Spritpreis-Explosion

„Tatsächlich wird es ohne einen fundamentalen Bewußtseinswandel nicht zu machen sein. Dieser muß letztlich zur Bereitschaft führen – die mit Überzeugung nicht zu erlangen ist, sondern die verinnerlicht werden müßte – seinen materiellen Grundumsatz um mindestens eine Zehnerpotenz zu verringern um dadurch an die eigenen Glücksreserven, in ‚der inneren Mitte‘, zu gelangen.“ (Bahro)

Die Tatsache, daß man auch gegen seine Interessen handeln kann, wenn man sie vertritt, wird durch die exorbitanten Spritpreise wunderbar illustriert. Man muß nur in der Lage sein, von seinen unmittelbaren individuellen Interessen zu abstrahieren.

Selbstverständlich stöhnt jeder Autofahrer auf – und umso mehr jeder Inhaber eines Fuhrparkes -, wenn er nun mit Benzinpreisen weit über die zwei Euro konfrontiert ist. Sein unmittelbares Interesse sagt ihm: das muß zurückgenommen werden und er wird sich in großer Zahl bald jenen Parteien anschließen, die ihm das versprechen. Es ist ja mit dem Treibstoff nicht getan. Schließlich hängt in unserer globalen Welt alles mit ihm zusammen und folglich wird auch so gut wie alles teurer werden. Am Ende steht ein Verlust an materieller Lebensqualität durch Quantität.

Ein Bekannter postete dieser Tage ein Bild, ein sogenanntes Selfie. Darauf sieht man ihn – den frühzeitig pensionierten Beamten, der gut und gerne noch zehn, fünfzehn Jahre Arbeit und Beschäftigung in sich hat, nun aber nach 40 Arbeitsjahren noch einmal 40 Genußjahre anstrebt – darauf sieht man ihn also am Flughafen stehen mit der Frage: „Wohin geht meine nächste Reise?“ Ob es sich um eine Art Reiseziellotterie handelt oder eine selbstgewählte Beliebigkeit, kann ich nicht sagen. Die Perversität des Reisens aus Langeweile und innerer Leere wird dennoch sichtbar. In zwei, drei Monaten steht die nächste Lustfahrt an – das Rentenbudget und die Dumpingpreise lassen diese Dekadenz auf niedriger Stufe offenbar zu. Alle Reisen produzieren „schöne Bilder“, aber nie ein wirkliches Verstehen des Anderen und Fremden, es geht um Unterhaltung und um Entspannung von der existentiellen Spannungslosigkeit. Die Entfremdung vom eigenen Leben und der unmittelbaren Umgebung entäußert sich als kurzes und folgenloses Eindringen in andere Sphären.

Folgenlos natürlich nur für diese Person. In der Summe dieses Verhaltens entstehen – wie wir alle wissen – enorme Schäden. Nicht nur ökologische, sondern auch psychologische, sozialpsychologische, soziale. Denn selbst, wenn es die durch menschliches Verhalten verursachte Klimaerwärmung oder die tausend anderen sogenannten Umweltprobleme, die in ihrer Komplexität unlösbar sind, nicht gäbe, so wäre unser Konsumverhalten noch immer kritisierbar und falsch. Zwar garantiert es uns im Westen ein sicheres und bequemes Leben, aber es hat auch zu einem weitflächig sinnleeren Dasein und der Auflösung vieler Ordnungssysteme geführt, voller absurder und perverser – gemessen am natürlichen Sein, an dem, „was immer gilt“[1] – Erscheinungen.

Die Ursachen dafür sind natürlich äußerst komplex und wohl auch kaum im Ganzen zu überschauen, aber eine sehr tief reichende ist ohne Zweifel die relativ freie Verfügbarkeit von Energie und diese wiederum basiert auf der Zähmung und Energieumwandlung des Feuers (Dampfmaschine, Dampfturbine)  und der Explosion (Verbrennungsmotor) durch Technik, was ohne Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe nicht machbar gewesen wäre. Am Grunde unserer Zivilisation liegt der „unterirdische Wald“[2], der unterirdische See, die unterirdische Blase, ihr Fundament sind rein materiell gesehen die fossilen Energieträger.

