Mein Kriegstagebuch V

Entgrenzung: Sollte dieser Krieg sich weiterhin als Entgrenzungsphänomen entpuppen, dann ist vielleicht auch die komplette Schleifung der russischen Bastion denkbar – zu welchen Kosten und mit welchen Folgen auch immer. Gerade weil Putin über diese enorme militärische Macht verfügt, wird seine Vernichtung wahrscheinlicher, je mehr Schreckensnachrichten die Welt erreichen. Der Angriff auf den Atommeiler Saporischschja hat der Welt nun vor Augen geführt, daß dieser Krieg bald unser aller Krieg werden kann – wenn seine Strahlkraft das Kampfgebiet übersteigt.

Lehrstück: Wie ein Lehrbuch blättert sich dieser Krieg vor unseren Augen auf. Wir lernen vieles ganz neu sehen und denken. Gerade eben schien sich etwa die Atomenergie als klimaneutrale Alternative neu zu empfehlen und immer mehr Anhänger zu finden, da macht die Einnahme des größten Atomkraftwerks Europas durch russische Truppen auf eine neue Gefahr aufmerksam, von der man in der Theorie natürlich wußte, deren Eintrittswahrscheinlichkeit nun durch ganz konkrete Tatsachen und Bilder evident wurde. Sie können in andere Hände fallen, sie können im Kriegsfall beschädigt oder zerstört werden, ihr Personal kann an der Bedienung gehindert werden. Neben den technischen Problemen werden Befürworter der Atomenergie in Zukunft auch diese Fragen zu klären haben.

Paria: Wir haben einen neuen Paria und wir Deutschen sollten darüber auch ein bißchen aufatmen: den Russen. Nicht mehr der Deutsche ist der Bösewicht, Prügelknabe und Sündenbock, sondern nun wird es der Russe und das ganz konkret: ein weltberühmter Dirigent wird entlassen, weil er Russe ist und sich nicht „distanziert“, ein Rennfahrer wird entlassen, weil er Russe ist, zahllose Sportler können ihre Karriere an den Nagel hängen, weil sie Russen sind … wird es bald Russen-Pogrome geben? Interessant übrigens, daß oft diejenigen, die sich immer wieder gegen Rassismus und Diskrimination stark gemacht haben, die Exklusion des Russischen aus Kultur und Sport befürworten. Dazu luzide Bettina Gruber: Unblutige Hinrichtung

Hitler: Nun sind wir also so weit: alles ist Hitler. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor „wie Hitler“ zu sein. Putin ist „Putler“, in der Ukraine sind Nazis an der Macht, Selenski ist wie Hitler, Putin ist wie Hitler, und die USA sind auch wie Hitler. Hitler ist so etwas wie „Materie“ geworden, etwas Grundlegendes und Voraussetzungsloses, etwas Divines und Diabolisches. Hitler hat den Krieg noch immer gewonnen – daran sind vor allem die Deutschen mit ihrer Geschichtsaufarbeitung schuld – und zugleich ist er der ewige Verlierer. Er ist in die Transzendenz aufgestiegen.

Männer: Präsident Selenskij verkörpert den neuen Mann. Das Überraschende: der neue Mann ist der alte Mann: hart, entschlossen, tapfer, Familie und Land verteidigend, opferbereit. Nach dem Krieg dürften ihm lukrative Angebote von Gillette winken. Während Iphones noch mit kinderbetreuenden diversen Männerehen – einer kurz-, einer langhaarig, einer hell, einer dunkel – werben, hat die Realität das Einhörnchen überholt. Nun ist in der „Zeit“ zum ersten Mal ein zaghafter Versuch erschienen, das mit Wattebällchen und CSD-Partys erkämpfte Terrain zu verteidigen. Die Autorin gesteht den Männern durchschnittlich mehr Stärke zu, aber die sei schließlich nur beim „Tragen von Umzugskartons“ relevant – der Mann als Werkzeug der emanzipierten Frau. Die Vorstellung des wehrhaften Mannes stamme „aus völkischer Ecke“. Nun sei die Frau wieder zum Schutzgut, zur „schützenswerten Gebärmaschine“ erniedrigt, „die neue Kämpfer und Gebärmaschinen zu produzieren hat“ – worüber die Mütter an der Grenze glücklich sein dürften. Die Autorin, studierte Politologin und Politikwissenschaftlern“, Verfasserin einer aufsehenerregenden Arbeit über „Feminismus“ hat bisher noch nichts Produktives geleistet. Sie fordert nun die Fluchtfreiheit auch für Männer. Sie trifft sogar einen Punkt: das Ausreiseverbot aller Männer zwischen 18 und 60 zwecks Mobilisierung und Verteidigungspflicht ist hart und ungerecht und viele hätten sicher starke Gründe, woanders zu sein. Aber Gerechtigkeit ist nun mal ein gesellschaftliches Konstrukt.

