Historie und Geschichte

Nehmen wir die Schildkröten, um den Gedanken plastisch zu machen.

Jeder kennt die Bilder der nächtlich aus dem Wasser steigenden Meeresschildkröten, bei Vollmond, wie sie dann in unendlichen Scharen sich den Strand hinaufarbeiten, mit ihren Flossen mühsam tiefe Löcher graben, um dann ein Ei nach dem anderen darin abzulegen, alles mit Sand bedecken, und wieder in der Anonymität der Weltmeere verschwinden.

Wochen später schlüpft dann der Nachwuchs und erneut wie auf ein geheimes Kommando kämpfen sich die kleinen, noch weichen Dinger alle zur gleichen Zeit in die Wogen – sofern sie es schaffen, denn schon auf den ersten wenigen Metern lauert der Tod in Form von Räubern, die auch wissen, wie man eine innere Uhr stellt. Im schalen Wasser warten schon die nächsten Freßfeinde und wenn eines der Tiere, eines von hundert vielleicht, Jahre später wieder an diesem Strand, am gleichen Tag, wieder bei Vollmond anlandet, dann ist es viel, dann hat die Natur ihr Wunder getan, dann ist die Art über eine weitere Generation gerettet – und so lief es seit Jahrmillionen.

Das ist die Geschichte der Meeresschildkröten. Aber es ist nicht ihre Historie (Vergangenheit). Die ist viel umfänglicher, denn sie besteht aus der Summe der unendlich zahlreichen Einzelschicksale aller je geborenen und vielleicht sogar der ungeborenen, der nicht geschlüpften, Schildkröten. Aber wie wir gesehen haben, sind es nur die wenigsten davon, die die Geschichte der Spezies weiter „schreiben“ oder weiter graben. Auch Schildkröten sind – wie Foucault schrieb – nur  „wie Gesichter im Sand am Meeresstrand“. Die Geschichte umfaßt jene, die sich fortpflanzen, die das genetische und das historische, durch Erfahrung gesammelte Material tradieren können; sie machen nur einen Bruchteil der Historie der Schildkröten aus.

Das Prinzip lautet Verschwendung.

So ist es auch mit dem Geistesleben der Menschen. Millionen arbeiten daran, Arbeiter im Weinberg, aber nur wenige werden auserwählt. Diese kämpfen um die Auserwähltheit durch Kulturtechniken wie die Schrift oder den Pyramidenbau. Der Volksmund sagt: Wer schreibt, bleibt. Das stimmt, aber nur zum Teil, denn wer schreibt, bleibt nur ein wenig länger und wer sich eine Pyramide bauen ließ, noch länger.

Und je mehr Leute schreiben, umso weniger bleiben.

Das hat zum einen mit der Verhältnismäßigkeit zu tun, dem Untergehen in der Masse, aber auch mit der allgemeinen Akzeleration, die das Signum der menschlichen Geschichte ist und das Kriterium, worin diese sich von den natürlichen Geschichten unterscheidet, denn die Natur kennt das nicht oder doch nur extrem verlangsamt, wenn wir etwa an die Kreisbahnen der Planten, die wohl zyklische Geschichte des Universums oder an den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik denken.

Zum anderen hat es mit den Medien zu tun, also dem, worauf die Menschen schreiben. Paradoxerweise vertrauen wir unsere Texte, je wichtiger wir sie nehmen, tendenziell umso zweifelhafteren Medien an. Auf Ton- und Steintafeln wurden noch Gesetzestexte und frühe Steuererklärungen geritzt, Holzpfähle enthielten Gottesanbetungen, auf Palmblättern überlieferten sich die Lehren des Buddha, noch heute findet man in den Wüsten antikes philosophisches Denkgut oder frühchristliche Häresien, auf Pergament sind uns unglaublich schöne und bunte Gottes-Venerationen des Mittelalters überliefert und gutes Papier kann auch mal 200 Jahre halten. Jeder Buchfreund kennt den leidigen Papierzerfall durch interne Säurebestandteile. Am kürzesten – bisher – überleben Texte auf elektronischen Speichermedien. Schon sind die Bänder und Disketten entmagnetisiert, auch verschwinden die CDs oder ihre Abspielmöglichkeiten, und bald ist alles Denken in die Cloud aufgestiegen, wo es per Knopfdruck gelöscht werden kann – und irgendwann wird – und sei es die Realität des Stromausfalls.

