Die zwei Pink Floyd

Pink Floyds Comeback“, „Pink Floyd treffen sich erstmals seit 30 Jahren”, „Pink Floyd reunite“ … derart sensationalistisch klangen die Zeilen der letzten Tage. Ein entsprechendes Video auf Youtube hatte schon nach wenigen Stunden Millionen von Klicks – die Fangemeinde ist noch immer enorm und die gute Sache lockt zum Gutsein an.

Aber Pink Floyd hat sich gar nicht wiedervereinigt, um einen Protestsong in der Causa Ukraine aufzunehmen, denn jedermann kann sehen, daß mit David Gilmour und Nick Mason nur zwei der drei noch lebenden Legenden am Set waren – es fehlt Roger Waters. Und das ist so erwähnenswert wie folgerichtig.

Waters nämlich war der Kopf der Band bis in die 80er Jahre hinein, er war vor allem für das Liedgut zuständig. Nachdem er die Band verlassen hatte, gab es jahrelange juristische Streitereien, wer den Zaubernamen nutzen darf, und am Ende durften es wohl beide Seiten irgendwie, also Waters als Einzelkämpfer und Gilmour, Mason, Wright als Nachfolgeband.

Musikalisch gingen die beiden Parteien ganz unterschiedliche Wege. Während Waters endlich seiner Liedermacherader folgen konnte, setzten Gilmour und Wright – letzterer starb 2008 – auf elegische Klangteppiche aus Synthesizer und Gilmours einzigartiger Gitarre. Der eine brachte die bedeutsamen Platten hervor, die anderen die schönen und erfolgreichen.

Es zeigte sich, daß der Mega-Erfolg seit „Dark Side of the Moon“ auf einem Geheimrezept beruhte: Waters lieferte kraftvolle Texte und setzte deren Prominenz durch, die Gilmour-Partei legte die mystischen und zeitlosen Klänge darüber.

Dark Side of the Moon“ besang Waters Ängste vor der Psychose, „Wish you were here“ thematisierte den künstlerischen und menschlichen Verlust des Gründungsmitgliedes Syd Barrett, „Animals“ war ein Rundumschlag gegen alle Formen der Politik und „The Wall“ hatte durchaus nicht die Berliner Mauer zum Thema, wie heute viele zu glauben scheinen, sondern sprach sich noch einmal episch lang über Waters Psyche aus, dessen Verlust des Vaters im Kriege und die sukzessive Einmauerung und Entfremdung durch fehlgeleitete soziale Prozesse in der Überflußgesellschaft. „The final Cut“, schließlich, eine Resterampe, machte die Angst vor dem großen und die Wut über den kleinen Krieg (Falkland) hörbar … fast alle diese Texte gingen auf Waters Kappe, und über die Form-Inhalt-Streitereien, der sie den Erfolg verdankte, ging die Gruppe auch auseinander.

Interessant zudem, daß es damals schon die Schere zwischen Presse und Menschen gab: während die Fans die überpolitisierte Scheibe zum schlechtesten Pink-Floyd-Album aller Zeiten kürten, sahen die Herausgeber einer Musik-Zeitschrift darin den Höhepunkt ihres Schaffens.[1]

Nach der Trennung wurden die Texte dann bei Waters dominant, der bekennende John-Lennon-Fan versandte politische Kassiber in spärlicher musikalischer Ummantelung. Bedeutsam wurden nur noch zwei seiner Produktionen. „Radio K.A.O.S.“ hatte einen Behinderten zum Protagonisten, der die postmoderne und Medien-Welt erlebt , „Amused to Death“ nahm schon im Titel Neil Postmans Bestseller auf , wieder spielen Krieg und Medien und Befreiungskämpfe die Hauptrolle. Waters wollte belehren, Waters ist der klassische Linke.

Gilmour hingegen wollte schöne Musik machen und wer kann es ihm verwehren, wenn er doch so zauberhaft Gitarre spielen kann und diesen geheimnisvollen tune, diesen Umami-Sound gefunden hatte. Ob „A Momentary Lapse of Reason”, ob “The Divison Bell” oder auch sein Soloprojekt “On an Island”, alles wurde zu Gold, was Gilmour anpackte, volle Stadien, Millionen verkaufte Kopien, selbst seine dünne Stimme wurde ihm weltweit ob der divinen Klänge verziehen.

Er war immer everybody‘s darling. Einst Schwarm der Frauen, später der sanfte, ausgleichende Gitarrengott. Waters hingegen war seit je unbequem. Wenig attraktiv, verbissen und schnell zum Streit neigend.

Im Grunde genommen sind beide berühmte Vertreter zweier großer gesellschaftlicher Gruppen unserer Epoche. Waters ist der Salonlinke, der ewig leidende und kämpfende Revolutionär mit eigenem Angelgewässer im Garten und Gilmour der woke Ja-Sager, der auf einem Wohnschiff auf der Themse residiert.

