Die Arroganz des Westens

Was ich im Folgenden sage, sage ich ohne Autorität und ohne tiefere Kenntnis der komplexen Zusammenhänge und ganz ausdrücklich nur auf der Spitze meines Nicht-Wissens – als Meinung, die man gern ignorieren kann.

Als Joe Biden zum Präsident gewählt worden war, da unkten einige Kommentatoren, daß man nun in kürzester Zeit mit Krieg rechnen könne. Sie sollten Recht behalten. Die Feststellung mag absurd erscheinen, denn immerhin sind nicht die Amerikaner die Aggressoren, sondern die Russen. So zumindest lesen wir es an allen Fronten und man müßte schon Arabisch beherrschen, Russisch oder Chinesisch, um etwas anderes lesen zu können. Dennoch ist die hypothetische Frage berechtigt: Hätte es zur jetzigen Eskalation kommen können, wenn Trump – der Vielgescholtene – eine zweite Regierungsperiode bekommen hätte? Man darf die Frage im vermutenden Gestus wohl mit „Nein“ beantworten und Trump selbst stellte diese These in „wirren Worten“ auf.

„Wirr“ sprechen derzeit einige, glaubt man unserer Presse, allen voran Putin selbst, dann auch jene, die wie Krone-Schmalz – ganz offenbar eine Top-Expertin – einen hermeneutischen Zugang zu Putins Verhalten suchen, und natürlich die Wirrheit an und für sich: Trump.

Unsere Qualitätspresse hat einen neuen Universalschlüssel gefunden, um allem wahrlich „kommunikativen Handeln“ aus dem Weg zu gehen: die Begriffe „wirr“ und „Schwurbler“ und „umstritten“ und was es dergleichen gibt. Eingeübt bis zur Virtuosität wurde das in den seligen Zeiten der Corona-Krise. So galt etwa Wodargs Warnung, bei der Impfung auf die Aspiration zu verzichten und damit das unmittelbare Einspritzen von Lipiden und Genteilchen in die Venen zu riskieren, bis gestern als „wirr“ – seit heute hat sich die Stiko dazu durchgerungen, entweder selber wirr zu agieren – wofür es zahlreiche Indizien gibt – oder den Begriff neu zu definieren; auf Rehabilitierung wird man vergeblich warten.

Experte hin oder her, einstige Verdienste hin oder her – wer heute eine andere Meinung vertritt oder auch nur Verständnis für eine solche zeigt, gilt als wirr – wenn er gut wegkommt. Schade, daß Scholl-Latour seinen Senf nicht mehr dazugeben kann, das wäre wohl ein Wirrer mehr.

Wir, als Zaungäste der Weltgeschichte, werden nie durchschauen, was da gerade vor sich geht und zwar aus einem einzigen Grunde: die historischen Protagonisten begreifen es selbst nicht. Wieder einmal befinden wir uns in einer Situation, aus der es keinen glatten Ausgang, für die es keine befriedigende Lösung für eine der Seiten geben wird und geben kann, noch nicht einmal eine alleingültige Erklärung – so funktioniert Geschichte seit eh und je, aber in solchen Kulminationen wird uns zumindest das begreiflich. Alle haben Recht und gute Gründe und alle haben Unrecht und begehen Verbrechen. Wäre man tatsächlich an einer Lösung interessiert, dann müßte man ein genuines Interesse an den Interessen, Beweggründen, Denkweisen, Mentalitäten etc. des Gegenübers haben, aber gerade der Westen ist in seiner unfaßbaren Selbstgerechtigkeit so analyseunfähig geworden, daß ihm jegliches Besteck dazu abhanden gekommen ist. Jüngst haben das die „überraschenden“  Ereignisse in Afghanistan, die „niemand voraussehen“ konnte, die Implosion eines mit Milliarden vollgepumpten Wohlfühl- und Gutseinballons bewiesen.