Sie haben nicht nur die Umweltkatastrophen möglich gemacht, sondern auch das entgrenzte Leben, den entgrenzten Konsum mit all seinen Perversitäten und Absurditäten. Diese würden sofort verschwinden, würde der Energiestrom versiegen – man könnte keine Bitcoins mehr schürfen, keine instantanen Börsentransaktionen machen, kein Geld aus dem Nichts schöpfen, keinen Plastikmüll herstellen, es gäbe keine virtuelle Kommunikation, kaum noch „entfremdete Arbeit“ – Marx, der Materialist, hatte in der Definition der Geschichte als Klassenkampf den Energiefaktor stark unterschätzt –, keine Überbevölkerung, keine Fischtrawler, keine Panzer, keine elektrischen Sackrasierer, kein McDonalds oder Sprite, kein Diabetes 2, keine Pandemie, keine allgegenwärtige Pornographie, kein Gendern, keine Dekonstruktion und auch keine sinnentleerten Nahostreisen. Die kalte Gesellschaft wird fossil geheizt.

Fast alles Schöne, Bequeme, Verführerische, das das “Leben lebenswert machende“, das zerstörerisch ist und Leben in exterministischen Maßstäben vernichtet, wäre undenkbar – mit anderen Worten: der Überfluß.

Das Falsche des modernen Lebens hängt an der Verbrennung. Jeder will sein kleines Glück verteidigen, sein Häuschen, sein Auto, sein Steak oder seine Sommerreise. Das alles tut uns scheinbar gut und schadet uns doch im Großen und Ganzen und oftmals bringt es uns in unserer menschlichen Entwicklung nicht weiter. Unsere kurzfristigen Interessen widersprechen wesentlich unseren langfristigen – als Individuen, als Gesellschaft, als Spezies. Selbst der Satz „Gott ist tot“ kann nur auf dem Kohleflöz nachhaltig klingen und geschichtsmächtig werden. Die Entfesselung der energetischen Kräfte hängt unmittelbar mit der Erschlaffung der geistig-seelischen Kräfte zusammen. Oder mit Bahro gefragt: Glaubt jemand, daß das geistige Leben der Goethezeit[3] weniger substantiell gewesen wäre, weniger volle Menschen hervorbringen konnte, als unsere?

Wenn uns jetzt Spritpreise schockieren und Pläne platzen lassen, dann sollten wir an diesen Widerspruch denken. Der Gedanke, der Wandel ließe sich durch einen Bewußtseinswandel erreichen, hat sich als illusorisch erwiesen – vielleicht bedarf es wirklich der ökonomischen Zwänge.

[1] „Das konservative Denken bliebe sinnlos, wenn gelänge, wovon kurioserweise auch Konservative träumen: daß nämlich endlich eine Energieform gefunden würde, die nicht endlich, sondern unbegrenzt zur Verfügung stünde. Dann gäbe es von dieser Seite her keinen zwangsläufigen Rückschwung des Pendels mehr, dann wäre es möglich, unbegrenzt zuzukleistern und zurechtzurücken, was der nicht-erzogene, der totalemanzipierte, der kindischgebliebene, der unangestrengte Mensch Tag für Tag auf Kosten der Allgemeinheit verbockt. Das ,Leben aus dem, was immer gilt‘ wäre ersetzt und entwürdigt zugleich durch ein ,Leben aus dem, was unbegrenzt sprudelt‘. Keine Kulturkritik, kein Verweis auf anthropologische Konstanten, auf die Häßlichkeit der Dekadenz und auf die Verpflichtung aus einer großen Geschichte wäre imstande, den Menschen von seiner endgültigen Verhausschweinung abzuhalten.“ Und: „Die Totalemanzipation des Einzelnen, das heißt seine Befreiung aus den allermeisten Zwängen, die das Leben auf ihn ausüben könnten. Hängt unmittelbar mit der Verfügbarkeit billigster Energie zusammen.“ (Götz Kubitschek: Wir Unbeholfenen. In: Die Spurbreite des schmalen Grates. Schnellroda 2016. S. 231f. und 227)
[2] Rolf Peter Sieferle: Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution.
[3] Oder das Zeitalter Nietzsches oder die 20er Jahre, die ein letzter Höhepunkt vor allem der deutschen Kultur waren?

