Die Trägheit, Gutes zu tun

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XV

Die wirkliche Ursache für das meiste menschliche Unglück und Elend, die hoffnungslosen, beschämenden und ominösen menschlichen Lagen, ist allermeistens nicht die Bosheit der Menschen, sondern ganz profan die Trägheit. Das ist diese gewisse “Faulheit, Gutes zu tun” von der die Bibel spricht. Ein Mörder ist eine ziemlich seltene menschliche Erscheinung. Ein Mord erfordert bereits Kraft, Persönlichkeit, Vorstellungskraft, große Erregung. Gegen Mörder kann man sich auch verteidigen.

Wer hingegen viel häufiger ist und gegen wen man sich nicht verteidigen kann, und der millionenfach menschliches Leid und Tragödie hervorruft, ist jener fromme und träge Mensch, der seinen Kopf abwendet, wenn er irgendeine Niederträchtigkeit oder Unrechtmäßigkeit sieht, den Telefonhörer nicht abnimmt, auch wenn er mit seiner Warnung helfen könnte, stattdessen weicht er vorsichtig dem menschlichen Elend aus und entfernt sich stillschweigend von ihm, obwohl er ohne besonderes Opfer und ohne größere Anstrengung einem anderen Menschen die Lebensfreude hätte wiedergeben oder einem Beladenen hätte helfen können.

Der Mensch, der für seine eigenen tyrannischen Interessen mit der Welt im Kampf liegt, ist nicht so gefährlich wie die höfliche, duckmäuserische und bewußte Mittelmäßigkeit, die vor sich hin summende Durchschnittlichkeit, die feige und faule Selbstsucht. Das ist die Hauptsünde. Dieser Schlag Mensch ist es, der die Welt so macht, wie sie ist, und ihm haben wir es zu verdanken, wenn wir im Besitz dieser Erfahrungen, in der Stunde unseres Todes ohne besonderes Bedauern von der Welt der Menschen Abschied nehmen.

Übersetzung: Seidwalk

3 Gedanken zu “Die Trägheit, Gutes zu tun

  1. Ein Literaturklassiker aus dem ehemaligen Jugoslawien trägt den Titel „Der Derwisch und der Tod“. Es ist das berühmteste Werk des Philosophieprofessors Mehmed Meša Selimović (gest. 1982), der in Bosnien-Herzegowina, wo er geboren wurde, nach der Unabhängigkeit zu einer Art Ikone geworden ist und man dort Plätze, Gymnasien und öffentliche Bibliotheken nach ihm benannt hat.

    Weder war Selimović ein glücklicher Mensch noch schrieb er fröhliche Bücher. „Der Derwisch und der Tod“ ist ein düsterer Roman, in dem sich die ganze Handlung nachts abzuspielen scheint. Die Story handelt von einem Scheich eines im 17. Jahrhundert stadtbekannten Derwischklosters. Er ist ein angesehener und gebildeter Prediger, der souverän über die friedlichen und komplexen Sufi-Zeremonien seines Ordens wacht. Jedoch wird er aus seiner Wohlfühlzone gerissen, als er erfährt, dass sein Bruder verhaftet und ins Gefängnis geworfen wurde aufgrund einer schweren Anklage, die jedoch nebulös und vage bleibt: die Staatsmacht fühlt sich imstande, keine klaren Angaben darüber zu machen, was die Straftat gewesen sein könnte. In dieser kafkaesken Finsternis zögert der Scheich zu handeln oder sich für seinen Bruder einzusetzen; Es ist aus seiner Sicht, d.h. aus der Ich-Perspektive geschrieben und da er das Ganze als eine Art schonungslose Abrechnung mit sich selbst schreibt, ist er – um Robert Koch zu zitieren, „brutalstmöglich“ ehrlich: Sein seltsames Zögern, so schreibt er rückblickend, habe er sich selbst gegenüber als Abwägen gerechtfertigt: Was wenn sein Bruder schuldig sei, das Recht macht schließlich nicht vor der Familienbande halt. Was, wenn er sich beim Kadi für seinen Bruder einsetzt? Wird ihn das nicht ebenfalls auf die Anklagebank als Mitverschwörer (für was auch immer) bringen? Gibt es vielleidht einen anderen Weg (z.b. über die Frau des Kadis)? Und und und. Aber all diese Gründe beiseitegenommen spricht er rückblickend von einer seltsamen Trägheit, die ihn befiel –
    bis ihn einige Tage später die Nachricht von dessen Hinrichtung erreicht.

    Seine darauffolgende Qual und sein Schmerz werden im Titel des achten Kapitels beschrieben, dem – wie auch in den anderen Abschnitten – ein koranisches Zitat voransteht: „Mein Gott, ich habe niemanden außer Dir und meinem Bruder.“ Der Satz stammt aus der Geschichte von Kain und Abel; und der Derwisch fühlt diese Parallele, die sich wie ein Fleck dunkler Tinte über seine Seele ausbreitet. In gewisser Weise ist er wie Hamlet, dessen friedfertige und gut gemeinte Unentschlossenheit es zulässt, dass in seiner Familie moralische Finsternis herrscht, die zu einer schrecklichen Schuld und schließlich seinem eigenen Untergang führt. Erschüttert von dieser Nachricht steht Selimovićs Derwisch im Kerzenschein vor seiner Moscheegemeinde. Alle Anwesenden wissen bereits, was geschehen ist. Und er spricht folgende Worte:

