Bernd Zeller – das Interview

zu Bernd Zeller siehe: Das Phänomen Zeller

S: Kommen wir gleich zur Sache! Sie sind 1966 in Gera geboren, heute ein Ort der Renitenz, wie so viele Städte in Sachsen, Thüringen und im Rest des Ostens. Wie viel DDR steckt in Ihren Arbeiten?

Z: Nein, DDR steckt gar nicht drin, ich trachte vielleicht etwas mehr als Westhumoristen danach, dass das so bleibt, wobei auch hier „Westhumorist“ eine mentale Angelegenheit ist und keine geographische. Wie mir scheint, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit einer Abneigung gegen Totalitarismus ostdeutsch ist, größer als fünfzig Prozent, also überproportional, weil man da eben wissen kann, wie es funktioniert, und es wiedererkennen kann. Wenn man das will.

S: Sie haben sowohl im Eulenspiegel als auch in der „Titanic“ und in vielen anderen Projekten gearbeitet, Wikipedia belehrt uns sogar darüber, daß Sie bei Harald Schmidt als „unser Ossi“ aufgetreten seien … sehen Sie eine Humormauer im Kopf der Ost- und der Westdeutschen? Unterscheiden sich die Ironieverständnisse? Lacht oder ärgert man sich verschieden, je nach Sozialisation? Und wie?

Z: Danach, was in Wikipedia steht, kann ich mich nun wirklich nicht richten.

Damals bei den Ossi-Auftritten hielt ich die ganze Ossi-Wessi-Sache eigentlich für erledigt und nur noch als Comedystoff zu verwenden.

Dass ich bei Titanic Redakteur war, ist auch schon fast so lange her, das war damals der größte Adelstitel, den man in dieser Branche erwerben konnte, Bernd Zeller von Titanic. Ich kam dorthin als Fan der Titanic-Gründer, Traxler, Waechter, der Neuen Frankfurter Schule, und traf auf Leute, die Fan sind von sich. Sonneborn, der Wessi, hat die Tradition der Neuen Frankfurter Schule abgeschafft, und ich, der Ossi, wollte das nicht mit ansehen. Es muss also wirklich einen Unterschied geben.

S: Mit der Nennung dieser Namen machen Sie gleich mehrere große Fässer auf und bringen auch mein Konzept durcheinander. Aber ich lasse mich gern verführen … Man kann aus künstlerischer Sicht von Waechter und Traxler oder von Bernstein, Gernhardt, Henscheid wohl nur mit größtem Respekt sprechen. Sie haben das satirische Geistesleben der Bonner Republik geprägt und gezeigt, daß die Adorno-Schule konstruktives Potential besaß. Bei Ihnen klingt nun Enttäuschung an. Was haben sie Ihnen bedeutet, was haben Sie von diesen – man kann fast sagen: Klassikern – gelernt? Leben sie in Ihren Arbeiten fort? Und hat Ihre angedeutete Kritik systemischen oder „nur“ charakterlichen Charakter?

Z: Als Satiriker muss ich natürlich große Eisen in heiße Fässer legen.

Ich kann ein Traxler-Buch aufschlagen und es wirkt nicht nur amüsant, sondern für die Arbeit anregend, genauso Manfred Deix, auch Heinrich Zille.

Ich will aber gar nicht mich selbst vergleichen mit den Leitsternen; man folgt dem Leitstern, unten am Boden.

Sonneborn ist was anderes, ein linker Moralist. Das ist keine Beschimpfung von mir, so bezichtigt er sich selbst. Der ist Partei, und mit Partei kriegt man alles geschrottet. Er hat nur die Reihenfolge verändert, erst den Mythos Titanic heruntergenudelt, statt ihn zu pflegen, und dann formal eine Partei gegründet. Man könnte sagen, er hat aus der Satire die Adorno-Schule gemacht, aber ich weiß gar nicht, ob ich jetzt so früh am Morgen schon so giftig sein will.

Ich rede hier von den frühen Zweitausenderjahren, die aktuellen Titanic-Hefte sind mir unbekannt.

Das Verheerende ist noch etwas anderes. Wie ein weiterer großer Name, Loriot, mal im Interview gesagt hat, habe ein Journalist zwischen den Stühlen zu sitzen. Gilt für den Satiriker erst recht. Wenn das Satiremagazin nicht zwischen oder über den Stühlen steht, sondern politisch gepolt ist, entfällt der Charakter des, man mag es gar nicht aussprechen, Korrektivs. Dann werden die anderen Journalisten und Politiker noch ungenierter, als es ihrem Berufsbild ohnehin schon entspricht. Sie können sich lächerlich machen, weil niemand da ist, der sagt, wie lächerlich sie sind. Wohin das führt, sehen wir.

