Wahrscheinlichkeit und Spiel

Some people think football is a matter of life and death. I can assure them it is much more serious than that. (Bill Shankly)

In der Fußballwelt hat es zuletzt eine Anhäufung an Seltsamkeiten gegeben, die zu notieren lohnt.

Wenn in wenigen Tagen die beiden Übermannschaften der Premier League – Liverpool und Manchester City – aufeinandertreffen, um die vielleicht entscheidenden drei Punkte zu verteilen, dann darf das nicht darüber hinwegtäuschen, daß zwei ganz verschiedene Wege zu diesem Gipfeltreffen geführt haben. Noch vor wenigen Spieltagen trennten die beiden Mannschaften mehr als zehn Punkte, also mehr als drei Spielergebnisse und fast niemand glaubte mehr daran, daß Guardiolas Mannschaft überhaupt noch genügend Punkte abgeben würde, um jemals in Schwierigkeiten zu kommen, denn die Mannschaft dominierte mit fast mechanischer Überlegenheit fast alle Gegner. Umgekehrt wirkte Liverpool trotz ordentlicher Resultate immer wieder anfällig und mußte durch den Afrika-Cup zudem auf seine beiden Superstars einen Monat lang verzichten.

Dann aber begann die City-Maschine zu stottern. Unerwartet wurden Punkte gegen Southampton, ein kriselndes Tottenham und gegen Crystal Palace abgegeben. Wer die Spiele gesehen hat, wird zugeben müssen, daß sich an der Spielweise des Favoriten nichts geändert hatte. Die Maschine lief mit angenehmem Surren und überspielte alle Gegner. Allein, es fielen keine Tore gegen die Zwerge und man hatte großes Pech gegen Tottenham. Liverpool hingegen wirkte deutlich anfälliger und hätte einiger seiner Spiele locker verlieren können, wenn nicht gar müssen – zuletzt sogar im Pokal gegen einen unterklassigen Gegner – und dennoch wurde alles gewonnen.

Wir begreifen, daß Fußball ein Wahrscheinlichkeitsspiel oder –sport ist, wie viele andere Sportarten, aber nicht alle. Wenn etwa Usain Bolt antrat, dann gab es kaum ein Zufallselement, sein Sieg war sicher, sofern keine technische Panne auftrat. Wenn Magnus Carlsen die WM bestreitet, dann kann er zwar auch mal eine Partie verlieren, aber alles läßt sich rational aufklären.

Wenn hingegen Bernardo Silva einen tollen, leicht abgefälschten Schuß an den Innenpfosten hämmert und der Ball heraus- statt hineinspringt, dann können wir von Zufall sprechen. Es gibt im Fußball ein starkes Zufallselement und das macht das Spiel zur Wahrscheinlichkeitssportart.

Das heißt: Die Exzellenz der Spieler und des Trainers, Taktik und Fitneß, Spielintelligenz und Rasenlänge … können die Wahrscheinlichkeit des Ausganges beeinflussen, aber nicht bis zur Sicherheit. Guardiola spielt daher diesen Besitzfußball, denn 70% oder 80% Ballbesitz – worauf es meist hinausläuft – heißt eben auch, daß der Gegner überhaupt nur 20% der Zeit zur Verfügung hat, überhaupt ein Tor zu schießen. Freilich kann man auch Punkte allein durch das Verhindern von Toren erkämpfen. Es genügt aber mitunter nur ein einziger Schuß, um ein Spiel zu gewinnen.

Diese bittere Erfahrung mußte gerade Italien in einem verrückten Spiel machen. Gegen eine wesentlich limitiertere Mannschaft aus Nordmazedonien nützten über 30 Torschüsse nichts. In der Nachspielzeit wurde ein langer Abschlag des mazedonischen Torhüters schlecht verteidigt, der Stürmer fasst sich aus fast hoffnungsloser Lage ein Herz und schießt eher aus Verzweiflung aufs Tor und der Ball paßt zufälligerweise genau in die Ecke … und Europameister und Fußballkrösus Italien muß zum zweiten Mal hintereinander zu Hause bleiben. Die Italiener haben eigentlich nichts falsch gemacht, sie hatten einen Plan, der ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit das Weiterkommen sichern mußte und sie hatten das Personal dazu. Umgekehrt hatten auch die Mazedonier einen Plan, den einzigen, der überhaupt eine Gewinnwahrscheinlichkeit, wenn auch eine geringe, zuließ: Betonmauer hinten und vorne hoffen.

Man kann diese bedauerliche Strategie bis zur Kunst vervollkommnen, so wie das etwa Mourinho bei Inter Mailand oder Simeone bei Atlético getan hatten und damit gegen alle Odds die Champions League oder Europa League gewannen. Neben dem Glück stand ihnen immerhin ein Kader zur Verfügung, der seine Arbeit systematisch machen konnte.

An dieser Stelle wird auch die Absurdität der Forderung und Erwartung an bestimmte Klubs, die Champions League zu gewinnen, deutlich. Der Satz „Geld schießt Tore“ ist korrekt und irrig zugleich, ebenso wie der von der „Erfolgs-DNA“ oder Vergleichbarem. Noch im gleichen Jahr, als Alex Ferguson – ganz sicher eine Koryphäe – von den „noisy neigbours“ sprach, die „never in my lifetime“ einen Titel gewinnen würden, mußte er in den sauren Apfel beißen, von ebenjenen die Meisterschaft im letzten Moment gestohlen zu bekommen. Geld schießt also tendenziell Tore, wenn es gut angewandt wird. Die nationalen Meisterschaften von PSG, Manchester City oder auch Ajax Amsterdam und selbst des FC Bayern, dessen Management gern die Ethikkarte zieht, sind Beweis genug. Aber Geld ist im Knockout-Modus eine sekundäre Größe, vor allem wenn man mit ähnlich gut situierten Vereinen konkurriert, die sich nur in der Dauer des Wettbewerbs, aber nicht im konkreten Spiel durchsetzen wird.