siehe auch: Apokalyps mich

Geschichte als Experiment

Warum ich kein Vegetarier bin

4 Gedanken zu “Spritpreis-Explosion

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Den energetischen Erntefaktor zu betrachten, ist in der Tat sehr wichtig. Jedoch sollte man auch mit beachten, wie sich, um in derselben Metapher zu bleiben, die Erntefläche gleichzeitig entwickelt, das heißt die Menge verfügbarer Ressourcen, von denen dann durchaus vielleicht mehr und mehr für die Förderung usw. abgehen kann, das könnte, je nachdem, den anderen Verlust kompensieren. Die direkte Parallelisierung der langfristigen Wirtschafts- und Verschuldungsdynamik mit der Entwicklung des bloßen Energiesektors ist zudem wohl etwas naiv. Mir scheint, Thomas Hoof (und übrigens auch Sieferle) denkt metaphorisch gesagt etwas zu physiokratisch, wobei er die exklusiv wertschöpfende Rolle des von den Physiokraten so angesehenen Landwirtschafts- auf den (fossilen) Energiesektor überträgt. Da bräuchte es schon eine wirkliche volks- oder weltwirtschaftliche Gesamtrechnung und nicht die exklusive Fokussierung auf einen Sektor als vorgeblich einzigen Schlüssel säkularer Entwicklungen. Dass man irgendwann an eine harte Grenze der fossilen Energienutzung stoßen wird, wollte ich im Gegensatz zu viele Gläubigen an eine noch unerahnte künftige rechtzeitige Substitution allerdings nicht bezweifeln.

    Die schuldenfinanzierte Ausweitung des Sozialstaates und der anderen Staatstätigkeit scheint mir in stärkerem Maße als von Energiesektorproblemen von demographischen Faktoren (relativer Rückgang des Anteils der ökonomisch aktiven Bevölkerung mit wachsendem Unterhaltsanspruch der passiven) und von politischen Faktoren (Wählerbestechung; Verfall der zu produktiver Arbeit qualifizierenden Bildung; gebratene Staatshähnchen, um unnütz studierten, aber wortmächtigen Emanzipations- und Geschwätzwissenschaftsschreiern damit das Maul zu stopfen; immer mehr Vertuschung des politökonomischen Pfuschs der Staats-„Elite“ durch Schuldenaufnahme) getrieben zu sein. An der Bache Staat wollen immer mehr Ferkel suckeln und sie grunzt dabei ja auch voller Behagen und wünscht sich ihren Koben möglichst groß.

    Gefällt mir

  2. Zorn Dieter schreibt:

    Danke an Pérégrinateur. Besser und kürzer kann man die richtige Antwort nicht formulieren. Im Gegensatz zu vielen Völkern haben wir Deutschen einen Hang zum Moralisieren und zur Verneinung der Lebenslust. Selbst wenn Deutschland beschließen würde, auf diesem verrückten Weg der Selbstkasteiung, der Energiewende heißt, weiterzumachen, würde das den Planeten keinen Millimeter mehr schonen. Die 9 Mrd „Anderen“ wollen leben wie wir. Und es gibt eine Energieform, die das möglich macht. Und die Natur schont. Pause. Langes Nachdenken, für die Deutschen „Reformatoren“ …….. Es ist wie alle Welt außer uns erkannt hat, die Kernenergie. Natürlich technisch weiterentwickelt. Langsam müsste es auch dem Grünsten dämmern: Verzicht ist kein Konzept mit dem man Menschen überzeugen kann. Die Verbote, oder Verteuerungen von Lebensformen, führen zwangsläufig in den autoritären Staat und die Isolation. Sieferle hat das übrigens in „Epochenwechsel“ genauso gesehen. Und, manchmal verbirgt sich dahinter auch eine subjektive Bewertung: Eine Reise zum Ballermann ist ethisch unkorrekt, aber in die Toscana zum Heilfasten das Mass aller Dinge.

