Das Denunziationsparadox

Manche Menschen haben die Gabe, das unsichtbare Offensichtliche greifbar zu machen.

Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, ein paar Worte mit Kubitschek zu wechseln. Da sprach er diesen Gedanken aus, der mich aufschrecken ließ. Alles war mit einem Male so evident – warum habe ich das bisher nicht gesehen? Für ihn war das ein Nebensatz, vielleicht nicht mal sonderlich betont, wahrscheinlich seit Langem eine Standarderkenntnis[1], für mich ein Augenöffner.

Er zeigte das Denunziationsparadox auf. In der DDR wurde denunziert und heute wird denunziert. Der Unterschied ist der: die allgemeine Öffentlichkeit in der DDR wußte, daß der Denunzierte in der Regel ein anständiger Mensch war, meist einer mit Rückgrat, ein Mutiger, Standhafter. Heute hingegen nimmt die Mehrheit der Leute tatsächlich an, daß der Denunzierte – „der Rechte“, „der Schwurbler“, „der Leugner“, „der Querdenker“, „der Nazi“ und dergleichen – Unrecht getan und also zu Recht denunziert wurde. Widerstand in der DDR wurde als mutig angesehen, in der BRD der Jetztzeit als Sakrileg. Dem Bürgerrechtler konnte man aus der Position der schweigenden Mehrheit maximal Leichtsinn oder „selber-Schuld-warum-hast-du-dich-exponiert“ vorwerfen, aber selbst seine politischen Gegner mußten seine Furchtlosigkeit anerkennen und zumeist auch seine hehren Ideale, auch wenn man sie nicht teilte. Heute unterstellt die mitlaufende Masse in ihren Massenmedien dem Widerständler niedrige Motive und zeigt kaum noch Erbarmen, geschweige denn Verständnis.

Das war scharf gesehen!

Aber es funktioniert auch umgekehrt. Auch die Rolle des Denunzianten hat sich gewandelt. Der IM in der DDR wußte in der Regel, daß sein Verhalten verwerflich ist – aus purer Überzeugung dürften nur die wenigsten angezinkt haben; die Motivlage ist freilich komplex. Als aber die Archive der Stasi geöffnet wurden und eine Million Menschen Einsicht in ihre Akte verlangten, da sah man keinen einzigen Denunzianten, der sich stolz auf die Brust schlug, zu seiner Tat stand und sie für richtig erklärte. Das Gefühl der Schuld war schon immer da und manch einer war sogar erleichtert, daß es nun ausgesprochen war.

Ganz anders der bundesdeutsche Denunziant. Er brüstet sich seiner Tat, denn er hat ja einen „Nazi“ oder einen „Demokratiefeind“ zur Strecke gebracht. Während man im Osten dem Denunzianten mißtraute, sind es heute oftmals Menschen in Vertrauenspositionen, die anschwärzen: Journalisten, Akademiker, Lehrer, Funktionäre, „Wissenschaftler“ und „Forscher“ etc. Die Medien bejubeln sie, mehr noch, die Medien beschäftigen heutzutage zuhauf solche Zuträger. Die fühlen sich aber nicht schlecht, sondern moralisch gerechtfertigt, glauben anderen überlegen zu sein. Die Akademien und Stiftungen füttern sogar eine ganze Armee an Denunzianten, sie werden mit Lehrstühlen, Professorentiteln, „Forschungs“mitteln und Zugang zu den Medien verwöhnt – es lohnt sich, andere zu verpetzen … wenn es nur „die Richtigen“ sind.

[1] Und tatsächlich stoße ich – wie der Zufall es manchmal will – einen Tag darauf auf eine Passage aus dem Jahre 1997, die damals schon hellsichtig Teile des Zusammenhang ausspricht: „In diesen Zusammenhang gehört auch die verfassungsfeindliche Mutation von Teilen verschiedener Landesämter für Verfassungsschutz zu gesinnungspolitisch operierenden Inquisitionsbehörden, denen inzwischen ganze Kohorten von 68er-Politologen als Recherche-Spitzel und Konstrukteure gesellschaftlicher Denunziations-Begrifflichkeit dienen. Die Prototypen dieses akademischen Zuträgermilieus tarnen sich als Wissenschaftler. Ihr Wissensbegehren und – anwenden ist aber nur identisch mit den Informations- und Deutungsverfahren, wie sie vor allem im Ministerium für Staatssicherheit die Norm waren“. Die das schrieben, wußten wovon sie sprachen: Heimo Schwilk und Ulrich Schacht (der selbst drei Jahre im Stasi-Gefängnis gesessen hatte) in ihrem Buch „Für eine Berliner Republik“. Ich selbst muß mir die Frage stellen: Wo war ich damals?

