Mein Kriegstagebuch IX

Putin bestrafen: Sagt mir einer im Brustton der Überzeugung: „Also ich habe zu Hause alle Heizungen runter gedreht. Dieser Putin bekommt mein Geld nicht. Da ziehe ich mich lieber wärmer an.“ Ich verbuche solche Aussagen unter Propagandaschäden – oder besser: – erfolgen.

Butscha – ein neuer Name, den man sich merken muß? Ist das das neue Srebrenica?

Man hat es blitzschnell als „Genozid“ (Selenski) charakterisiert, als „Brutalität, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesehen haben“ (Stoltenberg), gar als größtes humanitäres Verbrechen des 21. Jahrhunderts und es somit bewußt in die Tradition der größten Menschheitsverbrechen gestellt. Damit werden die Begriffe entwertet und – wenn man sie üblichen Narrative anwenden will – die Opfer verhöhnt. Ich will mich nicht an Spekulationen beteiligen, aber bisher deutet nichts auf einen Genozid hin, dessen definitorisches Ziel ist: „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“

Viel wahrscheinlicher scheint, wenn man die Bilder sieht, daß Butscha das „ganz normale“ Ergebnis des Krieges ist, in dem Menschen unter Bedingungen, denen sie psychisch nicht gewachsen sind (von Todesangst bis Euphorie, von Grauen bis Erlösungsvisionen oder Langeweile), verrohen und alle Moralmaßstäbe verlieren. Gib ihnen – gib uns – Waffen, Macht und Uniform – drei persönlichkeitsverändernde Utensilien – und einige unter ihnen – unter uns – werden nahezu gesetzmäßig Grausamkeiten begehen. Das war schon immer so und es wird immer so sein – historische, kulturelle und situative Unterschiede stets mitgedacht.

False Flag: Man dürfe nicht außer Acht lassen, daß es sich um eine False-Flag-Aktion gehandelt haben könnte. Das ist korrekt. Man sollte zuvor aber auch nicht außer Acht lassen, daß das False-Flag-Argument eine apriorische Verweigerungsstrategie darstellt, wenn es dazu genutzt wird, alle kognitiven Dissonanzen glatt zu bügeln, Apperzeptionsverweigerungen einzuüben. So genutzt, ist es das sicherste Indiz jeglicher Verschwörungstheorie. Das False-Flag-Argument dient dann zur Selbstimmunisierung durch Selbstreferenzialitiät, denn auch das False-Flag-Argument wird dann zur False-Flag … ad infinitum. Es gilt im Krieg mehr noch als im Alltag: Nichts ist unmöglich, aber alles hat seine Wahrscheinlichkeit. Man sollte alles Geschehen – solange man keine Evidenzen hat – am Ökonomiekriterium messen. Die Übertreibungen und Entkontextualisierungen der einen Seite („Genozid“) berechtigen nicht zu Übertreibungen der anderen Seite und vice versa. Ich traue weder dem „Spiegel“ noch dem „Anti-Spiegel“, sondern nur meiner Skepsis – und auch der nur unter starken Vorbehalten.

Das Sagbare: Fragen wir ganz prinzipiell: Was kann man im Kriegsfalle guten Gewissens überhaupt öffentlich sagen angesichts der Tatsache, daß wir alle unsere Informationen aus Medien beziehen, die eine politische Agenda haben und diese wiederum ihre Erkundungen von Quellen einholen, die auch einer Agenda, einem Interesse oder einer wahrnehmungsstörerischen Ideologie anhangen? Wie viel Tatsache, wie viel reines Phänomen dringt letztlich bis zur Öffentlichkeit durch?

Man kann erstens im Kleinen Argumentationswidersprüche anderer aufzeigen, man sollte aber vorsichtig sein, diese immer auf Absicht zurückzuführen, und damit rechnen, dabei eigene Argumentationsfehler zu begehen. Man kann zweitens seine eigene Befindlichkeit thematisieren, darf aber nicht erwarten, daß das jemanden interessieren könnte. Man kann drittens selbst Erfahrungen auf dem umkämpften Feld machen, muß aber damit rechnen, daß andere die Authentizität anzweifeln. Das muß nicht die direkte Teilnahme am Krieg sein, das kann auch einfach die authentische und kritische Beobachtung im diskursiven Vor- und Nachfeld des Krieges sein. Man kann viertens die Erlebnisse direkt Involvierter aufnehmen, wenn sie todsicher authentifiziert sind – sie stehen freilich unter den obigen Vorbehalten, können aber durch persönliches Kennen und charakterliches Einstehen einen gewissen Wert beanspruchen. All das ist evidenzbasiert. Man kann fünftens – wir wechseln in die Draufsicht – abstrakte, verallgemeinernde Schlußfolgerungen darlegen, die selbstverständlich dem Fallibilitätsvorbehalt unterliegen. Es ist also durchaus korrekt, strategische Überlegungen anzustellen, deren Wert zum einen mit der Kenntnis der Materie und zum anderen der geistigen Durchdringungskraft und Eigenständigkeit des Sprechers steigt und fällt.