Übrigens ist bei Die Partei das Parodistische, die Parteienpersiflage, gar nicht so schlecht, es macht nur einen geringen Anteil aus. Wenn es ein Satiriker machen würde und kein linker Moralist, hätte das doch Humorpotenzial. Der größere Flügel ist aber der kryptokommunistische, mit dem wird die Basis angezogen.

S: Auf die Stühle möchte ich später zurückkommen. Zugegeben, Sonneborn ist auch ein Phänomen – ein negatives. Unlustiger geht kaum noch und „Die Partei“ – wenn man es konsequent zu Ende denkt – ist doch das Ende, das eine Ende zumindest, des demokratischen Parlamentarismus. Sie bezeichnen Sonneborn seit Langem als „Satirehitler“. Viele verstehen das als Reaktion auf jüngere Auswüchse, aber die Geschichte ist wohl alt. Was steckt im Kern dahinter?

Z: Dabei handelt es sich um eine humoristische Anspielung darauf, dass bei Titanic immer Hitler ist, wenn einem nichts einfällt.

S: „Immer Hitler“ – das klingt vertraut. Nicht nur der allgegenwärtigen historischen Engführung wegen, sondern auch als permanenter Vorwurf an den politischen Gegner. Auch Ihr neues Buch „Furcht und Elend des Grünen Reiches“ spielt mit dem Motiv. Der Hitler steckt also in jenen, die ihn überall sehen wollen und ständig vor ihm warnen?

Z: Meine persönliche Beziehung zu Hitler beschränkt sich darauf, dass ich mal einen Tag in seinem Gagautorenteam gearbeitet habe.

Wer in den meisten Leuten steckt, ist eher nicht der Führer, sondern der Geführte, verbunden mit dem Wunsch, die noch Tieferen zu führen, sich über die Masse zu erheben. Und jemanden zu haben, der noch schlimmer ist als man selbst. Das kann ein schlechter Satiriker sein oder Hitler, wenn der eben der Nächstschlimmere ist.

S: Das ist ja eines Ihrer Markenzeichen: Sie sind – glaube ich – ein kathartischer Künstler in einer Zeit der Beliebigkeit. Es gelingt Ihnen in Wort und Bild das Verdrehte in der Welt, die uns umgibt, durch eigene Verdrehungen schlagartig faßbar zu machen. Der Leser geht lachend, erleichtert und mit selbst gewonnener Einsicht von dannen. Ist das eine natürliche Gabe bei Ihnen oder Training oder harte Arbeit? Wird gefeilt? Dürfen wir mal in die Werkstatt lunzen und funzeln?

Z: An das mit der Katharsis glaube ich nicht so recht. Genaugenommen gar nicht. Wie es überhaupt ein falscher Ansatz wäre, auf so eine Art von Wirkung zu zielen.

Bei Zellerzeitung kann man mir zugucken, wie ich mich über den Journalismus lustigmache, das ist eine Zeitungsparodie. Kann nicht so populär sein wie eine pure Spaßseite. Was aber wirken kann, ist, dass man dann, wenn man mit Unsinn in den Medien konfrontiert wird, einen ironischen Abstand schon hat. Wie wenn man denkt: das ist ja ein Typ wie von Gerhard Polt gespielt oder eine Situation wie bei den Simpsons. Also eine Entlastung, ja, das wäre ein Ziel, wenn ich versuche, auf den Wahnsinn noch etwas draufzusetzen.

S: Ihr Werk ist aber deutlich umfänglicher, auch wenn die meisten Sie aus der ZZ kennen. Sie arbeiten für mehrere Medien, geben die „Thüringer Seniorenzeitung“ heraus, haben eine große Zahl an Büchern veröffentlicht – einige sind auf ZZ herunterzuladen –, Sie zeichnen und malen, sogar einen täglichen Vlog haben Sie. Wo kommt die Energie her? Was treibt Sie an? Auf SiN schrieb einer: „Ein möglicher Weg durch den Wahnsinn zu schwimmen. Der Kern: Es ist Selbstschutz.“ Ist es das? Oder etwas anderes?

Z: Ja, es sieht so aus, als ob ich viel mache. Ich gebe mir alle Mühe, diesen Eindruck zu erwecken.

