Mein Kriegstagebuch III

Hintergrund: Daß ich hier schreibe: Sinnvoll ist das nur vor dem Hintergrund, daß alles andere genauso sinnlos ist!

Die Völkischen. Scholz: Putin vergeht sich am ukrainischen Volk.“ Eins muß mal klar sein! Wenn es kein deutsches Volk gibt, dann erst recht kein ukrainisches. Korrekter wäre zu sagen: Putin vergeht sich an der Bevölkerung, die in der Ukraine lebt. Übrigens schon deswegen, weil dort mehr als nur Ukrainer leben: Russen in erster Linie, aber auch Ungarn, Rumänen, Bulgaren, Juden, Weißrussen, Polen, Krimtataren und Juden, um nur einige zu nennen.

Narrativwechsel: Michael Esders: „Beklemmend und faszinierend zugleich: Wie die Großthemen und Leitnarrative nahezu über Nacht gewechselt oder umgepolt werden. Vor zwei Jahren von Klima zu Corona, jetzt von Corona zu #Ukraine bzw. Anti-#Putin. Die Formatierung des kollektiven Bewußtseins wie auf Knopfdruck.” Aber machen wir, mache ich es nicht genauso? Auch ich schreibe plötzlich über etwas, dessen wahre Hintergründe ich nicht kenne. Alles, was ich tun kann, ist mit Distanz und klarem Verstand – sofern er mir zur Verfügung steht – aus der Informationsflut herausfiltern und eigene Schlußfolgerungen zu ziehen … die vollkommen irrelevant sind, niemanden überzeugen (außer meine Frau natürlich), kaum jemandem helfen und keinerlei Einfluß auf den Lauf der Geschichte haben werden. Nur die Selbsttherapie kann als Entschuldigung gelten gelassen werden.

Kriegsverbrechen: Irgendwo ein Video gesehen, daß mutmaßlich russische Soldaten dabei filmt ein Kriegsverbrechen zu begehen. Sie beschießen ein Militärfahrzeug frontal. Der Fahrer vermutlich getroffen. Von der Ladefläche springt ein Mann herunter, auf den ebenfalls geschossen wird. Er bleibt leblos liegen. Ein Soldat geht mit angelegtem Gewehr auf ihn zu. Juristisch müßte er dem unbewaffneten und außer Gefecht gesetzten Opfer helfen oder ihn doch zumindest liegen lassen. Stattdessen schießt er noch einmal eine Salve in den leblosen Körper – in diesem Moment ist es Mord. Die Tat – deren Beginn man hier sieht – ist psychologisch verständlich, der russische Soldat mag um sein eigenes Leben gefürchtet haben oder stand dermaßen unter Adrenalin, daß klares Denken nicht mehr möglich war. Was macht das mit diesem Soldaten? Wird es sein Leben begleiten? … Vielleicht war es einfach auch nur kaltblütiger Mord. Dafür spricht, daß zur gleichen Zeit im selben Bild ein russisches Panzerfahrzeug wahllos einen vorbeifahrenden PKW überrollt. Die Szene wurde gleich mehrfach von verschiedenen Beobachtern ins Netz gestellt. (Wer es nicht sehen will, soll nicht drücken: hier und hier und hier.)

Liberale: Das heutige Kalenderblatt bietet mir folgenden Spruch: Hütet euch vor Liberalen. Das ist die Anfangszeile eines Liedes der 1848er Revolution, die erste Strophe lautet:

Hütet euch vor Liberalen
Die nur reden, die nur prahlen
Nur mit Worten stets bezahlen
Aber arm an Taten sind:
Die bald hier-, bald dorthin sehen
Bald nach rechts, nach links sich drehen
Wie die Fahne vor dem Wind.

Drewermann: Geht es nur mir so? Wenn ich Putin sehe, dann muß ich an Eugen Drewermann denken. Es gibt da eine verblüffende äußerliche Ähnlichkeit. Ansonsten dürften sie Antipoden sein, auch wenn Drewermanns Nähe zur „Linken“ ihn möglicherweise auch zu Rußlandnähe verführt haben mag. Noch zu Beginn seines umfangreichen Schaffens, etwa zur Zeit des Skandals um die „Kleriker“, trat Drewermann mit zwei populäreren Werken hervor, in denen der Theologe das Christentum in die theoretische und ganz grundsätzliche Verantwortung für Umweltzerstörung – „Der tödliche Fortschritt“ und Kriege an und für sich – „Die Spirale der Angst“ – nahm. Die optische Nähe zu Putin, ließ mich gestern das vor 25 Jahren stark durchgearbeitete Buch wieder hervor nehmen und darin blättern. Ich zitiere – gleichsam als Denkanstoß – eine längere Passage, erstaunlich für einen habituell friedensbewegten Menschen:

„Die totale Waffe (die Atombombe) als Waffe gegen den Krieg?