13 Gedanken zu “Das Denunziationsparadox

  1. Thomas Schubert schreibt:

    Ein anderes Denunziationsparadox

    Immer wieder bin ich verwundert über die partiellen Regressionen einer mir wichtig und kompetent erscheinenden (Gegen)Stimme. Erscheinen dessen Urteile in Fragend es Fußballs bisweilen überspitzt und von einem Anflug an Liebhaberei und Subjektivismus gezeichnet (ich sage nur Messi), so scheint in Sachen Götz Kubitschek ein gewisses Fanboytum die Urteilskraft zu trüben.
    Nun ist Kubitschek sicher einer der talentiertesten Propagandisten einer bestimmten Gruppe von Ideen, doch erscheint mir Sidewalk bisher in denkerischer Hinsicht nicht weniger talentiert und reflektiert zu sein, was eine solch kritiklose Anlehnung Sidewalks an Gedanken Kubitscheks rechtfertigen würde.
    Das geschilderte Denunziationsparadox entspringt einer unhistorischen und symbolistischen Verwendung von gleichlautenden Begriffen, es hat keinen Bezug zur beschriebenen Realität, vielmehr offenbart sich darin eine Vorurteilsstruktur derer, die es verwenden.
    Bei meinem Einspruch geht es nicht um die Leugnung der von Sidewalk beschriebenen Praxis gesellschaftlicher Denunziation und Ächtung von Minderheitenmeinungen (oder solchen, die so erscheinen) durch einen zur Verselbständigung tendierenden medien-moralischen Komplex. Es geht mir allein um dessen Gleichsetzung mit den Praktiken der Stasi und damit von einer bundesrepublikanischen Misere mit einer Misere der DDR.
    So wie es unzulässig sein sollte, die DDR schwärzer zu zeichnen als sie gewesen ist, indem sie mit der schwarzen Farbe des Nationalsozialismus angestrichen wird (Beispiel Unrechtsstaat), so sollte es auch unzulässig sein, die Bundesrepublik mit der DDR gleichzusetzen und sei dies auch nur über die Behauptung „identischer“ Herrschaftspraktiken.
    Das Denunziantentum, von dem in dem Beitrag die Rede ist, gab es tatsächlich auch in der DDR. Auseinandersetzung zwischen Wissenschaftlern, Künstlern und Funktionären um die knappe Ressource öffentlicher Wirksamkeit wurden in Journalen, auf Tagungen und auch in Hinterzimmern geführt. Dass dabei über die Bande der Ideologie oder eines Diskurses gespielt wurde ist selbstverständlich. Hier waren und sind sich DDR, BRD und im Übrigen auch das 3. Reich sehr ähnlich.
    Anders sieht es mit der staatlich geförderten und forderten Denunziation aus. Die OibE (Offizier im besonderen Einsatz), IM (informeller Mitarbeiter der Stasi) und selbst die GI (gesellschaftlicher Informant) operierten gerade nicht öffentlich, sie konnten sich darum auch nicht dessen rühmen. Zugleich konnte der Öffentlichkeit – im Gegensatz zur Gegenwart – das mögliche Ausmaß an Verrat nicht bekannt sein oder bekannt werden.
    Indem das öffentlich-private (deutsche) und das nicht-öffentlich-staatlich organisierte Denunziantentum in der DDR miteinander vermischt und der heutigen Situation gleichgestellt werden, entsteht das schiefe Bild einer scheinbaren Paradoxität.
    Ähnlich sieht es mit dem Begriff des „Widerstandes“ aus. Politisch abweichendes Handeln firmierte in der DDR per se als Widerstand, da es von den Machthabern als ein solches betrachtet und verfolgt wurde. Was stützt nun These, dass nicht nur das Denunziantentum in DDR und BRD einander ähnlich seien, sondern auch die Form des sich dagegen formierenden Widersandes?
    Das auf die DDR und die Stasi verweisende Gerede von einem gegenwärtigen und gerechtfertigten „Widerstand“ oder von „Widerständlern“ sieht von dessen völlig anders gearteten gesellschaftlichen Einbettung, Akzeptanz und vor allem von den völlig anders gearteten juristischen Möglichkeiten ab.
    Der Schutz durch das Gesetz und dessen Organe gab es in der DDR prinzipiell nicht, weshalb es auch keinen Götz Kubitschek oder diesen Blog hier dort nicht hätte geben können. Daran ändert auch eine mögliche oder reale Beobachtung oder Einflussnahme durch Verfassungs(schutz)organe nichts, so lange diese juristischen Prüfungsverfahren unterworfen sind, welche ihrerseits einer juristischen Überprüfbarkeit unterliegen, die von Seite der Betroffenen veranlasst werden kann.
    Hier möchte ich enden und darum bitten, die Rechtsstaatsprinzipien auf denen unserer aller Freiheit beruht, nicht durch schiefe Analogieschlüsse in Frage zu stellen und damit zu untergraben.
    Ich saß zwar nicht im Stasi-Knast, dafür saß ich im Knast DDR, auch habe ich nicht marxistisch-leninistische Philosophie sondern nur Philosophie studiert, ich stehe nicht links und auch nicht dort wo sich heute die „Mitte“ wähnt. Doch darum schütte ich nicht den Müll der Vorzeit über einer kritikwürdigen Gegenwart aus, die besser ist als alles Vergangene war und die darum mehr Loyalität und weniger Häme verdient.