Wollte man „Putin“ – die Anführungsstriche haben einen Grund –, wollte man „Rußland“ verstehen, dann hätte man sich einlassen müssen auf Denken, Fühlen, Anschauen des anderen, dann hätte man die Geschichte und die „Ideengeber“ – ob sie es nun tatsächlich sind oder nicht –, die geopolitischen Imperative, die strategischen Notwendigkeiten ernst nehmen und studieren müssen, einen Dugin etwa, anstatt ihn als „Nazi“ in die Urteilskartei einzuordnen und zu erledigen. Aber das sind ja intellektuelle Zumutungen für links-grün-verblendete Ideologen. Das soll Putin weder exkulpieren, noch die offensichtliche Tatsache verneinen, daß es politische Alternativen gäbe.

Inbegriff dieser Falschheit und Unentschlossenheit ist die Gottkanzlerin höchstselbst, die „mächtigste Frau“ der Welt. Tatsächlich hat sie Deutschland und den ganzen europäischen Westen über Jahrzehnte durch ihre Schleichpolitik und ihre habituelle Wartehaltung – die man so schön als peacekeeping verkaufen konnte – entmannt und entmachtet. Nord-Stream 2 ist dafür ein Paradebeispiel. Entweder man steht dazu oder man läßt es sein. Das ewige Hin und Her führt nun in die paradoxe Situation, die uns – die Deutschen – zwischen allen Stühlen sitzen läßt, die einen Keil durch Europa und die westliche Welt getrieben hat, die uns von Amerika entfremdet, aber Rußland nicht näher gebracht hat, die ein großes Versprechen enthielt, das zu brechen man nun gezwungen ist – und da man in alle Richtungen versprochen hat, muß zwangsläufig gebrochen werden.  

So auch der systematische Versuch, die Ukraine – deren Geschichte, wie Putin zu Recht sagt, schwierig und kaum von Rußland zu trennen ist – ins westliche Lager zu ziehen, mit dem Ergebnis, daß zu allem noch dieses Land unversöhnlich gespalten ist. Die Ukraine ist ein Paradebeispiel für die langen historischen Schatten; sie steht in dem von Brest Litowsk, so wie Deutschland in dem von Versailles oder Ungarn in dem von Trianon steht. So auch mit der permanenten Ausdehnung des Nato-Bereiches und der aufdringlichen Annäherung an russische Grenzen mit dem ganzen Arsenal.

Selbst die selbstherrliche Flüchtlingspolitik erweist sich nun aus neuer Perspektive einmal mehr als Trojanisches Pferd. Niemand wird ernsthaft behaupten können, daß Deutschland oder die EU seither an Stärke gewonnen haben. Nein, sowohl im Innen haben sich die Gräben vertieft als auch im Außen ein gemeinsames Handeln verhindert. Und natürlich werden die gleichen Fehler, die man gegenüber Rußland beging, auch gegenüber allen anderen selbstbestimmten Ländern wir Ungarn oder Polen – die zu verstehen man sich nicht die Mühe macht – fleißig wiederholt.

Andererseits wäre ein offener Krieg Rußlands gegen die Ukraine vermutlich eine kolossale Dummheit historischen Ausmaßes. Der Westen wird bedröppelt daneben stehen und nach immer neuen Sanktionen brüllen, in der internationalen Interdependenz werden alle einen hohen Preis bezahlen, wir in Form von Gasrechnungen etwa, die Russen jedoch werden auf mehr als auf das Geld des Westens verzichten müssen. Die eigentliche Gefahr für Putin lauert wohl im eigenen Land. Die Zeiten einer alle ergreifenden Kriegsbegeisterung, die eines offenen Krieges mit Panzerschlachten, ausgedehnten Häuser- und Grabenkämpfen oder Flächenbombardements sind vorbei – zumindest in Europa; möglich sind sie nur noch in Afrika.