… manch ein Moralist wirft noch heute den Vereinigten Staaten vor, daß sie als erste die Atombombe gegen Menschen eingesetzt haben. Aber ein solcher Vorwurf ist zu einfach und übersieht das dreifache ethische Dilemma, aus dem die Atomwaffen überhaupt geboren wurden.

Das erste war die Überlegung Albert Einsteins, die es möglich machte, daß ein überzeugter Pazifist seine Einwilligung zum Bau des schlimmsten Vernichtungsgerätes in der Geschichte der Menschheit gab: es mußte verhindert werden, daß die Atombombe, die theoretisch jede Kulturnation mit einem ausreichenden wirtschaftlichen und technischen Vermögen hätte bauen können, zuerst von Nazi-Deutschland entwickelt wurde. Hitler im Alleinbesitz der Bombe, – dem galt es unter allen Umständen zuvorzukommen. …“ Frage: Hätte Hitler die Bombe genutzt?

„… Wenn es schon mit ethischen Argumenten nicht möglich ist, den Krieg zu vermeiden, wenn ferner die Ethik sich außerstande zeigt, die Produktion und den Einsatz von Kampfmitteln zu verhindern, die auf eine Totalisierung der Kriegsführung hinauslaufen, dann kann es zu einer ethischen Pflicht werden, die schlimmste Waffe wenigstens der ‚richtigen‘ Seite zuzuspielen.

Eine zweite Hoffnung schloß sich dem an. Wenn es möglich wäre, die Wirkung der Bombe vor einem internationalen Publikum zu demonstrieren, so würde vielleicht der Schrecken vor der Bombe jede Kriegsabsicht für alle Zeiten im Keim ersticken; mit anderen Worten: die Bombe würde nie eingesetzt zu werden brauchen. Auch dieser Gedanke zeigt, wie die Ethik angesichts des Unvermögens zur Beseitigung des Krieges zu Konsequenzen getrieben wird, die sich immer mehr gegen ihre eigentlichen Ziele und Absichten richten. Die furchtbarste Waffe, die sich denken ließ, erblickte das Licht der Welt als Friedenswaffe. Wenn Ethik den Krieg nicht bannen konnte, so schien es wiederum ein ethisches Postulat zu sein, den Krieg durch sich selbst zu überwinden, indem man ihn in seiner reinen, logischen Wesensgestalt der Menschheit vor Augen stellte. … Aber so vernünftig diese Überlegung schien, so wenig ging Einsteins Rechnung auf. Kriege werden nicht logisch überwunden, sondern nur dadurch, daß die Menschen bis in die Tiefenschichten ihrer Psyche hinein sich wo weit ändern, daß sie des Krieges nicht mehr bedürfen. …

Das dritte Dilemma, das die pazifistischen Erwartungen beim Bau der Atombombe denn auch sofort verfliegen ließ, war die Notwendigkeit, die Bombe, die eigentlich den Krieg als solchen beenden sollte, zunächst auf der Stelle zur Beendigung des zweiten Weltkrieges einzusetzen. Als am 6. und 9. August 1945 … wandte sich die moralische Kritik mit Abscheu gegen die Ungeheuerlichkeit dieser ‚Waffe‘. Aber wiederum muß man bedenken, daß es im Grunde genommen ethische Argumente waren, die den Einsatz der Bombe diktierten, und es aus der Logik des Krieges, wenn er erst einmal als Notwendigkeit zugestanden wird, überhaupt kein Entrinnen gibt. …

… Man muß die gräßliche Unausweichlichkeit solcher Zahlen“spiele“ sich so klar wie möglich machen, um die Verstrickungen zu begreifen, in die gerade ein verantwortungsbewußtes ethisches Denken und Handeln innerhalb der unentrinnbaren Logik des Krieges gedrängt wird; nur dann wird deutlich, daß Moral und Humanität, wenn sie den Krieg nicht von vornherein vermeiden können, augenblicklich zu Handlangern des Krieges umfunktioniert werden und von Stufe zu Stufe selbst zur Eskalation der Kriegsmittel beitragen.“ (Eugen Drewermann: Die Spirale der Angst. Der Krieg und das Christentum. Herder 1991. S. 152ff.)

