Mein Kriegstagebuch IV

Willkommenskultur: Wir haben wieder Flüchtlingsströme in Europa und Refugees auch in Deutschland. Aber die Wahrnehmung ist eine ganz andere, das äußere Bild stellt sich komplett anders dar, verglichen zu damals ist die Medienabdeckung dünn – all das entlarvt die Verlogenheit der „Willkommenskultur“. Die Medienberichterstattung bleibt gedämpft, trotz zehnfach höherer Flüchtlingszahlen. Damals kamen viele junge Männer aus Kriegsgebieten in Syrien und noch mehr mischten sich darunter, die aus keinem Krieg flohen. Frauen und Kinder waren die Ausnahme und hatten unterwegs oft traumatisierende Ereignisse zu bestehen. Es kamen just jene Männer, die die Diktatoren, vor denen sie zu flohen angeben, aktiv hätten bekämpfen können und sie ließen ihre Mütter, Frauen und Kinder in der Hölle zurück, aus der sie flohen.

Das enttarnte ihr Motiv, das kein ausschließlich fliehendes war, sondern ein wollendes – nicht bei allen, aber bei vielen. Heute schluchzen Frauen das Wort „Ukraina“ als Herkunftsschmerz, damals riefen die Buben „Germany, Germany“ als Ziel und Anspruch. Sie wurden von weinenden, singenden, überglücklichen Frauen und ein paar Männern empfangen, die ihnen Teddybären und rote Rosen entgegenhielten. Man bejubelte ihre meist gut organisierte gelungene Flucht. Davon ist diesmal nichts zu spüren, an den Grenzen weinen nur Angehörige, niemand aus Gesinnung. Die Ströme von fast ausschließlich Frauen und Kindern werden prosaisch empfangen, kaum wird ihnen jene Willkommenseuphorie entgegengebracht. Die wenigen Männer kehren bald um, um ihr Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Die Ankömmlinge wollen auch nicht bleiben – lieber heute als morgen kehrten sie in ihre Heimat zurück. Bleiben sie jedoch, dann dürften sie in kürzester Zeit in die deutsche und europäische Kultur und Wirtschaft integriert sein … Wo bleibt der Jubel der Willkommenskulturisten? Warum bleibt er aus? Weil sie wissen, daß von diesen Flüchtlingen keine disruptive Macht ausgeht? War es im Grunde ihr Deutschlandhaß, der sie ein „freundliches deutsches Gesicht“ machen ließ? Sind ihnen die jetzigen Flüchtlinge nicht fremd genug?

Zahlenspiele: Das ukrainische Verteidigungsministerium meldet mehr als 5840 getötete russische Soldaten, andere Quellen schreiben von mehr als 6000 oder gar 9000. Die Zahl kann m.E. kaum stimmen. Das würde die Dezimierung der einmarschierten russischen Armee bedeuten. Demnach hätte Rußland innerhalb von fünf Tagen halb so viele Opfer zu beklagen wie in zehn Jahren Afghanistankrieg. Da in einem Angriffskrieg die Opferzahlen zu Beginn meist asymmetrisch sind, noch dazu wenn der Aggressor hoch aufgerüstet ist, müßte das ein Vielfaches an ukrainischen Opfern bedeuten[1]. In Afghanistan starben etwa 1 Million Afghanen gegen später korrigierte 26000 Russen. Eine solche Zahl würde Putin auch innenpolitisch das Genick brechen … kurz und gut, sie ist mindestens um den Faktor 10 zu hoch, sie ist wohl unter Propaganda zu verbuchen, falls es nicht ganz einfach ein Fehler ist.