Trocken: Gab es in den letzten Jahrzehnten je eine bessere Zeit, sich zu betrinken? Und dennoch: seit einer Woche bin ich trocken, habe keinen Schlucken Alkohol zu mir genommen, obwohl ich mein abendliches Bier und die zwei Schnaps – sei es nun Rigaer Balzam, Pálinka, Unicum, Grappa, Enzian oder einer unserer selbstgemachten Heilschnäpse aus Fichtennadeln, Weißdorn, Schlehenblüten – seit Jahren liebe und zum späten Ritual nach Mitternacht gemacht habe … um den Kopf runterzudimmen. Jetzt hingegen das Gegenteil: So lange als möglich wach bleiben, aufmerksam.

Prophetie: Selenskij hatte offenbar Recht. Er hatte schon seit langem vor einem Krieg gewarnt und selbst vor der UNO das Gespenst des Einmarsches Rußlands an die Wand gemalt. Nun warnte er in eindrücklichen Worten erneut: auch das Baltikum sei bald dran, wenn man Putin nicht stoppe, und dann Polen und Moldawien und schließlich stünde Rußland irgendwann an der „Berliner Mauer“. Es ist mit diesen Prophezeiungen so eine Sache. Zum einen werden im Nachhinein die komplexen Ursachen nicht eingespeist, wird nicht zwischen unmittelbaren und langfristigen Gründen gesucht und damit auch die eigene Verantwortung ausgeblendet. Es sind daher partiell selbsterfüllende Prophezeiungen: die Offenbarung wird selbst geschichtsrelevant. Man kann das mit bestimmtem Börsengebahren vergleichen: Ein Großanleger spekuliert auf den Niedergang einer Aktie und setzt ihn damit selbst in Gang. Aber Menschen neigen dazu, anderen, denen eine Prophezeiung gelungen ist, eine höhere Kompetenz zuzuschreiben – auch hier bietet sich der Börsenvergleich an. Psychologisch ist das verständlich, logisch aber kaum haltbar. Das Wesen der modernen Prophetie liegt an der Menge der Spekulanten und der medialen Zugängigkeit. Eine Voraussage trifft letztlich immer zu, weil alle validen Möglichkeiten abgedeckt waren. Insofern wächst Selenskij keine höhere Kompetenz zu, auch nicht aus seiner moralischen Überhöhung – seine Bedenken sind damit nicht ausgeräumt.

Nähe: Warum gehen uns die Nachrichten aus der Ukraine so nah? Warum nehmen wir sie nicht ähnlich distanziert wahr, wie andere Konflikte der jüngeren Vergangenheit? Erinnern wir uns an das große Erdbeben in der Armenischen Sowjetrepublik 1988. Damals starben 25000 Menschen in einem kurzen Augenblick. In der DDR hatte das Beben eine bis dahin ungekannte Solidaritätswelle ausgelöst. Warum? Immerhin liegen 4000 km zwischen Berlin und Jerewan. An sich sind uns die Armenier fern. Aber sie waren zu diesem Zeitpunkt Sowjetbürger und damit „Brudervolk“. War die organisierte Deutsch-Sowjetische-Freundschaft auch eine lästige Pflicht, so hatte sich im Laufe der Jahrzehnte doch eine emotionale Nähe zur SU und ihren Völkern aufgebaut – die signifikant höhere Rußland-Affinität im Osten Deutschlands dürfte davon noch Überbleibsel sein. Das zeigt, wie träge völkeremotionale Beziehungen sind. Ein vergleichbares Ereignis in Peru oder in San Francisco hätte vermutlich weniger Empathie ausgelöst. Die Ukrainer – und die Russen – stehen uns aber nahe, historisch, kulturell, territorial. Ihr Leid – und ihre Schuld – gehen uns unmittelbar an.

Witz des Tages: Lauterbach will geflüchteten Ukrainern Impfangebot machen.