    „Ihr Söhne Adams! Ich will keine Predigt sprechen, ich könnte es nicht, auch wenn ich es wollte. Doch ich glaube, ihr würdet es mir verübeln, wenn ich jetzt, in dieser Stunde, der schwersten, die ich in meinem Leben kenne, nicht von mir selbst spräche. Niemals war mir das, was ich sagen würde, wichtiger als heute, obschon ich nichts erreichen will. Nichts, außer dass ich Teilnahme in euren Augen lesen möchte. Ich habe euch nicht Brüder genannt, obgleich ihr mir das mehr denn je seid, vielmehr nenne ich euch Söhne Adams, mich auf das berufend, was in uns allen gemeinsam ist. Menschen sind wir, und wir denken dasselbe, besonders, wenn uns schwer ums Herz ist … Auch euch geht diese Missetat an, denn ihr wisst: Wer einen unschuldigen Menschen tötet, der schlägt alle Menschen. Uns alle hat man unzählige Male ermordet, meine ermordeten Brüder, doch Entsetzen überfällt uns, wenn es einen trifft, der uns am teuersten ist. Vielleicht sollte ich sie hassen, aber das kann ich nicht. Ich habe nicht zwei Herzen, eines für den Hass, eines für die Liebe. Das Herz, das ich habe, weiß jetzt nur von Trauer.
    […]
    Ich bin wie Kain, dem Gott einen Raben zusandte, dass er auf den Boden scharrte, um ihn zu lehren, wie er den Körper des toten Bruders begraben solle. Ich, unglücklicher Kain, unglücklicher als der schwarze Rabe. Nicht als Lebenden habe ich ihn gerettet, nicht als Toten gesehen. Jetzt habe ich niemanden außer mir und dir, mein Gott, und meinem Kummer. Leih mir Kraft, dass ich nicht ermatte im Leid des Bruders, im Leid des Menschen, und dass mich der Hass nicht vergifte. Ich wiederhole die Worte Noahs: Entscheide zwischen mir und ihnen, und richte über uns…

    Dies ist, man kann es erraten, der Beginn und nicht das Ende des Buches, das anschließend seinen qualvollen Abstieg in Zweifel und Amoral beschreibt. Doch in diesem tragischen Monolog, in dem er über die klaustrophobische Schwärze nachdenkt, die ihn nun umgibt, versucht der Derwisch, mehrere schmerzhafte Erkenntnisse über unseren menschlichen Zustand zu gewinnen. Alles dreht sich um das, was seine (und meine) Sprache „malodušnos“t nennt: eine Mischung aus Kleinmut und Trägheit – genauer und wortwörtlich übersetzt heißt es: „eine verminderte Seele haben“. Wenn man die unbedingte Pflicht und Herausforderung der Brüderlichkeit nicht erfüllt, wird man kleiner und zerbrechlicher; und diese Erfahrung des „Schrumpfens der Seele“ kann äußerst schmerzhaft sein.
    Selimović sagt, dass in der Art und Weise, wie wir unsere Pflicht gegenüber unserem Bruder erfüllen, dies unseren Geist prägen oder brechen wird. Nichts bewegt und reibt das menschliche Bewusstsein so sehr wie die Erinnerung an Gewalt, Schwäche, Verletzlichkeit und unser eigenes Zögern, etwas gegen diese Leiden zu unternehmen. Mittäterschaft lässt uns verderben; für den Rest unseres Lebens durchleben wir den Moment, in dem wir das Wunder des freien Willens in unseren Händen zu halten schienen, einer wirklichen Weggabelung, die sich vor uns auftat. Doch nun, auch wenn wir zurückblicken können, vermögen wir doch nicht zurückzukehren. Auf dem Prüfstand gestellt, waren wir nicht die Hüter unseres Bruders.

    Hierin liegt eine tiefe Tragik, doch ist es nicht die Tragik von jemandem, der einfach nur eine friedliche Lösung empfehlen würde. Die Predigt des Derwischs bittet um Vergebung für den falschen Zeugen, der seinen Bruder das Leben kostete. Könnte ich das Gleiche an seiner Stelle tun? Vermutlich nicht. Doch damit ist es nicht getan. Vergebung und Passivität sind unnatürliche Bettgefährten. Vergebung ist vollständiger und heilsamer, wenn wir wissen, dass wir zu Werkzeugen einer gerechten Lösung werden könnten – zumindest wenn wir glauben, dass Trägheit eigentlich ein Fremdkörper unserer natürlichen Verfassung darstellt.

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      • Ich danke Ihnen; allerdings gebührt der Dank letztlich dem Blogbetreiber, aus zwei Gründen.

        Erstens: Hat er mich jüngst daran erinnert, dass „der Mensch nicht von Brot alleine lebt.“ Offenbar weiß seidwalk, wie man einen Theisten am Besten ködert: Mit Zitaten aus Offenbarungstexten.
        Zweitens: Ich schreibe dies aus der Sicht eines Lesers (nicht Mit-Kommentators): Die hohe Qualität des Kommentariats und dessen Verschiedenartigkeit, d.h. dass Menschen mit verschiedenen Expertisen, Hintergrundwissen und Blickwinkeln zusammenkommen – manchmal gelingt es sogar, dass ein Artikel als eine Art Plattform bzw. Aufhänger für eine Diskussion diehnt, und ich habe hier auch häufig was mitgenommen -, sprechen für diesen Blog. So wie die hier gebotene Plattform, so zieht es auch die entsprechenden Kommentatoren an (wie gesagt, ich schreibe dies ausdrücklich aus der Sicht eines Lesers). Das „bitte weitermachen“ reiche ich gerne an seidwalk weiter.

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