    Gefällt mir

  3. Pérégrinateur schreibt:

    EIn einsamer deutscher Ritt in die Askese wäre eine Dummheit. Die verfügbaren fossilen Energien werden nach aller Erwartung genutzt werden bis zur Erschwinglichkeitsgrenze, und daran wird ein Metanoiagefuchtel der Weltmissionsnation auch nichts ändern.

    Gefällt mir

    • @ Pérégrinateur

      Ja, das sehe ich ähnlich. Thomas Hoof hatte in der Sezession 100 dazu einen sehr grundlegenden und diskussionswürdigen – d.h., ich stimme dem, was im restlichen Artikel steht, in vieler Hinsicht nicht zu – Beitrag verfaßt. Dort steht unter anderem:

      „Von 51 Millionen Einwohnern im Erwerbsalter zwischen 18 und 65 sind 44 Millionen erwerbstätig. Davon sind 27 Millionen Nettosteuerzahler, von denen wiederum zwölf Millionen direkt vom Staat alimentiert werden und demnach Steuerverbraucher sind. Folglich bleiben 15 Millionen übrig, die ihre Einkommen nicht dem Staatssäckel entnehmen, sondern Steuern tatsächlich aufbringen. Vier Millionen organisieren diesen Sektor als Unternehmer oder als Selbständige und Freiberufler. Genau diese Gruppe trifft die hygienepolitisch begründete Abrieglung der Wirtschaft. Das heißt, es gibt keinerlei staatliches Interesse mehr an einer produktiven Wirtschaft. Die Bereiche der kleinteiligen, alltagsnahen Produktion, der Dienstleistungen und des Handels werden als Marktlücke an die Internetplattformen und die Leasingketten weitergereicht. Es bewegt sich einiges aus dieser Gruppe in Richtung auf die Querdenker und eine grundsätzliche Opposition. Leider geschieht das hinter dem Rücken von Herrn Meuthen.

      Die physische Seite: Industrielle Muskelatrophie

      Der Kern der industriellen Revolution im späten 19. Jahrhundert waren der Fund und die Erschließung von leicht zugänglichen, nahe der Erdoberfläche lagernden Brennstoffen von so hoher Energiedichte, daß der Energiegewinn aus ihrer Verbrennung den Energieaufwand für ihre Förderung und Aufbereitung bei weitem überstieg. Auslöser dieser Revolution war also kein technischer Fortschritt (der folgte dann in großen Sprüngen), sondern ein ökonomisch selten glückliches Verhältnis zwischen den beiden Grundgrößen allen Wirtschaftens: Aufwand und Ertrag. 1880 förderte jeder im Untertagebau beschäftigte Ruhrbergmann im Jahresdurchschnitt 240 Tonnen Steinkohle. Deren Energiegehalt betrug fast zwei Millionen Kilowattstunden (kWh) und damit das 1300fache seines jährlichen physiologischen (1500 kWh) und das 400fache seines kulturellen Jahresenergiebedarfs (5000 kWh). Vom Gesamtertrag mußten freilich die energetischen Vorleistungen für die technische Infrastruktur zur Förderung, Aufbereitung und Verteilung bestritten werden. Sie werden 1880 in etwa mit 20 Prozent der Gesamterträge zu Buche geschlagen haben.

