Die Zeit entscheidet alles

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXI

Darüber, wie alles durch die Zeit entschieden wird

Wenn das Leben, irgendeine menschliche Situation, eine Entscheidung erzwingt, dann achte darauf, daß die Entschlüsse im Rahmen des Gesetzes der Veränderungen verbleiben: denn jede „Entscheidung“ nimmt erst mit der Zeit endgültige Form und Gestalt an.

Entscheide, aber nicht so unbedingt! Nicht um jeden Preis! Nicht so absolut!

Gib dem menschlichen Entschluß jenes Spiel, das er benötigt, um sich in die Welt und in die Zeit einzufügen, damit er sich innerhalb der Gesetze der Veränderung in die menschlichen Absichten einpassen kann.

Versuche nicht, mit Schwur, Nagel und Hammer für alle Zeiten zu fixieren, was die Nacht und auch der Morgen schon verändern, was dein Herz und dein Verstand ununterbrochen schleifen, umwandeln, gestalten, und zwar heute, morgen und auf ewig.

Gib dem Entschluß Zeit und Raum, auf daß er seinen wahren Platz und seine wahre Gestalt finden kann. Entscheide, aber nicht zu sehr! Entscheide, aber nicht bedingungslos! Du sollst handeln, aber vertraue zugleich auch immer auf die Zeit. Du wirst sehen, morgen oder in einem Jahr, daß nicht du entschieden hast, sondern der Raum, in dem alle menschlichen Angelegenheiten entschieden werden: die Zeit.

Marai Sandor - Fuves konyv

4 Gedanken zu “Die Zeit entscheidet alles

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ambrose Bierce war anscheinend nicht sehr beeindruckt von der Idee der Willensfreiheit. Es folgt ein Auszug aus The Devil’s Dictionnary. (Ich hoffe, hier zum ersten Mal von mir angeführt.)

    decide, v.i. To succumb to the preponderance of one set of influences over another set.

    A leaf was riven from a tree,
    * „I mean to fall to earth,“ said he.*

    The west wind, rising, made him veer.
    „Eastward,“ said he, „I now shall steer.“

    The east wind rose with greater force.
    Said he: „‚Twere wise to change my course.“

    With equal power they contend.
    He said: „My judgment I suspend.“

    Down died the winds; the leaf, elate,
    Cried: „I’ve decided to fall straight.“

    „First thoughts are best?“ That’s not the moral;
    Just choose your own and we’ll not quarrel.

    Howe’er your choice may chance to fall,
    You’ll have no hand in it at all.

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  2. Entscheidungsscheu schreibt:

    Ein interessanter Beitrag. Ich selbst versuche das Wort Ent-Scheidung weitgehend zu meiden, weil es doch zu Ende gedacht, sehr brutal ist. Ich kann kein Ungarisch, aber könnte vielleicht dort eine andere Wurzel des Begriffs vom Entschluss ersichtlich sein? Nur mal so. (decerno – etw. bestimmen, sich entschließen, verordnen, genehmigen, urteilen …)

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    • Das entsprechende Verb ist „dönteni“, das Substantiv „döntés“ und das ist tatsächlich schillernd. Ich habe es eigentlich ohne großes Nachdenken mit entscheiden „übersetzt“, weil die Umgangssprache es fast nur so nutzt. Interessant wird es durch die Bedeutungen „fallen“ , fällen“und „stürzen“, aber auch das verweist wohl eher auf das Entscheidung fällen.
      Sicherlich kann man bei der Übersetzung andere Akzente setzen. Vergleichen Sie mal die beiden üblichen dt. Übersetzungen des Mark Aurel – auf den Márai sich ja immer wieder beruft. Man könnte meinen, zwei ganz verschiedene Denker vor sich zu haben.

      In diesem ersten Durchlauf versuche ich möglichst textnah zu übertragen, was zu manchen harten Stellen udn zu einer mitunter ungewohnten Sprache führt. Mir geht es dabei vorerst um das eigene Verständnis. Ich bin auch mit Muttersprachlern darüber im Gespräch und mache die Erfahrung, daß auch diese oft ratlos vor dem Original stehen. Wenn der Text am ende tatsächlich durchdrungen worden sein sollte, dann kann man sicher in einem zweiten Anlauf auch noch nach eleganteren sprachlichen Lösungen suchen, die sich formal vom Original entfernen, ihm inhaltlich aber treu bleiben.

      Über Ihre Frage werde ich noch mal in Ruhe nachdenken. Was gegen Ihre Variante spricht, ist die Tatsache, daß „dönt“ durchgehalten wird udn das beginnt bei der Zeit. Die kann aber nicht aktivisch entschließen. Daher habe ich „elhatározások“ als Entschlüsse übersetzt.

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  3. Zorn Dieter schreibt:

    „Du wirst sehen, morgen oder in einem Jahr, daß nicht du entschieden hast, sondern der Raum, in dem alle menschlichen Angelegenheiten entschieden werden: die Zeit.“ Ein Satz für die Ewigkeit. –

    Wenn man wie ich dem Ende seines Lebens entgegen geht, und zurückschaut, ist das Erstaunlichste zu sehen, was aus seinem Leben geworden ist. Und welche Rolle bewusste Entscheidungen spielten und welche Rolle der Zufall, das Schicksal, die Zeit spielten. –

    Noch erstaunlicher ist es zu sehen, dass ein Achtzehnjähriger oder ein Fünfunfzwanzigjähriger Entscheidungen traf, die sowohl seine Erfahrung als auch seinen Verstand überforderten. Auf keinen Fall konnte er die Richtigkeit oder Falschheit seiner Entscheidungen IN DER ZEIT vorhersehen. Entweder es gibt so etwas wie Vorsehung oder der Zufall regiert das Leben! Insofern als sich die Richtigkeit oder der Irrtum einer Entscheidung erst IN DER ZEIT, das heißt nach dem Abgleich mit den Billionen Entscheidungen anderer, erweist.

    Schopenhauer widmet sich diesem Thema, das eigentlich, da spekulativ nicht zu seiner klaren Philosophie des Willens passt, in dem Aufsatz „Transscendente Spekulation über die anscheinende Ähnlichkeit im Schicksal des Einzelnen“, in seinen Kleinen Philosophischen Schriften. Ohne zu einer abschließenden Antwort zu kommen. Weil spekulativ.-

    Meine eigene Erfahrung sagt mir: Es gibt „Zufälle“ im Leben, die zu erkennen man allerdings Sensitivität braucht, die ein ganzes Leben bestimmen können. Wenn man sie sieht und ergreift. Im Politischen „weht dann der Mantel der Geschichte“, im Privaten „das Schicksal“.-

    Schopenhauer greift dann, wenn ich mich recht erinnere, auf den unwandelbaren Charakter des Menschen zurück, um zu zeigen, dass alles, auch die „eine Entscheidung“ davon abhängt wie dieser ausgelegt ist.-

    Nicht Zufall oder Vorsehung regieren die Welt. Sondern der Wille und Charakter eines Menschen schafft und ergreift die Umstände, die dann zwanghaft zu einer bestimmten Entscheidung führen. Das was wir „Die Welt“ nennen ist die Summe der Willen (und daraus resultierenden Entscheidungen) aller Beteiligten in der Zeit. Und damit ewig wandelbar. –

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