8 Gedanken zu “Mein Kriegstagebuch V

  1. Zorn Dieter schreibt:

    Es ist schon erstaunlich, wie in den Corona-kritischen Blogs nun die Reihen fest geschlossen werden hinter denselben Regierungen, denen viele Bürger und Blogbetreiber nur noch Schlechtes zugetraut haben. Die Politik wird insofern das „Geschenk“ des Krieges dankbar annehmen, bietet es doch die Gelegenheit die Reihen wieder fester zu schließen. –

    Hier versammeln sich nicht nur notorische Putin und Russlandhasser, die plötzlich ein Forum bekommen. Nein, hier steht tatsächlich der Westen gegen „den Krieg“. Wenn er von Russland kommt. Oder China, in Zukunft. Zynisch könnte man sagen: Krieg ist nur dem „Imperium der Guten“, das Putin als das der „Lügner“ bezeichnet, erlaubt. Dann schaut man weg und akzeptiert die medial aufbereiteten Gründe für solche Kriege, wie „Machthaber entfernen“ oder „die Demokratie bringen“. –

    Mit der Ausnahme des Jugoslawienkrieges, der ja nun offiziell seit Scholzens Rede kein europäischer Krieg mehr ist, mussten solche Kriege bisher die USA führen. Die Generation Schneeflocke würde auch da am liebsten nur zuschauen. Sie hält Krieg für ein archaisches Element, das auch dann nicht akzeptiert wird, wenn die Politik versagt. Weil es die Hedonisten in ihrem Lebensgefühl stört. Und weil sie Krieg ja garnicht führen könnten. Krieg bedeutet nämlich Tod. Und Tod ist das Letzte was man will, wenn nach dem Leben nur das Nichts wartet. Das haben die Corona-Krise und der Krieg in der Ukraine im Westen gemeinsam: Der Staat und mit ihm „die Zivilgesellschaft“ müssen mit allen Mitteln den drohenden Tod ihrer Bürger verhindern. Und deren Leben auf Deibel komm raus verlängern. Das verlangen die kreischenden Kids einfach, die auf den Fotos der vorgestrigen Demos zu sehen waren. Ob das die Wirklichkeit über Frankfurt hinaus beeindruckt?

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  2. Zorn Dieter schreibt:

    Ich schreibe hier, weil Sie, Seidwalk, antworten! Egal, wie Ihre Antwort ausfällt, sie stärkt den Diskurs. Und das ist das Wichtigste. Ich schreibe nicht um recht zu haben, sondern um dazuzulernen. – Seit ich Rentner bin, habe ich in den zehn Jahren ca 3000 Beiträge in der FAZ veröffentlicht. Was war das bis vor ungefähr vier Jahren für eine lebhafte Debatte! Fast lauter kluge Menschen. Wir lernten gegenseitig voneinander. Dann wurde das zulässige Meinungsspektrum dort, wie überall in den MSM, mit Beginn der Flüchtlingskrise radikal verengt. Wer das hautnah miterlebt hat, kann garnicht anders, er muss an ein orchestriertes Vorgehen denken. – Es gibt wenige Blogbetreiber, die wirklich am Dialog interessiert sind, die meisten wollen nur ihrer eigenen Meinung Gehör verschaffen. Schon eine leichte Abweichung, kann zum Ausschluss führen. Da sind die kleinen Blogs noch radikaler als die FAZ. Also Dank an Sie für Ihre Offenheit anderen Meinungen gegenüber.

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  3. Zorn Dieter schreibt:

    „Angriff auf den Atommeiler“? Ist das nicht zu undifferenziert? Es gab keinen Angriff auf den Atommeiler, sondern auf ein Nebengebäude. Die Russen hatten ihn schon seit drei Tagen unter Kontrolle. Warum also sollten sie ihn angreifen? Ist es nicht logischer, dass die Russen die Atommeiler im Kriegsgebiet übernehmen, um sie zu schützen? Was hätten sie denn davon, wenn einer davon in Grenznähe zu Russland gekapert würde und von der Soldadeska der Gegenseite, zB den Assow- Brigaden, zu politischer Erpressung oder Schlimmerem benutzt würde? –
    „Selenskij verkörpert den neuen Mann.“. Süffisant zurückgefragt: Weil er Schauspieler ist? Und die politischen Parolen der Herrschenden Kreise gut über die Rampe bekommt. Wo kommen wir hin, wenn wir es zulassen, dass die Herrschenden, egal ob in den USA oder in der Ukraine, sich Schauspieler halten, um beim Volk anzukommen? Arnold Schwarzenegger for President? Nachdem er 2002 gerade noch in Deutschland für einen E.ON Werbespot possiert hat? Ist das die Neue Realität?
    Die prinzipielle Offenheit der Zukunft dient Spekulanten immer dazu, sie in ihre Richtung zu interpretieren. Wer recht hatte, oder nur ein Scharlatan war, weiß man leider immer erst hinterher. Deshalb kann Politik auch immer von ihren Parolen ausgehen und muss erst am Ende mit den Beständen rechnen.
    „Warum gehen uns die Nachrichten aus der Ukraine so nahe?“ Ja, warum haben uns die Hunderttausende Tote im IRAK, in Lybien, in Syrien, in Somalia … weniger interessiert? Weil sie „farbig“ waren? Und weil die Medien sie anders „geframt“ haben? Alles nur Propaganda und das Volk ist Wachs in den Händen der Medien…