Dafür gibt es zwei tragende Gründe: zum einen ist auch der russische Kriegsindex – nach Gunnar Heinsohn –, der heute die friedenserhaltende Rolle der Atombombe einnimmt, denkbar schlecht. Mit einer Reproduktionsrate von 1,5 Kind pro Frau – die verwestlichtere Ukraine kommt gerade auf 1,23 – ist kein Krieg zu machen, denn jeder gefallene Soldat ist der einzige Sohn einer russischen Mutter. Putin weiß, daß der Westen sich keinen Krieg leisten kann, er sollte auch wissen, daß ihm aus den gleichen Gründen der Weg verwehrt ist. Krieg würde das ohnehin schon schwere Leben der Russen nicht besser machen, die Bevölkerung wäre bald als Anhängerschaft verloren.

Zum anderen wird diese materielle Tatsache durch das Wesen der Medien noch verstärkt. Sobald wir ein paar Leichen zu sehen bekommen, sobald die ersten Transportflugzeuge schwarze Plastiksäcke entladen, sobald Mütter schreiend und weinend vor den Kameras stehen, beginnt er Krieg unmöglich zu werden. Außerdem sind wir Modernen keine Gewalt und keine Härte mehr gewöhnt, schon gar nicht auf eigenem oder kulturell verwandtem Gebiet. Je länger das Leiden ginge, umso wackliger wäre auch Putins Stuhl, der mit einem Angriff auf die Ukraine sein Lebenswerk, seine politische Macht und vielleicht sogar sein Leben riskiert. Noch zu Sowjetzeiten waren Mütterproteste gegen den Afghanistankrieg ein politischer Faktor. Daher ist ein offener Krieg eher unwahrscheinlich, noch pokert Putin nur, sofern man ihn nicht in die ausweglose Ecke treibt.

Man sollte bei diesem Schauspiel als distanzierter Betrachter durchaus schon den nächsten Konflikt im Auge behalten, den kommenden chinesischen. In Peking – man ist dort vermutlich klüger, da weniger sentimental und verweichlicht, als hier – wird man die Lage aufmerksam studieren, denn sie könnte Blaupausenelemente für die Heimholung Taiwans etwa beinhalten. Das werden wir aber nie verstehen, denn wir glauben nur an das absolute Böse und unsere absolute moralische Überlegenheit und nicht an die Kraft der Kenntnisse, des Verstehens und des Einfühlens.

4 Gedanken zu “Die Arroganz des Westens

  1. 1a) Innenpolitische Stabilität Putins, stimme dem in Punkto Reproduktionsquote zwar zu, aber die Sanktionen treffen eigentlich besonders die normalen Leute. Ein Bekannter, der Russe geworden ist, sagte, dass dies zu einem gemeinsamen Schulterschluss führt, bei dem auch die Putingegner nun zum Staat halten. Denn egal, was Russland in den letzten Jahren tat, Sanktionen gab es so oder so.

    1b) Und noch etwas bzgl. der Reproduktionsquote, entscheidend ist dennoch, wie die Moral der Truppen ist, weniger die der Mütter. Und alle Russen, die ich kenne, sind eigentlich recht harte Hunde. Mir ist aber absolut nicht klar, weshalb Putin nichts an der Geburtenrate ändert, bspw. durch Verbot der Abtreibung, bis auf in Ausnahmefällen (Sexualgewalt und extreme Geburtsrisiken). M.E. zeigt dies, dass er eigentlich wirklich keinen Krieg will, sondern ernsthaft / existentiell Russland gefährdet sieht.

    2) Russland spart seit 8 Jahren gezielt auf den Krieg, viele Investitionen im Inneren wären möglich gewesen, sind aber gezielt ausgesetzt worden. Das ist kein Zufall.

    3) China hat durch seine 1-Kindpolitik und den massiven Abtreibungen von weiblichem Nachwuchs einen Männerüberschuss von knapp 50 Mio. Männern im besten Kriegsalter. Die können Massen an Leute einfach verheizen und innenpolitische Spannungen würden teils sogar abnehmen, durch den Frauenmangel / Männerüberschuss.

