Ungarn vor der Wahl

In zwei Wochen wählen die Ungarn ein neues Parlament. Der Krieg zwischen Rußland und der Ukraine könnte auch über den Ausgang dieser Wahl entscheiden. Denn die politischen Gegner verhalten sich ganz unterschiedlich dazu, „der Wähler“ goutiert aber nur eine Position. Das wurde während der Demonstrationen zum Nationalfeiertag am 15. März überdeutlich und das bestätigen ganz überwältigend auch Meinungsumfragen.

Neben Boris Johnson, dem der Krieg vermutlich seine Haut gerettet hat, dürfte auch Viktor Orbán davon profitieren. Die Prognosen für den Wahlausgang standen Spitz auf Knopf, die Sechsparteienkoalition schien zuletzt ein ernsthafter Gegner zu werden. Selbst Péter Márki-Zays, des Oppositionsführers, rhetorische Fettnäpfchen der Wählerbeschimpfung oder leicht antisemitischer Untertöne konnten ihm wenig schaden, aber die von ihm propagierte Nähe zur EU in der Frage des Krieges und damit die potentielle Einmischung wird von den meisten Ungarn vehement abgelehnt.

Orbán wußte das in seiner Rede vor mehreren hunderttausend Anhängern geschickt auszunutzen. Zwar fanden seine Lieblingsthemen wie die Migration oder die klassischen Geschlechterrollen Erwähnung, aber diesmal lag der Schwerpunkt seines Vortrages auf dem Krieg. Daß er Putin nicht als Aggressor benannt hatte, wurde ihm umgehend von der Opposition angekreidet und auch seine bisherige Rußlandnähe oder das Beharren auf dem Ausbau des Atomkraftwerkes in Paks mit russischer Technik findet immer wieder Erwähnung, was das Volk aber im Moment am meisten interessiert, ist die Frage der Stellung zum Krieg. Orbán wird nicht müde, immer wieder zu betonen, daß er Ungarn konsequent heraushalten will und das heißt: keine ungarischen Soldaten, keine ungarischen Waffen an eine der Konfliktparteien und auch keine Transitwege für militärisches Gerät oder Besatzung. Damit tritt er historisch in die Fußstapfen Miklós Horthys, der freilich vergeblich versucht hatte, Ungarn aus dem Weltkrieg weitestgehend heraus- und die Deutschen auf Distanz zu halten, ohne sie zu vergraulen. Die Strategie scheiterte letztlich, führte zur Deportation von fünfhunderttausend ungarischen Juden, zur Zerstörung Budapests, zur Besetzung durch die Sowjetunion.

Dennoch, das exakt wollen die Ungarn hören: „Ebben a háborúban mi semmit se nyerhetünk, de mindent elveszíthetünk. Ebből a háborúból ki kell maradnunk!“ – „Wir können in diesem Krieg nichts gewinnen, aber wir können alles verlieren. Wir müssen uns aus diesem Krieg heraushalten!“  So sieht es auch das Volk: vom Krieg im Nachbarland will es unbehelligt bleiben. Gäbe man EU und NATO nach, so die Überlegung, dann könnte man schnell zum Ziel werden, einer Eskalation nicht ausweichen. Das sei umso bedenklicher, als in der Ukraine noch immer hunderttausend ethnische Ungarn leben[1], für die man sich verantwortlich fühlt, die geschützt werden müssen.

Wer sich also heraushalten wolle – so Orbáns Argument während seiner Rede –, der dürfe erstens nicht auf Anfänger und politische Dilettanten setzen, sondern solle seiner Erfahrung vertrauen, und der muß auch in dieser Frage die eigenen konkreten nationalen Interessen vertreten und nicht die abstrakten europäischen. Die Mehrheit der Ungarn folgt ihm in diesem Punkt, der Friedenswille könnte die Aversion gegen Korruption und habituelle Entfremdung von Europa überstimmen und dem Fidesz weitere vier Regierungsjahre bescheren. Ob eine solch lange ununterbrochene Regierungszeit einer fest eingesessenen Clique von Vorteil ist, darüber können die Deutschen und die Russen ihre eigenen Geschichten erzählen.