Dementsprechend sind die Reaktionen der beiden auf den Krieg in der Ukraine. Gilmour nimmt zusammen mit Nick Mason einen Song in gelb-blau auf, in dem der Sänger einer bekannten ukrainischen Band den Gesangspart übernimmt – genauer gesagt wurde auf dessen schon existierende Interpretation eines Revolutionsliedes des Jahres 1914 eine sanfte Melodie gelegt und zwei typische Gitarrensoli eingebaut. Die Presse war von dieser Geste begeistert, auch wenn der Titel musikalisch bedeutungslos ist und Gilmour sich nun wieder am griechischen Mittelmeer seinen Herzensangelegenheiten widmen kann.

Daß Roger Waters sich schon längst zum Krieg geäußert hatte, blieb dagegen weitestgehend unbemerkt, denn seine Position folgt nicht dem gängigen und gewünschten Narrativ. Vor drei Wochen etwa diskutierte er u.a. mit einer deutsch-türkischen Journalistin und einem alten Bekannten: Yanis Varoufakis. Dort spricht man sich mit „comrade“ an. Dort ist nicht Rußland der Feind Nummer 1, sondern der Kapitalismus und die USA.

Das Überraschende daran ist, daß der hochpolitisierte Waters, der zeitlebens aktiv gegen den Krieg agitiert hat, jetzt keine Stimme bekommt und quasi im Feindeslager steht, wohingegen der apolitische Leisetreter Gilmour, der vielleicht nur wegen einer ukrainischen Schwiegertochter agiert, die große Presse hat.

Eine Ukrainerin hatte Waters öffentlich angeschrieben und sich über sein Schweigen gewundert – wir leben bekanntlich in Zeiten, in denen Nichtssagen als Bekenntnisverweigerung, ja als indirekte Zustimmung zum Bösen gewertet wird.

Waters antwortet ihr auf seine Weise: zu den Zeilen von „The Gunners Dream“, einem Titel der letzten Pink-Floyd-Produktion, des Anti-Kriegs-Abums „The final Cut“, leidet er erst gemeinsam mit der Betroffenen, bezeichnet Putin auch als Gangster, aber schon im zweiten Satz geht es gegen die westlichen Regierungen, die „gangster hawks in Washington“, gegen Blair und Bush, da wird weit ausgeholt und von Irak, Syrien, Libyen und Serbien gesprochen – all diese Wunden brennen noch –, da wird auch „der Gangster Schimon Peres“ nicht verschont – also „Antisemitismus“ verbreitet –, da werden die Palästinenser rühmend erwähnt und zuletzt auch noch einmal der eigene Vater, der im Krieg in der Schlacht von Anzio gefallen war. Und dann rückt Waters auch noch das zurecht: Es gebe sehr wohl Nazis in der Ukraine: „Both the Azov Battalions in your army, the National Militia and C14 are well known self-proclaimed Neo Nazis groups. They are gangsters too.

 

siehe auch: Die linke Psyche

Roger Waters‘ (Juden?) Schweine

[1] Alles nachzulesen in: Nicholas Schaffner: Pink Floyd. Saucerful of Secrets. Vom Underground zur Supergroup – eine Odyssee. St. Andrä-Wördern. 1992. S. 219ff.

2 Gedanken zu “Die zwei Pink Floyd

  1. nouseforislam schreibt:

    Der „Wokie“ ist eigentlich Waters, der doch auf jeden politischen Zug bis zu seiner irrationalen Sympathie für den palästinensischen nationalen Linkssozialismus aufgesprungen ist (inkl. Boykottaufrufen).

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  2. Zweifler schreibt:

    Derartiges (Nach-) Denken ist nicht erwünscht, was allerdings nicht daran hindern darf, es zu tun, so man es für (eigentlich) richtig hält. Die dargestellte Waterssche Abstraktion wird schon ob ihrer Klarheit mit billiger Kriegspropaganda totgetreten. Dagegen hat sich gerade heute der ehemalige militärische Berater von Frau Merkel laut der Tageszeitung „Die Welt“ aus militärischer Sicht einschränkend geäußert. Der meinte danach inhaltlich, die Lieferung schwerer Waffen nütze nichts, führe sogar zu weiterer Eskalation und man müsse das alles doch mal tatsächlich vom Ende her denken. Außerdem werde das Vorgehen Putins und die Folgen deutlich überzogen dargestellt und die Darstellung Putins als nicht recht zurechnungsfähig o.ä. sei ebenfalls einfach nur falsch, noch dazu gefährlich, da dies Verhandlungen verhindere. Es stellt sich m.E. nach sowieso die Frage, was denn die Verteidigung des Einzelnen (hier der Ukraine) nützt, wenn die eingesetzten Mittel das Ende von Allem (der ganzen Welt durch einen entsprechenden Krieg) bewirken und es also noch nicht einmal dem Einzelnen (über ein kurzfristiges moralisches und vielleicht sogar militärisches „Hurra“ hinaus) zu helfen vermag. Kriegsgeheul war und ist auf allen Seiten mit erheblicher Vorsicht zu begegnen. Aber damit steht man eben aktuell mal wieder im Feindeslager. So langsam gewöhnt man sich daran.

    Stefan: Ein super Kommentar. Vielen Dank!

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