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  2. Heinrich Harrer schreibt:

    In Kiew und Odessa sollten Ende Februar zusätzlich zu den 13 bereits bestehenden 2 neue Biowaffenlabore der USA eröffnet werden.

    https://octagon.media/vojna/specoperaciya_rf_sovpala_s_zapuskom_voennyx_laboratorij_ssha_na_ukraine.html

    Als Begründerin des Projekts gilt die US-Bürgerin und ehemalige Leiterin des ukrainischen Gesundheitsministeriums, Uljana Suprun, die den Spitznamen „Doktor Tod“ trägt, weil sie nach Meinung der Bevölkerung das Gesundheitswesen ruiniert hat.

    Es gibt drei Labore in Kiew und Lemberg, je eines in Odessa, Cherson, Ternopil, Uzhgorod, Winnyzja, Charkiw und Luhansk und zwei in Dnipropetrowsk. In Charkiw, wo sich eine der Niederlassungen befindet, starben 2016 Dutzende von Soldaten an der Schweinegrippe. Im März waren es bereits mehrere Hundert.

    Im Jahr 2019 brach an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine eine Masernepidemie und eine Krankheit mit „pestähnlichen Symptomen“ aus.

    Bereits in den Jahren 2017-2018 wies Putin auf die Gefahren der Entwicklung biologischer Waffen in der Nähe der russischen Grenzen hin und zeigte sich besorgt über die „gezielte und professionelle“ Sammlung von Biomaterialien von Russen durch Ausländer.

    Diese Art von den USA betriebenen Labore befinden sich in mehreren ehemaligen Sowjetrepubliken; sie stellen nicht nur für diese Länder selbst, sondern natürlich auch für Russland eine Gefahr dar.

    http://dilyana.bg/documents-expose-us-biological-experiments-on-allied-soldiers-in-ukraine-and-georgia/

    https://journal-neo.org/2022/01/19/there-must-be-a-response-to-the-risk-of-biological-catastrophe-posed-by-us-military-laboratories/

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  3. Zorn Dieter schreibt:

    Habe den Artikel leider erst heute gelesen. Volle Zustimmung. Der Westen verwechselt Politik mit Moral, besser: Er glaubt, mit Moral Politik machen zu können. Noch besser: Moralisieren könne vernünftige Politik ersetzen. Und die Auseinandersetzung mit den Positionen der Anderen sei dadurch unnötig. Denn, Wir sind die Guten! Immanuel Wallersteins Büchlein, Die Barbarei der Anderen, bringt es auf den Punkt: Während frühere Poiltiksysteme den Wilden „den Glauben“ brachten, um sie in Wirklichkeit auszubeuten, bringt der Westen heutzutage dem Osten „die Demokratie“. Wozu?

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  4. Mesenbach schreibt:

    So ist es. Man redet im Westen viel und gerne, stellt Werte auf, doch wenn es zum Schwur kommt, dann hält man sich eben selbst nicht dran. Siehe auch Trudeau als derzeitiges Beispiel. Für weitere Beispiele, fehlt hier der Platz und mir die Zeit.

    Ob die Osteuropäer sich seinerzeit einen Gefallen taten in die Nato und die EU einzutreten, mögen spätere Historiker beurteilen, manch einem deucht dabei aber, dass er vom Regen in die Traufe kam, das Moskauer Diktat, gegen eines aus Brüssel tauschte. Osteuropa war immer ein Spielball der Mächte, so dass die Bevölkerungen viel Leid ertragen mussten. Vielleicht hätten sie es einfach mal eigenständig und vereint, a la Visegrad-Gruppe, um andere vergrößert, versuchen sollen, allerdings hätten einige Völker diesbezüglich zunächst das Kriegsbeil begraben müssen. Heterogen in Kultur, Religion und Staatsverständnis wäre ein solches Bündnis allemal. Ist aber nur ein Gedanke.

    Das Verständnis mit diesen Menschen, diesen Kulturen, erschließt sich aber nur, wenn man sich mit ihnen einlässt, ihre Geschichte studiert und daran versucht zu verstehen warum manches so ist, wie es ist und das es dauert bis es anders ist, manchen nicht anders werden wird.

    Ich lebe selbst in Ungarn, habe ein russische Frau, Bekannte aus Weißrussland und der Ukraine.

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