      1968 waren im Ruhrbergbau die Teufen (Abbautiefe) auf über 1000 Meter gewachsen, die Kapitalausstattung je Arbeitsplatz (von der Spitzhacke 1950 zum Schrämmautomaten 1980) hatte sich verzehntausendfacht, aber auch der lohnbestimmende kulturelle Jahresenergiebedarf des Bergarbeiters war auf etwa 30 000 kWh gestiegen. Anfang der 1970er Jahre war der deutsche Steinkohlebergbau nicht nur der Konkurrenz durch Erdöl und Importkohle nicht mehr gewachsen, sondern hatte wegen dieser Umstände die Grenze seiner energetischen Profitabilität überschritten. Er mußte fortan mit Fremdenergien subventioniert werden. Das ist das Muster des Verfalls, eben nicht nur der Bestände (die liegen noch reichlich unter dem Deckgebirge des nördlichen Ruhrgebiets), sondern des Mehrprodukts bei ihrer Ausbeutung. Dieses Muster wird sich bei allen fossilen Brennstoffen innerhalb der kommenden zwei Jahrzehnte ergeben.

      Technischer Fortschritt …

      Der technische Fortschritt kann daran nichts ändern, denn seine Richtung und Logik sind seit 200 Jahren fixiert: die Ersetzung temporär ermüdender, aber erneuerbarer, durch nie ermüdende, aber nichterneuerbare Energiedienstleistungen. Wir kennen nichts anderes: All die technische Leistungsfähigkeit, die dem Menschen in den vergangenen 150 Jahren zugewachsen ist, beruht darauf, über einem Feuer aus brennbaren Stoffen Wasser zu erhitzen und den entstehenden Dampf zu spannen und in Arbeit zu setzen. Auch die Hitze, die bei der Sprengung der atomaren Bindekräfte entsteht (Atomkraft), dient nur zum Wasserkochen. Die sogenannten Erneuerbaren Energien sollen Elektrizität erzeugen, entweder aus der mechanischen Energie der Luftströmungen oder photovoltaisch, indem kristalline Halbleiter durch Sonnenlicht Ladung bilden. Beide Techniken lieferten nach langer Förderung und intensivem Ausbau im Jahr 2020 vier Prozent des deutschen Primärenergieverbrauchs und sind prinzipiell zur Herstellung ihrer Apparaturen auf eine volle thermoindustrielle Infrastruktur angewiesen, die sie deshalb auch selbstverständlich nicht ersetzen können. Sie haben zudem den genetischen Nachteil aller Techniken, die auf die primäre Energiequelle Sonne und deren Ableitungen zurückgreifen, nämlich ihre Erträge nur stark fluktuierend bereitstellen zu können. Das eben war ja das prozeßlogische Motiv für die Energierevolution im 19. Jahrhundert, die Kraftflüsse so zu verstetigen, daß sie 24 / 7 / 12 arbeitsbereit anliegen. Speichertechniken, um den Kraftfluß aus »Erneuerbaren« in volkswirtschaftlichem Maß zu glätten, gibt es nicht einmal als Konzept, und es ist überdies sehr zweifelhaft, daß die »Erneuerbaren« in einer vollständigen Entropiebilanz ihres gesamten Lebenszyklus vom Bau bis zur Entsorgung überhaupt einen positiven Energiesaldo hätten.

      Im Überblick: Einhundert Jahre Industrie – ein Niedergang

      In den vergangenen siebzig Jahren gab es unter Energiegesichtspunkten vier einander schnell ablösende Zeitabschnitte:

      ▾ Die 1 : 50-Jahrzehnte (ca. 1950 bis 1970), in denen mit einem Barrel Öl 50 neue Barrel Öl gefördert, aufbereitet und bereitgestellt werden konnten. Aus dem Verhältnis 1 : 50 entsprang der Massenwohlstand der Nachkriegszeit; Arbeit und Kapital teilten sich den springflutartigen Überschuß im Verhältnis 3 : 1. Schulden spielten nur zu Beginn als Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkriegs eine Rolle.