    Seidwalk: S e i d walk!

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    • Michael B. schreibt:

      über einer kritikwürdigen Gegenwart aus, die besser ist als alles Vergangene war und die darum mehr Loyalität und weniger Häme verdient.

      Das aendert sich aber gerade in halsbrecherischer Beschleunigung. Es ist auch fuer Teilbereiche schon lange Zeit nicht wahr oder es je gewesen. Ich bin schon Mitte der Neunziger mit dem sogenannten Familienrecht dieses Landes unter einschneidenden Folgen kollidiert. Ueber Rechtsstaat, Willkuer und Beziehung zu unappetilichem Zeitgeist muss mir seitdem niemand mehr etwas erzaehlen.
      Die Politik allerdings hat wohl die meisten Leute damals tatsaechlich in einer in meinem Leben nie vorher oder nachher erreichter Form in Ruhe und Freiheit gelassen. Die Eingriffe in Leib und Leben wie durch diese „Impf“pflicht geplant hat es bei derartigen Zweifeln und menschenverachtender Inkaufnahme an gesundheitlichen Folgen allerdings auch in der DDR in in Breite, Tiefe und bewusster Brutalitaet in vergleichbarer Form nie gegeben.

      Zum mitunter durchblitzenden Juengerverhalten des Seitenbetreibers gebe ich Ihnen allerdings recht. Fiel mir im Artikel auch sofort wieder auf (die zweite sichere Bank dafuer ist Sloterdijk). Kubitscheks Einschaetzung ist nun tatsaechlich nichts irgendwie Aufregendes.

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      • Thomas Schubert schreibt:

        Ja, die Beobachtung zu Sloterdijk passt auch. Nun sehe ich in ihm auch einen der letzten deutschen Philosophien, doch darum ist noch nicht jede Blase im geschlagenen Schaum bereits Goldataub…
        Die Frage mit dem Impfen in der DDR scheint jedoch etwas hypothetisch, da man dort in solchen Dingen nicht nur weniger fackelte, es bestanden vor allem weniger Widerspruchs- und gar keine Einstpruchsmöglichkeiten, so dass wir nicht wissen können, wie man sich dort entschieden hätte.

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        • Michael B. schreibt:

          hypothetisch

          Darum ging es ja nicht, sondern darum die Qualitaet der Gegenwart mit der der Vergangenheit zu vergleichen. In der Guete, Vielfalt, und trotzdem verschlingenden Tiefe der Indoktrination und der Raffinesse der Implementierung totatlitaeren Gedankenguts ist die Bundesrepublik – und wohl groessere Teile der westlichen Welt – der DDR schon lange davongelaufen.

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    • Gerade darüber glaubt man unbedingt etwas zu sagen zu haben. Man schreibt nur auf dem vordersten Posten seines eigenen Wissens, auf jener Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwissen trennt und das eine ins andere übergehen läßt.“ (Gilles Deleuze)

      Dem entgehen zu wollen, grenzte wohl an Hybris.

      Ich habe stets versucht mit Kritik nach folgendem Schema umzugehen: es gibt zwei Möglichkeiten A) sie trifft mich, dann versuche ich, sie in meine Argumentationen und Gedankengänge zu integrieren B) sie trifft mich nicht, dann kann man sie meist ignorieren.

