweisheit. Sie sagen, „wer aber etwas tiefer liest“ – und für uns beide wird das vermutlich seine Richtigkeit haben. Ihre Erkenntnis kann ich am Beispiel „Schkid, die Republik der Strolche“ bestätigen. Es zählt noch heute zu meinen Lieblingsbüchern. Für mich waren aber auch die Memoiren eines Ilja Ehrenburg aus demselben Grunde sehr gut lesbar gewesen. Mir ist es zeitlebens jedoch nicht gelungen, andere für diese „lehrreichen“ Bücher zu begeistern. Sie lehnten sie wegen des vermuteten Propagandagehaltes einfach ab. Inzwischen ahne ich, was die Alten meinten, wenn sie von Dummheit redeten. Diese Bücher finden sich für Sehschwache übrigens in guter Qualität in der Z-Library. Org oder com. 😉

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  4. Zorn Dieter schreibt:

    Die Propaganda der Sowjetstaaten war im Vergleich mit dem was heutzutage an psychologischen Techniken und Psyop eingesetzt wird rührend naiv. Und ich meine als Westler, doch leicht zu durchschauen. Die großen Plakate mit Agitprop Sprüchen, die gleichen Kommentare in den Medien, derselbe Ton. Leichter als die von der Propagandamaschinerie bestehend aus PR- Agenturen wie Burson-Marsteller und anderen angerichtete Psyop im Propagandakrieg um die Ukraine. –

    Dass die Kriege seit hundertfünfzig Jahren vor allem im Kopf der Menschen entschieden werden, sollte außer Frage stehen. Denn nur wenn man das Volk auf Waffenlieferungen & den Waffengang einstimmt, kann man ihn auch gehen. Allerdings geben sich die PR-Strategen & ihr Sprachrohr die Medien, im Westen genauso wenig Mühe ihr Wirken zu verbergen, wie die östliche Propaganda früher. Und immer mehr Menschen erkennen das Drehbuch, liest man die Kommentare in den wenigen Blogs, die noch offene Kommunikation zulassen. Darunter geradezu beispielhaft Telepolis. –

    Viele Bürger sind natürlich durch die Kriege des Westens in Jugoslawien, Libyien, Syrien, dem Irak und Aghanistan bestens geschult. Erst kommt der Verstoß der Machthaber gegen die Menschenrechte. Dann kommt der militärische Eingriff des Westens. Dann die Greueltaten des abscheulichen Gegners. Dann die Waffenlieferungen. Dann die Giftgasangriffe. Dann der lange Krieg zugunsten der Waffenindustrie. Dann der schmähliche Rückzug.-

    Die zehn „Grundsätze der Kriegspropaganda“ von Lord Arthur Ponsonby, wurden deshalb auch bereits nach dem ersten Weltkrieg verfasst:

    „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“.

    Wir wollen den Krieg nicht
    Das gegenerische Lager trägt die Verantwortung
    Der Führer des Gegners ist ein Teufel
    Wir kämpfen für eine gute Sache
    Der Gegener kämpft mit unerlaubten Waffen
    Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich
    Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm
    Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache
    Unsere Mission ist heilig –

    Die meisten Medien, auch die Alternativen, spielen dabei ihre Rolle perfekt. Sie sind auf beiden Seiten die Herolde des Systems. Und eine Beleidigung für jeden selber Denkenden.

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  5. Otto schreibt:

    Arkadi Gaidar – seltsamer Name – bei den Russen kann man immer einen griechischen Hintergrund vermuten: Gaidaros – der Esel! Sollte es der Esel aus Arkadien sein?

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