Atom-Angst: Bereits mehrfach wurde ich gefragt – immer von Frauen und Müttern – ob Putin nun einen Atomkrieg auslösen könne? So gestellt, muß man die Frage verneinen. Kann es einen Atomkrieg geben? Ja, das ist möglich, aber nach Lage der Dinge sehr unwahrscheinlich. Erste Bedingung wäre überhaupt, daß man – also der Westen – „Putin“ in eine Ecke treibt, in der ihm kein anderer Weg bleibt. Deshalb sind Endsieg-Sanktionen oder EU- und NATO-Versprechen an die Ukraine Schritte in diese Richtung. Verabschieden muß man sich von dem Gedanken, daß Putin einen „roten Knopf“ drücken könne und dann stiegen die Raketen in den Himmel. Dieser fatale Entschluß kann nicht von Putin allein gefaßt werden. Selbst wenn er ihn fassen würde, dürfte er in diesem Moment alle Autorität verlieren und vermutlich entmachtet werden, aber selbst wenn das nicht geschähe, müßten die ausführenden Truppen den Befehl auch tatsächlich durchführen. Der „vergessene Held“ Stanyslaw Petrow etwa interpretierte 1983 einen Atomalarm – also eine atomare Angriffssituation – als Fehlalarm und verhinderte somit die Aktivierung der sowjetischen Atomwaffen. Zudem muß man zwischen taktischen und strategischen A-Waffen unterscheiden: die taktischen verseuchen „nur“ regionale Areale. Aber auch ihr Einsatz würde unisono in aller Welt, von der großen Politik bis hin in die russische Armee und Bevölkerung, abgelehnt werden – Putin wäre auf einen Schlag komplett allein. Zudem ist der militärische Sinn nicht einzusehen. A-Waffen sind Defensivwaffen und solange Rußland nicht mit ABC-Waffen auf eigenem Territorium angegriffen wird, ist der Einsatz unwahrscheinlich. Umgekehrt würde die Verseuchung ukrainischer Gebiete keinen Sinn ergeben, da diese Gebiete auch für Rußland verloren wären. Wenn es also sinnvoll sein sollte, sich – die Frage kam aus Ungarn – mit Jod-Tabletten zu versorgen, dann ist das in der Nähe des Atomkraftwerkes von Paks schon immer eine Überlegung wert gewesen. Alles andere ist „rémhír(rém=Schrecken; hír=Nachricht).

Kapillare: Daß der russische Übergriff auf die Ukraine tektonische, aber auch kapillare Auswirkungen haben wird, zeigt das Beispiel Ungarn. Dort schießt sich die vereinte Opposition gerade auf Orbán ein und macht ihm dessen Nähe zu Putin und Rußland zum Vorwurf, Oppositionsführer Márki-Zay nannte Orbán einen „Söldner und Diener“ Putins. Der Fidesz wollte zudem den Ausbau des Atomkraftwerkes Paks mit einem zweiten Block – Paks 2 – vorantreiben, mit russischer Technik. All das hängt nun in der Balance. Der Krieg und das Schicksal Rußlands könnten unmittelbar die Wahl in Ungarn in 5 Wochen entscheiden. Putins Halbwertszeit könnte sich noch lange als kritisch erweisen, sein Kontaminationspotential dürfte über seine Macht- und Lebenszeit weit hinausreichen. Ein neuer H.

Luftzug: Seit Tagen immer öfter tiefes Brummen droben am Himmel, über den Wolken. Mehrfach flogen Hubschrauberstaffeln gen Norden. Woanders auch?

Corona-Kritiker hatten recht. Sobald die mediale Hysterie verschwindet, verschwindet auch das Phänomen. Lauterbach taucht plötzlich auf Seite 7 auf, die Angst ist verflogen und durch eine neue ersetzt worden. Auch das Umweltthema rückt in den Hintergrund, obwohl es wenige menschliche Tätigkeiten gibt, die umwelt- und klimaschädlicher sind als ein Krieg. Und das nicht nur unmittelbar, sondern auch langfristig, denn es werden große Ressourcen benötigt werden, allein die Zerstörungen wieder zu beseitigen.

[1] Heute nannte man die Zahl 2000 bei den zivilen Opfern.

3 Gedanken zu “Mein Kriegstagebuch IV

  1. Zorn Dieter schreibt:

    Ich bin wirklich entsetzt! Anna Netrebkow muss ihr Konzert in Hamburg absagen, weil ihre Nähe zu Putin zu groß ist. Russische Dirigenten sollen sich öffentlich von Putin distanzieren. Hamburg überlegt, seine Städtepartnerschaft mit St. Petersburg zu beenden oder „auf Eis zu legen“. Als könne man eine „Partnerschaft“ auf Eis legen. Eine Partnerschaft erweist ihren Wert doch erst in Krisenzeiten. Und gerade diese Partnerschaft ist doch auch ein Zeichen. Ein Zeichen im Gedenken an die 20 Mio Toten Russlands im von Deutschland verursachten Weltkrieg. Ich werde unsere Fremdenführerin in St. Petersburg nie vergessen, die uns deutsche Reisegruppe 2016 mit immerwährender Freundlichkeit durch ihre Stadt führte. Und auch ohne Hass an der ehemaligen Demarkationslinie über die 2 Mio toten Russen sprach, die die Belagerung der Stadt durch „Nazi-Deutschland“ (ein feiner Unterschied) verursacht hat. Und jetzt das! Ich schäme mich für mein Land.

    Das mit dem „Ton“ hat mein Deutschlehrer auch schon gesagt..:-) Es stand sogar unter meinem Abituraufsatz zum Thema „Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt“, der Titelzeile des Gedichts von Günter Eich.