5 Gedanken zu “Mein Kriegstagebuch III

  1. Zorn Dieter schreibt:

    Nach Bidens Rede gestern ist doch sonnenklar, dass die USA gern ein paar Waffen liefern und 5000 Soldaten schicken, bevorzugt nach Deutschland, sonst aber genau NICHTS tun werden für die Ukraine. Bidens Popularitätswerte sind am Boden, die Flucht aus Afghanistan hat tiefe Spuren im Land hinterlassen, kein Amerikaner, von den üblichen Verbal-Falken unter den Senatoren abgesehen, will deshalb ein Eingreifen der USA in der Ukraine. Noch nicht einmal über Söldnertruppen. Niemand dort will ein zweites Afghanistan. Die Nato wird sich auch raushalten, weil die Ukraine kein Nato-Partner ist. So sehr die östlichen Partner auch mit dem Säbel rasseln. Was bleibt sind Waffenlieferungen aus Deutschland (!) und Frankreich an die Ukraine. Und viele schöne Worte. Was die bewirken? Die sinnlose Verlängerung eines Leidens in einem Krieg, den die Ukraine nicht gewinnen kann und der in Kürze zu Ende sein wird. Das ganze Fiasko versucht der Westen hinter einem Schwall von Bildern & Worten zu verbergen: Der Ukraine Versprechungen gemacht, sie dazu ermuntert Minsk nicht umzusetzen, und jetzt das, die Ukraine allein lassen. Was soll der Satz denn anderes heißen: Putin wird einen Preis dafür zahlen? Der Preiss sind RUBEL, aber kein Blut. Warum? Westliche Gesellschaften sind psychologisch & faktisch überhaupt nicht fähig zu einem bewaffneten Kampf. Wer sollte den denn bitte führen? Da helfen auch lächerliche 100 Mrd in einem „Sondervermögen“, also weiteren Schulden, nicht. Eine neutrale Ukraine und Sicherheitsgarantien, das hätte man billiger haben können.

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  2. Michael B. schreibt:

    zwischen Normenorientierten und Systemischen Gesellschaften.
    Erstere orientieren ihr Handeln an Werten wie Treue, Tugend und Ehre, letztere an Systemen wie Markt, Demokratie, Funktion.

    Der Westen allerdings bewegt sich ja unuebersehbar schon laenger in Richtung Werte im Sinn von – auch sehr irrationalen – moralischen Normen. Die moegen vordergruendig Werkzeug sein, aber sie zeigen m.E. auch eine tiefergehende Entwicklung und wohl auch auf Ebene des gemeinen Menschen einer Sehnsucht und Sinnsuche.

    Ich denke, man kommt besser, die Unterscheidung Norm vs. „systemisch“ wegzulassen. Auch Markt, Demokratie und Funktion sind letztlich nichts anderes als Normen. Nur die Wichtung ist verschieden. Speziell die der Oekonomie benoetigt dringend und schon lange Zeit vergleichbar starke Regulative. Ob das die alten Dinge der o.g. Normen oder ebenfalls schon Jahrtausende ausprobierte ideologische oder religioese Systeme sind, die das frueher ja durchaus bewerkstelligen konnten, das sei einmal dahingestellt (eigentlich haetten wir heutzutage auch andere Masstaebe die anlegbar waeren. Aber sei es drum, ich bin dahingehend fuer den gegenwaertigen Zeitpunkt nicht optimistisch, diese in erfolgreicher Form arbeiten zu sehen).

    Die voellig masslose Ueberhoehung des typischen engen nennen wir ihn einmal „Oekonomismus“ ist aber m.E. der Genickbruch des Westens. Der auch eintreten wird, weil er in der spezifischen Auspraegung dieser Gesellschaften eines ihrer nicht entfernbaren – weil sie definierenden – Charakteristika ist.

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    • Peter Zinga schreibt:

      Das war KEIN RUSSISCHEN Panzerfahrzeug! Es war ein ukrainische „STRELA 10“ und es gibt Gerüchte, das eine Frau hinter dem Knippel war…

      Seidwalk: Ich bin kein Militärexperte, kann das nicht beurteilen, aber Ihre Interpretation erscheint mir zweifelhaft – gibt es Quellen dazu?

