Mit vierzig weiß man alles

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XVIII

Darüber, daß man mit vierzig Jahren alles weiß

Mark Aurel sagt, daß ein Mann, der auch nur einen Funken Verstand besitzt, im Alter von vierzig Jahren, alles erlebt hat und alles weiß, was vor seiner Zeit mit den Menschen geschehen ist und was nach seiner Zeit mit ihnen geschehen könnte.[1]

Die Einzelheiten mögen vielfältig und verschieden sein, aber das wesentliche Erleben[2] – das allen menschlichen Lebens gemeinsame Grunderleben – geschieht in der Tat allen Menschen innerhalb der ersten vierzig Jahre.

Er hat die Leidenschaften durchlebt, hat die Beständigkeit der Naturgesetze erfahren und weiß mit absoluter Sicherheit, daß er sterblich ist. Mehr wußte auch Cäsar nicht, Antonius ebensowenig, und selbst Mark Aurel nicht. Mehr wird der Mensch im Laufe der Zeit über sich selbst und über die Welt nie wissen können. Alles Weitere ist nur Wiederholung.

[1] Anmerkung Seidwalk: Im 11. Buch, 1. Abschnitt der „Selbstbetrachtungen: „… Außerdem umwandelt sie die ganze Welt samt dem diese umgebenden leeren Raum und erforscht die Form derselben; sie breitet sich über die grenzenlose Zeit aus, sie begreift und betrachtet allseitig die periodisch eintretende Wiedergeburt aller Dinge und erkennt daraus, daß unsere Nachkommen nichts Neues schauen werden, so wie diejenigen, die vor uns gewesen sind, auch nichts anderes gesehen haben als wir sehen, so daß gewissermaßen schon ein vierzigjähriger Mann, wenn er auch nur einigen Geist besitzt, nach dem Gesetze der Gleichförmigkeit in alles Vergangene und Zukünftige einen Einblick hat. Endlich gehört auch das zu den Eigentümlichkeiten der vernünftigen Seele, daß sie den Nächsten sowie die Wahrheit und Bescheidenheit liebt, das Naturgesetz erkennt und nichts höher achtet als sich selbst. So findet mithin zwischen der richtig denkenden und der gerecht wirkenden Vernunft gar kein Unterschied statt.“
[2] alapélmény = Grunderlebnis; man könnte hier im Sinne des Deutschen über “Grunderfahrung” nachdenken … steckt aber leider nicht drin.

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2 Gedanken zu “Mit vierzig weiß man alles

    • Stimme hier völlig überein. Nicht nur, weil die Adoleszenz nun jenseits der 30 anzusetzen ist, sonder v.a., weil das „Wissen“ über das „außer einem selbst“ stark abhängig ist vom Wissen über das EIGENE INNERE, welches i.d.R. nicht vor der 50 zu realistischen Erkenntnissen gelangt und auch dann noch 2 Jahrzehnte der weiteren Vervollkommnung bedarf.

      Des weiteren ist Wahrheitsfindung jenseits von Gott JHWH kaum möglich…

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