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  2. zaungast schreibt:

    Danke für die reflektierten Gedanken zu Krieg und Frieden. Vielleicht sollte man nach dem Vorbild `von Karl Kraus schweigen und den Sprachmüll sammeln – die Nachwelt (mit der ich trotz nuklearer Drohung dennoch rechne) hat ein Recht auf Zeugnis. Ein Blick in „Die letzten Tage der Menschheit“ und danach in die gegenwärtige Presse zeigt zum Teil beängstigende aber auch bizarre Parallelen. Das betrifft vor allem die Hab Acht-Stellung deutscher Kulturschaffender im Ringen um eine 150%tig korrekte Gesinnung. Im Kampf gegen die russische Kultur scheint nunmehr der Gipfel der Verblödung erreicht worden zu sein – nach dem Motto: straft Putin und cancelt Schostakowitsch. Hier tobt sich die Melange aus alten antislawischen Affekten im Verbund mit neudeutscher linker Hypermoral aus, die den Völkern östlich der Elbe nie verziehen hat, dass sie sich von jenem Sozialismus verabschiedet haben, den die westliche Linke lobte aber nicht erleben musste. Gestern noch ein Ausrutscher im Radio: haben Tschaikowsky gespielt. Interessent wird es, wenn man dessen 2.Sinfonie der Nichtmehraufführung zuführen wird. Geschrieben während eines Aufenthalts in der Ukraine, verwendet sie ukrainische Volkslieder und heißt die „Kleinrussische“, gemäß den damaligen geographischen Gepflogenheiten – der Blick in einen Konzertführer lässt kulturell Komplexeres vermuten, als sich die gegenwärtigen Kulturblockwarte träumen lassen. Hoffen wir, dass Tschaikowskys Homosexualität den Komponisten retten wird !

    Seidwalk: Ich nehme die dritte Version. Übrigens beruft sich Drewermann in meinem zuletzt verlinkten Beitrag auch auf Schostakowitschs Sinfonie.

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  3. Zorn Dieter schreibt:

    Junge Menschen um die Vierzig fragen ihre Eltern: Kann es einen Atomkrieg geben? Sie zeigen damit nur, dass sie als Mitglied der „Friedensgeneration“ keine Ahnung haben von den herrschenden Verhältnissen. Sie leben auch da im Wolkenkuckucksheim. Seidwalk hat zutreffend geschildert, warum ein Atomkrieg außerhalb jeder Möglichkeit liegt. Das Wort Atomkrieg wird jedoch von den tw. ruchlosen westlichen Medien benutzt, um Angst und Schrecken zu verbreiten und die Anti-Putin-Propaganda noch zu steigern. – Corona ist weg. Zumindest von den Titelseiten der Medien verschwunden. Die Dashboards sind schon seit Wochen weg. Trotz hoher Inzidenzen. Jetzt ebbt auch die Debatte um die Belegung der Intensivstationen total ab. Der Krieg beherrscht die Schlagzeilen. Obwohl die Politik in Deutschland weiter am Thema Impfpflicht arbeitet. Vorsorglich. Für den Herbst und die kommenden Jahre. Für Neue Pandemien. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Corona ein gern genommener Vorwand war (mindestens!), um das Thema Digitale Erfassung der Bürger und Social Credit Points im Westen (und Osten, China ist das neue Vorbild) auf die Schiene zu setzen. Immerhin ca. ein Drittel der Bürger ist gegen solche Maßnahmen und Intentionen und eine Menge Leute aus einem breiten Spektrum geht dagegen auf die Straße. Was macht der Staat? Insbesondere in Deutschland, Österreich, Kanada, Australien? Er macht einfach weiter! Was sagt uns das über diese Staaten? Nicht so in den USA! Funktioniert gerade dort die Legeslative noch, wenn es um Bürgerrechte geht? Erstaunlich!

    Seidwalk: Ich stimme Ihnen im Großen und Ganzen zu, auch wenn mir Ihre Ton mitunter zu absolut klingt. So habe ich z.B. nicht gesagt, daß „ein Atomkrieg außerhalb jeder Möglichkeit liegt“ – im Gegenteil: seit es Atomwaffen gibt, ist ein Atomkrieg eine absolute Möglichkeit – politisch halte ich ihn allerdings im jetzigen Moment für unwahrscheinlich … aber auch das kann sich ändern. Wir sollten daher weder in Panik verfallen noch sorglos werden und auf jeden Fall vorbereitet sein – in etwa so, wie man nach stoischem Gebot sein ganzes Leben lang seinen Tod meditieren sollte.

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