      Sofern ich Ihre Kritik recht verstehe, fällt sie in die Kategorie B). Ihr – der Kritik – Problem wurde in der Aufforderung, doch wenigstens der Nietzscheschen Grundforderung „Verwechselt mich vor Allem nicht!“ nachzukommen, schon angedeutet. In diesem Falle übersetzt sich das: Schreibt wenigstens meinen Namen richtig. Das ist keine Petitesse, sondern ein Zeichen „schlechten Lesens“ bzw. „intentionaler Falschlektüre“ – wie Sloterdijk das nannte.

      „Fanboytum” ist schon ein sehr despektierlicher Begriff, für etwas, was man auch Hochachtung hätte nennen können.

      Die Betonung des Namens Kubitscheks hat mit der Sache nichts zu tun, das vorgetragene Argument käme auch vollkommen ohne diesen Namen aus – ich habe ihn überhaupt nur eingeführt, um mich ein bißchen aufzuspielen und wichtig zu machen.

      Im Sinne Deleuze‘ stelle ich weder an mich noch an andere (wie Kubitschek) den Anspruch, immer originell zu sein. Der von K ausgesprochene Gedanke mag vollkommen banal sein – in der Tat ist das im Artikel sogar eingestanden worden, schon im ersten Satz –, aber mir war er bisher nicht aufgegangen. Daran ersehen Sie meine Beschränktheit – wer Ungewohntes lesen will, der sollte bei Sloterdijk oder anderen nachschauen.

      Es geht in dem Beitrag nicht um Begriffe (Denunziation), sondern um Vorgänge (Denunziation) und diese Vorgänge sind natürlich konfrontierbar.

      Von einer „Gleichsetzung mit den Praktiken der Stasi“ ist im Text keine Rede, weil diese gar nicht zur Debatte stehen, sondern lediglich der je einzelne Akt des Denunzierens. Dementsprechend wird auch die bundesrepublikanische Misere nicht mit der der DDR verglichen. Was hingegen verglichen wird, ist der kommunikative Akt des Verrats und der dürfte anthropologisch und kommunikativ konstitutiv sein. Dazu kann man – in Bezug auf BRD und DDR – Erhellendes in einem kleinen Büchlein mit dem Titel „Versprechen auf Deutsch“ von Peter Sloterdijk lesen.

      Daß die IM sich ihrer Taten nicht rühmen konnten, weil sie der Logik der Sache nach klandestin agierten ist offensichtlich – im Text war davon die Rede, daß sie sich ihrer Taten auch nach der Öffentlichmachung nicht rühmten, was von einem permanenten Schuldbewußtsein zeugt. Ein antifaschistischer Widerstandskämpfer hätte hingegen keinen Grund, still zu sein, auch wenn er es sein mag. Insofern ist von einer „Vermischung“ oder gar Gleichstellung des „öffentlich-privaten (deutsche) und des nicht-öffentlich-staatlich organisierten Denunziantentums“ keine Rede

      Die Konklusion, daß durch den Beitrag die „Rechtsstaatsprinzipien auf denen unserer aller Freiheit“ beruhe und „durch schiefe Analogieschlüsse“ infrage gestellt werden, ist vollends absurd. So sehr ich das Leben in der DDR in vieler Hinsicht genossen habe, so sehr genieße ich jetzt das in der BRD in anderer Hinsicht – die Rechtsstaatsprinzipien (so viel sie denn noch wert sind) zählen dazu.

      Weshalb diese Kritik mich nicht berühren muß, liegt in der Verkennung der „Analyse“ebene (wenn das Wort nicht schon zu hochtrabend ist), die sich deutlich erkennbar nur auf der psychologischen, der individuellen Ebene, nämlich der der Denunzianten, bewegt. Im Übrigen ist damit auch keinerlei Urteil über diese gesprochen, denn der Gründe, Motive und Umstände mag es tausende gegeben haben und kein Akt der Denunziation ist mit einem anderen wertmoralisch a priori vergleichbar. Viele von denen, die heute urteilen, würden vermutlich unter derselben moralischen Last leiden, wären sie nur entsprechend angesprochen worden oder unter Druck geraten.

      Selbstverständlich bin ich auch – solange ich mich hier in meiner Beschränktheit bloßstelle – bereit, die von Deleuze benannten Grenzen durch Anerkennung von Kritik zu erweitern – so wie das etwa im Strang „Der doppelte Ehrlich“ geschehen ist, etwa durch die Idee des „Kipppunktes“ … diese Kritik jedoch – sofern ich sie recht verstehe – hat mir bei der Selbstoptimierung (Sloterdijk) nicht geholfen.