    Seidwalk: Kampfhandlungen in unmittelbarer Nähe zu Atomreaktoren sollten sich prinzipiell verbieten. Mittlerweile gibt es verschiedene Theorien, was dort „tatsächlich“ passiert sei – wir wissen es nicht. Die obige Prämisse ist davon unangetastet. Schon das Tschernobyl-Geplänkel scheint darauf hinzuweisen, daß die Atomanalgen zu taktischem Kalkül mißbraucht werden- vermutlich von beiden Seiten. Man darf nicht vergessen, daß die Anlagen technische Schwachstellen haben, die auch durch Nicht-Volltreffer zum Problem werden können. Fukushima hat es gezeigt: Kühlung und Stromversorgung sind adäquate Reize – schon daran zu kitzeln, kann schwere Reaktionen auslösen.

    Schicksale betreffen uns in der Regel in direkter Abhängigkeit zur Nähe – und das ist anthropologisch verankert und evolutiv sinnvoll. Das kann räumliche Nähe sein (M.B.) aber auch emotionale – Familie ist uns näher (in der Regel), als Freunde, als Bekannte, als Unbekannte, als Fremde etc. Alles in Bewegung natürlich, unter ständigem osmotischen Druck. Wenn uns also die Schicksale der Ukrainer und Russen näher gehen als die der Malier, so wird man nach Näheeindrücken suchen müssen. Daß sich das auch historisch schnell ändern kann, zeigt Armenien. Heute ein Erdbeben dort und die Reaktion wäre vermutlich distanzierter. Auch „historische Schuld“ kann entfremden, weshalb die Russen gerade Gefahr laufen, viele Freunde zu verlieren – ob zu Recht oder nicht sei dahingestellt.

    Selenskijs schauspielerisches Talent ist sicher kein Hindernis – Mann ist er im Moment durch Tapferkeit. Und durch Neudefinition der Führer-Rolle. Könnte man sich Macron oder Trudeau oder Scholz in einer solchen Rolle vorstellen? Nach Waffen, statt nach Flugtickets rufend, mit Stahlhelm und in Bunkern?

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    • „Selenskijs schauspielerisches Talent ist sicher kein Hindernis – Mann ist er im Moment durch Tapferkeit. Und durch Neudefinition der Führer-Rolle. Könnte man sich Macron oder Trudeau oder Scholz in einer solchen Rolle vorstellen? Nach Waffen, statt nach Flugtickets rufend, mit Stahlhelm und in Bunkern?“

      Ich weiß ja nicht. Als Regierungschef wird er stärker beschützt als jeder andere im Land. Oder? Den Gefahren, welchen er sich aussetzt, sind insofern sehr viel niedriger einzustufen als beim normalen Soldaten. Und im Notfall gibts da bestimmt noch einen goldenen Fallschirm raus aus Kiew. Auch sehe ich nicht, was daran tapfer ist, de facto einen Volkssturm einzuberufen gegen trainierte Soldaten einzusetzen. Waffen an Zivilisten, vor allem auch an junge Frauen, abzugeben, ist nicht nur moralisch fragwürdig. Gerade mit dem neu verabschiedeten ukrainischen Gesetz, dass Zivilisten straffrei russische Soldaten angreifen und töten können, ist ein Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung, die eine klare Trennung zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten vorschreibt (deswegen ja die „Z“ auf Fahrzeugen bzw. farbigen Armbinden). Zumal die alle, dann gegen trainierte Soldaten fast nur durch den Fleischwolf gedreht werden. Ich belasse es jetzt einmal beim deskriptiven.