      Die Strela-10 ist ein russisches System, das von vielen Ländern – auch der Ukraine – genutzt wird. Woran wollen Sie erkennen, daß es sich hier um ein ukrainisches Gefährt handelt. Dann müßten die beiden schießenden Soldaten, die offenbar die Durchfahrt der Einheit absichern, ebenfalls Ukrainer sein und Fahrer und Mitfahrer dieses doch eher unmilitärisch, eher freischärlerisch wirkenden Fahrzeuges Russen. Möglich – aber die Bilder suggerieren das Gegenteil.

      Leider ist das dritte Video gelöscht worden (falls jemand eine Quelle kennt, bitte melden!) und auch das war schon perspektivisch gekürzt, so daß man die Szene, so wie ich sie zuerst gesehen hatte, nicht mehr in Gänze nachvollziehen kann. Beide Ereignisse geschehen nämlich gleichzeitig, werden in einem Clip aus einem Fenster gefilmt.

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      • Peter Zinga schreibt:

        Ich versuche es wieder zu finden. Aber: gibt es beweise, dass es um ein russischen Fahrzeug geht? Was sollte es dort suchen?! Tträgt ein „Z“? Nicht zu sehen…

        Seidwalk: Na ja, immerhin greifen die Russen an. Ostereier wird es kaum suchen.

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  3. Zorn Dieter schreibt:

    Es gibt immer ein Entrinnen. Und nie eine ethische Notwendigkeit. TINA ist nichts als ein frecher Spruch der Machtmenschen, die ihr unethisches Verhalten rechtfertigen wollen. – Aber ich wollte noch etwas zum gestrigen Tagebuch beisteuern, hatte aber gestern keine Zeit. – Wie Sie, bin ich neutraler Zeitzeuge, der seit 60 Jahren die Politischen Ereignisse verfolgt. Westler, Leutnant der Reserve, mit 20 Jahren wegen der Tschechoslowakeikrise mit seinem Zug im Verfügungsraum Richtung Elbe gelegen. USA – Kenner, zwei Jahre in NY gelebt. Liebhaber und Kenner der russischen Kultur und ihrer Städte. – Warum hat Putin die Tür zum Westen zugeschlagen? Die philosophische Antwort liegt, so glaube ich in der Unterscheidung von R.D. Sieferle zwischen Normenorientierten und Systemischen Gesellschaften. Erstere orientieren ihr Handeln an Werten wie Treue, Tugend und Ehre, letztere an Systemen wie Markt, Demokratie, Funktion. Sie haben als System keine Moral, nur das Funktionieren zählt. Nur am Funktionieren wird eine Tat gemessen. Putin & Russland gehört zum ersten Typus. Die westlichen Geselkschaften zum zweiten. Deshalb war er im System der G7 ein Fremdkörper. Und deshalb hat er jetzt, nach zwanzig Jahren vergeblichen Bemühens, die Tür zum Westen zugeschlagen. Seinen Schritt die Ukraine mit militärischen Mitteln zu erobern, kann man nicht anders deuten. Die Tür ist zu. Dass man ihn im Westen deshalb „hinhängt“ ist ihm und vielen Russen völlig egal. Die Bezeichnung „Imperium der Lügen“ für den US-dominierten Westen, sagt genau das. Sein Krieg in der Ukraine wird gespeist aus persönlicher Enttäuschung , aus dem Gedanken des russischen Kernlandes und aus dem rein politischen Kalkül, der Ausdehnung der NATO nach Osten und der Bedrohung daraus, nun ein Stoppschild setzen zu müssen. Die Reaktionen des Westens interessieren ihn nicht mehr, weder die der Medien noch die Sanktionen, „sie gehen uns am Ars… vorbei“, so der russische Botschafter. Bis auf eine Sanktion war alles wohl einkalkuliert. Der russische Staatsschatz von 680 Mrd Dollar war umgeschichtet in Gold und in die Schweiz. Was er wohl nicht erwartet hat, dass die neutrale Schweiz beim „Einfrieren“ der russischen Guthaben mit machen würde. – Die Tür ist nun zu. Und der Neue Kalte Krieg zwischen China/Russland einerseits und USA/Europa andererseits tritt in seine heiße Phase. Europa hat sich positioniert. – Glaubt irgendjemand, dass in dieser Situation noch lange russisches Gas nach Westen fließt? Nur so lange, wie es als Drohpotential zum Beispiel in den Verhandlungen um den neuen Status der Ukraine gebraucht wird.

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