Ich komme auf eine 35-Stunden-Woche, die Arbeitszeit ist gleichmäßig über die Woche verteilt, Urlaub und Feiertage sind anteilig drin. Ich bin tatsächlich sehr froh, dass ich das so machen kann. Das bedeutet aber auch, dass ich nicht viel anderes mache. Was man normalerweise so macht, tue ich nur, soweit es nicht das Schaffen behindert. Ich nutze die Zeit, gerade im Wissen um die Begrenztheit.

Das mit dem Selbstschutz funktioniert so, dass ich nicht zum Kampfsport muss. Heute hörte ich in den Radionachrichten, der Thüringer Innenminister sagt, die Montagsdemonstranten hätten gar kein Interesse daran, sich an Gesetze zu halten. Nachdem ich eine Frage an seine Pressesprecherei geschickt habe, auf welche Erkenntnisse der Herr Minister seinen Befund stütze und ob er das Interesse der Gegendemonstranten, sich an Gesetze zu halten, höher oder niedriger schätzt, ließ meine Wut etwas nach. Zwei Cartoons hat er damit auch noch verursacht. Ich stabilisiere das System, das muss ich mir vorwerfen lassen.

Ich wollte nie in die Humorverwaltung, die meistens angestrebten Karrieren sind so was wie Chefautor oder Formatentwickler oder irgendein Chefredakteur, gar Dozent, das hat für mich alles wenig Reiz, ich wollte immer der Macher sein und kann das dank Internet so ausüben, ohne Redakteure und Gremien. Auch das ist zeitlich befristet, das geht nur, solange das Internet noch nicht durchreguliert ist. Und weil ich das seit über dreißig Jahren praktiziere, habe ich den nötigen Vorlauf, aus dem ich schöpfe. Wie es in meinem Arbeitszimmer-Lied heißt: „I practiced every night.“

S: Sie sind ganz offenbar auch ein Verehrer wohlgestalteter weiblicher Formen. Immer wieder erschrecken Sie die anti-bodyshaming-Fraktion mit weiblichen Akten – mitunter sehr explizit – für die keine Frau der Welt sich zu schämen hätte. Welche Rolle spielt die Erotik in Ihrem Schaffen? Ist Nacktheit dieser Tage auch widerständig oder Hort der Ironie?

Z: Ach, mein Verhältnis zu Erotik und weiblichen Körpern ist ein ganz natürliches. Ich möchte aus Quotengründen nicht, dass Frauen in der Satire zu wenig abgebildet werden. Man muss ja den Tatsachen nicht ausschließlich ins Auge sehen. Wie ich mal gemeldet habe: 0,1 Prozent aller Frauen sind nackt.

S: Sie haben für ganz unterschiedliche Medien gearbeitet, auch wenn Sie heute vornehmlich im konservativen Milieu wahrgenommen werden. Ihre Fähigkeit, das Absurde zu sehen und in seiner Verdrehtheit sichtbar zu machen, ist vermutlich parteiübergreifend. Zuletzt hat es zwei Mal das „Grüne Reich“ getroffen. Aber auch in der Opposition gibt es zuhauf parodiewürdige Paradoxe. Zudem ist Lachen über sich selbst noch immer eine potente Medizin. Darf man hoffen? Und wie könnte z.B. ein Büchlein über die AfD oder die Querdenker aussehen?

Z: Wie Bücher über die aussehen werden, kann ich abschätzen, sobald sie die Macht an sich gerissen haben. Wenn wir alle querdenken müssen, werden wir aus der Presse erfahren, dass das in einer pluralistischen Demokratie dazugehört und nicht geleugnet werden darf.

Das mit dem „konservativen Milieu“ halte ich für ein Gerücht, ich kenne kein solches Milieu. Für Satire über die Opposition ist die heute-Show zuständig.

S: Vielen Dank! Vielleicht eine letzte Bitte, diesmal nicht um ein Wort: Sie haben zusammen mit Christiane Pfohlmann unter dem Titel „Der Riß durch Deutschland“ ein Heilbuch, einen „Dialog in Cartoon und Text“ verfaßt. Wir würde – wenn Sie dieses Gespräch Revue passieren lassen – dazu die passende Karikatur aussehen?

Z: Hier bitte.

cartoonistischer Realismus

Cartoonistischer Realismus © Bernd Zeller

zuerst erschienen in leicht gekürzter Form auf: „Sezession im Netz“

Ein Gedanke zu “Bernd Zeller – das Interview

  1. Vielen Dank, sehr interessant. Ein echter Könner; es schaudert einen, wenn man sieht, was hierzulande sonst so als „satirisch“ durchgeht und beklatscht wird (Böhmermann, heuteshow, Kebekus, Sonneborn etc.) und was doch eigentlich nichts anderes ist als das Gegenteil von Satire, nämlich Affirmation.

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