      Und nochmal zum Atomkraftwerk, Sie sollten aufpassen, nicht derart auf die ukrainische Kriegspropaganda hereinzufallen. Die Internationale Atomenergiebehörde hat all die Anschuldigungen der Ukraine zurückgewiesen und diese auch für diese Falschberichte (erhöhter Strahlungsaustritt) gerügt. Ich folge bei Telegram einem extrem pro-ukrainischen NPD’ler, der bei YouTube einen Reiseblog hatte und viel in der Ukraine früher war. Man muss sich da nur einmal ansehen, was dort geschrieben wird. Absolut abgedreht, teils schizophren fast. Und ich denke, einige vom Azov Miliz sind noch härter drauf. Insofern kann ich mir schon erklären, warum die Russen diese Meiler lieber sichern wollen. Ich sage mal nur Stichwort: Biowaffenlabore Ukraine, selbst Fox-News unter Tucker berichtet nun. (https://www.foxnews.com/opinion/tucker-we-have-right-know-this)

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  4. Michael B. schreibt:

    Warum gehen uns die Nachrichten aus der Ukraine so nah?

    „Wir“ gehoert hier doch ordentlich differenziert. Sie haben sich offensichtlich mittlerweile mit vollen Segeln in das Thema begeben. Erinnern Sie sich aber auch an Ihre selbst und noch sehr kuerzlich wiederholt geaeusserte ganz prinzipielle Vorsicht betreffs dem Aussetzen gerade solchen kontaminierten Informations- oder Missinformations-Fluten.

    Mir persoenlich geht es naemlich schon so wie mit den Armeniern oder den sprichwoertlichen Kindern in Afrika. Der einzige Punkt ist die geographische Naehe, die mir gar nicht behagt. Das hat aber mit „völkeremotionale[n] Beziehungen“ natuerlich erstmal nichts zu tun.

    Seidwalk: Alles gehört immer ordentlich differenziert. Aber hin und wieder auch mal zusammengefaßt, denn sonst führt Differenzierung nur in die sprachlose Unendlichkeit. „Wir“ meint hier die Öffentlichkeit, die ganz offenbar schwer getroffen ist. Das zeigt die mediale Abdeckung von allen Seiten aber auch das persönliche Gespräch und nicht zuletzt der komplette Hysterisierungswechsel. Die Erregungsthemen von vor zwei Wochen scheinen fast schon vergessen. Selbstredend kann kein Wir der Welt alle Individuen umfassen udn schon gar nicht habituelle Nein-Sager. Ich bekomme immer wieder die Rückmeldung, daß diese kurzen Aufarbeitungen Lesern helfen und Orientierung geben … natürlich wird das sukzessive wieder abnehmen.

    Michael B.: Sehen Sie, so einfach waere der Anfang fuer eine Differenzierung gewesen. Ich bin nicht Oeffentlichkeit und Oeffentlichkeit ist nicht ich und eben ganz bestimmt nicht „wir“. Ganz leicht. Und sehr sinnvoll, sonst treibt man immer auf diesem Schaum, den andere mit Inhalt besetzen um Legitimation zu suggerieren.

    Seidwalk: Wissen Sie, ich habe in meinen Artikel so viele Anführungszeichen und rhetorische Figuren, die mit „wenn“ oder dessen Substituten beginnen, und Sie lesen hier schon so lange mit, das zu wissen, daß ich mich nicht für jedes „wir“ entschuldigen und rechtfertigen und nicht jede Apartheit herausheben muß. Lesen Sie die Differenzierung einfach mit und versuchen Sei, sich nicht immer persönlich angegriffen zu fühlen.

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    • Michael B. schreibt:

      und versuchen Sei, sich nicht immer persönlich angegriffen zu fühlen.

      Also vorweg erst einmal dazu: Dafuer habe ich ein viel zu dickes Fell. Es ist dannwohl eher Ihr eigenes Problem, wenn Sie meine Kritiken als eine Reaktion aus einer solchen Ursache heraus auffassen.
      Die Art und Weise ist fuer mich voellig gebraeuchlich. Lob gibts selten, Dinge werden benannt. Das ist auch symmetrisch, ein entsprechendes intellektuelles Umfeld hat mich ebenfalls so erzogen, indem es ganz generell untereinander – aus guten Gruenden – genauso agiert hat. Eigentlich hat sonst eher Generation Schneflocke ein Problem mit direkter Ansprache von derartigen Punkten.