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      • Thomas Schubert schreibt:

        Meine Leseschwäche bezüglich Ihres Namens bedauere ich außerordentlich. Zwar lese ich nun schon seit längerer Zeit Ihren Blog und hielt dabei das gewählte Pseudonym „Sidewalk“ immer für überaus passend, doch Sie haben ja Recht, ich muss Sie da unbewusst verwechselt haben.
        Intentionales Falschlesen trifft es ganz gut, allerdings weiß Sloterdijk auch, dass es ohne dem nicht geht, und ich möchte hinzufügen: Es muss nicht immer böse gemeint sein. Meine Unterstellung einer gewissen Ironiebereitschaft nehme ich selbstversändlich zurück.
        Zwei Sachen noch: Erstens sehe ich meinen Hinweis auf die Vermischung von zweierlei Denunziantemtum in der DDR und deren Parallelisierung mit nur einer Form in der Bundesrepublik höchst ungern einfach so weggewischt („absurd“).
        Zweitens sehe ich mich genötigt, auf die folgende von Ihnen positiv zitierte Stelle in der Fußnote zu verweisen:
        Darin wird heutiges Denunziatentum als „identisch mit den Informations- und Deutungsverfahren, wie sie vor allem im Ministerium für Staatssicherheit die Norm waren“ bezeichnet.
        Auch nach nochmaliger überprüfung des Gedanken, wozu Sie mir dankeswerterweise Gelegenheit gaben, denke ich noch immer, das diese Stelle auf eine „Gleichsetzung der (heutigen) Praktiken mit denen der Stasi hinausläuft und nicht unwidersprochen bleiben sollte.

        Seidwalk: Intention war von Beginn an verstanden – keinerlei böses Blut meinerseits.

        Dennoch ist es Ihnen wieder passiert: Mit „absurd“ habe ich nicht die von Ihnen benannte „Parallelisierung“ bezeichnet, sondern die Insinuation Ihrerseits, ich hätte die „Rechtsstaatsprinzipien“ der real existierenden BRD in ihrer Idealität angezweifelt.

        Alles Weitere steht Ihnen natürlich frei – Texte können sich weder gegen Fehlinterpretationen wehren, noch sind sie selten aus sich selbst heraus gut dagegen geschützt, so daß das Mißverständnis in der Regel zwei Seiten hat.

        Ich spiele ja gern mit dem Gedanken, daß Derrida etwa mit der Art seines Schreibens den Versuch unternommen hatte – wie zuvor schon Nietzsche und nach ihm in gewisser Hinsicht auch Sloterdijk – Texte so unscharf (im militärischen Sinne) zu machen, daß alle „intentionale Falschlektüre“ scheitern sollte, mit dem fatalen Ergebnis – in allen drei Fällen -, daß das Gegenteil erreicht wurde. Man kann das Experiment also beruhigt abblasen oder man flüchtet sich ins Dada oder noch besser ins Schweigen. Mit letzterer Option spiele ich seit Jahren gedanklich. Es fehlt nur noch die Sättigung.

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        • Lieber Herr Schubert,

          bei aller Liebe, aber ich sehe den von Ihnen skizzierten Unterschied – dem Geiste nach – kaum noch. Die Methoden der vermeintlichen demokratischen Systeme sind subtiler und lassen so weit Spielraum, dass gewisse Illusion beibehalten werden (bspw. die der Volkssouveränität). Wenn es aber darauf ankommt (siehe Kanada, Anti-Terror-Maßnahmen zu Konteneinfrierungen von Demonstranten, Ausnahmezustand etc. pp.), wird einfach von verdeckten Modus des Autoritären auf den öffentlich sichtbaren, unmittelbaren gewechselt und ein paar Gänge hochgeschaltet. Bisher übernimmt viel der Schmutzarbeit linke Vorfeldorganisationen und man kann sich in Unschuld baden. Jetzt werden Sie sagen, aber XYZ können hier noch Bürger sein (nur halt ohne Konto, siehe Martin Sellner) und sind nicht im Knast oder „verschwunden“. Ich glaube allerdings nicht, dass das an einem besseren System liegt, als in der Effektivität der Kontrolle und der Andersartigkeit, wie politische Herrschaft sich organisiert.

          Oder nicht?