Man sollte sich bei alldem seiner eigenen Involviertheit bewußt bleiben: wir alle haben Präferenzen, die aus der Individualgeschichte resultieren. Unsere Biographie schreibt bei jedem Text immer mit. Objektivität ist eine Bemühung und keine Realität. Wer glaubt, objektiv sein zu können, der kann es im konkreten Fall zwar sein, der belügt sich aber oder täuscht sich selbst wesentlich. Wir müssen die verwickelte Hermeneutik der Lüge und des Irrtums, der subjektiven und der objektiven, auf allen Seiten immer gleichzeitig mitdenken, bevor wir uns zu Positionen versteigen und diese öffentlich – also über ein Medium (Presse, TV, Webseiten, Twitter, Facebook, Mikrophon etc.) – kundtun. Es sollte zudem die prinzipielle Bereitschaft zur Einsicht des eigenen Fehlers vorhanden sein.

Flugblatt: Viele kochen ihr kleines Süppchen auf der großen Flamme des Krieges. Brachte mir dieser Tage jemand ein Flugblatt, daß er im Briefkasten vorfand, mit der Bitte: „Kannst du damit was anfangen? Für mich ist das alles nur wirr. Du bist doch belesen.“ Es stellte sich heraus: so belesen bin ich nun doch wieder nicht. Das Flugblatt eines „Bundes gegen Anpassung“ ist tatsächlich wirr, ein Sammelsurium aus pseudomarxistischem, pseudotrotzkistischem, neofreudianischem Jargon und einem Mix aus Verschwörungsscheiß, das alles in einer Sprache vorgetragen und mit einer pöpelnden Überheblichkeit, daß der Text auch nicht den kleinsten Verdacht zuläßt, es könnte dem Verfasser um ein Gespräch gehen. Dahinter steckt der „Ahriman-Verlag“, dessen Werbebanner man auch auf „PI-News“ finden kann. Die dortigen Publikationen zeichnen sich durch den eisernen Willen aus, nie öffentlichkeitswirksam zu werden und damit das Image des Geschassten, Gehassten und Dissidenten zu pflegen. Wenn ich nun sage: Das ist Nonsens in bester Learscher Tradition, nur statt Pointe steht das Ermüden auf dem Programm, dann werden die Schreiberlinge mich und jeden Unverständigen sofort als Idioten brandmarken. Schon interessant zu sehen, wohin menschliche Intelligenz und Bildung führen kann.

Apropos: Michael Mannheimer ist gestorben. Der Mann, der die Beatles als „ein gigantisches Menschenexperiment von CIA, Illuminati und dem Tavistock-Institut mit dem Ziel der Zersetzung der westlichen Welt“ und Adorno als deren Songschreiber enttarnte. Auf seiner Webseite war für einen Tag zu lesen, daß er vergiftet worden wäre. Wahrscheinlicher ist, daß er sich beim Selbstextrahieren eines Zahnes im Dschungel von Kambodscha infiziert hat.

2 Gedanken zu “Mein Kriegstagebuch IX

  1. Stefanie schreibt:

    Butscha – budger ?
    Könnte so eine (zufälliger?) Ähnlichkeit Einfluß darauf haben, wie ein Ereignis wahrgenommen wird?

    Ich habe nach wie vor keine klare Meinung zu dem Massaker ( so es denn eins war) – woher auch – dazu bräuchte man eine unabhängige forensische Untersuchung.
    Rein aus dem Bauch heraus würde ich auf eine Inszenierung tippen – es gibt ja auch ein paar Ungereimtheiten, die Sie schon ansprachen. Darunter Satellitenaufnahmen, nach denen die Leichen dort schon seit 19.3. liegen sollen, bei teilweise warmen Temperaturen über 10°C oder die Nichterwähnung der Toten durch den Bürgermeister, bei einer Ansprache kurz nach dem Rückzug der Russen.
    Wenn die Inszenierung aber halbwegs intelligent angelegt ist, wird man auch „echte“ Opfer untergestreut haben, also Leute die auf die eine oder andere Art von den Russen getötet wurden: sei es aus Versehen (kollateral), sei es bei irgendwelchen heroischen Partisanen-Aktionen mit Molotowcocktail etc., sei es einfach kaltblütiges übern-Haufen-schießen durch wild gewordene Soldateska. Wenn dann zwei, drei solche beweisbaren Fälle, am besten noch in Bild und Ton dokumentiert, die Runde durch die Medien machen, ist eine weitere Propagandaschlacht gewonnen. Wahrscheinlich braucht es für die meisten nicht mal soviele Beweise. Die abgeschlagenen belgischen Kinderhände spuken ebenfalls noch durchs kollektive Gedächtnis, auch wenn es sie wohl niemals gab.