Aber Verschwendung findet auch auf anderer Ebene statt. Selbst wenn wir in der Lage wären, das Wertvolle vom Wust zu trennen, und dies auch noch dauerhaft konservieren könnten, so würde uns das Meiste dennoch entgehen. Es fehlt uns nämlich schlicht und einfach die Zeit und zunehmend auch die geistigen Fakultäten, das, was bereits Geistesgeschichte ist oder hätte sein können und sollen, überhaupt noch zu verarbeiten.

Bahnbrechendes Gedankengut wie – ich bleibe der Einfachheit halber nur im Deutschen – Husserls Schriften oder Diltheys Denken, wie Plessners Einblicke in den Menschen, wie Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ oder Nikolai Hartmann, Scheler, Klages, Simmel und sogar Heidegger ist verschütt gegangen, kaum rezipiert, noch weniger begriffen worden.

Geblieben sind ein paar schnelle Signalwörter und eine radikale Widerlegung oder Fortentwicklung und schon rast der Zug weiter und hat diese geschichtsträchtigen Denker – der Prozeß findet übrigens in allen Bereichen statt –, anstatt sie in die Geschichte zu heben zurück in die Historie degradiert. Geschichtlich sind nur ihre Namen, ihr Werk blieb wesentlich historisch, von einigen wenigen Freaks noch studiert – es ist kein Zufall, daß man noch immer an den Werkausgaben von Husserl, Dilthey oder Heidegger arbeitet – und wie in Geheimsekten diskutiert, aber längst nicht mehr gesellschaftlich relevant.

Vieles also bleibt unbeachtet, weil man einen Denker nicht zu Ende liest oder nur noch die Bestätigung bereist gefaßter Urteile und Meinungen sucht – Husserl und Heidegger ist dies widerfahren –, oder über biographische Hürden, „Verfehlungen“, Enthüllungen nicht hinwegkommt, anderes, weil man sich vor vollendeten Lektüren schon einer Gegenströmung oder eine „Weiterentwicklung“, einer Radikalisierung angeschlossen hat, und noch anderes, weil es dem Autor nicht gelungen war, den Mainstream zu entern, den populären Verlag oder den massenmedialen Fürsprecher zu finden, und das Allermeiste, weil es in Trash und Müll ganz einfach versinkt. So gehen wertvolle Ressourcen verloren, so agieren wir immer nur „auf dem vordersten Posten des eigenen Wissens, auf jener Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwissen trennt“ (Deleuze) – von den intrinsischen Ursachen ganz zu schweigen.

Sicher, einige schaffen es in die Geschichtsbücher, aber nahezu immer nur als Karikatur – Marx etwa oder zuletzt eher hektisch Derrida oder Deleuze  … aber dann kommen die Afterphilosophen, ziehen daraus Schlußfolgerungen – meist falsche –, radikalisieren das Ganze und versenken es auf diese Weise in der Historie.

Aus all dem kann man – wie immer – (mindestens) zwei Schlußfolgerungen ziehen: Es lohnt nicht, sich dem entgegen zu stellen, wir müssen alle mitschwimmen und weiter vorantreiben, es bleibt uns gar keine Zeit der Besinnung, so drängend sind die Probleme oder: Nehmen wir uns die Zeit und heben diese ungehobenen Schätze – von denen wir, im Gegensatz zum ewigen Strom des Neuen, wissen, daß es welche sind! –, widmen wir uns der „verstehenden Aneignung“, wie Heidegger das sich-Vertiefen nannte, verlangsamen wir dadurch selbst den Prozeß, anstatt der nimmer endenden Aktualität hinterher zu hecheln, die qualitativ weit unter diesen Denkgebäuden agiert und morgen schon vergessen sein wird, denn sie ist selbst nur – konstitutiv – Historie.

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