Daß sich aber in der Regel diese Großvereine gegenüberstehen, ist ein Beweis für die Tendenz und das Gesetz der Wahrscheinlichkeit des Geschäfts. Daß Chelsea am Ende gegen eine an sich bessere Mannschaft gewinnt, das sind die Gesetze der Wahrscheinlichkeit des reinen Spiels. Auch ein quasi-transzendentes Element ist hier nicht ausgeschlossen, welches Tradition und Erfahrung zu präferieren scheint. So konnte Real Madrid CL-Trophies nach Hause fahren, obwohl man spielerisch den Höhepunkt sichtbar überschritten hatte. Es bedürfte einer genaueren Analyse, dieses Mysterium aufzuklären. Fest steht, daß – sofern die Parameter die gleichen bleiben – auch die blaue Hälfte Manchesters irgendwann den Henkelpott feiern wird und von da an vermutlich öfter. Ihn aber in diesem Jahr zu erwarten, ist so absurd wie im letzten, denn es gibt keine Garantie dafür, für niemanden.

Auch Sätze wie: „Den muß er machen!“, den man immer wieder von Reportern hört und der fast peinlich ist, wenn er von ehemaligen Profis kommt, über die ergo dieser Satz auch schon gesagt wurde, sind im höheren Sinne sinnlos, denn sie negieren das Zufallselement. Zugegeben, hier gibt es situativ graduelle Unterschiede. Wenn nun etwa Burak Yilmaz aus der Nationalmannschaft zurücktritt, weil er den Elfmeter gegen Portugal vergeben hat, oder wenn Jorginho im Interview fast mit Tränen in den Augen gesteht, sich zeit seines Lebens für den verschossenen Elfmeter verantwortlich zu fühlen, den er gegen die Schweiz vergeben und die Italiener damit erst in diese Misere der Qualifikation gebracht hat, dann hat dieser Satz hier eine andere Gewichtung, als etwa bei einem Pfostenschuß aus dem Spiel heraus, denn hier ist die Situation kontrollierter und beherrschbarer. Dennoch, daß einer etwas „machen muß“ setzt ein mechanistisches Spielverständnis voraus, das sowohl den Zufall und die Wahrscheinlichkeit, also die Unüberblickbarkeit aller möglichen Situationen und Einflußfaktoren, als auch das menschliche, psychische Element außer Acht läßt.

Mir tat das Ausscheiden der Italiener besonders für Mancini leid, der mir – seit er 2012 ebenfalls auf spektakuläre Weise für Manchester City den Titel holte – sehr sympathisch war. Auch dieses legendäre Spiel – vielleicht das verrückteste aller Zeiten – bekam durch seine Bedeutung vollkommen irre Wendungen. Denn nur der nervlichen Anspannung auf beiden Seiten – der Gegner spielte am letzten Spieltag gegen den direkten Abstieg – waren die Aussetzer in der Verteidigung zuzuschreiben, die schließlich zu dem unwahrscheinlichen Rückstand des Favoriten führten, der dann durch zwei Tore in der Nachspielzeit noch wettgemacht wurde. Im Nachhinein wird auch deutlich, daß es Manchester City damals sicherlich geholfen hatte, in den gegnerischen Reihen zwei ehemalige City-Urgesteine (Wright-Phillips und Onuoha) zu haben, die in entscheidenden Situationen zurückzogen (nachdem auch der Klassenerhalt durch die anderen Ergebnisse gesichert war).

Auch in der Belgischen Liga tut sich Erstaunliches. Dort bahnt sich eine Sensation an, die den Triumph Leicester Citys im Jahre 2016 noch toppen könnte. Mit dem Brüsseler Klub Royale Union Saint Gilloise könnte ein Ligaaufsteiger direkt Meister der höchsten belgischen Liga werden. Mit einem Spielerwert von 44 Millionen Euro liegt man weit hinter den Ligagrößen Brügge (160), Genk (113) und Anderlecht (88) zurück und dennoch hat sich die Mannschaft in einen Rausch gespielt und lange Zeit alles mit scheinbar großer Leichtigkeit in einer unvorstellbaren Serie weggehauen. Es wäre der größte Triumph und der vermutliche Todesstoß zugleich, denn die Mannschaft dürfte danach vor dem Komplettausverkauf stehen und die CL mit einem gänzlich anderen Kader bestreiten.

Aber noch ist es nicht so weit, denn in den letzten Spieltagen schlichen sich seltsame Punktverluste ein. Hier offenbart sich – neben gruppenpsychologischen Prozessen – das Gesetz der Serie. Nur relativ kurze Serien erlauben Überraschungssieger. Hätte es in der Europameisterschaft 1992 oder 2004 etwa eine siebente Runde gegeben – so die These – dann wäre nicht Dänemark oder Griechenland Europameister geworden, sondern einer der üblichen Favoriten. Irgendwann nämlich geht das Glück aus, irgendwann werden auch unkonventionelle Spielpläne durchschaut und erfolgreich gekontert. Auch Leicester wäre noch abgefangen worden, wäre die Saison länger gewesen.

Dieses Gesetz gilt natürlich auch für die Spitzenklubs und Manchester City erfährt das gerade. Trotz optimaler Leistungen haben die ersten findigen Trainer Systeme entdeckt, die erfolgreich Sand in die Maschine streuen und damit die Wahrscheinlichkeit ein klein wenig zu ihren Gunsten beeinflussen können.

Man sieht im Großen wie im Kleinen: Geschichte ist unverfügbar.

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