Derweil ist die Hilfe an der Grenze ungebrochen, auch wenn deutsche Medien immer wieder versuchen, sie schlechtzureden, von vermeintlichen Schikanen berichten oder an der Frage, warum die Ungarn jetzt zur Aufnahme der Flüchtlinge bereit seien, syrische und afrikanische Migranten aber ablehnten, kognitiv immer wieder scheitern. Dabei ist nichts natürlicher als dies: es handelt sich um genuine Flüchtlinge und nicht um Migranten, die Gesetzeslage ist eindeutig; diese Menschen wollen sich nicht im Westen einnisten, sondern suchen Schutz vor unmittelbarer Gefahr; es sind Frauen und Kinder und nicht junge Männer; sie entstammen einem Nachbarland und haben keine sicheren Drittstaaten durchquert; sie sind selbst oft ethnische Ungarn oder aber entstammen einer nahen und verwandten Kultur, die Werte, Glaube, Habitus, Mentalität, Lebensweise und eine gemeinsame Geschichte teilt. Wer das nicht begreifen kann, lebt offenbar in einer abstrakten Begriffswelt, die nur noch „Menschen“ kennt und nicht mehr in der Lage ist, zu differenzieren.

Auch auf der lokalen Ebene ist eine gewisse Geschäftigkeit nicht zu übersehen. Unser Städtchen etwa gehörte zu jenen Überraschungen, in denen der Fidesz vor zweieinhalb Jahren seine Vormacht zugunsten einer Oppositionskoalition abgeben mußte. Das waren Warnsignale. Es ist sicher kein Zufall, daß die Kleinstadt nun den in den 50er Jahren verlorenen Kreisstadtstatus per Parlamentsbeschluß zurückbekam, eine ideelle Aufwertung, die sich aber auch bald finanziell bemerkbar machen wird. Stolz präsentierte der örtliche Fidesz-Abgeordnete, der unterdessen in Budapest zum parlamentarischen Staatssekretär der neuen Staatspräsidentin avanciert war und nun besonders oft im Lokalfernsehen beim Zerschneiden von Einweihungsschnüren oder Übergeben von Urkunden zu sehen ist, das Ergebnis und signalisierte damit allen Wählern: nur mit dem Fidesz kommt man voran. Der alternativen Bürgermeisterin, die von der Entscheidung lange gar nichts wußte, bleibt nur das gequälte Lächeln und der Versuch, die Aufwertung der eigenen politischen Arbeit zuzuschreiben.

Was hier im Kleinen geschieht, kann man auch im Großen beobachten. So stoppte die Orbán-Regierung die Preisexplosion bei Sprit und einigen Grundnahrungsmitteln durch einen Preisdeckel, der in erster Linie die geringverdienenden und die Familien in schwierigen Zeiten entlasten soll. Orbán jedenfalls scheint zwei Wochen vor der Wahl wieder Aufwind zu bekommen. Ob es reicht, bleibt dennoch spannend. Die allgemeine Politikresignation ist an der Basis mit Händen zu fassen. Viele können Orbán nicht mehr sehen, finden aber keine andere Wahl, andere wiederum wandern zu Randparteien wie der erznationalistischen „Mi Házank“ oder der satirischen „Hundepartei“ ab und entziehen ihre Stimme damit beiden Hauptkontrahenten oder verweigern sich komplett.

Die meisten Ungarn  stehen vor schweren Entscheidungen: sie sind einerseits pro-europäisch und sehen Orbáns Konfrontationskurs mit Skepsis, sie verabscheuen die allgegenwärtige Korruption und Propaganda auf allen Ebenen, wollen andererseits aber weder in den Krieg hineingezogen werden noch befürworten sie offene Grenzen für Migration oder die Auflösung des traditionellen Familienbildes durch die Opposition.

So könnte das Verhalten zum Krieg in der Ukraine das Zünglein an der Waage werden. Aber auch für Ungarn gilt: die Gesellschaft ist gespalten und Wählergunst kann von heute auf morgen umschlagen.

siehe auch: Pál Telekis historische Tat

Eine Ohrfeige für Orbán

[1] 2001 waren es 150000.

5 Gedanken zu “Ungarn vor der Wahl

  1. Zorn Dieter schreibt:

    Viele Fragen nun: Ist das der Beginn des dritten Weltkriegs? Die Antwort ist wohl, dass er längst begonnen hat. Wir haben es nur nicht gemerkt. Er wird zwar jetzt in der Ukraine als klassischer Stellvertreterkrieg geführt, weist jedoch darüber hinaus. Es ist ein Wirtschaftskrieg mit der neuen Atombombe „Wirtschafts-Sanktionen & Finanzielle Vernichtung“ zwischen dem Westen und Russland.