      ▾ Die 1 : 18-Jahrzehnte (ca. 1970 bis 1990), in denen mit einem Barrel Öl 18 neue Barrel Öl gefördert, aufbereitet und bereitgestellt werden konnten. Das verengte Verhältnis schmälerte die Verteilungsspielräume zu Lasten beider Seiten, Arbeit und Kapital. Die Staaten machten sich als Lückenbüßer bereit und sprangen mit steigenden Staatsschulden in die Wohlstandsbresche; die Finanz- und die privaten Akteure folgten. Die nachfolgende Grafik zeigt die in den 1980er Jahren abhebende Schuldenkurve (globale Schulden von Staaten, Körperschaften, Banken, Nichtbanken und Privaten). In dieser Periode: 1970: fünf Billionen, 1980: neun Billionen, 1990: 28 Billionen.

      ▾ Die 1 : 10-Jahrzehnte (ca. 1990 bis 2010), in denen mit einem Barrel Öl nur noch zehn neue Barrel Öl gefördert, aufbereitet und bereitgestellt werden konnten. Der weiter geschrumpfte Überschuß wurde schmerzlich. Der Wohlstand schmolz real. Die Schuldenmassen wuchsen kompensatorisch. Weltschuldenverlauf: 1990: 28 Billionen, 2000: 61 Billionen, 2010: 170 Billionen.

      ▾ Die 1 : 5‑Jahrzehnte (ca. 2010 bis 2025 / 2030), in denen mit einem Barrel Öl nur noch fünf neue Barrel Öl gefördert, aufbereitet und bereitgestellt werden können. Die weiter gestiegenen Schuldenvolumina haben einen Finanzsektor aufgeblasen, der die Realwirtschaft inzwischen um das Fünffache überwachsen hat. Die Finanzökonomie simuliert mathematisch, was in der physischen Wirtschaft mangels eines Energieüberschusses nicht mehr realisiert werden kann: Wertschöpfung. Weltschuldenverlauf: 2010: 170 Billionen, 2020: 258 Billionen.

      Es wird nun eingeläutet: Das 2 : 1‑Jahrzehnt (202x bis 203x), in dem zwei Barrel Öl nötig sind, um ein Barrel Öl zu fördern, aufzubereiten und bereitzustellen. Die Periode ist logischerweise nur sehr kurz, wenn sie sich auch tatsächlich über etliche Jahre erstrecken wird, weil die hier skizzierten Wirkungen des Ertragsgesetzes je nach Energierohstoff und Fördergebiet mit Zeitversatz einschlagen. Die Erdgasvorkommen werden nach Wegfall des Erdöls sehr schnell verbraucht. Die Erneuerbaren Energien spielen keine Rolle oder nur eine lokale in verfallenden industriellen Großstrukturen. Für den Umstieg von einer thermoindustriellen auf eine elektroindustrielle Gesellschaft (mit Kernkraft als zentraler Quelle) fehlen sowohl die Zeit als auch die Energieüberschüsse. Der Preis des Barrels Öl wird schließlich gegen unendlich gehen, trotzdem wird niemand mehr fördern, womit dann auch erwiesen wäre, daß keineswegs alles eine »Frage des Preises«, sondern letztlich alles eine Frage der Energie ist.

      Die kleine Skizze macht deutlich: Die wirklichen Verluste finden nicht in den Bilanzen statt und können deshalb auch mit weiteren Phantastilliarden nicht ausgeglichen werden. Sie geschehen in der Welt der wirklichen Wirtschaft, wo nicht die Mathematik regiert, sondern die Physik. Geld läßt sich drucken oder noch unkörperlicher durch eine Buchung schaffen. Energie nicht. Energie im Überschuß noch viel weniger. Und »Wirtschaften« ist niemals etwas anderes als ein Energiemanagement mit dem Ziel eines Energieüberschusses. Alles andere ist nur eine Simulation.“

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..