    Seidwalk:

    „Butscha – budger ?“ – Das ist wohl der Fluch der Fremdsprachen: man sieht dauernd Signifikanz wo es nur Zufall ist und die Phantasie darf auch noch mitmischen.

    „Inszenierung“ – Ja, aber bis aus weiteres nur aus medientheoretischer Sicht, soll heißen, nur insofern die Medien diesen Straßenzug zur Schau stellen. Alles andere ist reine Spekulation und die hat bekanntlich Vorlieben.
    In der Ukraine waren die letzten Wochen fast durchgehend Minusgrade, zumindest nachts. Der wahre Zustand der Körper bleibt uns zudem vorenthalten. Jetzt gibt es ja angeblich Aufnahmen von einer Erschießung Ende Februar und Erzählungen von FSB-Einheiten oder evtl. Söldnereinheiten. Das klingt nicht unwahrscheinlich. Die Bürgermeisterrede müßte auch verifiziert werden: Zeitpunkt, Identität usw.
    Wer keine authentischen Hintergrundinfos hat, kann eigentlich nur raten und vermuten.

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    Wie sagte Naomi Klein schon 2007 in „Schockstrategie“: Der vierte Weltkrieg hat längst begonnen. Es ist der Krieg um unsere Gehirne. Sie meinte es allumfassend. So wie wir es jetzt erleben: Transhumanismus, Biologismus, Elektronisches ZB-Geld, Elektronische Bürgerausweise, Nudging, etc. –

    Was wir im Ukraine Krieg sehen, ist dagegen fast noch ein altes Schauspiel: Der Stellverteter-Krieg der USA/Europas gegen Russland. Teil 1 des Großen Krieges der Imperien um die zukünftige Weltherrschaft. Teil 2 wird die USA gegen China sein. Wahrscheinlich um Taiwan. Man muss kein Prophet sein. Es steht alles in den Büchern geschrieben.-

    Er wird mit dem begleitet was schon seit 150 Jahren, vielleicht auch mehr, jeden Krieg begleitet: Propaganda. Auch dazu sagt Klein: Kriege werden nicht mehr auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern in den Gehirnen von (entsprechend abgerichteten, Anfügung von mir) Menschen.-

    Ist es nicht wunderbar, dass die Strategen der Wahl- und Kriegspropaganda seit Jahrzehnten schon Schauspieler einsetzen, die sich im großen Realitätstheater Film/TV als nützlich erwiesen haben? Ronald Reagan, Arnold Schwarzenegger, Donald Trump, jetzt Selenski. Sie haben den enormen Vorteil, dass sie fremde Texte fehlerlos aufsagen können. Letzterer hat jetzt sogar allabendlich seine weltweite Reality-Show. Was ist verstörender? Diese Tatsache oder dass es fast alle für normal halten? –

    Es gibt inzwischen ein Szenario der westlichen Vorgehensweise (Details wieder bei Klein) für die Kriegs-Dramatik, die noch in jedem Krieg eingehalten wurde: Unruhen anzetteln, Aufstände mit Geld und Waffen schüren, den Gegner provozieren, ihn des Angriffkriegs zeihen, ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterschieben, noch mehr Waffen und Söldner liefern, den Krieg in die Länge ziehen, das Land verwüsten, endlich abziehen. –

    Die USA haben die Verantwortung für den Ukraine-Konflikt an die Europäer und die NATO delegiert. Sie selber behalten China im Auge. Die Rolle der Ukraine spielt dort Taiwan. Die der Europäer spielt Japan. –
    Wieviel Beweise für die Richtigkeit der obigen Thesen braucht es noch? Wieviel Realität muss über Jahrzehnte angehäuft werden, um das Muster dahinter zweifelsfrei zu erkennen? Wieviele Bücher müssen noch geschrieben werden?-

    Und, was soll das Interesse der Europäer sein in dieser mörderischen Auseinandersetzung? Und wurden sie je gefragt? Nein, natürlich nicht. Frau von der Leyen wurde noch nicht einmal von ihnen gewählt.

    Seidwalk: Sie können das natürlich schreiben, aber gehen Sie bitte nicht davon aus – siehe: „Das Sagbare“ meines Beitrages -, daß das jemand glaubt und daß es von den engen Kriterien gedeckt ist. Vor allem sollten wir bei aller geopolitischer Dialektik nicht vergessen, daß in diesem Krieg russische Truppen auf ukrainischem Boden stehen – Ursache hin oder her.

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