    Die neue Taktik des Westens (der NATO & EU) bestünde dann in der klassischen Einkreisung, dem militärischen Gegenschlag Russlands und dem Zünden der Finanziellen Atombombe durch den Westen.-

    Da das Muster den Geostrategen beider Seiten natürlich bekannt ist, ist es interessant zu sehen, wie Russland beide Schläge parieren will? Dass der Krieg um die Ukraine von langer Hand geplant war, ist bei diesen Implikationen doch klar. –

    Militärisch muss Russland den Gegner schneller an den Verhandlungstisch zwingen, als der Westen durch Waffenlieferungen den Krieg verlängern kann. Um ein zweites / drittes Afghanistan zu vermeiden. Um den finanziellen Kollpas zu vermeiden, muss Russland vorher sein Vermögen in sichere Häfen gebracht haben, was passiert ist, und weitere Partner haben, die es finanziell unterstützen.-

    Zu letzterem gibt es diverse Bemühungen vom alternativen SWIFT System der BRIC Staaten bis zur Russisch / Chinesischen -Kooperationen, den Dollar im Rohstoffgeschäft als alleinige Leitwährung abzulösen. Nicht zuletzt ist auch die Neue Seidenstrasse ein polit-ökonomisches Projekt, um die weltpolitische Dominanz der USA zu brechen und zu einer multipolaren Welt zu kommen. Diese Vorhaben werden nun durch den Ukraine-Konflikt beschleunigt. –

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    Wenn man einmal die mediale Blase und die im Reichstag versammelten Politiker Deutschlands ausser acht lässt, also den politmedialen Überbau, und in die Bevölkerung hineinhorcht, gibt es auch hierzulande einen Grundton, der ziemlich unaufgeregt ist und im Kern lautet: Auf keinen Fall sollten wir uns in einen Krieg hineinziehen lassen. Egal wer angefangen hat oder wer sich nur verteidigt. –

    Die meisten Menschen haben gesunde Reflexe, wenn es um Krieg geht. Und sie misstrauen fast alle dieser politmedialen Blase in Berlin, wenn sie nicht mit einem „Virus“ geängstigt werden. Die meisten würden denen doch nicht einmal zutrauen mit dem täglichen Leben fertig zu werden, schon garnicht mit Größerem. –

    Das ist der Unterschied zwischen dem Virus und dem Krieg: Ersteres ist eine imaginierte Bedrohung im Promillebereich, die der politmedialen Komplex mit seiner medialen Feuerkraft und seinen „Experten“ natürlich zu einer „Pandemie“ aufblasen kann. Letzteres ist eine reale Bedrohung, die man nach den Befürchtungen & Erfahrungen der Meisten, dem Komplex nicht überlassen kann. Dazu reicht die Urteilskraft der Bürger hierzulande und in Ungarn. Allerdings in Polen nicht? Warum?

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Die Polen sind bekannt für ihren (nicht nur verbalen) Heroismus in der Geschichte auch in aussichtsloser Lage.

      Die Polen sind viel weniger dechristianisiert als die Deutschen oder Ungarn, haben also Heilsgewissheit und fühlen sich wohl in einer missionarischen Position, besonders an der Kulturgrenze katholisch/orthodox. Jenseits dieser hat man dagegen wohl wenig Lust, sich einen falschen Dmitri unterjubeln zu lassen. Katholischer polnischer Universalismus oder säkularisierter One-world-Universalismus deutscher Geschwätzeliten dürften sich im selbstgewissen Glauben an das eigene Weltverbesserungsmandat und in der begleitenden Verkennung tatsächlicher Machtverhältnisse und ihrer Persistenz wenig unterscheiden.

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      • Es ist tatsächlich interessant, die vollkommen unterschiedlichen Herangehensweisen zu betrachten. Während Polen scheinbar alles dafür tut, um in den Konflikt mit Rußland hineingezogen zu werden, versuchen die Ungarn das Gegenteil, obgleich beide ähnliche Grenzsituationen und auch Erfahrungen mit russischer/sowjetischer Besetzung haben. Aber „der Russe“ ist den Ungarn kein Erzfeind, wohl auch weil es den Haß der kleinen Differenz nicht gibt. Wir hatten bei Márai ja gesehen, wie er die Russen in ihrer Roheit verachtete, aber da ging es um kulturelle Differenzen zwischen zwei Völkern, die sich fremd gegenüber standen.Das war kein Haß, sondern eher eine instinktive Aversion. In den Polen hingegen schmerzt die Wunde des jahrhundertelangen blutigen Existenzkampfes mit dem ungeheuren Nachbarn. Daher jetzt der Drang, ihn endgültig zu vernichten.

        Auch empfinden sich die Ungarn als apartes Volk, keinem der großen Stämme zugehörig.

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        • Pérégrinateur schreibt:

          Die Reaktion besonders auch der Tschechen auf die Ereignisse würde mich interessieren. Wenn der rezente Woke-Einfluss in der stets etwas blauäugigen Jugend daran noch nicht allzuviel geändert haben sollte, könnten auch diese gebrannten Kinder der „Solidarität der Demokratien“ eine an den Wünschen der Missionare gemessen recht geringe Neigung zum Heroismus zeigen.

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