Bequemlichkeit und Einsamkeit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XX

Über die Bequemlichkeit und die Einsamkeit

Vergeblich sagen wir: “Ich lasse mich weder von den Tiefschlägen der Welt, noch von ihrer Anerkennung berühren! Alles ist vergänglich!“ – wenn wir in der Tiefe unserer Seele nicht spüren, daß wir unsere Pflicht der Welt gegenüber erfüllt haben. Diese Selbstanklage habe ich oft gespürt.

Es ist gar nicht so schwer, auf das zu verzichten, was die Welt an eitler Anerkennung, an Ablenkungsmöglichkeiten, an gesellschaftlicher und materieller Befriedigung gewährt, und sich von den Menschen zurückzuziehen, nur für unsere Aufgaben und für den kleinen Kreis zu leben, dessen menschlichen Dienst wir übernommen haben. Das zu tun, ist weder ganz leicht, noch ist es unmöglich: man wird an unserem Rückzug Anstoß nehmen, weil man in solch einem Verhalten eine Verachtung und Kritik der weltlichen Dinge sieht; man wird uns Sonderling heißen, aber gleichzeitig gibt es einen gewissen Respekt für die mürrischen Eremiten, und diese Achtung und Anerkennung befriedigt unsere Eitelkeit. Darüber hinaus befreien wir uns auch von vielen Unbehaglichkeiten, wenn wir uns von den Menschen zurückziehen.

Dennoch flüstert uns eine Stimme zu, daß wir uns egoistisch, bequem aufführen, wenn wir uns komplett von menschlichen Kontakten zurückziehen, und wir uns in die erhabene Einsamkeit des Einsiedlers, in die Wüste unserer Werke und Lebensweise eingehüllt umherirren. Zunächst einmal ist, nach einem Wort der Franzosen, jeder Einsiedler verdächtig, der die exakten Fahrpläne kennt – die meisten Einsiedler, die es aus Beleidigtsein und Minderwertigkeitsgefühl heraus sind, kennen genauestens die Abfahrtszeiten der Züge, die sie zurück in die Welt bringen können! – und um die meisten „großen Einsiedler“ strahlt die Aura der Eitelkeit, wie das Nordlicht, das zwar leuchtet, aber nicht wärmt und nicht erhellt.

Nun, nicht jeder hat das Recht, einsam zu sein. Nur derjenige hat ein Recht zur Einsamkeit, sich von den Menschen zurückzuziehen, nur der hat ein wahres Anrecht, der damit Volkes Sache besser dienen kann. Denn niemand hat das Recht aus Spleen, Trotz, Hochmut oder Eitelkeit einsam zu sein. Wenn aber unser Temperament und die Natur unserer Arbeit, mit denen wir den Menschen dienen wollen, derart sind, daß dafür die Einsamkeit von Nöten ist, dann, und nur dann, ist es uns erlaubt, die Gesellschaft der Menschen zu meiden. Freilich, ein solcher Arbeitsmann und eine solche Arbeit sind selten, und der Mensch, der die Einsamkeit wählt, prüfe zuerst gründlich sein Gewissen.

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