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          • Thomas Schubert schreibt:

            Sehr geehrter N.
            Ich danke für Ihre Gedanken, denke jedoch:
            Herrschaft herrscht durch den Ausschluss dessen, was sie ihrem Selbstverständnis nach zu delegitimieren sucht. Dieses Prinzip ist universell, daher sitzt eine Beschwerdeführung wie Ihre einem so idealistischen wie anarchistischen Staatsverständnis auf. Volkssouveränität bedeutet nicht Trucker- oder – so klassisch wie böse – Pöbelherrschaft, sondern die rein formale Möglichkeit einer Gesellschaft, über institutionalisierte, mehrheitlich akzeptierte Verfahren zu Fragen von Gemeininteresse, zu Entscheidungen zu kommen, die wiederum durch beauftragte Institutionen durchzusetzen sind. Alles andere ist Diktatur, Bürgerkrieg oder Mob-rule.
            Das Besondere an der bürgerlich-liberalen Demokratie, wie sie es gerade heute zu verteidigen gilt, liegt in der prinzipiellen Möglichkeit, die Zulässigkeit der Regeln, der Verfahren und dadurch auch der Entscheidungen, einer Prüfung (durch die Artikulation von Dissentz) oder Überprüfung (durch richterlichen Bescheid) zu unterziehen.
            Daraus, hier im Einzelfall nicht Recht zu bekommen oder bis zu einem anderen Beschluss objektiv Unrecht zu erleiden, lässt sich kein Argument dagegen ableiten. So gibt es ein Recht auf Querulantentum aber kein Recht auf die Verallgemeinerung der eigenen (zumeist unvollständigen) Vorstellung oder Perspektive oder der Vorstellungen einer Gruppe, deren Gemeinsamkeit zumeist nur in der Ablehnung des Bestehenden liegt.
            Das wäre ohnehin nur einem Diktator möglich, wie der Blick auf Stalins Sowjetunion oder das heutige Russland verrät.
            Erlauben Sie mir ob der heutigen Ereignisse dazu die folgende Bemerkung: In der logischen Abfolge der Entscheidungen des derzeitigen russischen Alleinherrschers ist der Einsatz der Atombombe der nächste zu erwartende Schritt. Nicht gegen die Nato, sondern gegen eine beliebige Stadt in der Ukraine. Das könnte als die letzte ultimative Willensbekundung eines Einzelnen gelten, ohne dabei einen zusätzlichen Krieg provozieren zu müssen.
            Genau hier liegt der Unterschied zu dem politischen System, in dem wir uns – sicher an Leib und Leben – in Beschwerden über dieses ergehen und ergehen dürfen. Das gilt es zu verteidigen, trotz aller notwendigen Fehler. Warum sind die Fehler notwendig? Weil es unser System, ein System von Menschen ist.
            Verbleibend mit der Hoffnung, dass wie uns noch lange daran reiben dürfen…

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            • Entschuldigung, aber es ist einfach peinlich, was Sie schreiben. Abseits jeder Realität. Ich weiß gar nicht, wie viele Existenzen inzwischen in diesen freiesten aller Deutschlands bereits vernichtet wurden, von den USA mal ganz zu schweigen. Und ehrlich gesagt, wenn es um existentielle Fragen und Entscheidungen geht, die „ein bisschen“ mehr in mein Leben hereinreichen, als Gesetze und Verordnungen zur Wohngeldzulage, dann möchte ich sehr wohl die Mitsprache sehen. Naja, ich weiß, warum ich ausgewandert bin.

              Seidwalk: bezieht sich auf wen? auf Thomas Schubert vom 27.2.?

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  2. Haal schreibt:

    Weiterhin ist ja zu bedenken, dass eine Denunziation als „Rechter“ (oder auch z.B. als #metoo-„Täter“) für den Denunzierten sehr schwer oder garnicht zu entkräften ist. Und selbst wenn eine Strafverfolgung unterbleibt, ist der Denunzierte stigmatisiert, während der Denunziant ungeschoren seines Weges geht. Mir ist nicht bekannt geworden, dass der §164 StGB entsprechend angewendet wird – das Denunziantentum im angesprochenen Sinne ist ja von staatlicher Seite erwünscht und hoffähig.

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  3. Michael B. schreibt:

    Es bietet sich dann an, mit einem dritten Zeitabschnitt zu vergleichen. Bei den Nazis finde ich auch wieder viel der bundesrepublikanischen Variante… Dahingehend draengt sich auch Extrapolation darauf an, was bei Vollzugriff auf Kinderkoepfe so passieren kann

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