      Zum Punkt: Ich mag dieses vereinnahmende „wir“ prinzipiell nicht. Und bei Ihrem sonstigen Sprachgefuehl wundert es mich schon, wenn Sie das nur als irgendwie kuriose Spitzfindigkeit werten. Sehen Sie sich doch um, wenn Sie das tatsaechlich noch nie getan haben, wer das in welchem Kontext sonst so verwendet und was er u.a. mit dieser Art Formulierung an fragwuerdigen Zielen erreichen will.
      Und es hat noch einen anderen Aspekt. Man neigt dann leicht dazu Oeffentlichkeit und tatsaechliche Mehrheitsverhaeltnisse gleichzusetzen. Auch hier, cui bono.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Als an Bierce geschulter Realist sage ich – die 10 % Übertreibung daran nehme ich auf meine Kappe – „wir“ ist immer eine Lüge. Aber eine sich selbst (zu weit über 90 %) wahrmachende Lüge, insofern die meisten wie Blätter im Wind der veröffentlichten Meinung sind und generell osmotisch ihre Meinungen zu den Dingen aus dem beziehen, was „doch schließlich alle sagen“. Milieufühler und Nichtdenker.

        Zur Zeit können sie wundervolle Reaktionen mit Dialogen im folgenden Stil ernten:

        – „Ach, es gibt Krieg! Wo denn?“
        – „Ja wissen Sie denn nicht, dass Russland die Ukraine überfallen hat!?“
        – „Entschuldigen SIe, ich war monatelang incommunicado* und weiß deshalb nichts über aktuelle Entwicklungen in der Welt und erst recht nichts über die Haltungen, die man gefälligst dazu einnehmen muss.“
        – „Es ist ein durch nichts zu rechtfertigender Angriffskrieg, wie ihn die Geschichte noch nicht gesehen hat!!“
        – „Dann hat also der Weltsicherheitsrat den Aggressor schon verurteilt?“
        – „Natürlich nicht! Weil diese Sch…russen den Weltsicherheitsrat blockieren!“
        – „Das ist wirklich empörend, zumal es dergleichen ja noch nie gab. Aber vielleicht hatte Russland ja einen rechtfertigenden Grund. Kann es sein, dass Moskau durch gegebenenfalls binnen einer Viertelstunde eintreffende biologische oder chemische Waffen bedroht ist?!“
        – „Das haben doch nicht einmal die Russen behauptet!“
        – „Es gibt bestimmt auch schüchterne Großmächte. Aber helfen Sie mir, dem wie schon angedeutet ein bisschen aus der Zeit Gefallenen, ein bisschen nach. Sind wir eigentlich derzeit mit Russland verbündet?“
        – „Natürlich nicht mit diesen *!()&%§“ (Wort nicht zu verstehen, da Ton übersteuert)
        – „Dann ist es dem ersten Anschein nach eine himmelschreiende Agression seitens der angreifenden Nation. Aber eine Frage muss ich doch noch stellen. Ist Russland stärker als die Ukraine?“
        – „Ja, das macht es ja auch so empörend!“
        – „Dann muss ich ihnen – und vielleicht auch anderen in einer vorgeblich ‚neuen Welt‘ aufgewachten Spezialistinnen darin – etwas im Völkerrecht nachhelfen. Dessen eherner Grundsatz, schon von Thukydides formuliert und bei allen juristischen und anderen Verbrämungen bis heute gültig, lautet: ‚Der Starke tut, was er will, weil er es kann, und der Schwache leidet, was ihm widerfährt, weil er muss.‘ Also ist doch alles in der rechten Ordnung. Die Beachtung dieses heiligen Grundsatzes ist, am Rande bemerkt, auch die Ursache, wieso die UNO bis heute fortbesteht, während der Völkerbund recht schnell untergegangen ist. Weil nämlich dank der Konstruktion des Weltsicherheitsrates niemand den Großen in die Suppe spucken kann. Wäre dies möglich, wären diese schon lange davongeflattert wie die Vögel beim Knall des ersten Schusses oder wenn sie keine nahrhaften Körner mehr an ihrem Versammlungsort finden.“

        Gelegentlich – ich bisher einmal – finden Sie bei solchen Gesprächen auch einen genauso komischen (eigentlich ja „gar nicht komischen“) sehenden Vogel, der ihr Körnchen Wahrheit gerne pickt und können mit diesem lächelnde Blicke tauschen. Freude!

        ――――――――――――――――
        * Ungelogen

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